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Beschrieben von ihm selbst Eine VOLLKORREGGT Produktion Ich wurde geboren im Jahre 1632 in der Stadt York von guter, zwar nicht landeingesessener Familie; mein Vater nmlich war ein Auslnder, aus Bremen gebrtig, und hatte sich zuerst in Hull niedergelassen. Nachdem er sich dort als Kaufmann ein ansehnliches Vermgen erworben, gab er sein Geschft auf und bersiedelte nach York, von wo er meine Mutter gefreit hatte, deren Familie, mit Namen Robinson, dortzulande sehr wohlgeachtet war und nach der ich Robinson Kreutzner genannt wurde. Nach der blichen Art der Englnder, die Worte zu verunstalten, nennt man uns und nennen und schreiben wir selbst uns jetzt Crusoe, und so nannten mich auch immer meine Kameraden. Ich hatte zwei ltere Brder, deren einer Oberstleutnant in einem englischen Regiment zu Fu in Flandern war und in der Schlacht bei Dnkirchen gegen die Spanier fiel. Was aus meinem zweiten Bruder wurde, habe ich ebensowenig je erfahren, wie meine Eltern erfuhren, was aus mir wurde. Da man mich, als den dritten Sohn des Hauses, zu keinerlei Hantierung anhielt, begann sich mein Kopf schon sehr frh mit schweifenden Gedanken anzufllen: mein Vater, der schon hochbejahrt war, hatte mich alles lernen lassen, was man eben durch husliche Erziehung und in einer ffentlichen Schule lernen kann, und hatte im Sinn, einen Juristen aus mir zu machen; ich aber hatte nur den einzigen Wunsch, zur See zu gehen, und diese meine Begier trieb mich so hitzig gegen den Willen, ja gegen das Gebot meines Vaters und gegen alles Flehen und Zureden meiner Mutter und meiner Freunde an, da es schien, als habe mich ein Dmon beim Wickel meiner eigenen Wnsche gefat, um mich dem elendigen Leben zuzuschleppen, das mir bevorstand. Mein Vater, ein kluger und gesetzter Mann, gab mir manchen ernsten, vortrefflichen Rat gegen mein von ihm wohlbemerktes Vorhaben. Er rief mich eines Morgens in sein Zimmer, an das ihn die Gicht fesselte, und stellte mich sehr warm ber diesen Gegenstand zur Rede. Er fragte mich, was ich denn, auer bloer Wanderlust, fr Grnde htte, mein Vaterhaus und Vaterland zu verlassen, wo mir die Zukunft offenstehe und die Aussicht winke, durch Arbeit und Flei in aller Behaglichkeit und Annehmlichkeit mein Glck zu machen. Er sagte, auf Abenteuer in die Fremde zu gehen, um durch Unternehmungen hochzukommen und sich berhmt zu machen, die vom gemeinen Wege abwichen, das sei etwas entweder fr Stiefkinder oder fr ungewhnliche Gnstlinge des Schicksals, fr mich aber sei all das zu hoch oder zu gering; ich gehre zum Mittelstande des Lebens, der seiner langen Erfahrung nach der beste Stand in der Welt sei, am zutrglichsten fr das Glck eines Menschen, gesichert vor dem Elend, den Entbehrungen, Mhen und Leiden des handwerkenden Teiles der Menschheit und frei von dem Hochmut, der ppigkeit, dem Ehrgeiz und Neid ihrer Hhen. Wie gro dieses Glck sei, knne ich, sagte er, daran erkennen, da alle anderen Menschen diese Lebensart mit Neid betrachteten. Selbst Knige htten schon oft darber geklagt, wieviel Leiden es mit sich bringe, fr groe Dinge geboren zu sein, und htten gewnscht, sie wren in der Mitte zwischen den beiden Extremen, zwischen hoch und niedrig, gestanden. Da dies das wahre Glck sei, bezeuge auch der weise Salomon, wenn er zu Gott bete, ihm weder Armut noch Reichtum zu geben. Wenn ich recht zushe, wrde ich immer finden, da die Unglcksflle des Lebens an den oberen und unteren Teil der Menschheit verteilt sind, da aber der mittlere Stand am wenigsten zu leiden hat und nicht so vielen beln ausgesetzt ist wie der hhere oder niedere Teil der Menschheit; nein, nicht so Vielen Unbehagen und Gebrechen des Leibes und der Seele unterworfen wie diejenigen, welche durch lasterhaftes Leben, ppigkeit und Ausschweifungen auf der einen Seite oder durch harte Arbeit, Mangel am Notwendigen und schlechte oder ungengende Ernhrung auf der anderen Seite Krankheit und Ungemach ber sich bringen, als natrliche Folge ihrer Lebensweise; ich wrde finden, da der Mittelstand des Lebens fr Tugenden und Freuden aller Art geschaffen ist, da Frieden und Gengen die Begleiter mittlerer Verhltnisse sind; da Migkeit, Ruhe, Gesundheit, Geselligkeit, alle angenehmen Zerstreuungen und alle wnschenswerten Vergngungen die Segnungen sind, die der mittlere Lebensstand im Gefolge hat; da auf diese Art die Menschen still und gemchlich durch die Welt und in Seelenruhe wieder aus ihr hinausgehen, nicht bermig geplagt von Hand- oder Kopfarbeit, nicht versklavt an die Fron ums tgliche Brot oder gehetzt von schwierigen Verhltnissen, die der Seele den Frieden und dem Krper die Ruhe rauben, noch besessen von der Leidenschaft des Neides oder heimlich brennendem Ehrgeiz nach groen Dingen; nein, in angenehmen Verhltnissen gleiten sie sowohl durch die Welt, genieen mit Verstand das Se des Lebens ohne das Bittere, fhlen, da sie glcklich sind, und lernen durch die Erfahrung jeden Tages immer besser, es zu sein. Danach drang er ernstlich und aufs liebevollste in mich, doch nicht den Naseweis zu spielen und mich nicht selber in Nte zu strzen, gegen die von Natur und durch die Lebensverhltnisse, in die ich geboren, vorgesorgt sei. Ich habe es nicht ntig, mir mein Brot zu suchen; er wolle fr mich sorgen und mir zu der Lebensweise behilflich sein, die er mir soeben anempfohlen; und wenn ich nicht hchst glcklich und zufrieden wrde in der Welt, so knne es nur mein Verhngnis oder meine eigene Schuld sein, die es verhindere; er habe seine Pflicht erfllt und mich vor Schritten gewarnt, von denen er wisse, da sie nur zum Unheil wren, und wasche seine Hnde in Unschuld; kurz, er wolle mir alles Liebe antun, wenn ich seinem Rat folgte und daheim bliebe, hingegen keine Hand rhren, um mir im Unglck zu helfen, wenn ich in die Fremde zge. Zum Schlu stellte er mir meinen lteren Bruder zum Exempel vor, dem er ebenso ernstlich vom Kriegshandwerk in den Niederlanden abgeraten, den aber trotz allem Zureden seine jugendliche Begier ins Feld getrieben habe, wo er gettet worden; und obwohl er nicht aufhren wrde, fr mich zu beten, so frchte er doch, Gott werde mir keinen Segen geben, wenn ich diesen tollen Schritt tte, und ich wrde dereinst Mue genug haben, ber meinen Eigensinn nachzudenken, wenn niemand mehr da sein werde, mich zu retten. Ich sah bei diesem Beschlu seiner Rede, die wahrhaft prophetisch war, obschon ich annehme, da mein Vater selbst sich dessen nicht bewut war, ich sah, sage ich, wie ihm die Trnen reichlich bers Gesicht liefen, zumal als er von meinem gefallenen Bruder sprach. Und als er darauf kam, da ich Mue genug zur Reue, aber keinen Beistand haben wrde, war er so bewegt, da er seine Rede abbrach und zu mir sagte, sein Herz sei so voll, da er nicht weiter zu mir sprechen knne. Diese Rede ging mir aufrichtig ans Herz - wie hatte es auch anders sein knnen ? -, und ich nahm mir vor, gar nicht mehr ans Reisen zu denken, sondern nach meines Vaters Wunsch im Nest zu bleiben. Aber, o weh, in ein paar Tagen war alles wieder verschwitzt, und ein paar Wochen spter beschlo ich, um ferneren Ermahnungen meines Vaters aus dem Wege zu gehen, kurzerhand ihm davonzulaufen. Gleichwohl trieb ich's hiermit nicht so hastig, wie mir's die erste Hitze eingab, sondern nahm meine Mutter zu einer Stunde, wo sie mir milder schien als gewhnlich, beiseite und sagte ihr, wie meine Gedanken so ganz und gar danach stnden, die Welt zu sehen, da ich keine Ausdauer fr irgend etwas anderes htte und da mein Vater daher besser tte, mir seine Einwilligung zu geben, als mich zu zwingen, ohne sie davonzugehen; da ich jetzt achtzehn Jahre und somit zu alt sei fr einen Handlungslehrling oder Advokatengehilfen, da ich gewi sei, meine Lehrzeit nicht auszuhalten, sondern meinem Meister noch vorher davonzulaufen und zur See zu gehen, und da ich, wenn sie meinen Vater bestimmen wolle, mir nur eine einzige Reise in die Fremde zu vergnnen, nie wieder weggehen wolle und versprche, durch verdoppelten Flei die vertane Zeit wieder einzuholen, falls mir dann die Reiselust vergangen sei. Dies brachte meine Mutter in Aufregung; sie sagte, sie wte, da es ganz nutzlos sei, mit meinem Vater ber derlei zu reden; er wisse viel zu gut, was zu meinem Besten sei, als da er zu etwas fr mich so Unheilvollem seine Zustimmung geben wrde, und sie verstehe gar nicht, wie ich an so etwas denken knne nach einer solchen Unterredung, wie ich sie mit ihm gehabt habe, und nach all dem Liebevollen und Zrtlichen, was er zu mir gesagt habe. Kurzum, wenn ich mich selber verderben wolle, so sei mir nicht zu helfen; aber ihre Einwilligung werde ich niemals haben, darauf knne ich mich verlassen; sie werde keinen Finger dazu rhren, und ich wrde niemals sagen knnen, da meine Mutter zu etwas ja gesagt habe, was mein Vater nicht gewollt. Trotz der Weigerung meiner Mutter, die Sache vor meinen Vater zu bringen, berichtete sie ihm dennoch, wie ich hernach erfuhr, meine ganze Unterredung mit ihr, und mein Vater sagte nach groer Erschtterung seufzend zu ihr: Der Junge knnte glcklich werden, wenn er zu Hause bliebe; wenn er aber wegluft, wird er das unglckseligste Menschenkind werden, das je geboren wurde. Ich kann dazu nicht ja sagen. Es dauerte dennoch fast ein Jahr, ehe ich ausbrach, obwohl ich unterdessen fr alles Zureden, ins Geschft einzutreten, hartnckig taub blieb und hufig mit meinem Vater und meiner Mutter darber stritt, da sie so ganz und gar gegen etwas waren, wozu es mich doch so hinzog. Als ich aber eines Tages in Hull war, brigens derzeit ohne einen Gedanken ans Weglaufen, und einer meiner Kameraden, der mit seines Vaters Schiff nach London wollte, mir zuredete, mit ihnen zu fahren, indem er mir den blichen Seemannskder vorhielt, die Reise solle mich nicht einen Heller kosten - da fragte ich weder Vater noch Mutter mehr, schickte auch kein Wort einer Nachricht an sie, sondern berlie es dem Zufall, ob sie etwas davon erfhren oder nicht, und ging, ohne um Gottes oder meines Vaters Segen zu bitten, blind gegen alle Umstnde und Folgen, in einer Unglcksstunde, am 1. September 1651, an Bord eines nach London bestimmten Schiffes. Niemals, glaube ich, hat eines jungen Wagehalses Unglck frher begonnen oder lnger gewhrt als das meine. Das Schiff war kaum aus dem Humber hinaus, als der Sturm zu blasen und die Wellen frchterlich zu steigen begannen, und, da ich nie zuvor auf See gewesen, so war ich unsglich krank am Leibe und gengstigt im Herzen: ich fing nun an, ernstlich zu bedenken, was ich getan und wie gerecht mich nun die Strafe des Himmels treffe, weil ich so schndlich mein Vaterhaus verlassen und meine Pflicht aus den Augen gesetzt. Aller gute Rat meiner Eltern, meines Vaters Trnen und meiner Mutter Flehen kamen mir lebendig in den Sinn, und mein Gewissen, das damals noch nicht so verhrtet war wie spter, warf mir die Verachtung guten Rates und die Verletzung meiner Pflicht gegen Gott und meinen Vater vor. Mittlerweile wuchs der Sturm, und die See schwoll gewaltig an, obwohl nicht so, wie ich es hernach oft, ja sogar nur wenige Tage spter, erlebte. Aber es war genug, um mich zu erschttern, da ich ein Neuling war und nie dergleichen gesehen hatte. Bei jeder Welle dachte ich, sie wrde uns verschlingen und das Schiff wrde, jedesmal wenn es in den Abgrund sank, nicht wieder emportauchen. Und in dieser Todesangst tat ich viele Gelbde, ich wolle, wenn es nur Gott gefiele, mein Leben aus dieser einen Fahrt zu erretten, und ich nur einmal wieder meinen Fu aufs trockne Land setzen drfe, unverweilt nach Hause zu meinem Vater eilen und nie wieder, solange ich lebte, ein Schiff betreten; ich wollte seinem Rate folgen und nie wieder so ins Unglck rennen. Jetzt sah ich ein, wie richtig alles war, was er ber den Mittelstand des Lebens gesagt hatte; wie behaglich er all seiner Tage gelebt hatte und niemals Strmen auf See oder Gefahren an der Kste ausgesetzt gewesen war, und ich beschlo, recht als ein reuiger verlorener Sohn, zu meinem Vater heimzukehren. Diese weisen und vernnftigen Gedanken whrten, solange der Sturm whrte, und sogar noch etwas lnger. Aber am nchsten Tage hatte sich der Wind gelegt, und die See war ruhiger, und ich begann mich ein wenig an sie zu gewhnen. Dessenungeachtet war ich den ganzen Tag ber sehr ernst, zumal ich immer noch ein wenig seekrank war. Aber gegen Nacht klarte das Wetter auf, der Wind war vorbei, und ein wunderbar schner Abend kam; die Sonne ging ganz klar unter und ging am nchsten Morgen ebenso auf; und da wir nur schwachen Wind hatten und glatte See, so dnkte mir das alles so lieblich, wie ich nichts zuvor geschaut. Ich hatte in der Nacht gut geschlafen und war nun nicht mehr seekrank, sondern sehr vergngt und besah mir verwundert das Meer, das tags zuvor so wild und schrecklich gewesen war und nun so kurze Zeit danach so still und heiter sich zeigte. Und damit mein guter Vorsatz ja nicht etwa von Dauer wre, kommt nun mein Kamerad, der mich auf die Fahrt gelockt hatte, zu mir, und: Nun, Bob, spricht er, mich auf die Schultern schlagend, wie geht dir's jetzt? Ich wette, du hattest das Herz in den Hosen gestern nacht wegen der Mtze voll Wind - Mtze voll Wind? sagte ich, es war ein schrecklicher Sturm. - Ein Sturm, du Tropf? erwiderte er. Nennst du das einen Sturm? Ein Quark war das! Gib uns blo ein gutes Schiff und rume See, und wir pfeifen auf so ein Lftchen. Du Landratte! Komm, wir machen uns eine Bowle Punsch und ersufen den Schreck. Siehst du, was fr prachtvolles Wetter jetzt ist? Um dieses trbe Stck meiner Geschichte kurz zu machen: Wir steuerten den alten Seemannskurs, der Punsch wurde gebraut und ich damit betrunken gemacht, und in dieser verruchten einzigen Nacht ersufte ich alle meine Reue, alle meine Gedanken ber mein voriges Betragen, alle meine Vorstze fr die Zukunft. Mit einem Wort: wie mit dem Nachlassen des Sturmes die See wieder glatt und still wurde, so verga ich, als die Aufregung vorbei und meine Angst, von der See verschlungen zu werden, verflogen war, alle die Versprechungen und Gelbde, die ich in meiner Not getan hatte, vllig und berlie mich wieder ganz meinen frheren Wnschen. Zwar kam mir hernach noch ab und zu die Besinnung, und die ernsthaften Gedanken meldeten sich wieder hie und da; aber ich schttelte sie ab und wehrte mich dagegen wie gegen die Pest, hielt mich ans Saufen und an lustige Kumpanei und meisterte so diese Rckflle (wie ich sie nannte) bald, so da ich in wenigen Tagen einen so vollkommenen Sieg ber mein Gewissen errungen hatte, wie nur irgendein junger Mensch, den es zwickt, sich wnschen mag. Aber es stand mir noch eine andere Prfung bevor, und die Vorsehung hatte, wie gewhnlich in solchen Fllen, beschlossen, mir gar keine Entschuldigung zu lassen. Denn da das eben Erlebte mich noch nicht zu wandeln vermocht hatte, sollte das mir Bevorstehende der Art sein, da auch der rgste und verhrtetste Bsewicht sowohl die Gre der Gefahr als auch der gttlichen Gnade an sich erkennen mute. Am sechsten Tage unserer Fahrt kamen wir auf der Reede vor Yarmouth an. Da wir Gegenwind und stilles Wetter hatten, waren wir seit dem Sturm nur wenig vorwrts gekommen. Hier muten wir vor Anker gehen, und hier lagen wir nun, weil der Wind immer noch uns entgegen, will sagen aus Sdwest, stand, sieben oder acht Tage lang. Mittlerweile kamen noch viele andere Schiffe von Newcastle her auf dieselbe Reede, in der die Schiffe gewhnlich auf guten Wind stromaufwrts warteten. Wir htten jedoch nicht so lange gelegen, sondern wren mit der Flut stromaufwrts gerckt, wenn nicht der Wind sehr stark und nach vier oder fnf Tagen noch viel strker geblasen htte. Da indessen diese Reede fr so gut gilt wie ein Hafen und der Ankergrund vortrefflich und unser Ankergeschirr sehr stark war, so versahen sich unsere Leute nicht der geringsten Gefahr, sondern verbrachten ihre Zeit nach Seemannsweise mit Schlafen und Lustbarkeit. Aber am achten Tage morgens wurde der Wind noch strker, und wir hatten alle Hnde voll zu tun, um unsere Marsstengen niederzuholen und alles dicht- und festzumachen, damit das Schiff so ruhig wie mglich vor Anker lge. Um Mittag stieg die See sehr hoch, unser Schiff tauchte vornber, etliche Seen schlugen ber das Deck, und wir dachten ein- oder zweimal, unser Anker sei losgerissen; worauf unser Kapitn den Notanker ausbringen lie, so da wir nun vor zwei Ankern voraus lagen. Auch wurden die Ankertaue lnger hinausgelassen. Der Sturm raste nunmehr in Wahrheit mit furchtbarer Gewalt, und ich begann Schrecken und Bestrzung in den Gesichtern unserer Leute selber zu gewahren. Den Kapitn, so wachsam er auch auf dem Posten war, das Schiff zu sichern, hrte ich doch, als er neben mir zu seiner Kabine aus- und einging, mehrere Male leise zu sich selber sagen: Herr, sei uns gndig, wir sind alle verloren, wir sind alle hin, und dergleichen. Whrend dieses ersten Tumults lag ich dumpf und stumpf in meiner Kabine im Zwischendeck und kann nicht beschreiben, wie mir war: ich konnte nicht wohl wieder, wie beim erstenmal, es mit der Reue halten, die ich so sichtlich mit Fen getreten und gegen die ich mich verhrtet hatte; ich meinte, die Bitternis des Todes sei vorber und es wrde dieses Mal nicht so schlimm werden. Als aber, wie eben beschrieben, der Kapitn selber an mir vorbeikam und sagte, wir seien alle verloren, erschrak ich entsetzlich: Ich sprang auf, aus meiner Kabine hinaus und schaute mich um; aber so etwas Schauerliches hatte ich nie gesehen! Die See ging haushoch und brach alle drei oder vier Minuten ber uns herab. Bekam ich den Blick frei, so konnte ich ringsumher nichts als Jammer und Not sehen: Zwei unweit von uns verankerte Schiffe hatten, weil sie zu schwer beladen waren, ihre Masten ber Bord gekappt, und unsere Leute schrien, ein Schiff, das etwa eine Meile uns voraus vor Anker gelegen, sei gesunken. Zwei andere Schiffe waren von den Ankern losgerissen worden und aus der Reede auf gut Glck in die offene See gejagt, und zwar ohne einen einzigen stehenden Mast. Die leichten Schiffe hatten es am besten, weil sie nicht so stark schlingerten; aber zwei oder drei von ihnen trieben doch los und jagten, dicht an uns vorbei, nur ihr Sprietsegel vor dem Wind, ins offne Meer hinaus. Gegen Abend baten der Steuermann und der Hochbootsmann unseren Kapitn, den Fockmast kappen zu lassen, was er gar nicht zugeben wollte. Als aber der Hochbootsmann schwur, wenn er es nicht tte, wrde das Schiff sinken, lie er's geschehen. Und als sie den Fockmast abgehauen, stand der Gromast so lose und erschtterte das Schiff so, da sie ihn auch abhauen und klar Deck machen muten. Jeder kann sich denken, in was fr einen Zustand ich bei alledem war, ich, der Neuling, der zuvor schon bei viel geringerem Anla solche Angst ausgestanden hatte. Doch wenn ich jetzt, nach so langer Zeit, meinen damaligen Gemtszustand noch wiederzugeben vermag, darf ich sagen, mein Entsetzen darber, da ich meinen guten Vorstzen untreu geworden und zu meinem gottlosen ersten Entschlu zurckgekehrt war, war zehnmal grer als meine Angst vor dem Tode selbst; und dies, zusammen mit dem grausigen Sturm, brachte mich in einen Zustand, den ich mit keinen Worten zu beschreiben vermag. Aber das Schlimmste war noch gar nicht da. Der Sturm hielt mit solcher Wut an, da die Seeleute selber gestanden, einen rgeren htten sie nie gesehen. Unser Schiff war gut, aber tief geladen und schlingerte dermaen, da die Leute etlichemal schrien, es wrde sich leck arbeiten. Es war gut, da ich nicht wute, was leck arbeiten bedeutete. Jedoch sah ich, indes der Sturm weiterraste, etwas, was man nicht oft zu sehen bekommt: nmlich den Kapitn, den Hochbootsmann und einige andere Verstndigere im Gebet knien, jeden Augenblick gewrtig, da das Schiff in die Tiefe snke. Mitten in der Nacht schrie zu all unserer anderen Not ein Mann, der hinuntergestiegen war, um nachzuschauen, da wir ein Leck htten; ein anderer schrie dazu, vier Fu Wasser stnden im Raum. Alle Mann wurden an die Pumpe gerufen. Bei diesem Wort erstarb mir das Herz im Leibe, und ich fiel rcklings von meinem Bett, worauf ich sa, in die Kabine hinein. Die Leute rttelten mich jedoch auf und riefen, ich htte vorher zu nichts getaugt und knne jetzt pumpen so gut wie die ndern; worauf ich mich aufraffte, zur Pumpe stolperte und aus Leibeskrften pumpte. Whrend dieser Arbeit sichtete der Kapitn ein paar leichte Kohlenschiffe, die losgetrieben waren und in See liefen und an uns vorbeikommen muten, und befahl, einen Schu als Notsignal zu feuern. Da ich nicht wute, was das bedeuten solle, war ich so bestrzt, da ich meinte, das Schiff sei geborsten oder sonst etwas Frchterliches geschehen. Mit einem Wort: ich fiel ohnmchtig nieder. Da in diesem Augenblick jeder nur an sein eigenes Leben dachte, so kmmerte sich niemand um mich und mein Geschick, sondern ein anderer trat an die Pumpe, stie mich mit dem Fu beiseite und lie mich fr tot liegen, und es dauerte geraume Zeit, bis ich wieder zu mir kam. Wir pumpten weiter, aber das Wasser stieg im Rume, und es war offenbar, da das Schiff sinken wrde. Der Kapitn fuhr daher fort, Notschsse zu feuern, und ein leichtes Schiff, das just vor uns den Sturm, der allmhlich abzuflauen begann, heil berstanden hatte, wagte es, uns ein Boot zu Hilfe zu schicken. Mit knapper Not kam das Boot an uns heran; aber es war uns nicht mglich, an Bord zu kommen, da das Boot nicht lngsseit zu gehen vermochte, bis endlich unsere Leute der Bootsbesatzung, die aus Leibeskrften und mit Lebensgefahr ruderte, ein Tau mit einer Boje zuwarfen, das sie so lang schieen lieen, bis jene es nach groer Arbeit und Gefahr endlich ergriffen. Wir holten sie bis dicht unter das Heck des Schiffes auf und stiegen alle in das Boot. Wir konnten nicht daran denken, ihr eigenes Schiff zu erreichen, so wurden wir alle einig, das Boot treiben zu lassen und nur soviel als mglich auf das Ufer hinzusteuern, und unser Kapitn versprach ihnen, wenn das Boot an dem Strand zerschellte, wolle er es ihnen bezahlen. So fuhren wir, teils rudernd, teils treibend, nordwrts der Kste zu, fast bis Winterton-Ness. Wir waren kaum eine Viertelstunde von unserem Schiff weg, so sahen wir es sinken. Ich gestehe, ich konnte kaum die Augen dahin wenden, als die Matrosen mir sagten, das Schiff gehe unter ; denn seit dem Augenblick, wo sie mich in das Boot geschleppt hatten, war mein Herz in mir wie tot, teils vor berstandenem Schreck, teils vor Entsetzen, was mir noch bevorstnde. Whrend so das Bootsvolk an den Rudern sich mhte, uns an die Kste zu bringen, konnten wir, wenn unser Boot oben auf den Wellen sa, eine groe Menge Volks an der Kste entlang laufen sehen, um uns beizustehen, wenn wir nher kmen. Aber das ging nur sehr langsam vonstatten ; wir konnten das Ufer erst erreichen, als wir an dem Leuchtturm von Winterton-Ness vorbei waren, wo die Kste westwrts gegen Cromer zurcktritt, so da das hohe Land die Heftigkeit des Windes etwas abschwchte. Hier ruderten wir hinein und gelangten alle, wenn auch nur unter groen Schwierigkeiten, heil an Land. Wir wanderten dann zu Fu nach Yarmouth, wo wir als Schiffbrchige mit groer Menschenfreundlichkeit aufgenommen wurden, sowohl von den Behrden der Stadt, die uns gute Quartiere zuwiesen, als auch von privaten Kaufleuten und Schiffseigentmern, und wo uns so viel Geld gegeben wurde, da wir nach Belieben entweder nach London oder zurck nach Hull gelangen konnten. Htte ich nun soviel Verstand gehabt, nach Hull zurck und von da nach Hause zu gehen, so war mir's zum Glck gewesen, und mein Vater htte, nach dem Gleichnis unseres Heilandes, wohl auch das gemstete Kalb fr mich geschlachtet; denn anfangs hatte sich das Gercht verbreitet, das Schiff, auf dem ich von Hull abgefahren, sei auf der Reede von Yarmouth gesunken, so da es lange Zeit dauerte, bis er die Gewiheit erhielt, da ich nicht ertrunken sei. Aber mein Unstern trieb mich jetzt mit unwiderstehlicher Hartnckigkeit weiter, und obwohl meine Vernunft und mein ruhigeres Urteil mir zu wiederholten Malen laut zuriefen, nach Hause zu gehen, hatte ich doch nicht die Kraft, es zu tun. Ich wei nicht, wie ich es nennen soll, und will auch nicht eben behaupten, ein geheimer, bermchtiger Ratschlu treibe uns an, Werkzeuge unseres eignen Verderbens zu werden und mit offnen Augen hineinzulaufen. Jedenfalls tat ich so gegen die ruhige berlegung meiner innersten Gedanken und den offensichtlichen beiden Lehren zum Trotz, die mir bei meinem ersten Versuch erteilt worden waren. Mein Kamerad, der zuvor zu meiner Verstockung mitgeholfen und der der Sohn meines Kapitns war, war jetzt noch weniger obenauf als ich. Als er mich in Yarmouth, wo wir in verschiedenen Quartieren lagen, zum erstenmal nach zwei oder drei Tagen traf, kam mir sein Ton verndert vor. Er sah recht niedergeschlagen aus und fragte mich kopfschttelnd, wie es mir ginge. Und sein Vater, dem er erzhlte, wer ich sei und da ich diese Fahrt nur zur Probe mitgemacht habe, wandte sich mit sehr ernstem und bekmmertem Ton zu mir und sagte: Junger Mann, Ihr solltet nie wieder zur See gehn, Ihr solltet das als ein deutliches und sichtbares Zeichen nehmen, da Ihr nicht zum Seefahrer bestimmt seid. - Warum, Herr? sagte ich. Wollt Ihr denn auch nicht mehr zur See gehen? - Das ist etwas anderes, sagte er, es ist mein Beruf und also meine Pflicht. Da Ihr aber diese Reise nur zur Probe gemacht habt, so seht Ihr, was fr einen Vorgeschmack der Himmel Euch gegeben hat von dem, was Ihr noch zu erwarten habt, wenn Ihr darauf besteht. Vielleicht seid Ihr die Ursache zu unserem ganzen Unglck wie Jona auf dem Schiff nach Tharsis. Sagt, fuhr er fort, wer seid Ihr, und weshalb seid Ihr zur See gegangen? Hierauf erzhlte ich ihm meine Geschichte. Als ich fertig war, brach er in wunderliche Verwnschungen aus. Was habe ich getan, schrie er, da ein so verfluchter Bsewicht auf mein Schiff gekommen ist? Nicht fr 1000 Pfund wrde ich meinen Fu wieder auf dasselbe Schiff mit Euch setzen. Dies war, wie gesagt, nur ein Ausbruch seines Gemtes, das noch durch den Kummer ber seinen Verlust bewegt war, und ging weit ber seine Befugnisse mir gegenber hinaus. Spterhin redete er jedoch wiederum sehr ernst mit mir, ermahnte mich, zu meinem Vater heimzukehren und die Vorsehung nicht zu meinem Unheil zu versuchen; ich mge die sichtbare Hand des Himmels gegen mich erkennen - und, junger Mann, sagte er, glaubt mir, wenn Ihr nicht heimkehrt, so wird Euch, wohin Ihr auch geht, nichts als Unheil und Enttuschung treffen, bis Eures Vaters Worte an Euch erfllt sind. Wir gingen bald darauf auseinander: denn ich gab ihm nur wenig zur Antwort und sah ihn nicht wieder; wohin er ging, wei ich nicht. Was mich angeht, so reiste ich, da ich etliches Geld im Sack hatte, ber Land nach London. Dort und unterwegs hatte ich noch manchen Kampf mit mir selber, welchen Lebensweg ich einschlagen solle, nach Hause oder auf die See. Gegen das Nachhausegehen sperrte sich die Scham, und es stand mir gleich vor Augen, wie die Nachbarn ber mich lachen wrden und wie demtigend es sein wrde, meinen Vater, meine Mutter, ja berhaupt irgend jemand wiederzusehen; wie ich denn seitdem oft beobachtet habe, wie ungereimt und unvernnftig die Menschen, besonders die jungen, sich in solchen Fllen verhalten, wo doch die Vernunft sie leiten sollte: nmlich da sie sich nicht schmen zu sndigen und dennoch sich schmen zu bereuen; da sie sich der Tat nicht schmen, um deretwillen sie mit Recht fr Toren gehalten werden, wohl aber der Umkehr, die ihnen doch allein dazu verhelfen knnte, wieder als verstndige Leute zu gelten. In diesem Zustand verharrte ich indessen einige Zeit und wute nicht recht, was ich anfangen und welchen Lebensweg ich einschlagen sollte. Ich hatte noch immer einen unberwindlichen Widerwillen dagegen, nach Hause zurckzukehren, und nachdem ich eine Weile in London gesessen hatte, verblate die Erinnerung an die ausgestandene Not, und die an sich schon geringe Lust zur Heimkehr verging mir immer mehr, bis ich schlielich jeden Gedanken daran zum Teufel jagte und mich nach einer Seereise umsah. Der bse Geist, der mich zuerst aus meinem Vaterhause wegtrieb, der mir den ungebrdigen und unreifen Gedanken eingab, in der weiten Welt mein Glck zu machen, und der mir diesen Wahn so aufdrngte, da er mich taub machte fr allen guten Rat und fr das Flehen und sogar fr den Befehl meines Vaters - dieser selbe bse Geist, sage ich, verlockte mich auch zu der unseligsten aller meiner Unternehmungen, und so ging ich an Bord eines nach der afrikanischen Kste bestimmten Schiffes oder, wie unsere Seeleute es gemeinhin nennen, eines Guineafahrers. Es war mein groes Migeschick bei all diesen Abenteuern, da ich mich nicht als Matrose anheuern lie; auf diese Art htte ich zwar etwas hrter als sonst arbeiten mssen, aber zugleich htte ich doch die Pflichten und den Dienst eines Seemanns erlernt und mich vielleicht mit der Zeit zum Maat oder Steuermann oder gar Schiffskapitn emporgearbeitet. Aber wie es allezeit mein Schicksal war, mich fr das Falsche zu entscheiden, so auch hier; denn da ich Geld im Sack und gute Kleider am Leibe hatte, ging ich immer nur als feiner Herr an Bord, so da ich nichts zu tun hatte und auch nichts lernte. Zu meinem Glck geriet ich in London in treffliche Gesellschaft, was bei so jungem Blut, das fhrerlos in der Welt umherschweift, nicht immer der Fall ist, da fr gewhnlich der Teufel hurtig ist, ihm seine Fuangeln zu stellen. Bei mir aber ging es anders; ich machte sogleich die Bekanntschaft eines Kapitns, der mit seinem Schiff von Guinea kam und nun, da es ihm dort wohl geglckt war, im Begriff stand, zum zweiten Male hinzufahren. Da er an meinem Umgang, der zu jener Zeit nicht unergtzlich war, Gefallen fand und hrte, der Sinn stnde mir in die weite Welt, so erffnete er mir, wenn ich mit ihm gehen wolle, so solle mich die Reise nichts kosten; ich solle sein Messegast und Begleiter sein, und wenn ich etwas an Waren mitnehmen wolle, so knnte ich fr meine eigene Tasche damit Handel treiben, und es wrde mir vielleicht glcken. Ich griff zu, schlo enge Freundschaft mit diesem Kapitn, der ein ehrlicher, aufrichtiger Mann war, und trat die Reise mit ihm an. Ich nahm ein kleines Kapitlchen in Waren mit, das ich durch die uneigenntzige Redlichkeit meines Freundes sehr betrchtlich vermehrte, nmlich etwa 40 Pfund Sterling in allerhand Tand und Kram nach seinem Gehei. Diese Summe hatte ich mit Hilfe einiger Verwandter zusammengebracht, denen ich schrieb und die, wie ich glaube, meinen Vater oder wenigstens meine Mutter beredeten, mir soviel zu meiner ersten Unternehmung zu bewilligen. Dies war von allen meinen Reisen die einzige, die ich glcklich nennen mag. Das habe ich der Treue und der Ehrlichkeit meines Freundes, des Kapitns, zu verdanken, unter dem ich mir auch eine ziemliche Kenntnis der Mathematik und der Schiffahrtskunde erwarb und lernte, wie man den Kurs des Schiffes bestimmt, wie man eine Observation macht, kurz, all das, was ein Seemann braucht; denn da es ihm Freude machte, zu lehren, so machte es mir auch Freude, zu lernen. Mit einem Wort: diese Reise machte mich zu einem Seemann und Kaufmann zugleich; denn ich brachte fnf Pfund und neun Unzen Gold fr mein Teil nach Hause, die mir in London fast 300 Pfund Sterling einbrachten. Aber ebendies fllte mir auch den Kopf mit den hochfliegenden Gedanken, die mich dann so tief ins Elend brachten. Doch auch auf dieser Reise hatte ich mein Teil Not auszustehen, besonders dadurch, da ich bestndig krank war, da mich die unmige Hitze des Klimas in ein heftiges Fieber warf; denn dieser Handel spielte sich vornehmlich an der Kste von 15 Grad nrdlicher Breite bis zur Linie ab. Ich war nun ein gemachter Guineafahrer, und da mein Freund zu meinem groen Unglck bald nach seiner Heimkehr starb, entschlo ich mich, dieselbe Reise noch einmal zu machen, und schiffte mich auf demselben Fahrzeug ein mit einem, der auf der vorigen Reise sein Maat gewesen war und nun den Befehl ber das Schiff hatte. Dies war die unseligste Reise, die je ein Mensch getan; denn obgleich ich von meinem neuerworbenen Reichtum nur etwa 100 Pfund Sterling mitnahm, 200 aber bei meines Freundes Witwe, die es ehrlich mit mir meinte, stehenlie, so geriet ich doch auf dieser Fahrt in das schrecklichste Unglck. Es fing so an: Whrend unser Schiff den Kurs auf die Kanarischen Inseln zu hielt oder vielmehr zwischen diese Inseln und die afrikanische Kste, wurde es im Morgengrauen von einem trkischen Piraten aus Salee berrascht, der mit vollen Segeln Jagd auf uns machte. Auch wir spannten jeden Fetzen Leinwand aus, soviel unsere Rahen und Masten nur tragen konnten, um klarzukommen; da wir aber erkannten, da der Pirat uns den Rang ablaufen und uns in wenigen Stunden einholen wrde, rsteten wir uns zum Kampfe. Unser Schiff fhrte zwlf, der trkische Hund jedoch achtzehn Stcke. Gegen drei Uhr nachmittags war er uns auf dem Halse, und da er aus Versehen, anstatt quer an unserm Heck, gerade an unserm Halbdeck vorbeilief, richteten wir acht unserer Geschtze dorthin und gaben ihm eine volle Breitseite, die ihn veranlate, beizudrehen, nachdem er unser Feuer erwidert und uns berdies mit einer Musketensalve aus 200 Rohren berschttet hatte. Dennoch wurde kein Mann von uns getroffen, da wir uns alle in Deckung hielten. Er schickte sich zu einem neuen Angriff an und wir uns zur Abwehr; diesmal aber legte er sich uns auf der anderen Seite an Bord, und 60 Mann enterten unsere Decks und begannen sogleich auf sie und das Tauwerk einzuhauen. Wir bewillkommneten sie zwar mit Musketen, Picken, Pulverkisten und dergleichen und jagten sie zweimal vom Deck hinunter. Allein, um dieses traurige Stck unserer Geschichte kurz zu machen, als unser Schiff verstmmelt und drei der Unsrigen gettet, acht verwundet waren, muten wir uns ergeben und wurden alle als Gefangene nach Salee, einem Hafen der Mauren, geschleppt. Die Behandlung, die ich dort erfuhr, war nicht so schlimm, wie ich anfangs befrchtet, auch wurde ich nicht ins Land hinein an des Kaisers Hof gebracht wie die ndern, sondern von dem Piratenkapitn als seine eigene Beute zurckbehalten und zu seinem Sklaven gemacht, weil ich jung und flink und fr seine Zwecke geschickt war. Ich war durch diese jhe Verwandlung von einem Kaufmann in einen elenden Sklaven ganz berwltigt und gedachte jetzt der prophetischen Rede meines Vaters, und da die Hand Gottes nun auf mir liege und es ohne Gnade um mich geschehen sei. Aber das alles sollte nur ein Vorgeschmack des Jammers sein, den ich noch zu erleiden hatte, wie aus meiner Geschichte erhellen wird. Da mich mein neuer Patron und Herr in sein Haus genommen hatte, hoffte ich, er wrde mich auch mitnehmen, wenn er wieder in See ginge, wo ihn ber kurz oder lang das Schicksal ereilen wrde, von einem Spanier oder Portugiesen aufgegriffen zu werden, wobei ich dann befreit werden wrde. Aber diese Hoffnung wurde bald zu Wasser; denn wenn er ausfuhr, lie er mich an Land zurck, um seinen kleinen Garten zu betreuen und die blichen Sklavendienste im Hause zu verrichten; und wenn er von seinem Kreuzer heimkam, mute ich in der Kajte schlafen, um das Schiff zu hten. Hier brtete ich unablssig ber meine Flucht und wie ich sie am besten bewerkstelligen knnte, fand aber nicht die geringste Mglichkeit dazu. Denn ich hatte keine lebendige Seele, der ich davon reden konnte und die mit mir sich aufs Meer hinaus gewagt htte; da war kein Mitsklave, kein Englnder, Irlnder noch Schotte, nur ich ganz allein, so da ich zwei Jahre lang mich zwar oft an der Einbildung ergtzte, aber nicht den geringsten Weg sah, um ihn zu verwirklichen. Nach zwei Jahren ereignete sich jedoch etwas Besonderes. Mein Patron lag schon seit lngerer Zeit als sonst zu Hause, ohne sein Schiff instand zu setzen, weil, wie ich hrte, sein Geldbeutel knapp war, und fuhr derweil regelmig ein-oder zweimal in der Woche, wenn schnes Wetter war, mit der Schiffspinasse auf den Fischfang. Dabei nahm er stets mich und einen Jungen, den sie den Mowesko nannten, mit zum Rudern. Wir brachten ihn dabei immer in sehr vergngte Laune, und ich zeigte mich sehr geschickt beim Fischen, so da er mich manchmal auch mit einem Mauren, einem Verwandten von ihm, und dem jungen Mowesko ausschickte, ihm ein Gericht Fische zu holen. Einmal geschah es, als wir an einem ganz stillen Morgen ausfhren, da wir in so dicken Nebel kamen, da wir die Kste aus den Augen verloren, obwohl wir nur eine halbe Stunde weit davon entfernt waren. Wir ruderten aufs Geratewohl den ganzen Tag und auch die Nacht und fanden am Morgen, da wir seewrts anstatt auf die Kste zu gefahren waren. Wir kamen jedoch wieder glcklich an Land, wenn auch mit groer Mhe und einiger Gefahr, da der Wind am Morgen recht krftig zu wehen begann; besonders knurrte uns allen der Magen gewaltig. Durch dieses Migeschick gewarnt, beschlo unser Patron, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Und da er noch das Langboot von unserm gekaperten Schiff liegen hatte, nahm er sich vor, nicht wieder ohne einen Kompa und einigen Mundvorrat zum Fischen zu fahren. Er befahl daher seinem Schiffszimmermann, der auch ein englischer Sklave war, einen kleinen Wohnraum oder Kajte mitten in das Langboot einzubauen, wie auf einer Barke, mit Raum dahinter, um zu steuern und die Groschote einzuholen, und Raum davor fr ein oder zwei Mann, um die Segel zu bedienen. Das Boot fhrte ein Gigsegel oder, wie wir es nennen, Hammelschultersegel, und der Klverbaum lief ber die Kajte hin. Diese war sehr klein und niedrig und bot nur Raum fr ihn und ein oder zwei Sklaven zum Schlafen und fr einen Tisch zum Essen sowie fr etliche kleine Schrnke, um ein paar Flaschen Branntwein sowie Brot, Reis und Kaffee zu verstauen. Mit diesem Boot fuhren wir hufig zum Fischen aus. Einmal hatte er sich vorgenommen, mit zwei oder drei vornehmen Mauren des Ortes zum Vergngen oder zum Fischfang auszufahren, und hatte auergewhnliche Anstalten dazu getroffen. Er hatte ber Nacht einen greren Vorrat an Lebensmitteln als sonst an Bord geschickt und mir befohlen, drei Flinten mit Pulver und Blei bereitzuhalten, um sich auch mit Vogelschieen zu ergtzen. Ich richtete alles her, so wie er es befohlen hatte, und wartete am nchsten Morgen mit dem sauber gewaschenen Boot, Flagge und Wimpel gehit. Nach einiger Zeit kam jedoch mein Patron allein an Bord, sagte mir, seine Gste htten Geschfte halber abgesagt, und befahl mir, mit dem maurischen Jungen und einem anderen Mauren allein auszufahren und ein paar Fische zu fangen, da seine Freunde bei ihm zu Hause zu Abend speisen wrden. In diesem Augenblick schssen mir meine alten Freiheitsgedanken wieder durch den Kopf; denn nun sah ich, da ich Aussicht htte, ein kleines Schiff in meine Gewalt zu bekommen, und als mein Herr fort war, begann ich mich nicht zum Fischen, sondern zu einer Seereise zu rsten, obwohl ich nicht wute und berhaupt nicht daran dachte, wohin ich steuern sollte. Nur weg von hier wollte ich, gleichviel wohin. Meine erste Sorge war, wie ich dem Mauren auf gute Art befehlen knnte, noch mehr Proviant an Bord zu schaffen. Ich sagte ihm also, es schicke sich nicht, da wir unserm Patron das Brot wegen; ja freilich, sagte er und holte einen groen Korb Zwieback und drei Krge Swasser. Ich wute, wo die Flaschenkiste meines Patrons stand, die unverkennbar auch von einer englischen Prise stammte, und brachte sie ins Boot, whrend der Maure an Land war. Ich verstaute auch einen groen Klumpen Bienenwachs, ber 50 Pfund schwer, nebst einem Knuel Bindfaden und Zwirn, einem Beil, Sge und Hammer, die mir hernach alle sehr ntzlich waren, zumal das Wachs fr Kerzen. Ich drehte ihm noch eine Nase, und er lie sich wiederum bertlpeln. Er hie Ismael, mit Rufnamen Muley oder Moly; so rief ich: Moly, wir haben die Flinten unseres Herrn im Boot, knntest du nicht etwas Pulver und Schrot holen? Vielleicht knnen wir auf eigene Faust ein paar Alken (eine Art groer Seevgel) schieen! - Ja, sagte er, ich will es holen. Und wirklich brachte er einen groen Lederbeutel, der etwa anderthalb Pfund Pulver oder mehr enthielt, sowie einen zweiten, fnf bis sechs Pfund schweren, mit Schrot und einigen Kugeln, und verstaute beide in das Boot. So segelten wir, mit allem Ntigen versehen, zum Fischen aus dem Hafen hinaus. Das Kastell am Hafeneingang kannte uns und kmmerte sich nicht um uns. Als wir eine knappe englische Meile von dem Hafen weg waren, holten wir die Segel ein und machten uns ans Fischen. Der Wind blies von Nordnordost, also meinem Wunsche entgegen: denn htte er von Sden gestanden, so htte ich mir zugetraut, die spanische Kste oder zum wenigsten die Bai von Cadiz zu erreichen; mein Entschlu aber stand fest, von diesem grlichen Ort, wehe der Wind aus welchem Loch er wolle, zu fliehen und alles andere dem Schicksal zu berlassen. Als wir eine Weile gefischt und nichts gefangen hatten - denn wenn ich etwas an der Angel hatte, zog ich nicht hoch, damit er's nicht she -, sagte ich zu dem Mauren: So geht es nicht, hier bringen wir nichts nach Hause, wir mssen uns weiter hinaus legen. Er ahnte nichts Bses, nickte und setzte, da er vorn im Boot war, die Segel. Ich, der das Ruder hielt, steuerte das Boot fast eine deutsche Meile weiter in See, drehte dann wie zum Fischen bei, gab dem Jungen das Ruder, ging nach vorn, wo der Maure stand, und indem ich so tat, als ob ich mich hinter ihm nach etwas bckte, fate ich ihn unversehens mit meinem Arm unter seinen Kniekehlen und schmi ihn glatt ber Bord ins Meer. Er kam gleich wieder hoch, denn er schwamm wie ein Kork, schrie zu mir und flehte, ich mchte ihn wieder einnehmen, er wolle mit mir bis in alle Welt gehen. Er schwamm so mchtig hinter dem Boot her, da er mich sehr bald wrde eingeholt haben, da wir nur wenig Wind hatten; ich ging also in die Kajte, holte eine der Vogelflinten, wies sie ihm und rief, ich htte ihm nichts zuleide getan und wrde es auch nicht tun, wenn er Ruhe gbe. Aber, sagte ich, du schwimmst gut genug, um an Land zu kommen, die See ist ruhig, und ich will dir nichts tun. Wenn du aber dem Boot nahe kommst, schie ich dich durch den Kopf; denn ich bin entschlossen, meine Freiheit zu haben. So machte er kehrt und schwamm der Kste zu, und ich zweifle nicht, da er sie erreicht hat, denn er war ein vortrefflicher Schwimmer. Ich htte ja auch den Jungen ber Bord werfen und den Mauren mit mir nehmen knnen; aber ich durfte ihm nicht trauen. Als er davon war, wandte ich mich zu dem Jungen, der Xury genannt wurde, und sagte zu ihm: Xury, willst du mir treu bleiben, so werde ich einen groen Mann aus dir machen; wenn du dir aber nicht bers Gesicht streichen und mir bei Mahomet und seines Vaters Bart Treue schwren willst, mu ich dich auch ins Meer werfen. Der Junge lchelte mich an und redete so unschuldig, da ich ihm nicht mitrauen konnte, und schwor mir treu zu sein und mit mir durch die ganze Welt zu gehen. Solange ich in Sicht des schwimmenden Mauren war, steuerte ich geradenwegs der hohen See zu, hart am Wind, damit sie denken sollten, ich sei auf die Meerenge zu gefahren, wie ohnedies jeder vernnftige Mensch annehmen mute; denn wer htte glauben knnen, wir seien nach Sden gesegelt zu der Barbarenkste, wo ganze Vlker von Schwarzen uns unfehlbar mit ihren Kanoes umzingeln und umbringen wrden und wo wir keinen Schritt an Land tun knnten, ohne von wilden Tieren oder noch wilderen Menschen ohne Erbarmen gefressen zu werden? Allein am Abend, sobald es dunkel wurde, vernderte ich meinen Kurs und steuerte geradenwegs nach Sd zu Ost, immer etwas mehr nach Ost haltend, um unter der Kste zu bleiben; und da ich einen hbschen steifen Wind hatte und glatte See, machte ich so gute Fahrt, da ich glaube, als ich am nchsten Tage um drei Uhr nachmittags Land sichtete, konnte ich nicht weniger als 150 Meilen sdlich von Salee sein, also weit ber des Kaisers von Marokko oder irgendeines ndern Knigs Gebiet hinaus; denn es war keine lebendige Seele zu erblicken. Aber der Schreck vor den Mauren und die Angst, ihnen wieder in die Hnde zu fallen, steckte mir noch so in den Knochen, da ich nicht an Land oder vor Anker ging, sondern, da der Wind anhielt, noch fnf Tage lang so weitersegelte. Als er aber dann nach Sden sprang, nahm ich an, da, wenn sie etwa auf mich Jagd machten, sie es nunmehr auch aufgeben wrden. Also wagte ich es, an Land zu gehen und in der Mndung eines kleinen Flusses, ich wute nicht wo oder was fr eines, noch unter welcher Breite und bei welchem Volk, zu ankern. Was ich vor allem brauchte, war Trinkwasser. Es war Abend, als wir in diese Bucht kamen, und wir beschlossen, sobald es dunkel wrde, ans Ufer zu schwimmen und die Gegend zu erkunden; aber kaum war es Nacht, so hrten wir ein so grliches Getse vom Bellen, Brllen und Heulen wilder Tiere uns unbekannter Art, da der arme Junge vor Angst beinahe starb und mich anflehte, nicht vor Tag ans Ufer zu gehen. Gut, Xury, sagte ich, dann will ich's nicht tun; aber vielleicht werden wir am Tage Menschen zu sehen bekommen, die noch schlimmer sein werden als diese Lwen! - Dann, sagte Xury lachend, wir geben sie Schu, machen sie laufen weg! - Ich war froh, den Jungen so lustig zu sehen, und ich gab ihm aus der Flaschenkiste unseres Patrons einen Schluck zur Strkung. Schlielich war Xurys Rat gut, ich nahm ihn an, wir warfen unsern kleinen Anker aus und lagen die ganze Nacht ber still; ich sage still, denn wir schliefen nicht, und nach zwei bis drei Stunden sahen wir gromchtige Bestien, deren Namen wir nicht nennen konnten, von allerhand Gattung zum Ufer herabkommen und ins Wasser springen, wo sie sich mit Behagen wlzten, um sich abzukhlen ; und sie vollfhrten ein so scheuliches Geheul, wie ich mein Lebtag nicht gehrt habe. Xury hatte schreckliche Angst und ich auch. Aber unser Entsetzen stieg noch, als wir eines dieser gewaltigen Geschpfe auf unser Boot zu schwimmen hrten. Sehen konnten wir es nicht; aber wir konnten an seinem Schnaufen erkennen, da es ein riesiges, wildes Ungeheuer war; Xury meinte, es sei ein Lwe, und es mag auch wirklich einer gewesen sein. Der arme Kerl schrie mir zu, wir sollten den Anker lichten und davon rudern. Nein, Xury, sagte ich, wir knnen unser Ankertau mit der Boje lnger auslassen und seewrts halten; weit knnen sie uns nicht folgen. Kaum hatte ich das gesagt, als ich die Bestie zwei Ruderlngen weit vor uns auftauchen sah, was mir etwas in die Glieder fuhr: doch lief ich eilends zur Kajte, nahm mein Gewehr und scho auf das Vieh, worauf es augenblicklich kehrtmachte und wieder ans Ufer schwamm. Unmglich aber vermag ich den frchterlichen Lrm, das grliche Schreien und Heulen zu beschreiben, das der Knall des Bchsenschusses sowohl am Ufer hin als hher landeinwrts aufstrte. Ich mchte wahrhaftig glauben, diese Geschpfe hatten nie so etwas gehrt. Das berzeugte mich vollends, da wir in der Nacht nicht an Land gehen drften und da es auch am Tage noch ein fragwrdiges Unternehmen sein wrde. Sei dem, wie ihm wolle, wir muten am Ende irgendwo nach Wasser ans Ufer gehen; denn wir hatten keinen Tropfen mehr an Bord. Wann und wo wir das bewerkstelligen sollten, war die Frage. Xury sagte, wenn ich ihn gehen lassen wolle, so wrde er versuchen, Wasser zu finden, und es mir bringen. Ich fragte ihn, warum er denn gehen wolle? Warum ich nicht gehen und er im Boot bleiben solle? Darauf antwortete er so treuherzig, da ich ihn fr immer liebgewann. Wenn wilde Mnner kommen, sagte er, essen mich, du weggehn. - Gut, Xury, sagte ich, wir wollen beide gehen, und wenn die Wilden kommen, werden wir sie totschieen, und sie sollen keinen von uns fressen. Somit gab ich Xury ein Stck Zwieback zu essen und einen Schluck aus einer der Flaschen des Patrons, und wir holten das Boot so nah, als uns gut schien, ans Ufer auf und wateten mit nichts als unseren Waffen und zwei Wasserkrgen an Land. Ich getraute mich nicht, das Boot aus den Augen zu lassen, aus Furcht, es knnten Wilde mit ihren Kanoes den Flu herab kommen; aber der Junge ersphte eine Senkung landeinwrts und pirschte sich dorthin, und nach einer Weile sah ich ihn wieder zu mir zurckgerannt kommen. Ich glaubte, er sei von einem Wilden verfolgt oder von einem wilden Tier erschreckt, und rannte ihm entgegen, um ihm beizustehen; aber als ich nher kam, sah ich etwas ber seiner Schulter hngen; das war ein Tier, das er geschossen, hnlich einem Hasen, nur von anderer Farbe und mit lngeren Lufen. Wir waren dessenungeachtet sehr froh darber, und es gab leckeres Fleisch. Die grte Freude aber, die Xury mitbrachte, war die Nachricht, da er gutes Wasser gefunden und keinen Wilden gesehen hatte. Spter fanden wir freilich, da wir uns im Wasser nicht htten zu sorgen brauchen; denn etwas hher aufwrts an dem Bach, wo wir waren, fanden wir das Wasser s, als die Flut, die nur eine kurze Strecke weit hereinstrmte, wieder abgelaufen war. So fllten wir unsere Krge und taten uns gtlich an dem erlegten Hasen und machten uns dann auf den Weg, da wir in dieser Gegend keinerlei Fustapfen menschlicher Wesen gesehen hatten. Da ich zuvor schon einmal an dieser Kste gewesen war, so wute ich wohl, da die Kanarischen und die Kapverdischen Inseln nicht weit davon ab lgen. Weil ich aber keine Instrumente hatte, um die Breite zu bestimmen, unter der wir waren, so konnte ich sie nicht ausfindig machen; sonst wre mir das gewi geglckt. So aber blieb mir nur die Hoffnung, wenn ich mich lngs der Kste hielt, bis wo die englischen Kauffahrer liefen, so wrde ich vielleicht eines ihrer Schiffe treffen, das uns aufnhme. Nach meiner Berechnung mute der Ort, wo ich jetzt war, das Land sein, das zwischen dem Reich des Kaisers von Marokko und der Heimat der Neger wst und nur von wilden Tieren bewohnt sich hinstreckt, da die Neger es aus Furcht vor den Mauren verlassen und sich mehr nach Sden gezogen haben, die Mauren aber es wegen seiner Unfruchtbarkeit nicht besiedeln mgen und weil berdies alle beide sich vor der ungeheuer groen Anzahl von Tigern, Lwen, Leoparden und anderen grimmigen Geschpfen frchten, die dort hausen, so da die Mauren es blo zur Jagd brauchen, auf die sie wie in einer Heerschar ziehen, zwei- oder dreitausend Mann auf einmal. Und wirklich sahen wir denn auf beinahe hundert englische Meilen hin nichts als ein wstes, unbewohntes Land bei Tag und hrten nichts als das Heulen und Brllen wilder Tiere bei Nacht. Ein- oder zweimal vermeinte ich unter Tags den Pik von Teneriffa zu sehen, der der hchste Gipfel des Gebirges Teneriffa auf den Kanarischen Inseln ist, und es lockte mich mchtig, darauf los zu fahren, um ihn vielleicht zu erreichen. Nachdem ich es aber zweimal versucht hatte und widrige Winde mich zurckwarfen, auch die See zu hoch ging fr meine Nuschale, blieb ich bei meinem ersten Beschlu, mich lngs der Kste zu halten. Ich mute, nachdem wir diese Gegend hinter uns hatten, mehrere Male wegen frischen Wassers landen. Und einmal besonders, an einem frhen Morgen, legten wir uns unter einer kleinen Landspitze, die ziemlich hoch war, vor Anker und blieben still liegen, um die Ebbe abzuwarten, die just begann, als pltzlich Xury, dessen Augen offenbar eifriger umherwanderten als die meinen, mich leise rief und mir sagte, es wre am besten, wenn wir weiter weg vom Ufer fhren; denn, sagte er, schau, dort drben liegt ein schreckliches Ungeheuer an dem Hgel und schlft fest! - Ich sah, wohin er zeigte, und erblickte in der Tat ein schreckliches Ungeheuer; denn es war ein furchtbarer, groer Lwe, der da am Ufer im Schatten eines Stckes von dem Hgel lag, das ber ihn hing. - Xury, sagte ich, geh du ans Ufer und tte ihn. - Xury machte ein entsetztes Gesicht und sagte: Ich tten! Er mich essen, ein Mundvoll! - So sagte ich nichts weiter, hie ihn nur still liegen und nahm unsere grte Flinte, die fast so gro wie eine Muskete war, und lud sie mit einem krftigen Schu Pulver und zwei Stck Eisen; dann lud ich ein zweites Gewehr mit zwei Kugeln und das dritte, denn wir hatten drei, mit fnf kleineren Kugeln. Ich zielte mit der ersten Flinte ihm scharf auf den Kopf; aber er lag so mit seinem Fu ber der Nase, da die Eisen sein Bein am Knie trafen und ihm den Knochen zerschlugen. Anfangs fuhr er knurrend auf; als er aber merkte, da sein Bein gebrochen sei, sank er wieder hin, erhob sich dann von neuem auf die Beine und stie das grlichste Gebrll aus, das ich je gehrt habe. Ich war ein wenig bestrzt, da ich ihn nicht in den Kopf getroffen hatte; ich griff jedoch augenblicklich zur zweiten Flinte und feuerte, obwohl er fortzuhinken begann, noch einmal und scho ihn in den Kopf, und das Herz lachte mir, als ich sah, wie er mit nur wenigem Schnaufen umsank und nach Leben schnappend dalag. Nun fate sich Xury ein Herz und wollte gern an Land. - Gut, sagte ich, geh! - Da sprang der Bursch ins Wasser und schwamm, eine kleine Flinte in einer Hand haltend, mit der anderen Hand ans Ufer, ging nahe an das Untier heran, setzte ihm das Mundloch der Flinte ans Ohr und scho es nochmals durch den Kopf, was ihm vollends den Rest gab. Da hatten wir nun zwar ein Wildbret, aber wir konnten's nicht essen, und es reute mich sehr, drei Schu Pulver an eine Kreatur vertan zu haben, die uns nichts ntze war. Doch Xury sagte, er wolle etwas von ihm haben, kam an Bord zurck und bat mich, ihm das Beil zu geben. Wozu, Xury? fragte ich. - Ich abschneiden sein Kopf, sagte er. Abschneiden sein Kopf gelang ihm nicht; aber er hieb ihm einen Fu ab und brachte ihn mit, und er war ungeheuer gro. Ich bedachte mich jedoch, da vielleicht sein Fell auf die eine oder andere Weise uns von Nutzen sein knnte, und beschlo, es ihm, wenn mglich, ber die Ohren zu ziehen. So machten Xury und ich uns daran, ihn zu bearbeiten; aber Xury verstand das Handwerk viel besser als ich; ich kam nur schwer damit zurecht. Wir hatten wirklich alle beide den ganzen Tag zu tun; aber endlich hatten wir ihn ausgepellt. Wir breiteten das Fell auf dem Dach unserer Kajte aus, die Sonne trocknete es in ein paar Tagen, und ich benutzte es nachher, um darauf zu liegen. Nach diesem Aufenthalt fuhren wir zehn bis zwlf Tage lang sdwrts weiter. Wir aen nur sehr sparsam von unserem Mundvorrat, der stark zusammenschmolz, und gingen nur an Land, wenn wir frisches Wasser brauchten. Mein Vorhaben dabei war, zu dem Flu Gambia oder Senegal zu gelangen, das heit also irgendwo in die Nhe des Kap Verde. Dort hoffte, ich, europischen Schiffen zu begegnen. Glckte mir das nicht, so blieb mir nichts anderes brig, als auf die Suche nach den Inseln hinauszufahren oder bei den Negern umzukommen. Ich wute, da alle Schiffe aus Europa, die nach der Kste von Guinea oder nach Brasilien oder Ostindien fuhren, dieses Kap oder diese Inseln umsegelten. Mit einem Wort: ich setzte mein ganzes Schicksal auf die Mglichkeit, entweder einem Schiff zu begegnen oder zugrunde zu gehen. Nachdem ich diesem Entschlu, wie gesagt, etwa zehn Tage lang gefolgt war, begann ich zu merken, da das Land bewohnt war. An zwei oder drei Stellen sahen wir im Vorbeisegeln Menschen am Ufer stehen und uns anschauen; wir konnten auch erkennen, da sie kohlschwarz und splitternackt waren. Einmal bekam ich Lust, zu ihnen an Land zu gehen; aber Xury beriet mich besser und sagte: Nicht geh, nicht geh! Dennoch hielt ich nher nach dem Ufer hin, damit ich mit ihnen reden knnte, und sah, da sie eine gute Strecke weit am Strande entlang neben mir herliefen. Ich erkannte, da sie keine Waffen in den Hnden hatten, auer einem, der einen langen, dnnen Stock trug, wie Xury sagte, eine Lanze, mit der sie auf eine ziemliche Weite sicher zu treffen wten. So hielt ich mich in einigem Abstand und redete mit ihnen, so gut ich konnte, durch Zeichen; ganz besonders machte ich Zeichen, da ich gerne etwas zu essen htte; sie winkten, ich solle mein Boot anhalten, so wollten sie mir Speise holen. Hierauf lie ich meine Segel etwas nieder und legte bei, und zwei von ihnen rannten ins Land hinauf und kamen in weniger als einer halben Stunde zurck und brachten zwei Stcke gedrrtes Fleisch und einiges Korn, wie sie es im Lande haben. Wir waren uns zwar ber die Natur dieser zwiefachen Mahlzeit nicht klar, wollten sie aber gerne annehmen. Wie sollten wir jedoch an sie herankommen? Denn ich getraute mich nicht zu ihnen ans Ufer, und sie waren ebenso bange vor uns; sie fanden jedoch einen fr beide Teile unbedenklichen Ausweg; denn sie brachten's herab an den Strand, legten's nieder, liefen wieder davon und blieben in gehriger Entfernung stehen, bis wir's an Bord geholt hatten. Dann kamen sie wieder nahe an uns heran. Wir machten ihnen Zeichen zum Dank, denn wir hatten nichts als Gegengabe; doch fand sich augenblicks eine prchtige Gelegenheit, ihnen einen Dienst zu erweisen. Whrend wir nmlich noch vor dem Ufer lagen, kamen zwei mchtige Raubtiere, deren eines das andere, wie uns schien, mit groer Wut verfolgte, von den Bergen herab zum Meere gelaufen; ob es ein Mnnchen war, das das Weibchen jagte, oder ob es im Spiel oder Zorn geschah, konnten wir nicht sagen, ebensowenig, ob das etwas Gewhnliches oder Auergewhnliches war, obwohl ich das letztere annehme. Denn erstlich lassen sich derlei Raubtiere auer der Nachtzeit nur selten blicken, und zum ndern sahen wir, da die Leute, besonders die Weiber, furchtbar erschraken. Sie nahmen alle Reiaus, nur der Mann mit der Lanze oder dem Wurfspie nicht. Gleichwohl schienen es die beiden Untiere nicht auf die Neger abgesehen zu haben; denn sie rannten geradenwegs in das Wasser, tauchten unter und schwammen umher, als ob sie zu ihrer Belustigung gekommen wren. Schlielich begann das eine nher, als ich zuerst erwartet hatte, an das Boot zu kommen. Ich lag aber auf der Lauer und hatte in aller Eile meine Flinte geladen und Xury geheien, mit den beiden ndern ebenso zu tun. Sobald es mir leidlich zum Schu kam, feuerte ich und scho es mitten durch den Kopf; augenblicklich versank es ins Wasser, kam aber gleich wieder hoch und tauchte auf und nieder wie im Todeskampf. Und so war es auch; es arbeitete sich auf das Ufer zu; aber die tdliche Wunde und das Wasser, das es schluckte, machten ihm, ehe es aufs Trockne kam, den Garaus. Die Bestrzung der armen Geschpfe ber den Knall und das Feuer aus meiner Bchse ist nicht zu beschreiben; einige waren vor Angst dem Sterben nahe und fielen wie tot vor Schreck hin. Aber als sie das Tier tot ins Wasser sinken und mich ihnen Zeichen machen sahen, sie sollten an den Strand zurckkommen, faten sie sich ein Herz und kamen herbei und begannen nach dem Tier zu suchen. Ich entdeckte es an seinem Blut, das das Wasser frbte; und mit Hilfe eines Taues, das ich darum schlang und den Negern zuwarf, zogen sie es ans Ufer und sahen, da es ein erstaunlich schner, wundervoll gefleckter Leopard war, und alle die Schwarzen streckten ihre Hnde hoch vor Verwunderung darber, womit ich ihn wohl gettet htte. Das andere Tier, erschreckt von dem Feuerstrahl und dem Knall der Bchse, schwamm an Land und rannte stracks in die Berge davon, aus denen sie gekommen waren, so da ich aus solcher Entfernung nicht ausmachen konnte, was fr ein Tier es war. Ich merkte gleich, da den Schwarzen der Mund nach dem Fleisch des Tieres wsserte. Ich machte ihnen daher Zeichen, sie mchten es sich als ein Geschenk von mir holen. Sie waren voller Dankbarkeit und fielen augenblicklich darber her, und obwohl sie kein Messer hatten, zogen sie ihm doch mit einem geschrften Holz geschwind das Fell ab, schneller, als wir es mit einem Messer htten tun knnen. Sie boten mir von dem Fleisch an. Ich dankte und tat so, als wollte ich es ihnen verehren, deutete aber auf das Fell, das sie mir bereitwillig gaben; auch schleppten sie noch viel mehr von ihren Vorrten herbei, die ich annahm. Dann hielt ich ihnen einen meiner Krge umgekehrt hin, um ihnen zu zeigen, da er leer sei und da ich ihn gefllt haben mchte. Sie riefen sogleich ein paar der Ihrigen, und zwei Weiber kamen herbei und brachten ein groes irdenes und wahrscheinlich an der Sonne gebranntes Gef, das sie wie zuvor fr mich hinstellten. Ich schickte Xury mit meinen Krgen an Land und lie sie alle drei fllen. Die Weiber waren, ebenso wie die Mnner, splitternackt. Ich war nun mit Wurzeln, Korn und Wasser versehen und fuhr, nachdem ich meine freundlichen Neger verlassen hatte, nahezu elf Tage weiter, bis ich sah, da das Land, etwa vier oder fnf Meilen vor mir, sehr weit ins Meer vorsprang, und da die See ruhig war, hielt ich weit von der Kste ab, um an dem Vorsprung vorbeizukommen. Als ich endlich in etwa zwei Meilen Entfernung vom Land diese Spitze umfuhr, sah ich deutlich auch auf der Seeseite Land und schlo daraus, da jenes das Kap Verde und dieses die nach ihm genannten Kapverdischen Inseln seien, wie es auch sicherlich der Fall war. Sie lagen indessen in weiter Ferne, und ich wute nicht, was am besten zu tun sei; denn wenn mich ein neuer Wind gefat htte, so htte ich vielleicht am Ende alle beide verloren. In solcher Ungewiheit war ich voller Gedanken in meine Kajte gestiegen und hatte mich niedergesetzt, als pltzlich Xury, dem ich das Ruder berlassen, laut aufschrie: Master! Master ! Ein Schiff mit ein Segel!, wobei der nrrische Junge ganz auer sich vor Angst war, weil er meinte, das knne nur eins der Schiffe seines Herrn sein, ausgesandt zu unserer Verfolgung, whrend ich wohl wute, da sie uns nicht mehr erreichen konnten. Ich strzte aus der Kabine und sah auf den ersten Blick nicht nur das Schiff, sondern auch was fr eines es war, nmlich ein Portugiese, der vermutlich auf der Fahrt nach Guinea war, um Sklaven zu holen. Als ich aber ihren Kurs verfolgte, war ich bald berzeugt, da sie anderswohin fuhren und keine Miene machten, sich der Kste zu nhern. Worauf ich mit allen Krften in die See hinaus strebte, um, wenn irgend mglich, mit ihnen zu reden. Ich merkte bald, da ich sie mit aller Segelmacht doch nicht erreichen knne und da sie davon sein wrden, ehe ich ein Zeichen geben knne. Nachdem ich jedoch alle Fetzen aufgesetzt hatte und schon zu verzweifeln anfing, schien es mir, als htten sie mich doch mit Hilfe ihrer Fernglser entdeckt und erkannt, da das ein europisches Boot sei, vielleicht von einem untergegangenen Schiff, und krzten ihre Segel, um mich aufkommen zu lassen. Das machte mir Mut, und da ich meines Patrons Flagge an Bord hatte, lie ich sie als Notzeichen wehen und feuerte eine Bchse ab, was beides sie gewahrten, da sie, wie sie mir nachher sagten, zwar den Schu nicht hrten, aber den Rauch sahen. Auf diese Zeichen hin hatten sie Menschlichkeit genug, beizudrehen und mich anzulaufen, und nach beilufig drei Stunden lag ich neben ihnen. Sie fragten mich auf portugiesisch, spanisch und franzsisch, wer ich sei. Aber ich verstand keines von den dreien. Endlich jedoch rief mich ein schottischer Matrose, der an Bord war, an, und ich antwortete ihm und sagte, ich sei ein Englnder und aus der Sklaverei bei den Mauren in Salee entflohen. Da hieen sie mich an Bord kommen und nahmen mich und all meine Habe sehr freundlich auf. Ich war, wie man sich denken kann, unaussprechlich froh darber, aus meiner erbrmlichen und fast hoffnungslosen Lage befreit zu sein, und bot unverzglich all mein Gut dem Kapitn des Schiffes zum Dank an. Aber der hochherzige Mann sagte, er wolle nichts von mir nehmen, sondern alle meine Habe wrde mir unversehrt ausgehndigt werden, sowie wir in Brasilien ankmen. Ich habe Euch, sagte er, das Leben unter keinen anderen Bedingungen gerettet, als ich selbst gerettet werden mchte, und es kann mir frher oder spter blhn, da ich in der gleichen Lage von jemandem aufgenommen werde; auerdem, sagte er, wenn ich Euch nach Brasilien bringe, so weit weg von Eurem Vaterlande, so wrdet Ihr, wenn ich Euch alles wegnhme, was Ihr habt, dort verhungern ; ich wrde Euch dadurch also nur das Leben nehmen, das ich Euch gegeben habe. Nein, nein, Senor Inglese, sagte er, Herr Englnder, ich will Euch dorthin bringen, wie es einem Christenmenschen geziemt, und diese Dinge da werden Euch dazu dienen, Euch dort zu kaufen, was Ihr fr Euren Lebensunterhalt braucht, und Eure Heimfahrt zu bezahlen. So edelmtig er sich durch dieses Anerbieten erwies, so peinlich gewissenhaft sorgte er auch fr die Durchfhrung. Er wies das Schiffsvolk an, da keiner wagen sollte, etwas von meinen Sachen anzurhren; alsdann nahm er alles in Verwahrung und gab mir ein genaues Verzeichnis davon, wobei er sogar meine drei irdenen Krge nicht verga. Was mein Boot betrifft, so sah er gleich, da es sehr gut war, und sagte, er mchte es gern kaufen; was es denn kosten solle. Ich sagte, er sei so gromtig in allen Dingen mit mir verfahren, da ich keinen Preis dafr nennen wolle, sondern es ihm berliee; worauf er sagte, er wrde mir es schriftlich geben, da er mir 80 Piaster in Brasilien dafr zahlen wolle, und wenn mir dort jemand mehr bte, so wrde er den Preis entsprechend erhhen. Er bot mir auch noch weitere 60 Speziestaler fr meinen Xury, die ich zuerst gar nicht nehmen wollte, nicht weil ich ihn dem Kapitn nicht gnnte, sondern weil es mir im Herzen zuwider war, die Freiheit des Jungen zu verkaufen, der mir so treulich geholfen hatte, meine eigene wiederzuerlangen. Als ich ihm indes mein Bedenken gestand, gab er mir recht und schlug mir als Lsung vor, er wolle es dem Jungen verschreiben, da er ihn nach zehn Jahren freilassen werde, wenn er sich taufen liee; worauf ich ihn, da Xury selber Lust dazu hatte, dem Kapitn berlie. Wir hatten eine sehr gute Fahrt bis Brasilien und kamen nach rund 22 Tagen in der Bay de Todos los Santos oder Allerheiligenbai an. Und so war ich denn abermals aus der jmmerlichsten Lage befreit und hatte nun zu bedenken, was ich weiterhin mit mir beginnen sollte. Ich kann nicht genug des Edelmuts dieses Kapitns gedenken; er wollte nichts fr die Reise von mir annehmen, gab mir zwanzig Dukaten fr das Leopardenfell und vierzig fr das Lwenfell, und was immer sonst ich losschlagen wollte, kaufte er, wie zum Beispiel die Flaschenkiste, zwei meiner Bchsen und den Rest des Wachsklumpens ; denn aus dem ndern Teil hatte ich Kerzen gemacht. So schlug ich aus meiner ganzen Bagage bei 220 Piaster, und mit diesem Kapital ging ich in Brasilien an Land. Nicht lange, so empfahl er mich an das Haus eines ebenso ehrlichen Mannes, der ein Ingenio, wie sie es nennen, besa, das ist eine Zuckerpflanzung nebst Zuckermhle. Dort lebte ich eine Weile und machte mich vertraut mit dem Pflanzen und Kochen des Zuckers. Denn ich sah bald, wie gut es den Pflanzern ging und wie sie von heut auf morgen reich wurden, und so beschlo ich, auch ein Pflanzer zu werden, wenn ich die Erlaubnis bekme, mich hier anzusiedeln. Inzwischen dachte ich auf irgendeine Weise mir das Geld, das ich noch in London liegen hatte, schicken zu lassen. Zu diesem Ende lie ich mich durch eine Art Urkunde naturalisieren, kaufte so viel unbebautes Land, als mein Geld erlaubte, und machte einen Anschlag fr Plantage und Wohnhaus, entsprechend dem Kapital, das ich aus England zu erwarten hatte. Ich hatte einen Nachbar, einen Portugiesen aus Lissabon, doch von englischen Eltern geboren, namens Wells, der ganz in den gleichen Verhltnissen war wie ich. Sein Vermgen war so gering wie das meine, und wir pflanzten zwei Jahre lang eigentlich nur, was wir zur Nahrung brauchten. Wir fingen jedoch allmhlich an zu florieren und unser Land in Ordnung zu bringen, so da wir im dritten Jahr etwas Tabak pflanzen konnten und ein groes Stck Feld frs nchste Jahr zum Anbau von Zuckerrohr herrichteten; aber es fehlte uns beiden an Hilfe, und jetzt sah ich erst grndlich ein, wie unrecht ich getan hatte, mich von meinem Xury zu trennen. Aber ach! es war kein groes Wunder, da ich, der immer alles falsch machte, auch hier wieder nicht das Rechte getroffen hatte: Es blieb mir keine andere Wahl, als weiterzumachen; ich hatte mich auf eine Ttigkeit eingelassen, die meiner inneren Neigung ganz fern lag und ganz entgegen der Lebensweise war, an der ich Freude hatte und um derentwillen ich das Haus meines Vaters verlassen und all seinen guten Rat in den Wind geschlagen hatte; ja, ich war auf dem besten Wege, in eben den Mittelstand oder oberen Grad des niederen Lebens zu geraten, zu dem mein Vater mir so zugeredet hatte; und gesetzt, ich blieb wirklich dabei, so htte ich ja auch ebensogut daheim bleiben knnen und mich nicht in der Welt herumzuschlagen brauchen, wie ich es getan hatte; und ich sagte oft zu mir selbst, da ich das, was ich hier tat, ebensogut in England unter meinen Freunden htte tun knnen, anstatt es 5000 Meilen weit unter Fremden und Wilden in einer Einde zu tun und in einer solchen Entfernung, da niemals auch nur die geringste Kunde aus dem Teil der Welt zu mir dringen konnte, wo man mich kannte. Solcherart betrachtete ich meinen Zustand mit dem tiefsten Bedauern. Ich hatte keinen Menschen, mit dem ich umgehen konnte, als dann und wann diesen Nachbarn, keine Arbeit als die mit meinen Hnden; und ich pflegte zu sagen, ich lebte ganz wie ein auf ein des Eiland Verschlagener, der keinen Menschen htte als sich selber. Aber wie recht geschah mir, und wie sollten alle Menschen bedenken, wenn sie ihre gegenwrtige Lage mit einer anderen, schlimmeren vergleichen, da der Himmel sie vielleicht wirklich in diese andere Lage versetzen mag, um ihnen durch die Erfahrung zu Gemte zu fhren, wie glcklich sie zuvor waren - ich sage, wie recht geschah mir, da das wahrhaft einsame Leben auf einer vllig den Insel hernach wirklich vom Schicksal mir beschieden wurde, der ich es so oft ungerechterweise mit dem Leben verglich, das ich damals fhrte und bei dem ich. wenn ich dabei ausgeharrt htte, aller Wahrscheinlichkeit nach beraus wohlhabend und reich geworden wre. Ich hatte meine Plantage schon einigermaen nach meinem Sinn eingerichtet, ehe mein hilfreicher Freund, der Schiffskapitn, wieder abreiste. Ich erzhlte ihm von meinem kleinen Kapital in London, und er gab mir den folgenden ehrlichen Rat: Senor Inglese, sagte er, denn so pflegte er mich zu nennen, wenn Ihr mir Briefe mitgeben wollt und eine frmliche Vollmacht nebst Order an die Person, die Euer Geld in London verwahrt, sie solle Eure Barschaft nach Lissabon an von Euch zu bestimmende Personen schicken in Gestalt von allerlei Waren, wie sie dortzulande gesucht sind, so werde ich den Erls daraus, so Gott will, bei meiner Rckkehr Euch aushndigen. Weil aber alle menschlichen Dinge dem Wechsel und allerhand Unstern unterworfen sind, so rate ich Euch, die Order nur auf hundert Pfund Sterling, also die Hlfte Eures Kapitals, zu schreiben. Kommen diese glcklich an, so mgt Ihr den Rest ebenso nachkommen lassen; schlgt es fehl, so bleibt Euch immer noch die andere Hlfte als Ersatz. Das war ein so heilsamer und ehrlicher Rat, da ich sogleich Briefe an die Frau schrieb, bei der ich mein Geld hinterlegt hatte, nebst einer Vollmacht fr den Kapitn. Ich schrieb der englischen Kapitnswitwe einen ausfhrlichen Bericht ber alle meine Abenteuer, meine Sklaverei, Flucht und meine Begegnung mit dem portugiesischen Kapitn auf See, wie menschlich er sich benommen habe und in welcher Lage ich jetzt sei, nebst allen anderen ntigen Anweisungen fr meine Versorgung; und als dieser ehrliche Kapitn nach Lissabon kam, fand er Gelegenheit, auch einen ausfhrlichen Bericht ber meine Geschichte an einen Kaufmann in London hinberzusenden, der ihr alles eindringlich wiedererzhlte, worauf sie nicht nur das Geld auszahlte, sondern auch auf eigene Kosten ein sehr ansehnliches Geschenk fr den portugiesischen Kapitn schickte, zum Dank fr seine Menschlichkeit und Gte gegen mich. Der Kaufmann in London legte diese hundert Pfund in englischen Waren an, wie der Kapitn es geschrieben hatte, schickte sie umgehend an ihn nach Lissabon, und er brachte sie alle unversehrt zu mir nach Brasilien. Unter anderem hatte er, ohne mein Zutun (denn ich war noch zu sehr Neuling in meinem Beruf, um daran zu denken), allerlei Werkzeuge, Eisenteile und Gerte schicken lassen, die fr meine Pflanzung notwendig und von groem Nutzen fr mich waren. Als diese Sendung ankam, hielt ich mein Glck fr gemacht und war voller Freuden. Mein guter Mittelsmann, der Kapitn, hatte auerdem die fnf Pfund, die meine Freundin ihm als Geschenk fr ihn selber geschickt hatte, dazu verwendet, einen Diener fr mich auf sechs Jahre anzuwerben und mitzubringen, und weigerte sich, irgendeine Entschdigung dafr anzunehmen, auer ein bichen Tabak aus meiner eigenen Pflanzung. Und das war noch nicht alles, sondern da die mitgebrachten Waren alle englische Erzeugnisse waren, wie Tuche, Stoffe und andere in dem Lande besonders wertvolle und begehrte Dinge, fand ich Gelegenheit, sie mit sehr groem Vorteil zu verkaufen, so da ich sagen darf, ich erzielte mehr als den vierfachen Wert der Ladung, und war nun meinem Nachbar unendlich berlegen, ich meine mit Bezug auf die Frderung meiner Pflanzung; denn das erste, was ich tat, war, da ich mir einen Negersklaven kaufte und dazu noch einen europischen Diener; ich meine, einen anderen neben dem, den der Kapitn mir von Lissabon mitgebracht hatte. - Aber wie denn oft das schnste Gedeihen die Ursache unseres grten Elends wird, so geschah es auch mit mir. Im folgenden Jahre ging es mit meiner Plantage immer besser. Ich erntete fnfzig groe Rollen Tabak auf meinem eigenen Grund, auer dem, was ich meinen Nachbarn fr allerhand Notdurft berlassen hatte; und die fnfzig Rollen, jede ber hundert Pfund schwer, wurden aufgestapelt fr die Rckkehr der Flotte von Lissabon. Und da ich nun so an Handel und Reichtum wuchs, fing mein Kopf an, sich mit Projekten und Unternehmungen weit ber mein Vermgen zu fllen, wie sie in der Tat oft im Kaufmannsleben die besten Kpfe zugrunde richten. Wre ich in den Verhltnissen verblieben, in denen ich jetzt war, so wren mir sicherlich alle die Annehmlichkeiten zuteil geworden, um derentwillen mein Vater mir so ernstlich ein ruhiges, zurckgezogenes Leben empfohlen und mir so verstndig geschildert hatte, wie voll der Mittelstand des Lebens davon sei. Aber andere Dinge warteten meiner, und es war mir bestimmt, auch weiterhin der mutwillige Urheber meines eigenen Unglcks zu sein und meine Schuld noch zu vermehren und mir noch mehr Anla zu schaffen, wie Nachdenken ber mich selbst, zudem es mir hernach in meinem Elend nicht an Mue fehlen sollte. All diese Irrungen waren die Folge meines hartnckigen Festhaltens an meiner unsinnigen Neigung, in der Welt umherzuschweifen, obwohl mir doch die Mglichkeit ganz klar vor Augen lag, es mir durch einfaches, vernnftiges Verharren bei denjenigen Lebensumstnden und Aussichten Wohlergehen zu lassen, die Natur und Vorsehung vereint mir anboten, wie es meine Pflicht gewesen wre. Also konnte ich, gleich wie damals, als ich meinen Eltern durchbrannte, auch jetzt nicht stillsitzen, sondern mute mich aufmachen und dem nahen Glck, auf meiner Pflanzung ein wohlhabender Mann zu werden, den Rcken kehren, nur weil ich in maloser Ungeduld begehrte, schneller emporzukommen, als es in der Natur der Dinge lag. Und so strzte ich mich selbst wieder in den tiefsten Abgrund menschlichen Elends, in den je ein Mann geraten ist. Um denn nun, in gehriger Folge, zu den Einzelheiten dieses Teils meiner Geschichte zu kommen, so kann sich der Leser denken, da ich nach einem nun fast vierjhrigen Aufenthalt in Brasilien als erfolgreicher Pflanzer die Sprache des Landes erlernt und auch viele Bekannte und Freunde unter meinen Mitpflanzern sowie unter den Kaufleuten unseres Hafens St. Salvador gefunden hatte. Ich hatte ihnen in manchem Gesprch von meinen zwei Reisen nach der Kste von Guinea erzhlt und von der Art, wie man mit den Schwarzen handeln msse und wie leicht es sei, gegen allerlei Tand, als da sind Glasperlen, Spielzeug, Messer, Scheren, Beile, Stcke Glas und dergleichen, nicht allein Goldstaub, guinesisches Korn, Elefantenzhne usw. einzutauschen, sondern auch Schwarze zur Sklavenarbeit in Brasilien in groer Zahl. Sie spitzten zu diesen meinen Berichten immer scharf die Ohren, sonderlich wenn vom Negerkauf die Rede ging, einem Handel, der damals noch nicht sehr im Schwnge war und berdies nur kraft Assentios, das sind Permessen der Knige von Spanien und Portugal, ausgebt werden durfte und von ihnen besteuert wurde, so da nur wenige Schwarze und diese wenigen zu ungeheuren Preisen herbergebracht wurden. Als ich einst in Gesellschaft einiger Kaufleute und Pflanzer meiner Bekanntschaft sehr dringlich von diesen Dingen geredet hatte, geschah es, da ihrer drei am nchsten Morgen zu mir kamen und mir sagten, sie htten ber meine Worte von gestern abend sehr lebhaft nachgedacht und kmen nun, um mir im geheimen einen Vorschlag zu machen. Und nachdem ich ihnen reinen Mund versprochen, erffneten sie mir, sie htten Lust, ein Schiff nach Guinea auszursten; sie besen alle gleich mir Pflanzungen, und es fehle ihnen an nichts so sehr wie an Sklaven. Ein eigentlicher Handel lasse sich nicht daraus machen, weil man ja die Neger hier nicht ffentlich verkaufen drfe; daher wnschten sie nur eine einzige Reise zu machen, um die Neger insgeheim an Land zu bringen und auf ihre eigenen Plantagen zu verteilen. Mit einem Wort: die Frage war, ob ich als ihr Warenaufseher mit dem Schiff gehen wolle, um den Ankauf an der guinesischen Kste zu leiten, und sie boten mir gleichen Anteil an der Menschenware, ohne da ich etwas zum Kapital zuzuschieen brauchte. Das wre in Wahrheit ein gutes Angebot gewesen fr einen, der nicht eine eigene Ansiedlung und Pflanzung gehabt htte, die sich blhend entwickelte, samt einem ansehnlichen Kapital darauf. Fr mich aber, der ich in dieser glcklichen Lage war und nichts zu tun brauchte, als drei oder vier Jahre lang so weiterzumachen, wie ich begonnen hatte, wobei ich mir noch die anderen hundert Pfund aus England htte schicken lassen knnen, so da ich es mit dieser kleinen Zugabe sicherlich auf ein Vermgen von drei- bis viertausend Pfund Sterling gebracht htte, das auch noch gewachsen wre - fr mich bedeutete der Gedanke an eine solche Reise das Allerverkehrteste, was ein Mann in solchen Verhltnissen sich einfallen lassen konnte. Aber ich, zum Verderben meiner selbst geboren, konnte dem Angebot ebensowenig widerstehen, wie ich damals meine Abenteuerlust hatte abtun knnen, als mein Vater vergeblich mit seinem guten Rat in mich drang. Und kurz: ich sagte ihnen, ich wolle von Herzen gerne gehen, wenn sie es bernehmen wollten, in meiner Abwesenheit sich um meine Plantage zu kmmern und sie, falls mir etwas Menschliches zustiee, dem von mir bestimmten Erben zu bergeben. Sie versprachen es alle und gaben es mir schriftlich, und ich machte frmlich meinen letzten Willen, durch den ich den Schiffskapitn, meinen Lebensretter, als meinen Universalerben einsetzte, mit der Bedingung, da die Hlfte der Erzeugung ihm gehren und die andere Hlfte nach England verschifft werden sollte. Kurz, ich traf alle nur mglichen Vorsichtsmanahmen, um meinen Besitz zu sichern und meine Pflanzung zu erhalten; htte ich halb soviel Voraussicht fr meine eigene Person aufgebracht und mir klargemacht, was ich htte tun sollen und was nicht, so htte ich sicherlich niemals einem so gedeihenden Unternehmen und einer so vielversprechenden Zukunft den Rcken gekehrt, um auf eine Seereise zu gehen, die ja immer ihre Gefahren birgt, gar nicht zu reden von den Grnden, die ich hatte, fr mich selber ganz besonderes Migeschick zu erwarten. Aber ich wurde blindlings getrieben und gehorchte meinem Wahn mehr als meiner Vernunft; und als das Schiff nun ausgerstet und alles unserer bereinkunft nach hergerichtet war, ging ich, abermals in einer Unglcksstunde, am 1. September 1659, an Bord, an demselben Tage, an dem ich vor acht Jahren meinem Vater und meiner Mutter in Hull entlaufen war als ein Aufsssiger gegen sie und ein Narr gegen mich selber. Unser Schiff hatte ungefhr 120 Tonnen, 6 Kanonen und 14 Mann, ungerechnet den Kapitn, seinen Jungen und mich selbst. Wir fhrten keine groe Ladung mit, sondern nur den Kleinkram fr den Sklavenkauf: Glasperlen, Muscheln, kleine Spiegel, Messer, Scheren und dergleichen. Noch am selben Tage, als ich an Bord ging, setzten wir Segel und steuerten nordwrts mit der Absicht, nach der afrikanischen Kste hinzuwenden, wenn wir erst unterm 10. oder 12. Grad nrdlicher Breite wren, was damals wohl der gewhnliche Kurs war. Wir hatten sehr gutes Wetter, nur beraus hei, die ganze Kste entlang, bis wir auf die Hhe des Kaps St. Augustino kamen, von wo wir weiter in See hinaus drehten, so da wir das Land bald aus dem Gesicht verloren. Wir steuerten in Richtung auf die Insel Fernando de Noronha, Kurs Nordost zu Nord, und lieen sie stlich liegen. Auf diesem Kurs passierten wir nach etwa zwlf Tagen die Linie und waren nach unserer Observation unter 7 22' nrdlicher Breite, als ein heftiger Tornado oder Orkan uns vllig vom Wege verschlug. Er begann aus Sdost, sprang nach Nordost und setzte sich dann fest in Nordost, von wo er mit so furchtbarer Wut blies, da wir zwlf Tage lang nichts tun konnten, als uns, immer vor ihm weglaufend, treiben zu lassen, wohin immer das Schicksal und die Wut der Winde es wollten. Und ich brauche nicht zu sagen, da ich an jedem dieser zwlf Tage darauf gefat war, verschlungen zu werden, und auch kein anderer auf dem Schiff dachte mit dem Leben davonzukommen. In dieser Not starb uns zu all dem Sturmschrecken noch einer unserer Leute am Fieber, und ein anderer samt dem Schiffsjungen wurde ber Bord gesplt. Am zwlften Tage, als das Wetter etwas ruhiger wurde, nahm unser Kapitn die Hhe und fand, da er etwa unter 11 nrdlicher Breite, aber 22 Lngengrade westlich vom Kap St.Augustino war, da er also auf die Kste von Guayana oder Nordbrasilien zu getrieben war, oberhalb des Amazonenstroms, auf den Strom Orinoko zu, der gewhnlich nur der Groe Strom genannt wird. Er begann nun mit mir zu beraten, welchen Kurs er nehmen solle, und meinte, er wolle geradenwegs wieder zur brasilianischen Kste umkehren, da das Schiff leck und bel zugerichtet war. Ich war durchaus dawider. Wir studierten die Karten der amerikanischen Seekste miteinander und kamen zu dem Schlu, es sei kein bewohntes Land da, zu dem wir unsere Zuflucht nehmen knnten, ehe wir nicht in den Bereich der Karibischen Inseln kmen. Daher beschlossen wir, gegen Barbados zu segeln, das wir in etwa 15 Tagen leicht zu erreichen hofften, wenn wir in die offene See hinaus hielten, um die Strmung der Bai oder des Golfs von Mexiko zu vermeiden. Denn unsere Fahrt nach der afrikanischen Kste ohne Hilfe fortzusetzen war ganz unmglich. Somit nderten wir unsern Kurs und steuerten Nordwest zu West, um eine unserer englischen Inseln zu erreichen, wo ich Beistand zu finden hoffte. Aber es war uns anders bestimmt; denn unter 12 18' Breite berfiel uns ein neuer Sturm, der uns mit demselben Ungestm nach Westen verschlug und so weit von allem menschlichen Verkehr abtrieb, da, wenn wir auch alle aus der Seenot gerettet worden wren, wir dennoch Gefahr liefen, eher von Wilden gefressen zu werden, als je wieder in unser eigenes Land zu kommen. In dieser Not, bei noch immer heftig strmendem Winde, schrie einer unserer Leute frh am Morgen Land!, und wir waren kaum aus der Kajte gestrzt, um Ausschau zu halten, in der Hoffnung, zu sehen, wo in der Welt wir nun eigentlich seien, als auch schon das Schiff auf eine Sandbank stie und augenblicklich infolge des jhen Rucks die See so mchtig darber her brach, da wir alle dachten, es sei um uns geschehen, und uns eilends unter Deck verkrochen, um vor dem Schaum und Gischt Schutz zu suchen. Wer nie in dergleichen Not gewesen ist, kann sich nicht leicht die Bestrzung der Menschen in solcher Lage vorstellen. Wir wuten nicht, auf welches Land wir getrieben, ob Insel oder Festland, bewohnt oder unbewohnt. Und da die Wut des Windes noch immer gro war, konnten wir nicht hoffen, da sich das Schiff lnger als ein paar Minuten halten wrde, ohne in Stcke zu bersten, der Wind wre denn durch ein halbes Wunder augenblicklich umgesprungen. Mit einem Wort : wir saen und sahen einander an und erwarteten mit jedem Augenblick den Tod, jeder auf seine Art; denn mehr konnten wir dabei nicht tun. Unser einziger Trost war, da wider Erwarten das Schiff noch nicht zerbrach und da der Kapitn sagte, der Wind begnne nachzulassen. Obschon nun der Wind ein wenig abzuflauen schien, lag das Schiff doch zu fest auf dem Sand, als da wir hoffen konnten, es flott zu kriegen. Wir waren wirklich in einer schrecklichen Lage, und es blieb uns nichts brig, als darauf zu denken, wie wir unser Leben retten knnten, so gut es ging. Wir hatten ein Boot am Heck gehabt, in Luv; aber es war zuerst durch Anschlagen gegen das Schiffsruder leck geworden, dann losgerissen und entweder gesunken oder in See getrieben. So war es damit vorbei. Wir hatten ein zweites Boot an Bord; aber die Kunst war, wie es ins Wasser bringen? Allein da galt kein Palavern; denn wir sahen schon jede Minute das Schiff in Stcke bersten, und einige behaupteten, es sei bereits geborsten. In dieser Not packte der Steuermann das Boot und schwang es mit Hilfe der brigen Mannschaft ber Bord. Wir warfen uns alle hinein, lieen es los und ergaben uns, elf an der Zahl, der Gnade Gottes und der See. Denn wenn auch der Sturm betrchtlich nachgelassen hatte, so brandete doch die See furchtbar hoch ber das Ufer und konnte mit Recht, wie es bei den Hollndern geschieht, den wild Zee genannt werden. Wir waren nun in einer grauenvollen Lage; denn wir sahen klar, da das Boot sich in diesem Seegang nicht wrde halten knnen und da wir alle unfehlbar ertrinken mten. Segel konnten wir nicht aufsetzen; denn wir hatten keine und htten damit auch nichts ausrichten knnen. So arbeiteten wir uns mit Rudern auf das Ufer zu, obwohl mit schweren Herzen, wie Mnner, die ihrer Hinrichtung entgegengehen; denn wir wuten alle, da das Boot, sowie es dem Ufer nahe kam, von der Brandung der See in tausend Stcke zerschmettert werden mute. Trotzdem befahlen wir unsere Seelen aufs inbrnstigste dem lieben Gott und halfen dem Wind, der uns auf das Land zutrieb, mit unseren eigenen Hnden zu unserem Untergang, indem wir aus Leibeskrften ruderten. Ob das Ufer felsig oder sandig, steil oder flach war, wuten wir nicht; der einzige Schatten von Hoffnung, den wir vernnftigerweise noch haben konnten, war, da wir vielleicht in irgendeine Bucht oder Flumndung gelangen wrden, in die wir, wenn alles gut ging, unser Boot hineinjagen knnten; oder da wir in Lee des Landes und somit in glattes Wasser kmen. Aber nichts dergleichen bot sich uns, sondern je nher und nher wir dem Ufer kamen, um so drohender sah das Land aus, drohender noch als die See. Nach etwa anderthalb Meilen Ruderns kam eine rasende Woge berghoch hinter uns her gerollt, begierig, uns den letzten Gnadenstreich zu versetzen. Sie fate uns, kurz gesagt, mit solcher Gewalt, da das Boot sofort umschlug. Sie ri uns gleichzeitig vom Boot und voneinander weg, und kaum da uns Atem blieb, O Gott! zu schreien, waren wir auch schon im Nu von ihr verschlungen. Niemand kann den Wirrwarr meiner Gedanken beschreiben, als ich im Wasser versank. Denn obwohl ich ein guter Schwimmer war, vermochte ich mich doch nicht herauszuringen, um Atem zu holen, bis mich die Woge weit auf das Ufer hinaufgetrieben oder besser getragen hatte. Sie berstrzte sich, flutete zurck und lie mich fast trocken, aber halbtot von dem eingeschluckten Wasser auf dem Strand liegen. Ich hatte noch gerade genug Geistesgegenwart und Atem, um auf meine Fe zu springen und so schnell als mglich weiter landeinwrts zu rennen, ehe eine neue Woge kme und mich zurckrisse. Aber bald erkannte ich, da ich dem unmglich entgehen konnte; denn ich sah die See hoch wie einen groen Hgel hinter mir drein kommen und grimmig wie einen Feind, gegen den mich zu wehren ich weder Waffen noch Krfte hatte. Es blieb mir nur brig, den Atem anzuhalten und nach Mglichkeit oben zu schwimmen und mich mit aller Kraft so weit auf das Land zu arbeiten, da die See mich nicht wieder beim Zurckfluten mitreien knnte. Die neu ber mich hereinbrechende Woge begrub mich augenblicklich zwanzig bis dreiig Fu tief in sich, und ich konnte fhlen, wie ich mit ungeheurer Kraft und Schnelligkeit eine betrchtliche Strecke landwrts getrieben wurde; aber ich hielt den Atem an und half aus aller Macht mit Schwimmen nach. Ich war nahe am Bersten, als ich merkte, da ich hochkam. Im nchsten Augenblick schssen auch schon mein Kopf und meine Hnde bers Wasser empor, und obwohl ich mich kaum zwei Sekunden lang so halten konnte, half es mir doch sehr und gab mir Atem und neuen Mut. Das Wasser verschlang mich gleich wieder fr eine gute Weile, aber doch nicht so lange, da ich es nicht htte aushaken knnen; und sobald ich sprte, da die Welle sich ergossen hatte und zurckzufluten begann, strebte ich gegen sie an nach vorwrts und fhlte abermals Grund unter den Fen. Ich stand ein paar Sekunden still, um Luft zu schnappen, lie das Wasser ablaufen und machte mich dann auf die Fersen und rannte aus Leibeskrften landeinwrts. Aber auch jetzt entwischte ich der Wut der See noch nicht; sie strzte mir von neuem nach, und noch zweimal wurde ich von den Wogen hochgehoben und vorgeschleudert, da das Ufer sehr flach war. Beim letzten Male war es um ein Haar um mich geschehen; denn die See, die mich vorwrts wirbelte, trieb mich oder vielmehr schleuderte mich gegen eine Klippe, und zwar mit solcher Macht, da ich bewutlos und hilflos liegenblieb. Der Sto hatte mich in Seite und Brust getroffen, so da mir der Atem aus dem Halse herausfuhr, und wre die Flut gleich wieder gekommen, so htte ich in ihr ersticken mssen. Aber ich erholte mich ein wenig, ehe noch die Wogen wiederkehrten, und da ich sah, da sie mich beim nchsten Male abermals berfluten wrden, beschlo ich, mich an einem Stck des Felsens anzuklammern und so meinen Atem, wenn mglich, anzuhalten, bis der Sto vorber. Da ich nun doch schon hher am Land war, kamen die Wellen nicht mehr so hoch wie zuvor, und ich hielt mich fest, bis sie verlaufen waren, rannte dann weiter, so da mich die nchste Woge zwar noch erreichte, aber mich nicht mehr zurckri, und kletterte erleichterten Herzens an den Klippen der eigentlichen Kste hinauf und setzte mich ins Gras, aus aller Gefahr befreit und auer Reichweite der See. Nun war ich heil gelandet, sah mich um und dankte Gott, da er mein Leben, das wenige Minuten zuvor verloren schien, gerettet. Ich glaube, es ist unmglich, den Lebenden das Entzcken und den Jubel der Seele zu schildern, wenn sie so, ich darf wohl sagen, aus dem leibhaftigen Grabe errettet ist; und ich wundere mich nun nicht mehr ber den Brauch, da, wenn ein armer Snder, der schon den Strick um den Hals hat und soeben von der Leiter gestoen werden soll, pltzlich begnadigt wird: ich sage, ich wundere mich nicht, da man dann gleich einen Wundarzt mitbringt, der ihm bei der Nachricht die Adern ffnet, damit der Freudenschreck ihm nicht die Lebensgeister aus dem Herzen treibt und ihn berwltigt; denn jhe Freud trifft wie Leid. Ich ging an den Ufern hin und her, hob meine Hnde und, so zu reden, mein ganzes Wesen auf, durchstrmt von Gedanken ber meine Errettung, mit tausenderlei Gebrden und Bewegungen, die ich nicht beschreiben kann, und stellte mir immer wieder vor, da alle meine Gefhrten ertrunken waren und keine einzige lebendige Seele gerettet als ich allein. Denn ich sah keinen einzigen von ihnen je wieder, noch auch irgendeine Spur von ihnen auer drei Hten, einer Mtze und zwei ungleichen Schuhen. Als ich meine Augen auf das gestrandete Schiff richtete, ging Brandung und Gischt so hoch, da ich es kaum sehen konnte, und es lag so weit weg, da ich dachte: O Gott! wie war es mglich, da ich bis ans Ufer kommen konnte. Nachdem sich mein Herz so an meiner Rettung geweidet hatte, begann ich mich umzuschauen, an was fr einem Ort ich eigentlich wre und was zunchst zu tun sei. Da entfiel mir der Mut bald wieder, und ich fand, da dies in Wahrheit eine Rettung furchtbarer Art war; denn ich war durchnt, hatte keine ndern Kleider, noch irgend etwas zu essen und zu trinken zu meiner Labsal und sah kein anderes Schicksal vor mir, als Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden. Was mich am meisten beunruhigte, war, da ich keine Waffe hatte, um irgendein Getier fr meine Notdurft zu jagen und zu tten oder mich gegen andere Tiere zu verteidigen, die mich tten knnten. Kurz, ich hatte nichts bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und etwas Tabak in einer Dose; das war mein ganzer Vorrat. Darber geriet ich in solche Verzweiflung, da ich eine Weile wie ein Wahnsinniger umherlief. Als die Nacht hereinbrach, fiel mir das Schicksal schwer aufs Herz, das mir drohte, wenn wilde Tiere in diesem Lande hausten, die bei Nacht auf Raub gingen. Es fiel mir kein besserer Schutz gegen sie ein, als auf einen dichtverwachsenen, tannenhnlichen, aber dornigen Baum zu klettern, der in der Nhe stand und auf dem ich die ganze Nacht ber zu hocken beschlo, um dann am nchsten Morgen weiter darber nachzudenken, welchen Todes ich sterben wrde; denn vorderhand sah ich keine Hoffnung, am Leben zu bleiben. Ich ging etwa eine Achtelmeile weit von der Kste weg, um nach frischem Trinkwasser zu suchen; zu meiner groen Freude fand ich auch welches; und nachdem ich getrunken und etwas Tabak in den Mund gesteckt hatte gegen den Hunger, kehrte ich zu dem Baume zurck, kletterte hinauf und setzte mich so zurecht, da ich nicht im Schlaf hinunterfallen konnte. Ich schnitt mir zuvor noch einen kurzen Knppel als Waffe, bezog dann mein Nest und fiel, da ich bermdet war, in tiefen Schlaf. Ich schlief so s, wie wohl nur wenige in meiner Lage geschlafen htten, und fand mich ungemein erfrischt. Als ich erwachte, war es heller Tag, das Wetter klar und der Sturm vorber, so da die See nicht mehr tobte und schwoll wie gestern. Was mich aber am meisten berraschte, war, da das Schiff ber Nacht von der Sandbank, auf der es gelegen, durch die steigende Flut abgehoben und fast bis an den Felsen, gegen den ich so unsanft geschleudert worden, heraufgetrieben war. Da diese Stelle nur etwa eine englische Meile von mir entfernt war und das Schiff noch aufrecht zu stehen schien, so wnschte ich mich an Bord, um wenigstens einige ntige Dinge fr mich zu retten. Als ich aus meinem Schlafzimmer in dem Baum hinabgestiegen war, hielt ich abermals Umschau, und das erste, was ich gewahrte, war das Boot, das dalag, wie der Sturm und die See es auf den Strand geworfen hatten, etwa zwei englische Meilen zur rechten Hand. Ich eilte, soweit ich konnte, zum Strand, stie aber auf eine Wasserzunge, die, eine halbe englische Meile breit, zwischen mir und dem Boot lag. Also kehrte ich fr diesmal um und beschftigte mich vielmehr damit, wie ich auf das Schiff kommen knnte, wo ich etwas fr meinen Unterhalt zu finden hoffte. Kurz nach Mittag war die See ganz still und Ebbe bis weit hinaus, so da ich bis auf eine Viertelmeile an das Schiff herankommen konnte. Und nun ergriff mich ein neuer Schmerz; denn ich sah augenscheinlich, da wir alle gerettet worden wren, wenn wir an Bord geblieben wren, das heit, wir wren alle heil an Land gekommen, und ich wre nicht so elend ohne Trost und Gefhrten allein geblieben wie jetzt. Das prete mir von neuem Trnen aus den Augen; aber weil das auch nichts helfen konnte, entschlo ich mich, wenn mglich auf das Schiff zu gehen. Ich zog also meine Kleider aus, denn es war auerordentlich hei, und begab mich ins Wasser. Als ich aber an das Schiff kam, erhob sich die noch grere Schwierigkeit, hinaufzukommen ; denn da es fest auf Grund lag und hoch aus dem Wasser herausragte, fand ich nirgends einen Halt. Ich schwamm zweimal rundherum, und beim zweiten Male ersphte ich ein kurzes Ende Tau. Ich wunderte mich, da ich es nicht gleich gesehen hatte. Es hing von den Bugketten so tief herab, da ich es, obwohl mit groer Mhe, zu fassen bekam und daran auf die Vorderback hinaufkletterte. Hier fand ich, da das Schiff geborsten war und eine Menge Wasser im Raum hatte und da es an einer Bank von hartem Sand oder vielmehr Erdreich lag, das Heck hoch ber die Bank ragend, der Bug aber fast im Wasser. Infolgedessen war sein ganzes Achterdeck frei und mit allem, was es enthielt, trocken. Man kann sich denken, da ich zu allernchst daran ging, zu suchen und zu sehen, was verdorben und was noch gut war. Meine erste Entdeckung war, da der gesamte Mundvorrat trocken und vom Wasser unberhrt war; und da meine Elust nicht gering war, ging ich in die Brotkammer, stopfte mir die Taschen voll Zwieback und a im Weiterstbern; denn Zeit hatte ich nicht zu verlieren. Ich fand auch etwas Rum in der groen Kajte und tat einen guten Zug, was mir auch sehr not tat zur Strkung fr das, was mir noch bevorstand. Nun fehlte mir nur noch ein Boot, um mich mit vielerlei Sachen zu versorgen, von denen ich voraussah, da ich sie notwendig brauchen wrde. Bloes Stillesitzen und Wnschen konnte nichts helfen. Aber die Not machte mich erfinderisch. Wir hatten verschiedene Rahen, zwei oder drei lange Holzsparren und ein oder zwei Toppmasten auf Vorrat im Schiff. Ich beschlo, mich an diese zu machen, warf davon, so viele ich schleppen konnte, ber Bord und band sie mit Tauen fest, damit sie nicht abtrieben. Dies getan, kletterte ich an der Schiffswand hinunter, zog die Hlzer an mich, band vier davon an beiden Enden, so fest ich konnte, aneinander zu einem Flo und legte zwei oder drei kurze Planken quer darber. Ich fand, da ich zwar sehr wohl darauf gehen konnte, da es aber zu leicht war, um grere Lasten zu tragen. So machte ich mich abermals ans Werk und sgte mit der Zimmermannssge einen der vorrtigen Toppmasten in drei gleiche Lngen und fgte sie mit groer Mhe und Arbeit auf mein Flo. Die Hoffnung, mich mit all den notwendigen Dingen versehen zu knnen, gab mir Krfte, die ich sonst nicht gehabt htte. Mein Flo war nun stark genug, um jede einigermaen vernnftige Last zu tragen. Meine nchste Sorge war, womit ich es beladen und wie ich die Fracht vor der berschlagenden See schtzen sollte. Darber zerbrach ich mir jedoch nicht lange den Kopf; zuerst legte ich alle Bretter und Planken darauf, deren ich habhaft werden konnte, sodann nahm ich drei Matrosenkisten, erbrach und leerte sie und lie sie auf das Flo hinunter; die erste fllte ich mit Proviant, und zwar Brot, Reis, drei hollndischen Ksen, fnf Stcken gedrrten Ziegenfleisches und einem Rest europischen Kornes, das wir als Futter fr einige inzwischen geschlachtete Hhner mit hatten. Es war Gerste und Weizen vermischt gewesen; aber zu meiner groen Enttuschung entdeckte ich hernach, da die Ratten alles gefressen oder verdorben hatten. An Getrnk fand ich einige Flaschenkisten, die unserm Kapitn gehrt hatten, mit etwas Kordialwasser und ber fnf oder sechs Gallonen Wein, die ich abseits verstaute, weil sie wasserdicht waren und in der Kiste nicht Raum fanden. Inzwischen begann die Flut, wenn auch sehr ruhig, zu steigen, und ich mute zu meinem groen Leidwesen mit ansehen, wie mein Rock, Wams und Hemd, die ich auf dem Ufersand gelassen, davonschwammen; ich war nur in meinen kurzen Leinenhosen und Strmpfen an Bord geschwommen. Dies brachte mich indessen darauf, nach Kleidern zu suchen. Ich fand eine Menge, nahm aber nur soviel mit, wie ich fr diesmal brauchte; denn ich hatte noch andere Dinge im Auge: vor allem Werkzeug zur Arbeit am Land. Nach langem Suchen geriet ich an die Kiste des Schiffszimmermanns : eine kostbare Beute! Viel wertvoller fr mich, als eine Schiffsladung voll Gold mir in diesem Augenblick gewesen wre! Ich verlud sie, wie sie war, auf mein Flo, ohne Zeit mit ffnen zu verlieren; denn ich wute ohnedies ungefhr, was sie enthielt. Demnchst war mir's um Waffen und Munition zu tun. In der Kajte befanden sich zwei sehr gute Vogelflinten und zwei Pistolen; diese nahm ich sogleich an mich samt einigen Pulver-hrnern und einem kleinen Sack mit Kugeln sowie zwei kleinen alten, rostigen Schwertern. Ich wute, da drei Pulverfsser im Schiff waren, aber nicht, wo sie der Stckmeister verstaut hatte; nach vielem Suchen fand ich sie jedoch; zwei davon waren trocken und gut, das dritte aber war na geworden; diese zwei schleppte ich samt den Waffen auf mein Flo. Jetzt glaubte ich, genug geladen zu haben, und begann zu berlegen, wie ich mit meiner Fracht an Land kommen knnte, da ich weder Segel noch Ruder noch Steuer hatte und jede Mtze voll Wind meine ganze Schifferei umblasen mute. Dreierlei machte mir Mut: erstlich die glatte, stille See, zweitens die auflaufende Flut und drittens ein schwacher Wind, der mich landwrts trieb. Ich hatte noch zwei oder drei zerbrochene Ruder gefunden, die zu dem Boot gehrten, und noch zwei Sgen, eine Axt und einen Hammer, und mit dieser Ladung stie ich ab. Etwa eine Meile weit fuhr mein Flo vortrefflich, nur merkte ich, da es ein wenig von meinem vorigen Landungsplatz abtrieb, woran ich erkannte, da eine Strmung in dem Wasser lief. Das lie mich hoffen, da ich einen Bach oder Flu in der Nhe finden wrde, den ich als Hafen benutzen knnte. Und so war es auch wirklich; eine kleine ffnung des Landes erschien vor mir, und ich merkte, da eine starke Strmung mit der Flut hineindrang. Ich steuerte also mein Flo so, da es mglichst die Mitte dieser Strmung hielt. Hierbei aber htte ich um ein Haar zum zweiten mal Schiffbruch erlitten, was mir sicherlich das Herz gebrochen htte; denn da ich die Kste gar nicht kannte, lief mein Flo mit einem Ende auf seichten Grund, und da es mit dem anderen Ende nicht festsa, so fehlte nur wenig, da meine ganze Ladung auf das Ende, das noch flott war, hinabgerutscht und so ins Wasser gefallen wre. Ich tat mein uerstes, die Kisten festzuhalten, indem ich mich mit dem Rcken gegen sie stemmte. Es gelang mir mit aller meiner Kraft nicht, das Flo flott zubringen, und ich durfte auch nicht aus meiner Stellung weichen und stand so, die Kisten mit aller Macht haltend, fast eine halbe Stunde lang. Whrenddessen stieg das Wasser immer hher, hob mein Flo wieder in gleiche Lage und machte es schlielich vollends wieder flott. Ich stie es mit dem Ruder in die rechte Fahrt, trieb hher aufwrts und befand mich endlich in der Mndung eines kleinen Flusses mit Land an beiden Seiten. Ich schaute nach rechts und links, um einen bequemen Platz zum Landen zu finden; denn ich wollte nicht allzuweit den Flu hinauffahren, sondern mglichst nahe an der Kste bleiben, weil ich frher oder spter ein Schiff auf See zu sichten hoffte. Ich ersphte schlielich eine kleine Bucht an dem rechten Ufer des Flusses, zu der ich mein Flo mit groer Mhe und Beschwerlichkeit hinsteuerte und der ich endlich so nahe kam, da ich mit meinem Ruder Grund fhlte und das Flo hineinlenken konnte. Aber hier bestand abermals Gefahr fr meine Fracht; denn da das Ufer sehr abschssig war, so wre mein Flo beim Auflaufen an einem Ende hochgehoben worden und mit dem anderen unter Wasser geraten und meine Fracht wre hinuntergerutscht. Ich konnte nichts tun als abwarten, bis die Flut am hchsten war, und mittlerweile das Flo mit meinem Ruder als Anker seitlich am Ufer festhalten, nahe bei einer flachen Stelle, von der ich annahm, da das Wasser sie berfluten werde. Das tat es auch; und sobald genug Wasser da war - denn mein Flo hatte etwa einen Fu Tiefgang -, trieb ich es auf diese flache Stelle und machte es dort fest, indem ich meine beiden gebrochenen Ruder in den Grund bohrte, das eine an einem Ende, das zweite am ndern Ende; und so lag ich, bis das Wasser wieder ablief und mein Flo samt der ganzen Ladung wohlbehalten auf Grund setzte. Meine nchste Aufgabe war nun, das Land auszukundschaften und einen geeigneten Platz fr meine Wohnung zu suchen, wo ich auch all mein Gut verstauen und es vor jeder Gefahr in Sicherheit bringen konnte. Wo ich war, wute ich noch nicht: ob auf dem Festland oder auf einer Insel, ob in bewohnter oder unbewohnter Gegend, ob in Gefahr vor wilden Tieren oder nicht. Etwa eine Meile von mir entfernt, erhob sich ein sehr steiler und hoher Hgel, der einige andere Hgel noch zu berragen schien, die nrdlich von ihm in einer Reihe lagen. Ich nahm eine von den Vogelflinten, eine Pistole und ein Pulverhorn, und, so bewaffnet, machte ich mich auf die Entdeckungsreise zum Gipfel dieses Hgels. Nachdem ich ihn mit vieler Mhe und Beschwerde erklommen hatte, sah ich zu meiner groen Betrbnis mein Schicksal vor mir, nmlich, da ich mich auf einer Insel befand, die rings von der See umgeben war. Nirgends war Land zu sehen, auer ein paar Klippen, die in weiter Ferne lagen, und zwei noch kleineren Inseln etwa drei Meilen weit westlich. Ich sah auch, da die Insel, auf der ich stand, de und allem Anschein nach nicht bewohnt war, auer von wilden Tieren, von denen mir jedoch keines zu Gesicht kam. Ich sah nur eine Menge Federvieh, ohne aber zu wissen, welcher Art und ob es ebar wre oder nicht, wenn ich es schsse. Auf dem Rckweg scho ich einen groen Vogel, den ich am Rande eines groen Waldes auf einem Baum sitzen sah. Ich glaube, das war der erste Schu, der hier fiel seit Erschaffung der Welt; ich hatte kaum losgebrannt, als von allen Seiten aus dem Walde zahllose Scharen von Gevgel aller Art aufstoben und einen wirren Lrm vollfhrten, jedes auf seine Weise krhend und schreiend, keines aber von irgendeiner Gattung, die ich kannte. Das von mir geschossene Tier nahm ich fr eine Art Habicht, seiner Farbe und seinem Schnabel nach, obwohl es keine besonders groen Fnge und Klauen hatte; sein Fleisch schmeckte nach Aas und war nicht zu gebrauchen. Mit dieser Entdeckung lie ich's genug sein, ging zu meinem Flo zurck und machte mich daran, meine Ladung an Land zu schaffen, womit ich den ganzen brigen Tag zubrachte. Was ich in der Nacht mit mir anfangen und wo ich schlafen sollte, wute ich nicht; denn mir graute davor, mich auf den Boden zu legen, aus Furcht, von wilden Tieren zerrissen zu werden, obwohl ich hernach fand, da diese Furcht unntig gewesen wre. Nichtsdestoweniger verbarrikadierte ich mich, so gut ich konnte, ringsherum mit den Kisten und Brettern, die ich mitgebracht hatte, und baute mir eine Art Htte als Nachtlager. Wie ich mich mit Nahrung versehen wrde, war mir noch nicht klar; denn ich hatte bisher nur zwei oder drei hasenhnliche Geschpfe aus dem Walde herausrennen sehen, wo ich den Vogel scho. Ich begann nun zu bedenken, da ich noch vielerlei Dinge aus dem Schiff holen knnte, die mir von Nutzen wren, besonders einiges von dem Tauwerk und den Segeln und anderes mehr. Ich beschlo daher, wenn mglich, eine zweite Fahrt zu dem Schiff zu machen; und da ich wute, da der nchste beste Sturm es sicher- lieh gnzlich zerschlagen wrde, so beschlo ich, alles andere beiseite zu lassen, bis ich alles aus dem Schiff geholt htte, was ich nur holen konnte. Ich rief nun meine Gedanken zu Rate, ob ich das Flo wieder mitnehmen sollte. Doch dies schien nicht tunlich. Ich entschlo mich vielmehr, ebenso wie das erstemal bei Ebbe hineinzuschwimmen, nur zog ich, ehe ich meine Htte verlie, meine Kleider aus und behielt nichts am Leibe als ein buntes Hemd, eine leinene Hose und ein Paar Halbschuhe. Ich gelangte an Bord wie zuvor und baute ein neues Flo. Da ich aber nun Erfahrung hatte, machte ich es nicht so unbehilflich wie das erste und belud es auch nicht so schwer. Dennoch brachte ich eine Menge sehr ntzlicher Dinge an Land. Zunchst fand ich im Zimmermannsraum zwei oder drei Scke voll kurzer und langer Ngel, einen groen Schraubenzieher, ein oder zwei Dutzend Beile und vor allem jenes hchst ntzliche Ding, das man Schleifstein nennt. All das verstaute ich zusammen mit einigen Dingen, die dem Stckmeister gehrten, besonders zwei oder drei eisernen Brechstangen, zwei Fssern mit Musketenkugeln, sieben Musketen und noch einer Vogelflinte nebst einem weiteren kleinen Vorrat von Pulver. Ein groer Sack voll Schrot und eine dicke Rolle gewalzten Bleis waren so schwer, da ich sie nicht ber Bord heben konnte. ~Zu alledem nahm ich noch smtliche Kleider, deren ich habhaft werden konnte, sowie ein vorrtiges Toppsegel, eine Hngematte und einiges Bettzeug; und damit belud ich mein zweites Flo und brachte alles zu meiner groen Befriedigung wohlbehalten an Land. Die ganze Zeit ber war ich einigermaen in Sorge, da meine Vorrte am Lande whrend meiner Abwesenheit von wilden Tieren aufgefressen werden knnten. Als ich aber zurckkam, fand ich keine Spur von irgendeinem Besucher; nur sa auf einer der Kisten ein Geschpf, hnlich einer Wildkatze, die bei meinem Nahen ein kleines Stck hinwegsprang und dann wiederum still stand. Sie sa ganz ruhig und ohne Furcht und sah mir voll ins Gesicht, als ob sie Lust htte, meine Bekanntschaft zu machen; ich richtete meine Flinte auf sie; aber da sie das nicht verstand, lie sie es sich nicht anfechten und machte nicht die geringste Miene, davonzulaufen. Hierauf warf ich ihr ein Stckchen Zwieback zu, obwohl ich selbst keinen berflu daran hatte, da mein Vorrat nicht gro war. Indessen, wie gesagt, opferte ich ihr ein Stckchen, und sie kam darauf zu, schnupperte daran, fra es, und es schien ihr zu schmecken; denn sie schaute nach mehr aus; allein ich bedankte mich, ich konnte selber nichts mehr entbehren, und so marschierte sie ab. Als ich meine zweite Fracht an Land hatte, machte ich mich daran, aus dem Segel und einigen Pfhlen, die ich zu diesem Zwecke mir zurechthieb, ein kleines Zelt zu bauen, und dahinein brachte ich alles, was von Regen oder Sonne Schaden nehmen konnte. Alle leeren Kisten und Fsser trmte ich rund um das Zelt, um es gegen jeden pltzlichen Angriff von Mensch oder Tier zu befestigen. Dies getan, verschlo ich die Zelttr von innen mit einigen Brettern, stellte eine leere Kiste von auen davor, breitete eines der Betten auf den Boden, legte meine beiden Pistolen mir nahe zu Hupten und meine Flinte der Lnge nach neben mich und ging so zum ersten Male zu Bett. Ich schlief die ganze Nacht sehr ruhig; denn ich war mde und schlfrig, da ich die Nacht zuvor nur wenig geschlafen und den ganzen Tag schwer gearbeitet hatte. Ich hatte nun das grte Lager von Dingen aller Art, das wohl jemals fr einen Menschen zusammengebracht wurde, und doch war mir's noch nicht genug; denn solange das Schiff aufrecht in seiner Lage verblieb, glaubte ich, alles herausholen zu mssen, was ich nur konnte. So ging ich tglich bei Ebbe an Bord und schaffte noch dies und jenes fort, vor allem soviel Tauwerk, Stricke und Segelgarn wie mglich, nebst einem Stck grober Leinwand, das zum Flicken der Segel bestimmt war, und das Fa mit dem nassen Pulver. Die Segel schnitt ich alle in Stcke, um so viele als mglich auf einmal wegzubringen; denn sie sollten ja nicht mehr als Segel dienen, sondern nur noch als Leinwand. Was mich aber noch mehr freute, war, da ich zu guter Letzt, nachdem ich fnf oder sechs solche Fahrten gemacht hatte und nichts mehr auf dem Schiff vermutete, was der Mhe wert gewesen wre - ich sage, da ich zu guter Letzt ein groes Oxhoft mit Zwieback, drei ansehnliche Fchen mit Rum und Weingeist, eine Bchse mit Zucker und ein Fa mit feinem Mehl entdeckte. Sofort leerte ich das Oxhoft mit Zwieback aus und wickelte Stck fr Stck in Segellappen. Kurz, ich brachte auch das alles wohlbehalten an Land. Am nchsten Tage machte ich noch eine Fahrt, und da ich bereits alles, was trag- und greifbar war. aus dem Schiff fortgeschleppt hatte, machte ich mich nun an die Ankertaue. Ich hieb das groe Tau in Stcke, die ich tragen konnte, und schleppte noch zwei andere Taue und eine Trosse herbei samt allem Eisenwerk, dessen ich habhaft wurde. Dann hieb ich das Bugspriet und die Besanrah herunter und machte aus ihnen und anderem Holzwerk ein groes Flo, belud es mit all diesen gewichtigen Dingen und stie ab. Aber mein guter Stern begann mich nun zu verlassen; denn dieses Flo war so unbehilflich und so berladen, da ich es in der kleinen Bucht, wo ich meine anderen Schtze gelandet hatte, nicht so leicht lenken konnte. Es schlug um und warf mich und meine ganze Ladung ins Wasser. Mir schadete das nicht viel; denn ich war dem Ufer nahe; aber von meiner Ladung ging ein gut Teil zugrunde, insbesondere das Eisen, von dem ich mir groen Nutzen erhofft hatte. Als indessen die Flut abgelaufen war, zog ich die meisten der Tauenden sowie auch einiges Eisen an Land, obwohl mit unendlicher Mhe; denn ich mute danach tauchen, was mich sehr erschpfte. Danach begab ich mich noch tglich an Bord und holte weg, was ich konnte. Ich war nun seit dreizehn Tagen auf dem Lande und war elfmal auf dem Schiffe gewesen, und in dieser Zeit hatte ich alles weggeschleppt, was zwei Hnde nur immer schleppen konnten. Dennoch glaube ich wahrlich, wenn das ruhige Wetter angehalten htte, so htte ich das ganze Schiff Stck fr Stck herbergeholt; aber als ich mich zur zwlften Fahrt rstete, merkte ich, da Wind aufkam. Dennoch schwamm ich bei Niedrigwasser an Bord, und obwohl ich die Kajte bereits so grndlich durchstbert hatte, da ich dort nichts mehr zu finden erwartete, entdeckte ich doch noch ein Kstchen mit Schubladen, in deren einer ich zwei oder drei Schermesser und eine groe Schere nebst zehn oder zwlf guten Messern und Gabeln entdeckte; in einer anderen fand ich bei 36 Pfund Sterling bares Geld, teils europische, teils brasilianische Mnze, einige Stcke in Nickel, einige in Gold, einige in Silber. Ich lachte beim Anblick dieses Geldes in mich hinein. - Du Quark, sagte ich laut, wozu bist du ntze? Fr mich bist du nichts wert, nicht einmal da ich dich vom Boden aufhebe. Ein einziges von den Messern hier ist mehr wert als dieser ganze Haufen; ich kann dich nicht brauchen, bleib, wo du bist, und gehe unter, es lohnt sich nicht, dir das Leben zu retten! Doch als ich mich besser bedachte, nahm ich es weg und wickelte es mit allem ndern in ein Stck Segeltuch. Nunmehr dachte ich daran, ein neues Flo zu bauen; aber als ich mich eben daran machen wollte, bemerkte ich, da der Himmel sich bedeckt hatte. Der Wind hatte sich erhoben, und in einer Viertelstunde blies er schon krftig vom Lande her. Sogleich fiel mir ein, da es vergebliche Mhe sein wrde, ein Flo zu bauen, wenn der Wind vom Lande wehte, und da ich mich fortmachen msse, ehe noch die Flut kme, weil ich sonst nicht mehr imstande sein wrde, die Kste berhaupt zu erreichen. Ich lie mich also hinunter und schwamm durch das Wasser, das zwischen dem Schiff und den Sandbnken lag, und auch das ging nur schwierig vonstatten, teils wegen der Schwere der Sachen, die ich bei mir trug, teils wegen der Unruhe des Wassers; denn der Wind kam sehr schnell auf, und ehe noch die Flut aufgelaufen war, tobte ein Sturm. Aber ich lag schon daheim in meinem kleinen Zelt, mit all meinem Reichtum wohlgeborgen um mich her. Die ganze Nacht strmte es heftig, und am Morgen, als ich hinausguckte, schau, da war kein Schiff mehr zu sehen. Ich war ein wenig erschrocken, erholte mich aber durch den beruhigenden Gedanken, da ich weder Zeit noch Flei gespart hatte, um alles, was mir ntzlich sein konnte, herauszuschaffen, und da wirklich nicht mehr viel zu holen gewesen wre, selbst wenn ich noch mehr Zeit gehabt htte. Ich lie also nun alle Gedanken an das Schiff fahren und an alles, was darin war, auer dem, was vielleicht von dem Wrack noch an Land treiben mochte, wie es in der Tat hernach mit einigen Gegenstnden geschah, die jedoch von geringem Nutzen fr mich waren. Meine Gedanken waren jetzt nur noch darauf gerichtet, wie ich mich gegen Wilde, die sich etwa zeigen mchten, oder gegen Raubtiere, wenn deren auf der Insel vorhanden wren, verschanzen knnte. Mir ging allerhand durch den Kopf, wie ich das machen und welche Art Wohnung ich mir bauen sollte: ob ich mir eine Hhle in der Erde oder ein Zelt ber der Erde machen sollte. Kurz, ich entschlo mich zu allem beiden. Und es mag nun der Ort sein, zu beschreiben, wie ich es anfing. Ich merkte bald, da der Platz, an dem ich mich befand, nicht zum Wohnen taugte, vor allem, weil der Grund hier in der Nhe des Meeres morastig war und mir daher ungesund erschien, noch mehr aber, weil kein frisches Wasser in der Nhe war. Ich beschlo also, mich nach einem gesnderen und passenderen Stck Land umzuschauen. Viererlei Dinge schienen mir in meiner Lage die wichtigsten fr mich zu sein: erstens gesunde Luft und frisches Wasser, wie eben erwhnt; zweitens Schutz vor der Glut der Sonne; drittens Sicherheit vor ruberischen Kreaturen, gleichviel ob Mensch oder Tier; viertens freie Aussicht nach der See, damit ich, wenn Gott mir ein Schiff in Sicht schickte, keine Gelegenheit zu meiner Befreiung verlieren mchte; denn von dieser Hoffnung wollte ich noch nicht lassen. Auf der Suche nach einem solchen Platz fand ich eine kleine Ebene neben einem Hgel, dessen Vorderseite gegen diese Ebene hin steil wie eine Hauswand abfiel, so da vom Gipfel nichts zu mir herabkommen konnte. In der Wandung dieses felsigen Hgels befand sich eine Vertiefung, hnlich dem Eingang oder der Tr zu einer Hhle, die aber nicht tiefer in den Felsen hineinfhrte. Auf der grnen Flche just vor dieser Hhlung beschlo ich nun, mein Zelt aufzuschlagen. Diese Flche war nicht ber hundert Schritt breit und ungefhr zweimal so lang und lag wie ein Grtchen vor meiner Tr. Am Rande fiel sie berall unregelmig zu den Niederungen des Ufers ab. Sie lag an der Nordnordwestseite des Hgels, so da ich den ganzen Tag ber vor der Hitze geschtzt war, bis die Sonne etwa in Sdwest und also schon im Untergang stand. Bevor ich mein Zelt aufschlug, zog ich vor der Hhlung einen Halbkreis, dessen Halbmesser vom Felsen aus etwa zehn Schritt und dessen Durchmesser von einem Ende bis zum ndern etwa zwanzig Schritt betrug. In diesen Halbkreis steckte ich zwei Reihen starker Stangen, die ich in den Boden trieb, bis sie ganz fest standen wie Pfhle. Das lngste Ende stand etwa fnfeinhalb Fu ber dem Boden, und alle waren oben zugespitzt. Beide Reihen hatten einen Abstand von etwa sechs Zoll. Dann legte ich die Tauenden reihenweise bereinander zwischen diese beiden Pfahlzune bis oben hin und spreizte andere Pfhle von innen dagegen in zweieinhalb Fu Hhe wie Streben, und dieses Gehege war nun so stark, da weder Mensch noch Tier hindurch oder darber hinweg konnte. Das kostete mich viel Zeit und Mhe, besonders die Pfhle im Walde zu hauen, sie an Ort und Stelle zu bringen und in die Erde zu treiben. Als Eingang zu diesem Platz machte ich keine Tr, sondern eine kurze Leiter, auf der man hinbersteigen konnte. War ich drinnen, so zog ich diese Leiter hinter mir hoch und war auf diese Weise nun meiner Meinung nach gegen alle Welt vllig umzunt und verschanzt. Ich schlief nun die ganze Nacht in aller Ruhe, was sonst nicht mglich gewesen wre, obwohl sich hernach herausstellte, da alle diese Vorsorge gegen befrchtete Feinde nicht ntig gewesen wre. In diesen Zaun oder diese Schanze schleppte ich mit unendlicher Mhe meinen ganzen Reichtum, all meinen Proviant, Munition und Werkzeug und baute ein groes Zelt, und zwar ein doppeltes, ein kleineres inwendig und ein greres darber zum Schutz gegen die Regenflle, die in einem Teil des Jahres dort sehr heftig sind. Das uere deckte ich mit einer groen Persenning, die ich bei den Segeln gefunden hatte. Und nun schlief ich eine Zeitlang nicht mehr in dem Bett, das ich an Land gebracht hatte, sondern in einer Hngematte, die wirklich sehr gut war und dem Steuermann des Schiffes gehrt hatte. In dieses Zelt brachte ich all meinen Proviant und alles, was durch die Nsse verderben konnte. Und als ich so all mein Hab und Gut beisammen hatte, schlo ich den Eingang, den ich bis dahin offen gelassen hatte, und stieg, wie gesagt, mittels einer kurzen Leiter ein und aus. Dies getan, begann ich mich in den Felsen hineinzuarbeiten; alle Erde und Steine, die ich ausgrub, schttete ich innerhalb meines Zaunes auf, so da der innere Grund um etwa eineinhalb Fu hher wurde. Auf diese Weise schuf ich mir eine Hhlung unmittelbar hinter meinem Zelt, die mir als Keller zu meinem Hause diente. Es kostete mich viele Arbeit und manchen Tag, bis ich all das zuwege gebracht hatte; und ich mu nun auf einige andere Dinge zurckkommen, die mir zu schaffen machten. Whrend ich nmlich den Plan zu dem Bau von Zelt und Keller entwarf, geschah es, da aus einer dicken, schwarzen Wolke eine wahre Flut von Regen sich ergo und ein jher Blitz niederfiel, dem ein starker Donnerschlag folgte. Ich erschrak nicht so sehr ber den Blitz wie ber einen Gedanken, der mich ebenso grell wie der Blitz selber durchfuhr: Ach, mein Pulver! Das Herz sank mir in die Brust, als ich daran dachte, da mit einem Schlage all mein Pulver draufgehen knnte, von dem doch nicht nur meine Verteidigung, sondern auch meine Ernhrung vllig abhing. An meine eigene Gefahr dachte ich dabei nicht so sehr, obwohl ich, wenn das Pulver in die Luft geflogen wre, aller weiteren Sorgen fr immer ledig gewesen wre. Dies ging mir so zu Herzen, da ich, als das Gewitter vorbei war, all meine Arbeit, mein Bauen und Schanzen liegen lie und daran ging, Beutel und Ksten zu machen, in die ich das Pulver in kleinen Portionen und in mglichst groen Abstnden verteilte, damit, wenn ja ein Unglck geschhe, nicht alles zugleich aufflge und nicht eines am ndern Feuer finge. Ich wurde damit in etwa vierzehn Tagen fertig und teilte mein Pulver, das insgesamt etwa 240 Pfund wog, in nicht weniger als hundert Pckchen. Was das Fa betrifft, das na geworden war, so befrchtete ich keine Gefahr davon; ich stellte es daher in meine neue Hhle, die ich in Gedanken meine Kche nannte, und das brige versteckte ich in hher oder tiefer gelegenen Felslchern, so da keine Nsse daran kommen konnte, und kennzeichnete sorgfltig die Stellen, wo es lag. Zwischen dieser Arbeit ging ich mindestens einmal am Tage mit meiner Flinte aus, teils zu meinem Vergngen, teils um zu sehen, ob ich irgend etwas Ebares schieen knnte, und um nach und nach zu erkundigen, was wohl auf der Insel wchse. Gleich beim ersten Mal entdeckte ich zu meiner groen Genugtuung, da Ziegen auf der Insel lebten; es stellte sich aber bald heraus, da sie so scheu, so listig und so schnellfig waren, da es ungeheuer schwierig war, ihnen beizukommen. Ich lie mich aber nicht entmutigen und lauerte ihnen, nachdem ich ihre Schlupfwinkel aufgesprt hatte, in folgender Weise auf: Ich hatte die Beobachtung gemacht, da sie, wenn sie mich in den Tlern erblickten, in schrecklicher Angst davonsprangen, selbst wenn sie oben auf den Felsen waren; sten sie aber in den Tlern und war ich oben auf den Felsen, so beachteten sie mich nicht, woraus ich schlo, da infolge des Baues ihrer Augen ihr Gesicht so nach unten gerichtet war, da sie Dinge, die ber ihnen waren, nur schwer wahrnehmen konnten. Ich kletterte demnach immer zuvor auf den Felsen, um ber sie zu kommen, und hatte dann hufig gute Beute. Beim ersten Schu ttete ich zu meinem Leidwesen eine Gei, die ein Junges bei sich hatte, das sie sugte. Aber als die Alte fiel, blieb das Kitz stockstill daneben stehen, bis ich kam und die Beute aufnahm; ja, als ich sie auf meinen Schultern davontrug, trabte das Kitz hinter mir drein bis zu meinem Zaun, worauf ich die Gei niederlegte und das Kitz in meine Arme nahm und ber das Pfahlwerk hinbertrug, in der Hoffnung, es mir zahm aufzuziehen; aber es wollte nicht fressen, und so war ich gezwungen, es selbst aufzuessen. Diese beiden versorgten mich fr eine Weile mit Fleisch; denn ich a sparsam und schonte meine Vorrte (besonders mein Brot) soviel wie mglich. Nachdem ich so meine Wohnung eingerichtet, schien mir das Wichtigste, fr einen Feuerplatz und Brennholz zu sorgen; wie ich das anfing und wie ich auch meinen Keller erweiterte und sonst noch allerhand Annehmlichkeiten mir schuf, davon will ich an seinem Ort ausfhrlich reden. Zunchst aber mu ich ein wenig von mir selber sprechen und was ich mir fr Gedanken ber mein Leben machte; es waren ihrer, wie man sich denken kann, nicht wenige. Meine Aussichten waren dster; denn angesichts dessen, da ich auf dieses Eiland verschlagen worden war, indem, wie geschildert, ein heftiger Sturm mich vllig aus dem Kurs unserer beabsichtigten Reise geworfen hatte, Hunderte von Meilen weit von den brigen Verkehrswegen der Menschheit, so hatte ich allen Grund, anzunehmen, der Himmel habe beschlossen, da ich an diesem verlassenen Ort und in diesem verlassenen Zustand mein Leben endigen solle. Wenn ich daran dachte, liefen mir die heien Trnen bers Gesicht, und zuweilen haderte ich mit mir selbst darber, warum denn die Vorsehung ihre Geschpfe so ganz verderbe und ins Elend stoe, so vllig hilflos, so tiefgebeugt, da es kaum noch einen Sinn haben kann, ihr fr so ein Leben zu danken. Immer jedoch regte sich sogleich etwas in mir, das diesen Gedanken Einhalt gebot und mich zurechtwies; und besonders eines Tages, als ich, mit meinem Gewehr in der Hand und in Gedanken ber meine Lage versunken, am Meere hinging, schalt mich meine Vernunft und hielt mir die Dinge von einer anderen Seite vor. Gut, sagte sie, es ist wahr, du bist verlassen; aber denke bitte einmal daran, wo deine Gefhrten sind! Stiegen euer nicht elf ins Boot? Wo sind die zehn? Warum wurden sie nicht gerettet und du ertrankst? Warum wurdest du ausgesondert? Ist es besser, hier zu sein oder dort? - Und dabei deutete ich auf die See. Bei allen beln mu man auch das Gute bedenken, das sie an sich haben, und das noch Schlimmere, das htte kommen knnen. Und weiter dachte ich, wie gut ich mit allem Ntigen versorgt sei und wie es wohl um mich stnde, wenn es nicht so gekommen wre (wofr die Chancen hunderttausend zu eins standen), da das Schiff von der Stelle, wo es zuerst festsa, weggeschwemmt und so nahe an die Kste herangetrieben wurde, da ich Zeit hatte, mir all diese Dinge herauszuholen, und wenn ich in dem Zustand htte weiterleben mssen, in dem ich zuerst an Land kam, ohne alle Lebensnotdurft und ohne Mittel, sie mir zu verschaffen. - Besonders, so sagte ich laut zu mir selber, was htte ich getan ohne eine Bchse, ohne Munition, ohne Werkzeug, ohne Kleider, Bett, Zelt oder sonst eine Bedachung? An alledem hatte ich nun reichlichen Vorrat und konnte zuversichtlich hoffen, mich so zu versorgen, da ich auch ohne meine Bchse leben knnte, wenn einmal meine Munition verschossen wre. Denn ich dachte von Anfang an daran, mich gegen alle nur mglichen Zuflle und fr alle Zukunft zu verwahren, nicht allein fr den Fall, da mir die Munition ausginge, sondern auch fr den Fall von Krankheit und Schwche. Nur an das eine hatte ich, wie ich gestehen mu, nicht gedacht, da meine Munition auf einen Schlag vernichtet werden knnte, ich meine, da mein Pulver durch einen Blitz in die Luft gesprengt werden knnte, weshalb ich denn auch, wie ich soeben erzhlte, so bestrzt war, als es blitzte und donnerte und mir dabei diese Mglichkeit einfiel. Indem ich nun mit der schwermtigen Schilderung eines Lebens in Schweigen, dergleichen die Welt wohl nie zuvor vernommen, beginnen soll, will ich ganz von vorne anfangen und dann eines nach dem ndern berichten. Es war nach meiner Rechnung der 30. September, als ich, wie oben erzhlt, zuerst den Fu auf diese furchtbare Insel setzte. Die Sonne, fr uns in der Herbst-Tagundnachtgleiche, stand just ber meinem Scheitel; denn ich befand mich, wie ich berechnete, unter 9 221' nrdlicher Breite. Als ich etwa zehn oder zwlf Tage dort war, fiel mir ein, da ich aus Mangel an Papier, Feder und Tinte die Zeitrechnung verlieren und wohl gar die Sonntage nicht mehr von den Werktagen unterscheiden wrde. Um das zu verhten, schnitt ich mit meinem Messer in groen Buchstaben in einen dicken Pfahl: Ich kam hier an Land am 30. September 1659, machte ein groes Kreuz daraus und richtete es am Ufer auf, wo ich gelandet. In die Seiten dieses vierkantigen Pfahles schnitt ich jeden Tag eine Kerbe, und jede siebente Kerbe war doppelt so lang wie die ndern und jeder erste Tag des Monats wiederum doppelt so lang wie die Sonntagskerbe. So fhrte ich meinen Kalender oder meine wchentliche, monatliche und jhrliche Zeitrechnung. Ferner ist zu bemerken, da sich unter all den Dingen, die ich nach und nach aus dem Schiff holte, schlielich auch Federn, Tinte und Papier fanden sowie einige Bndel Schriften, die dem Kapitn, dem Steuermann, dem Stckmeister und dem Zimmermann gehrt hatten, drei oder vier Kompasse, einige mathematische Instrumente, Sonnenuhren, Fernglser, Karten, Schiffsjournale, die ich alle zusammenpackte, ob ich sie brauchen konnte oder nicht. Auch fand ich drei sehr gute Bibeln, die mir mit meinen Sachen aus England geschickt worden waren, ferner einige portugiesische Bcher, darunter zwei oder drei katholische Gebetbcher und etliche andere, die ich alle sorgfltig aufhob. Ich darf auch nicht vergessen, da wir einen Hund und zwei Katzen im Schiff hatten, von deren bemerkenswerter Geschichte ich am rechten Ort Gelegenheit nehmen werde, einiges zu vermelden; denn ich nahm beide Katzen mit mir; der Hund aber sprang tags, nachdem ich meine erste Fracht gelandet, selber ber Bord, schwamm zu mir ans Ufer und wurde mir ein treuer Diener fr viele Jahre. Er brachte mir alles herbei, was er nur konnte, und war immer eifrig um mich her. Nur eines fehlte mir: da er mit mir redete; aber das konnte er nicht. Mit Papier, Federn und Tinte ging ich uerst sparsam um, und man wird sehen, da ich, solange meine Tinte reichte, alles sehr genau aufschrieb. Als sie aber verbraucht war, war es damit aus; denn ich war auf keine erdenkliche Weise imstande, Tinte zu machen. Ungeachtet alles dessen, was ich zusammengeschleppt hatte, fehlte mir eben doch vielerlei; so die Tinte, so auch vor allem Spaten. Haue und Schaufel, um die Erde zu graben und aufzuwerfen, Stecknadeln, Nhnadeln und Zwirn. Was Leinwand angeht, so lernte ich sie bald ohne Schwierigkeit entbehren. Dieser Mangel an Gert machte jede Arbeit, an die ich ging, schwer und langwierig. Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis ich meine kleine Pfahlburg oder umzunte Wohnung ganz fertig hatte: die Pfhle oder Stangen, die so schwer waren, da ich sie eben noch tragen konnte, nahmen viel Zeit weg, bis ich sie im Walde ab-und zurechtgehauen, und noch mehr, bis ich sie nach Hause geschleppt. Ich brauchte daher manchmal zwei Tage zum Abhauen und Heimbringen eines einzigen solchen Pfahles und einen dritten Tag, um ihn in die Erde einzuschlagen. Dazu bentzte ich anfangs ein schweres Stck Holz, spter aber verfiel ich auf eine der Brechstangen, mit der es aber immer noch ein mhseliges, langwieriges Arbeiten war. Doch was brauchte ich mich ber die Mhseligkeit der Arbeit zu grmen, da ich ja Zeit genug dazu hatte und auch, wenn dies getan war, keine andere Ttigkeit meiner harrte (wenigstens soweit ich voraussehen konnte), als auf der Insel umherzustreifen und nach Nahrung zu suchen, was ich denn auch mehr oder weniger tglich tat. Nunmehr begann ich ernstlich ber meine Lage nachzudenken und den Stand der Dinge niederzuschreiben, nicht so sehr, um es jemandem zu hinterlassen, denn es sah nicht so aus, als ob ich viele Erben haben wrde, sondern vielmehr, um meine eigenen Gedanken, die sich tglich damit abqulten und mein Gemt verdsterten, zu befreien. Ich setzte Gut gegen Bse, um daran meinen Zustand von einem noch schlimmeren zu unterscheiden, und stellte ganz unparteiisch die Wohltaten, die ich geno, dem Unglck, gleichsam wie Debet und Kredit, folgendermaen gegenber: Ich hin auf eine einsame Insel verschlagen, ohne alle Hoffnung, wieder fortzukommen. Ich bin zu lauter Unglck ausgesucht und von aller Welt abgesondert. Aber ich lebe und bin nicht ertrunken wie alle meine Schiffsgefhrten. Aber ich bin auch aus der ganzen Schiffsbesatzung ausgesucht, um vor dem Tode errettet zu werden; und er, da mich wunderbar vom Tode errettete, kann mich auch aus dieser Lage befreien. Ich bin von allen Menschen getrennt, ein Einsiedler und aus aller menschlichen Gesellschaft Verbannter. Ich habe keine Kleider, um mich zu bedecken. Aber ich hin nicht verhungert und verdorben an einem unfruchtbaren Ort, der keim Nahrung bietet. Aber ich bin in einem heien Klima, wo ich keine Kleider tragen knnte, selbst wenn ich welche htte. Ich bin ohne Schutz und Waffen gegen Angriffe von Mensch oder Tier. Aber ich bin auf eine Insel verschlagen, wo ich keine wilden Tiere erblicke, die mir schaden knnten, wie ich sie an der afrikanischen Kste gesehen; und wie, wenn ich dort gescheitert wre? Ich habe keine Menschenseele, zu der ich reden und bei der ich Trost finden knnte. Aber Gott schickte das Schiff wie durch ein Wunder so nah an die Kste, da ich mir so viele ntige Dinge daraus holen kennte, durch die ich versorgt bin oder mit deren Hilfe ich mich werde selber versorgen knnen, solange ich lebe. Alles in allem war hier ein unzweifelhaftes Zeugnis dafr, da es kaum eine, wenn auch noch so jmmerliche Lage in der Welt gibt, die nicht neben dem Negativen auch etwas Positives hat, fr das man dankbar sein mu; und mge dies als eine Mahnung gelten von seiten eines, der selber die elendeste Lage durchgemacht hat, in die ein Mensch auf dieser Welt geraten kann, da sich dabei doch immer noch etwas finden lt, womit wir uns trsten knnen und was wir bei der Gegenberstellung von Gut und Schlecht auf die Habenseile der Rechnung setzen knnen. Nachdem ich solcherart mein Gemt ein wenig mit meinem Zustand ausgeshnt und auch das viele Hinaussphen ins Meer nach einem Schiff aufgegeben hatte, begann ich mir mein neues Leben einzurichten und mir alles so behaglich wie mglich zu machen. Meine Wohnung habe ich bereits beschrieben, nmlich, da es ein Zelt an einer Felswand war, umgeben von einem starken Zaun aus Pfhlen und Tauwerk, den ich aber nun eigentlich eine Mauer nennen sollte; denn ich baute an die Auenseite eine zwei Fu dicke Torfschicht an; und etwa anderthalb Jahre spter lehnte ich von dieser Mauer aus Sparren gegen die Felsen und deckte sie mit Zweigen und anderen Dingen, die den Regen abhielten, der zu gewissen Jahreszeiten mit groer Gewalt niederfiel. Ich habe schon erwhnt, wie ich all meine Habe in diese Umzunung brachte und in den Keller, den ich hinter mir gegraben. Aber ich mu nun hinzufgen, da es zuerst nur ein wirrer Haufen von Sachen war, der so viel Platz einnahm, da ich mich kaum umdrehen konnte. So ging ich daran, meinen Keller noch tiefer in den Felsen hineinzuhhlen; denn es war ein lockeres, sandiges Gestein, das leicht nachgab. Als ich so weit war, da ich mich leidlich sicher vor Raubtieren glaubte, arbeitete ich mich seitwrts nach rechts in den Felsen, wandte mich dann nochmals nach rechts und stie bis ins Freie durch und schuf mir auf diese Weise einen Ausgang auerhalb meiner Verschanzung und zugleich Raum genug, um meine Sachen zu verstauen. Und nun begann ich mich darauf zu verlegen, mir die Dinge anzufertigen, die ich am ntigsten brauchte, vor allem einen Stuhl und einen Tisch; denn ohne diese konnte ich die wenigen Bequemlichkeiten, die ich in der Welt hatte, nicht genieen. Ich konnte ohne Tisch weder mit Behagen schreiben noch essen, noch verschiedene andere Dinge tun. So ging ich ans Werk; und hier mu ich anmerken, da, wie verstandesmige berlegung das Wesen und der Ursprung der Mathematik ist, so auch jedermann imstande ist, durch Betrachtung und Berechnung aller Dinge und durch gesunden Menschenverstand mit der Zeit jegliches Handwerk zu meistern. Ich halle niemals im Leben ein Werkzeug gehandhabt; aber jetzt merkte ich nach und nach durch Arbeit, Flei und bung, da ich alles htte herstellen knnen, was ich brauchte, besonders wenn ich Werkzeug gehabt htte; immerhin, ich brachte unzhlige Dinge auch ohne Werkzeug zustande, und andere nur mit Beil und Axt, die vielleicht noch nie auf diese Art gemacht worden waren. Und das gab unendliche Mhe. Wenn ich zum Beispiel ein Brett brauchte, blieb mir kein anderer Weg, als einen Baum zu fllen und ihn auf beiden Seiten mit der Axt zu behauen, bis er so dnn und platt wie eine Planke war. Ich konnte auf diese Art zwar nur ein Brett aus einem ganzen Baum machen; aber meine Zeit und Arbeit waren nur wenig wert und auf diese Art ebensogut angewandt wie auf jede andere. Ich machte mir also zuerst einen Tisch und einen Stuhl, wie schon gesagt, und zwar aus den kurzen Brettern, die ich auf meinem Flo vom Schiff gebracht hatte, und nachdem ich dann selbst einige Bretter in der beschriebenen Art zugehauen hatte, machte ich lange, anderthalb Fu breite Borde, die ich lngs der einen Wandung meiner Hhle befestigte, um all mein Werkzeuge, Ngel und Eisen daraufzulegen, mit einem Wort, um alles mglichst weitlufig so zu verwahren, da ich es leicht erreichen konnte. Ich schlug Pflcke in die Wand, um mein Gewehr und alles, was hngen wollte, daran aufzuhngen. Wer jetzt meine Hhle gesehen htte, htte sie fr einen Laden fr alles, was ein Mensch braucht, ansehen knnen; jede Sache war mir so zur Hand, da es mich herzlich freute, all mein Hab und Gut so ordentlich beieinander zu sehen und einen so groen Vorrat an allem Notwendigen zu haben. Und nun begann ich ein Tagebuch ber meine tgliche Beschftigung zu fhren; denn vorher war ich in zu groer Hast gewesen und nicht allein in Hast und Arbeit, sondern auch in zu groer Verwirrung meines Gemts, so da mein Tagebuch voll unerquicklicher Dinge gewesen wre. Zum Beispiel htte ich sagen mssen: 30. September. Nachdem ich die Kste erreicht hatte und dem Ertrinken entgangen war und mich von all dem Salzwasser, das ich geschluckt und wieder ausgebrochen, etwas erholt hatte, lief ich, anstatt Gott fr meine Rettung zu danken, an der Kste auf und ab, die Hnde ringend, mir Kopf und Gesicht zerschlagend, und klagte ber mein Elend und schrie: Verloren! Verloren! Bis ich mich mde und schwach auf den Boden legen mute, um auszuruhen, aber nicht einzuschlafen wagte, aus Furcht, von wilden Tieren verschlungen zu werden. Einige Tage spter, nachdem ich an Bord des Schiffes gewesen war und alles, was ich nur konnte, herausgeschleppt hatte, trieb es mich, auf den Gipfel eines kleinen Berges zu steigen, um in die See zu lugen, in der Hoffnung, ein Schiff zu sichten. Dann bildete ich mir ein, in groer Entfernung ein Segel zu sehen, und schwelgte in Hoffnung, bis ich es, nachdem ich mich fast blind geschaut, wieder vllig verlor und mich hinsetzte und wie ein Kind weinte und so mein Elend durch meine Torheit noch vergrerte. Erst als ich ber diese Dinge leidlich hinweggekommen war, mir Haushalt und Wohnung eingerichtet, mir einen Tisch und Stuhl gemacht und alles so hbsch, wie ich irgend konnte, hergerichtet hatte, begann ich mein Tagebuch zu fhren, von dem ich hier eine Abschrift geben will (obwohl darin alle diese Einzelheiten nochmals erzhlt werden), soweit ich es fhren konnte; denn als ich keine Tinte mehr hatte, mute ich damit aufhren. ~DAS TAGEBUCH 30.September 1659. Ich armer, elender Robinson Crusoe wurde, nachdem ich in einem schrecklichen Sturm auf offener See Schiffbruch erlitten, an die Kste dieser trostlosen, unglckseligen Insel verschlagen, die ich die Insel der Verzweiflung nannte, als einziger Geretteter der ganzen ertrunkenen Besatzung, selbst auch halb tot. Den ganzen Rest dieses Tages verbrachte ich damit, mich ber die trostlose Lage zu grmen, in die ich geraten war; denn ich hatte weder Nahrung, Haus, Kleider, Waffen noch Zuflucht und sah in meiner Hoffnungslosigkeit nichts ab den Tod vor mir, nmlich entweder, da ich von Raubtieren verschlungen oder von Wilden ermordet werden wrde oder aus Mangel an Nahrung verhungern mte. Bei Anbruch der Nacht schlief ich in einem Baum, aus Furcht vor wilden Tieren, und schlief fest, obwohl es die ganze Nacht regnete. 1. Oktober. Am Morgen sah ich zu meiner groen berraschung, da das Schiff mit der Flut getrieben war, und zwar viel nher an die Insel heran, so da ich einerseits, da es aufrecht lag und nicht geborsten war, hoffen konnte, bei nachlassendem Wind an Bord zu gelangen, um mir einige Nahrung und notwendigste Dinge zu meiner Hilfe zu holen; andererseits packte mich der Schmerz ber den Verlust meiner Kameraden aufs neue bei dem Gedanken, da wir vielleicht das Schiff htten retten knnen, wenn wir alle an Bord geblieben wren, oder wenigstens, da sie nicht alle ertrunken wren und da wir uns, wenn die Mannschaft gerettet worden wre, aus den Trmmern des Schiffes ein neues htten bauen knnen, das uns an einen anderen Ort der Erde gebracht htte. Ich verbrachte ein gut Teil des Tages mit derlei erschtternden Gedanken; aber schlielich ging ich, da das Schiff fast trocken lag, so weit ich konnte, auf den Strand hinaus und schwamm dann an Bord. Auch heute hat es den ganzen Tag geregnet, obwohl nicht der leiseste Wind ging. Vom 2. bis 24. Oktober. Alle diese Tage verbrachte ich mit den Fahrten zu dem Wrack, um alles, was ich konnte, mit jeder Flut auf Flen an Land zu bringen. Auch in diesen Tagen viel Regen, ein paarmal von schnem Wetter unterbrochen ; aber es scheint, es war gerade Regenzeit. 20. Oktober. Ich kenterte mit meinem Flo samt der ganzen Ladung; aber da ich mich in seichtem Wasser befand und die meisten Dinge schwer waren, konnte ich ein gut Teil davon bei Ebbe zurckholen. 25. Oktober. Es regnete Tag und Nacht mit einigen Windben, von denen das Schiff zerbrach, als sie strker wurden. Es war nichts mehr von ihm zu sehen als das Wrack, und auch dies nur bei Ebbe. Ich benutzte diesen Tag zum Verstauen aller Dinge, die ich gerettet hatte, damit der Regen sie nicht verdrbe. 26. Oktober. Ich wanderte fast den ganzen Tag an der Kste entlang, um einen Platz zu finden, wo ich meine Wohnung einrichten knnte, und war hauptschlich darauf bedacht, mich fr die Nacht vor Angriffen von Mensch oder Tier zu sichern. Gegen Nacht entschied ich mich fr einen freien Platz unter einem Felsen und steckte einen Halbkreis fr meine Lagersttte ab, den ich mit einer Schanze aus doppelten Pfhlen zu umgeben beschlo, die innen mit Tauen ausgefllt und auen mit Rasen belegt wren. Vom 26. bis 30. arbeitete ich sehr hart, um alle meine Sachen in meine neue Wohnstatt zu bringen, obwohl es zeitweise sehr stark regnete. Am 31. morgens ging ich mit meinem Gewehr aus. tiefer in die Insel hinein, um mir Nahrung zui verschaffen und das Land zu erkunden. Ich ttete eine Gei, und ihr Junges folgte mir nach Hause, wo ich es hernach auch schlachten mute, da es nicht fressen wollte. 1.November. Ich errichtete mein Zelt unter einem Felsen, machte es so gro als mglich und schlief dort die erste Nacht, nachdem ich Pflcke zum Aufhngen meiner Hngematte eingeschlagen hatte. 2.November. Ich trmte alle Kisten und Breiter aufeinander, samt den Hlzern, aus denen ich mein Flo gemacht hatte, und errichtete eine Schulzwehr aus ihnen, etwas innerhalb des Platzes, den ich fr meine Schanze bestimmt hatte. 3.November. Ich ging mit meinem Gewehr aus und ttete zwei entenhnliche Vgel, die sich gut essen lieen. Am Nachmittag ging ich daran, einen Tisch zu machen. 4. November. Diesen Morgen begann ich mir eine Tageseinteilung zu machen, eine Zeit zum Schlafen, zur Erholung und zum Ausgehen mit dem Gewehr; nmlich jeden Morgen ging ich mit meinem Gewehr zwei oder drei Stunden fort, wenn es nicht regnete; dann arbeitete ich bis um elf Uhr, a, was ich zu essen hatte, legte mich von zwlf bis zwei Uhr schlafen, da es bermig hei war, und arbeitete dann wieder abends. Die ganze Arbeitszeit dieses und des nchsten Tages verwandte ich darauf, meinen Tisch zu machen, da ich nur ein armseliger Stmper war, obgleich Zeit und Not mich bald auf natrlichste Weise zu einem vollkommenen Handwerker machten, wie es wohl jedem in meiner Lage geschehen wrde. 5.November. An diesem Tage ging ich mit meinem Gewehr und Hund aus und erlegte eine Wildkatze mit einem hbschen weichen Fell, aber vllig ungeniebarem Fleisch. Jedem Tier, das ich scho, zog ich das Fell ab und hob es auf. Als ich an die Kste zurckkam, sah ich viele Seevgel, die ich nicht kannte, verwunderte mich aber, ja erschrak fast ber zwei Seehunde, die, whrend ich sie noch anstarrte und nicht wute, was das fr Wesen seien, wieder ins Meer schlpften und mir so fr diesmal entwischten. 6. November. Nach meinem Morgenspaziergang begab ich mich wieder an die Arbeit und machte meinen Tisch fertig, obwohl nicht nach meinem Sinn. Doch lernte ich bald, ihn zu verbessern. 7. November. Jetzt begann es, bestndig gut Wetter zu werden. Den 7., 8., 9., 10. und einen Teil des 12. (denn der 11. war Sonntag) gebrauchte ich ganz, um meinen Stuhl zu machen, der zwar halbwegs eine Form hatte, aber mir nie so recht gefiel; beim Machen selber ri ich ihn mehrmals wieder auseinander. NB. Ich vernachlssigte meinen Sonntag bald; denn da ich oft verga, die Kerbe in meinen Pfahl zu schneiden, kannte ich mich schlielich nicht mehr aus. 13. November. Heute fiel Regen, der mich auerordentlich erfrischte und die Erde abkhlte; aber er wurde von einem schrecklichen Gewitter begleitet, das mir groe Angst um mein Pulver machte. Sobald es vorber war, beschlo ich, das Pulver in so viele Pckchen wie mglich zu verteilen, um die Gefahr zu verringern. 14., 15., 16.November. Diese drei Tage verbrachte ich damit, kleine viereckige Kisten und Ksten, die hchstens etwa ein oder zwei Pfund enthielten, fr das Pulver zu machen. Und nachdem ich es hineinverteilt hatte, brachte ich sie an so sichere und voneinander entfernte Pltze wie nur mglich. An einem dieser drei Tage scho ich einen groen Vogel, der sehr gut zu essen war, den ich aber nicht zu nennen wei. 17. November. Heute begann ich hinter meinem Zelt in den Felsen hineinzugraben, um Raum fr mehr Bequemlichkeit zu haben. NB. Drei Sachen fehlten mir vor allem zu dieser Arbeit, nmlich eine Spitzhacke, ein Spaten und ein Schubkarren oder Korb. Also lie ich von meinem Vorhaben ab und begann zu berlegen, wie ich dem Mangel abhelfen und mir einiges Werkzeug verfertigen knnte. Als Spitzhacke nahm ich die eiserne Brechstange, die sich dazu eignete, wenn sie auch schwer war. Aber nun einen Spaten! Den brauchte ich so ntig, da ich ohne ihn in der Tat nichts schaffen konnte; aber woraus ich ihn machen sollte, wute ich nicht. 18. November. Als ich am nchsten Tage im Walde suchte, fand ich einen Baum hnlich der Art, die sie in Brasilien Eisenbaum nennen wegen seiner besonderen Hrte. Von diesem hieb ich mit groer Mhe ein Stck ab, wobei ich fast meine Axt verdarb, und schleppte es unter groen Schwierigkeiten heim, da es sehr schwer war. Wegen der auerordentlichen Hrte des Holzes kostete mich dieser Klotz viel Zeit; denn ich konnte ihn nur sehr langsam in die Form eines Spatens bringen; der Griff wurde genau so wie bei unseren Spaten in England, nur hatte das Blatt keinen eisernen Beschlag, so da es nicht halten konnte. Indessen tat mir das Ding gute Dienste bei der Arbeit, fr die ich es verwendete. Aber ich glaube, noch nie wurde ein Spaten auf diese Art gemacht oder so lange daran gearbeitet. Immer noch fehlte mir etwas: nmlich ein Korb oder Schubkarren. Einen Korb konnte ich auf keine Weise herstellen, da ich keine Zweige hatte, die sich zu einem Geflecht htten biegen lassen; wenigstens halte ich noch keine solchen gefunden. Und zu einem Schubkarren glaubte ich alles beschaffen zu knnen auer den Rdern; aber davon verstand ich nichts und wute nicht, wie ich's anfangen sollte. Ich sah auch keine Mglichkeit, die eisernen Bolzen fr die Achse zu machen, auf denen die Rder laufen sollten. So gab ich es auf und machte mir, um die Erde, die ich aus der Hhle grub, wegzuschaffen, eine Art Trog, wie ihn die Arbeiter zum Tragen des Mrtels benutzen, den sie den Maurern bringen. Dies fiel mir nicht so schwer wie der Spaten; doch nahm mir das alles, der Spaten und der Versuch zu einem Schubkarren, vier Tage, da ich den ganzen Tag arbeitete auer dem Morgen, wo ich meinen Spaziergang mit dem Gewehr machte, den ich nur selten aufgab und von dem ich auch nur selten heimkam, ohne mir etwas zu essen mitzubringen. 23. November. Nun begab ich mich wieder an meine andere Arbeit, die derweil still gelegen hatte, und arbeitete jeden Tag, solange es meine Krfte und meine Zeit erlaubten. Ich brauchte im ganzen 18 Tage, um die Hhle so zu erweitern und zu vertiefen, da sie alle meine Habe bequem aufnehmen konnte. NB. Whrend dieser ganzen Zeit blieb ich in dem Zelte wohnen; nur manchmal in der nassen Jahreszeit regnete es so stark, da ich nicht trocken bleiben konnte, was mich veranlate, den ganzen Raum innerhalb des Pfahlwerks durch Stangen, die ich gegen den Felsen lehnte und mit Tchern und groen Blttern belegte, wie mit einem Strohdach zu berdecken. 10. Dezember. Jetzt meinte ich meine Hhle oder meinen Keller fertig zu haben, als pltzlich (anscheinend hatte ich ihn zu weitlufig gemacht) eine groe Menge Erde von oben und von der einen Seite herabfiel, und zwar in kurzer Zeit so viel, da ich erschrak, und zwar mit gutem Grund; denn wre ich darunter geraten, htte ich keinen Totengrber mehr gebraucht. Dieses Unglck machte mir wieder viel Arbeit; denn ich mute die ganze lose Erde hinausschaffen und, was noch wichtiger war, die Decke sttzen, um sicher zu sein, da nicht noch mehr herabfiele. 11. Dezember. Heule ging ich also gleich an die Arbeit, und es gelang mir, zwei Sttzen oder Pfosten aufzurichten mit zwei Brettern quer ber jedem. Hiermit wurde ich am nchsten Tage fertig. Ich errichtete nun noch mehr solche Pfhle mit Brettern und hatte die Decke im Laufe einer Woche gesichert, und da die Pfosten in Reihe standen, dienten sie mir dazu, meine Behausung in verschiedene Rume einzuteilen. 17.Dezember. Von diesem Tage bis zum 20. brachte ich Borde an, schlug Ngel in die Pfhle, um alles aufzuhngen, was sich aufhngen lie, und war nun drinnen einigermaen in Ordnung. 20.Dezember. Ich brachte all meine Habe in die Hhle und begann, meine Behausung zu mblieren. Ich setzte einige Bretter zu einer Art Anrichte zusammen, um meine Lebensmittel darauf zulegen; aber ich wurde allmhlich knapp an Brettern; trotzdem machte ich mir noch einen zweiten Tisch. 24. Dezember. Viel Regen die ganze Nacht und den ganzen Tag; konnte nicht ausgehen. 26. Dezember. Kein Regen und die Erde viel khler als vorher und angenehmer. 27. Dezember. Ich erlegte eine junge Ziege und scho eine andere an, so da ich sie fangen konnte und sie an einem Stricke heimfhrte. Daheim verband ich sie und schiente das Bein, das gebrochen war. NB. Ich pflegte das Zicklein so sorglich, da es leben blieb; das Bein heilte gut und wurde so krftig wie zuvor; aber durch meine lange Wartung wurde es zahm, lag auf dem Grase vor meiner Tre und wollte nicht weggehen. Hierdurch kam ich zuerst auf den Gedanken, mir einige zahme Tiere zu ziehen, damit ich Nahrung htte, wenn mein Pulver und Blei verschossen wre. 28., 29., 30.Dezember. Groe Hitze und kein Lftchen, so da ich nicht ausging, nur abends, um fr die Kche zu sorgen. Diese Zeit benutzte ich, um alle meine Sachen im Hause in Ordnung zu bringen. 1.Januar. Noch sehr hei, aber ich ging frh und abends mit meinem Gewehr aus und legte mich mittags nieder. Als ich am Abend tiefer in die Wlder geriet, die mehr im Innern der Insel liegen, fand ich eine Menge Ziegen, die aber so scheu waren, da ich schwer an sie herankommen konnte; indessen beschlo ich zu versuchen, ob mein Hund sie nicht wrde herabtreiben knnen. Folglich ging ich am nchsten Tage mit meinem Hunde und hetzte ihn auf die Ziegen. Aber ich hatte mich getuscht; denn sie wandten sich alle gegen den Hund, und er merkte die Gefahr zu gut, als da er ihnen nahe gekommen wre. 3. Januar. Ich begann mit meinem Zaun oder Wall, den ich, da mir noch immer vor irgendeinem berfalle bange war, sehr dick und stark zu machen beschlo. NB. Da ich diesen Wall schon beschrieben habe, lasse ich vorstzlich aus, was darber im Tagebuch steht. Es gengt, zu bemerken, da ich nicht weniger als vom 3.Ja-nuar bis 14. April brauchte, um diese Schanze fertig zu bauen und zu vervollkommnen, obschon er nur etwa vierundzwanzig Ellen lang war. Er lief im Halbkreis von einer Stelle im Felsen zu einer etwa acht Ellen entfernten anderen. Der Eingang zur Hhle lag in der Mitte hinter ihm. Diese ganze Zeit ber arbeitete ich sehr hart. Der Regen hinderte mich manchen Tag, ja ganze Wochen lang; aber ich hielt mich nicht eher fr ganz gesichert, bevor nicht die Mauer fertig wre; und es ist kaum glaublich, wie unsagbar viel Arbeit ich mit allem hatte, vor allem, um die Pfhle aus dem Walde herbeizuschleppen und einzuschlagen, da ich sie viel grer machte, als es ntig gewesen wre. Als die Mauer fertig und von auen noch mit einem Rasenwall umgeben war, war ich berzeugt, wenn wirklich jemand hier an die Kste kme, so wrde er nichts Wohnungshnliches entdecken. Und das war sehr gut so, wie man spter bei einer sehr wichtigen Gelegenheit sehen wird. Whrend dieser Zeit machte ich jeden Tag, wenn der Regen es zulie, meinen Rundgang durch die Wlder nach Wildbret und machte whrend dieser Spaziergnge mannigfache Entdeckungen, die mir in der einen oder anderen Weise Vorteil brachten. Besonders fand ich eine Art wilder Tauben, die nicht wie Holztauben in Bumen nisteten, sondern, hnlich den Haustauben, in den Lchern der Felsen. Ich nahm einige Junge mit und bemhte mich, sie zahm aufzuziehen; aber als sie grer wurden, flogen sie davon, hauptschlich wohl aus Mangel an Nahrung, da ich ihnen nichts zu geben hatte. Jedoch fand ich oft ihre Nester und nahm ihre Jungen, deren Fleisch sehr lecker war. Whrend ich nun so haushielt, merkte ich, da mir doch noch viele Dinge fehlten, von denen ich zuerst glaubte, da ich sie niemals wrde herstellen knnen. Bei vielen war es auch wirklich so; zum Beispiel gelang es mir nie, ein Fa zu binden. Ich hatte ein oder zwei Tnnchen, wie schon gesagt; aber es wollte mir durchaus nicht glcken, eines danach zu verfertigen, obgleich ich viele Wochen damit zubrachte. Ich konnte weder die Bden einsetzen noch die Dauben so dicht fgen, da sie Wasser gehalten htten. So gab ich auch das auf. Ferner litt ich groe Not an Kerzen, so da ich gezwungen war, zu Bett zu gehen, sobald es dunkel wurde, und das war gewhnlich gegen sieben Uhr der Fall. Ich erinnerte mich des Klumpens Bienenwachs, aus dem ich whrend meines Afrikaabenteuers Kerzen gemacht halle; aber ich halte jetzt keines. Das einzige Mittel war, da ich den Talg der Ziegen, die ich gettet hatte, verwahrte und mir aus Ton eine Schale machte, die ich in der Sonne trocknen lie, worauf ich einiges Werg als Docht hineintat und sie so als Lampe benutzte. Und dies gab mir Licht, wenn auch nicht so hell und stetig wie eine Kerze. Mitten in aller Arbeit geschah es, da ich beim Durchstbern meiner Sachen einen kleinen Beutel fand, der, wie ich schon zuvor erwhnte, mit Hhnerfutter gefllt gewesen war. Aber der kleine Rest Korn, der sich noch in dem Beutel befunden, war von den Ratten aufgefressen worden, und ich fand nur Hlsen und Staub darin, und da ich den Beutel fr andere Dinge bentigte, ich glaube, um das Pulver darin zu verwahren, so schttele ich die Kornhlsen an einer Seile meiner Festung unter dem Felsen aus. Es war kurz vor dem eben erwhnten groen Regen, als ich das Zeug wegwarf; ich kmmerte mich nicht weiter darum. Ungefhr einen Monat spter sah ich einige wenige Sprossen von irgend etwas Grnem aus dem Boden hervorschieen, das ich fr irgendeine Pflanze hielt, die ich vorher nicht gesehen hatte. Aber ich war berrascht und tief betroffen, als ich nach kurzer Zeit zehn oder zwlf hren hervorkommen sah, die nichts anderes waren als grne Gerste, von derselben Art wie unsere europische, nein, wie unsere englische Gerste. Es ist unmglich, das Erstaunen und die Verwirrung meiner Gedanken bei diesem Anblick zu beschreiben. Ich hatte bisher ohne irgendwelche fromme Empfindung gehandelt; ich hatte in der Tat nur sehr wenig Begriff von Religion im Kopf, und alles, was ich bisher getan und was mir geschehen war, hatte ich nur als Zufall hingenommen oder, wie man so leichthin sagt, wie es Gott gefllt. Aber als ich hier in einem Klima, in dem, wie ich wute, kein Getreide gedieh, Gerste wachsen sah, ohne da ich mir erklren konnte, wie sie hierhergekommen sei, fhlte ich mich seltsam erschttert und begann mir einzureden, Gott habe dieses Korn durch ein Wunder ohne ausgesten Samen wachsen lassen und es lediglich fr meinen Unterhalt an diesen wilden, unseligen Ort versetzt. Dies rhrte mein Herz und lockte Trnen aus meinen Augen, und ich begann mich glcklich zu preisen, da ein solches Wunder der Natur um meinetwillen geschehen sei. Und noch seltsamer wurde mir zumute, als ich an der ganzen Felswand entlang noch andere vereinzelte Halme stehen sah, die sich als Reishalme erwiesen, wie ich sie in Afrika hatte wachsen sehen. Ich glaubte nicht allein, da diese Gewchse wunderbare Erzeugnisse der Vorsehung fr meinen Lebensunterhalt seien, sondern zweifelte auch nicht, noch mehr davon zu finden. Ich ging durch das ganze mir bekannte Gebiet der Insel und sphte in jeder Ecke und unter jedem Felsen nach mehr. Aber ich konnte nichts finden. Schlielich fuhr es mir wieder durch den Kopf, da ich einen Beutel mit Hhnerfutter an dieser Stelle ausgeleert hatte, und nun war es mit dem Wunder vorbei, und ich mu gestehen, da meine religise Dankbarkeit gegen Gottes Vorsehung sehr abgekhlt wurde, als ich entdeckte, da das Ganze etwas sehr Gewhnliches war, obgleich ich doch fr diese seltsame und unvorhergesehene Fgung ebenso dankbar htte sein mssen wie fr ein Wunder; denn es war wirklich ein Werk der Vorsehung, da sie es so anordnete oder fgte, da zehn bis zwlf Krner unversehrt blieben (wo doch die Ratten alles brige vernichtet haben), als wren sie vom Himmel gefallen; und ebenso auch, da ich sie gerade an einer Stelle wegwarf, die im Schatten eines hohen Felsens lag, so da sie sogleich aufgehen konnten, whrend sie, wenn ich sie zu dieser Jahreszeit anderswohin geworfen htte, verdorrt und zugrunde gegangen wren. Der Leser mag versichert sein, da ich jede Kornhre zur Reifezeit, also ungefhr Ende Juni, sorgfltig abschnitt und jedes Krnchen verwahrte, um es wieder neu zu sen, in der Hoffnung, dann mit der Zeit so viel zu ernten, da ich mit Brot versorgt wre. Aber erst im vierten Jahr konnte ich mir erlauben, einiges von diesen Krnern zum Essen zu verwenden, und auch dann mute ich noch sparsam sein, wie ich in der Folge erzhlen werde; denn ich verlor von der ersten Saat fast alles, weil ich nicht zur rechten Zeit gest hatte, sondern gerade vor der trockenen Jahreszeit, so da nichts gehrig wachsen konnte; doch davon spter. Neben dieser Gerste fand ich, wie oben erwhnt, zwanzig oder dreiig Halme Reis, die ich mit derselben Sorgfalt verwahrte und auf dieselbe Weise oder zum selben Zweck benutzte, nmlich, um mir Brot oder vielmehr Nahrung zu schaffen; denn zuerst gelang mir das Backen noch nicht, obwohl ich auch dies nach einiger Zeit lernte. Aber nun zurck zu meinem Tagebuch. Ich arbeitete whrend dieser drei oder vier Monate auerordentlich angestrengt, um meine Mauer fertig zu machen. Am 14. April vollendete ich sie. Ich hatte keine Tr gemacht, sondern kletterte mittels einer Leiter ber die Mauer, damit von auen nichts meine Wohnung verriete. 16. April. Ich machte die Leiter fertig, stieg hinauf, zog sie hinter mir hoch und lie sie nach innen herunter; auf diese Weise war ich vollkommen eingeschlossen. Ich hatte innen Raum genug, und niemand konnte zu mir gelangen, ohne vorher die Mauer erklettert zu haben. Am Tage, nachdem ich die Mauer fertiggestellt hatte, wre um ein Haar meine ganze Arbeit zuschanden gemacht und ich selber gettet worden, und das kam so: Als ich mir gerade hinter meinem Zelt am Eingang der Hhle zu schaffen machte, wurde ich durch etwas wirklich Furchtbares und berraschendes erschreckt. Denn jhlings sah ich die Erde vom Dach meiner Hhle und vom Rande des Hgels ber mir herabstrzen, und zwei der Pfosten, mit denen ich die Wlbung gesttzt hatte, krachten frchterlich. Ich war zu Tode erschrocken, dachte aber zunchst gar nicht an die Ursache, sondern nur, da das Dach meiner Hhle einstrzte, wie mit einem Teil bereits frher geschehen war, und aus Furcht, ich knnte in ihr begraben werden, strzte ich zu meiner Leiter hinaus, und da ich mich auch dort noch nicht sicher glaubte, aus Furcht, Stcke vom Hgel mchten auf mich herabstrzen, kletterte ich ber die Mauer. Kaum hatte ich festen Boden unter den Fen, so erkannte ich klar, da es ein schreckliches Erdbeben war; denn der Boden, auf dem ich stand, bebte dreimal in ungefhr achtminutigen Zwischenrumen, und zwar mit drei solchen Sten, da das strkste Gebude der Welt davon bern Haufen gestrzt worden wre. Und ein groer Block kann vom Gipfel eines Felsens, der nahe an der See ungefhr eine halbe Meile von mir entfernt lag, mit so schrecklichem Donnern herabgeschossen, wie ich wohl mein Lebtag nicht gehrt. Ich sah, da auch die See in heftige Wallung versetzt war, und ich glaube, da die Ste unter Wasser strker waren als auf der Insel selber. Ich war, da ich selber noch nie etwas hnliches erlebt und auch mit niemanden, der es erlebt, davon gesprochen hatte, so bestrzt, da ich wie tot oder betubt war. Von der Bewegung der Erde wurde mir bel wie einem, der von der See geschaukelt wird. Aber der Lrm des strzenden Felsens weckte mich gleichsam wieder auf, ri mich aus meiner Betubung und erfllte mich mit Schrecken; denn ich dachte nicht anders, als da der Hgel auf mein Zelt strzen und all mein Hab und Gut unter sich begraben wrde. Und darber sank mir zum zweiten Male das Herz in der Brust. Als der dritte Sto vorber war und ich fr eine ganze Weile nichts mehr fhlte, begann ich wieder Mut zu fassen. Trotzdem hatte ich noch nicht wieder das Herz, ber meine Mauer zu klettern, aus Furcht, lebendig begraben zu werden, so da ich noch immer auf dem Boden sitzen blieb, vollkommen niedergebrochen und untrstlich, und nicht wute, was tun. Die ganze Zeit ber hatte ich nicht den geringsten wahrhaft frommen Gedanken, nichts als das bliche Herr sei mir gndig!, und als alles vorber war, war es auch damit aus. Wie ich so dasa, verdunkelte sich die Luft und wurde wolkig, als wenn es regnen wollte; gleich darauf erhob sich der Wind immer mehr und mehr, so da er innerhalb einer halben Stunde zu einem schrecklichen Orkan anwuchs. Die See war im Nu mit Schaum bedeckt, das Ufer von Brandung berflutet, die Bume wurden mit den Wurzeln ausgerissen; kurz, es war ein schrecklicher Sturm. Und dies hielt ungefhr drei Stunden lang an, dann begann es nachzulassen, und zwei Stunden spter war es ganz ruhig und begann sehr stark zu regnen. Die ganze Zeit ber sa ich am Boden, sehr gengstigt und mutlos, bis ich pltzlich auf den Gedanken kam, da dieser Sturm und Regen eine Folge des Erdbebens und dieses selber also vorber sei, und da ich mich jetzt wieder in meine Hhle getrauen drfte. Bei diesem Gedanken fing ich wieder an aufzuleben, und da der Regen nachhalf, ging ich hinein und setzte mich in mein Zelt; aber der Regen war so stark, da mein Zelt drauf und dran war, nieder zubrechen. So war ich gezwungen, in meine Hhle zu gehen, obwohl mir noch immer angst und bange war, sie knnte mir ber dem Kopf zusammenstrzen. Diese Regenflut ntigte mich zu einer neuen Arbeit: nmlich, ein Loch in meine Verschanzung zu hauen, um das Wasser ablaufen zu lassen, das sonst meinen Keller ersuft htte. Als ich eine Weile in der Hhle gelauert hatte und keine Erdste mehr fhlte, begann ich mich zu beruhigen. Und jetzt ging ich, um meine Geister, die es sehr ntig hatten, etwas aufzufrischen, zu meiner kleinen Speisekammer und nahm einen migen Schluck Rum, sparsam wie immer; denn ich wute, war er zu Ende, so bekam ich keinen wieder. Es regnete die ganze Nacht fort und einen groen Teil des nchsten Tages, so da ich gar nicht ausgehen konnte; aber da mein Gemt wieder ruhig war, begann ich nachzudenken, was am besten zu tun sei, und kam zu dem Schlu, da ich, wenn dergleichen Erdbeben diese Insel fter heimsuchten, nicht in meiner Hhle leben knnte; und so mte ich darauf denken, mir eine Htte an einem freien Platz zu bauen und auch diese wieder mit einer Mauer wie hier zu umgeben, zum Schtze gegen wilde Tiere und Menschen; denn wenn ich hier bliebe, wrde ich sicherlich eines Tages lebendig begraben werden. Mit solchen Gedanken entschlo ich mich, mein Zelt von seinem jetzigen Ort zu entfernen, da es gerade unter dem berhngenden Vorsprung des Hgels stand, der sicherlich bei den nchsten Sten auf mein Zelt strzen wrde; und so verbrachte ich die nchsten beiden Tage, den 19. und 20. April, mit Nachdenken darber, wie und wohin ich meine Wohnung verlegen sollte. Die Angst, lebendig verschlungen zu werden, lie mich niemals ruhig schlafen; aber die Furcht, drauen ohne irgendeine Umzunung zu liegen, war fast ebenso gro; und wiederum, wenn ich umherschaute und sah, wie alles in schnster Ordnung und wie herrlich versteckt und sicher vor Gefahr ich hier war, so war es mir sehr zuwider, umzuziehen. Mittlerweilen wurde mir klar, da das Umziehen sehr lange Zeit in Anspruch nehmen wrde und da ich mich bescheiden mte, zu bleiben, wo ich war, bis ich mir ein Lager geschaffen htte, das sicher genug wre. Mit diesem Entschlu vertrstete ich mich einige Zeit und nahm mir vor, mich in aller Eile an die Arbeit zu machen, mir eine Mauer in einem Kreis aus Pfhlen und Stricken usw. zu bauen, gleich der jetzigen, und mein Zelt, wenn sie fertig wre, dort aufzustellen, bis dahin aber auf gut Glck zu bleiben, wo ich war, bis alles fertig und bereit zum Umzug wre. Dies war am 21. April. 22. April. Am nchsten Morgen berlegte ich, wie ich meinen Entschlu zur Ausfhrung bringen sollte; aber viele meiner Werkzeuge hatte ich verloren. Ich besa drei groe xte und berflu an Beilen (denn wir hatten Beile fr den Handel mit den Indern geladen); doch beim Fllen und Bebauen des knorrigen Holzes waren sie stumpf und schartig geworden, und obgleich ich einen Schleifstein hatte, konnte ich ihn nicht drehen und daher auch meine Werkzeuge nicht schleifen. Dies kostete mich soviel Nachdenken, wie ein Staatsmann fr einen groen politischen Streich oder ein Richter fr ein Urteil ber Leben oder Tod eines Menschen gebraucht haben wrde. Schlielich erfand ich ein Rad, das ich durch einen Strick mit dem Fue in Bewegung setzte, um beide Hnde frei zu haben. NB. Ich hatte niemals dergleichen in England gesehen oder mich jedenfalls nie darum gekmmert, obwohl es, wie ich seither beobachtete, dort etwas ganz Alltgliches ist. berdies war mein Schleifstein sehr gro und schwer. Diese Vorrichtung kostete mich die Arbeit einer ganzen Woche, bis ich sie zustande gebracht hatte. 28., 29. April. Whrend dieser beiden Tage schrfte ich meine Werkzeuge; meine Vorrichtung zum Drehen des Schleifsteines bewhrte sich recht gut. 30. April. Da ich merkte, da mein Brot sehr auf die Neige ging, machte ich mir einen berschlag und beschrnkte mich auf einen Zwieback den Tag; aber mir war sehr bange ums Herz dabei. 1. Mai. Als ich am Morgen bei Ebbe nach der See ausschaute, sah ich etwas ungewhnlich Groes am Strande liegen. Es sah wie ein Fa aus, und als ich nher kam, fand ich eine kleine Tonne und zwei oder drei Stcke vom Wrack des Schiffes, die bei dem letzten Orkan an die Kste getrieben waren; und als ich nach dem Wrack selbst hinberschaute, schien es mir hher aus dem Wasser zu ragen als zuvor. Ich untersuchte das Fa, das an die Kste getrieben war, und fand bald, da es ein Fa mit Schiepulver war, das aber Wasser gezogen hatte, wodurch das Pulver hart wie Stein geworden war. Indessen rollte ich es vorerst hher ans Ufer hinauf und ging dann ber den Strand, so nahe ich konnte, an das Wrack des Schiffes, um nach mehr zu suchen. Als ich zum Schiff hinabkam, lag es ganz anders. Das Vorderteil, das frher im Sande gelegen halte, war mindestens um sechs Fu gehoben, das Heck war geborsten und durch die Gewalt der See vom Rumpfe losgerissen und auf eine Seite geworfen. Der Sand war hier so hoch angeschwemmt, da ich jetzt, ohne zu schwimmen, bis dicht herangehen konnte, wenn Ebbe war. Zuerst war ich erstaunt darber; aber bald schlo ich, da es beim Erdbeben passiert sein mute; und da durch diese Erschtterung das Schiff noch mehr zerbrochen war als vorher, wurden tglich vielerlei Dinge ans Land geschwemmt, die die See losgerissen hatte und die Wind und Wasser allmhlich ans Ufer trieben. Dies alles lenkte meine Gedanken von dem geplanten Wohnungswechsel ab, und besonders an diesem Tage war ich gewaltig damit beschftigt, wie ich wohl in das Schiff eindringen knnte. Aber ich sah meine Erwartungen getuscht; denn das ganze Innere des Schiffes war mit Sand gefllt. Da ich aber gelernt hatte, nicht zu verzweifeln, entschlo ich mich trotzdem, alles in Stcke zu brechen, was ich nur konnte, in dem Gedanken, da mir jegliches Ding auf irgendeine Weise ntzlich sein knnte. 3. Mai. Ich begann mit meiner Sge und schnitt einen Balken durch, von dem ich glaubte, da er das Achterdeck zusammenhielt. Ich rumte den Sand, so gut ich konnte, von der Seite weg, wo er am hchsten lag; doch dann kam die Flut, und ich mute es fr diesmal lassen. 4. Mai. Ich ging fischen, fing aber keinen Fisch, den ich mich zu essen traute. Als ich endlich dieses Sports berdrssig wurde und eben aufhren wollte, fing ich einen jungen Delphin. Ich hatte mir eine lange Schnur aus Segelgarn gemacht; aber ich hatte keine Haken; trotzdem fing ich oft genug Fische, sogar mehr, als ich wollte, die ich dann in der Sonne trocknete, um sie gedrrt zu verspeisen. 5. Mai. Arbeitete auf dem Wrack, sgte einen ndern Balken auseinander und nahm drei groe Fichtenplanken vom Deck, die ich zusammenband und mit der Flut an Land schwimmen lie. 6. Mai. Arbeitete auf dem Schiff, brachte mehrere eiserne Bolzen und andere eiserne Gegenstnde heraus, arbeitete sehr angestrengt und kam sehr ermdet heim und dachte daran, es wieder aufzugeben. 7. Mai. Ging wieder aufs Wrack, aber mit der Absicht, nicht zu arbeiten, fand jedoch das Wrack durch seine eigene Schwere zusammengebrochen, da die Balken durchsgt waren, so da mehrere Teile des Schiffes lose zu liegen schienen; das Innere des Raumes lag so offen, da ich hineinsehen konnte; aber es war grtenteils mit Wasser und Sand gefllt. 8.Mai. Ging zum Wrack mit einer eisernen Brechstange, um das Deck aufzubrechen, das jetzt ganz frei von Wasser und Sand lag. Ich brach zwei Planken auf und brachte sie wieder mit der Flut an Land. Die Brechstange lie ich fr den nchsten Tag auf dem Wrack. 9.Mai. Ging zum Wrack, bahnte mir mit der Brechstange einen Weg ins Innere und fhlte einige Fsser, lste sie mit der Brechstange, konnte sie aber nicht losbringen. Ich fhlte auch die Rolle englisches Blei und konnte sie bewegen; aber sie war zu schwer, um sie fortzuschaffen. 10., 11., 12., 13., 14. Mai. Ging jeden Tag aufs Wrack und holte eine Menge Bauholz, Bretter und Planken und zwei bis drei Zentner Eisen. 15. Mai. Ich nahm zwei Beile mit, um zu versuchen, ein Stck von der Bleirolle abzuhauen, indem ich ein Beil mit der Schneide aufsetzte und es mit dem anderen hineintrieb. Aber es lag ungefhr anderthalb Fu unter Wasser, und so konnte ich keinen rechten Schlag tun. 16. Mai. Es hatte in der Nacht stark geweht, und das Wrack schien durch die Wucht des Wassers noch mehr zertrmmert. Aber ich blieb so lange im Wald, um Tauben fr meine Kche zu schieen, da die Flut mich davon abhielt, diesen Tag aufs Wrack zu gehen. 17.Mai. Ich sah einige Teile des Wracks in einer groen Entfernung, ungefhr zwei Meilen von mir, an Land getrieben und beschlo zu sehen, was es war; ich fand, da es ein Stck vom Bug war, aber zu schwer fr mich, um es fortzuschaffen. 24. Mai. Ich arbeitete tglich bis heute auf dem Wrack und lockerte mit groer Mhe einige Dinge so weit mit der Brechstange, da die nchste starke Flut einige Fsser und zwei Matrosenkisten heraussplte. Da aber der Wind vom Land stand, so wurde fr heute nichts an die Kste getrieben auer einigem Bauholz und einem Oxhoft mit brasilianischem Schweinefleisch, das aber durch das Salzwasser und den Sand verdorben war. Ich setzte diese Arbeit tglich bis zum 15.Juni fort, abgesehen von der Zeit, die ich brauchte, um mir Nahrung zu suchen; aber ich verlegte diesen Teil meiner Beschftigung in die Flutzeit, um bei Ebbe bereit zu sein, und so schaffte ich nach und nach so viel Holz, Planken und Eisen heraus, da ich ein gutes Boot htte bauen knnen, wenn ich nur gewut htte wie; auch brachte ich wiederholt einzelne Stcke von dem Blei mit, ungefhr 100 Pfund. 16.Juni. Als ich zum Strande hinabging, fand ich eine groe Schildkrte. Es war die erste, die ich hier sah, woran aber nur mein Migeschick schuld war; denn wre ich zufllig auf die andere Seite der Insel verschlagen worden, so htte ich tglich Hunderte haben knnen, wie ich spter entdeckte; aber vielleicht htte ich sie auch teuer genug bezahlen mssen. 17. Juni. Ich kochte die Schildkrte und fand in ihr drei Schock Eier; ihr Fleisch erschien mir damals als das saftigste und leckerste, das ich je in meinem Leben geschmeckt, da ich kein Fleisch auer Ziegen und Vgeln gehabt hatte, seit ich an diesem schrecklichen Ort gelandet war. 18.Juni. Es regnete den ganzen Tag, und ich blieb zu Hause. Der Regen kam mir kalt vor, und ich frstelte, was, wie ich wute, unter dieser Breite etwas Ungewhnliches war. 19. Juni. Sehr krank, mit Schttelfrost, als ob kaltes Wetter gewesen wre. 20. Juni. Keine Ruhe die ganze Nacht, heftige Kopfschmerzen und fiebrig. 21. Juni. Sehr krank. Halbtot vor Angst ber meine traurige Lage, krank zu sein und ohne Hilfe. Betete zum ersten Male zu Gott seit dem Sturm bei Hull, aber wute kaum, was ich sagte oder warum, da alle meine Gedanken verwirrt waren. 22. Juni. Etwas besser, aber furchtbare Angst vor Krankheit. 23.Juni. Wieder sehr schlecht, Klte und Schttelfrost und dann heftige Kopfschmerzen. 24. Juni. Viel besser. 25. Juni. Sehr heftiges Fieber. Der Anfall hielt mich etwa sieben Stunden gepackt. Hitze und Klte mit mattem Schwei hinterher. 26.Juni. Besser; und da ich nichts zu essen hatte, nahm ich mein Gewehr, fhlte mich aber sehr schwach. Trotzdem scho ich eine Gei, brachte sie unter vielen Schwierigkeiten heim, briet ein Stck und a es. Ich wrde es gern gekocht haben, um etwas Fleischbrhe zu haben; aber ich hatte keinen Topf. 27.Juni. Das Fieber war wieder so heftig, da ich den ganzen Tag zu Bett lag und weder a noch trank. Ich wre fast vor Durst umgekommen, war aber so schwach, da ich nicht die Kraft hatte, aufzustehen und mir Trinkwasser zu holen. Betete wieder zu Gott, war aber ganz wirr im Kopf und auerdem so unwissend, da ich nichts zu sagen wute. Ich lag nur und rief: Herr, schau auf mich! Herr, hab Erbarmen mit mir! Herr, sei mir gndig! - Ich glaube, ich tat zwei oder drei Stunden lang nichts anderes, bis der Anfall vorberging und ich einschlief. Ich wachte erst spt in der Nacht auf. Als ich erwachte, fhlte ich mich sehr erholt, aber schwach und furchtbar durstig. Trotzdem war ich gezwungen, da ich kein Wasser innerhalb meiner Wohnung hatte, bis zum Morgen zu liegen, und schlief wieder ein. Whrend dieses zweiten Schlafes hatte ich folgenden schrecklichen Traum: Mich deuchte, ich se auerhalb meiner Mauer am Boden, wo ich whrend des schrecklichen Sturmes nach dem Erdbeben gesessen, und sah einen Mann von einer groen schwarzen Wolke herabsteigen in einer hellen Feuerflamme und den Widerschein am Boden. Er war selbst so strahlend wie eine Flamme, da ich es kaum ertragen konnte, ihn anzuschauen. Sein Gesicht war unaussprechlich furchtbar, in Worten nicht zu beschreiben. Als er mit seinen Fen ber den Boden schritt, schien die Erde zu zittern, gerade wie beim Erdbeben, und die ganze Luft schien mir mit flammenden Blitzen erfllt zu sein. Kaum war er auf der Erde gelandet, so ging er auf mich zu. mit einem langen Speer oder einer hnlichen Waffe in der Hand, um mich zu tten. Und als er auf eine Erhhung in meiner Nhe gelangt war, sprach er zu mir, und ich hrte eine so schreckliche Stimme, da ich ihre Furchtbarkeit unmglich beschreiben kann. Alles, was ich verstand, war dieses: Da ich sehe, da alle diese Dinge dich nicht zur Reue gebracht haben, sollst du nun sterben. Bei diesen Worten war mir, als erhbe er den Speer, den er in der Hand hielt, um mich zu tten. Keiner, der je diesen Bericht lesen wird, wird erwarten, da ich imstande wre, das Entsetzen meiner Seele bei diesem schrecklichen Gesicht zu beschreiben; ich meine das Entsetzen, das ich im Traum empfand; und ebensowenig ist es mglich, den Eindruck zu beschreiben, der mir im Gemte blieb, als ich erwachte und merkte, da es nur ein Traum war. Ich hatte keinerlei Erkenntnis von Gott. Alles, was ich durch den guten Unterricht meines Vaters mitbekommen hatte, war lngst verblat in den acht Jahren ununterbrochenen ruchlosen Seemannslebens und durch den stndigen Umgang mit lauter Menschen, die so waren wie ich, schlecht und gottvergessen im hchsten Mae. Ich erinnere mich nicht, da ich in all den Jahren auch nur mit einem Gedanken daran gedacht htte, zu Gott emporzuschauen oder in mich selber hinein auf mein eigenes Tun. Vielmehr hatte mich eine gewisse Stumpfheit der Seele, ohne Willen zum Guten und ohne Bewutsein vom Bsen, vllig gefangen gehalten, und ich war der hartgesottenste, gedankenloseste, schlechteste Bube gewesen, den man sich unter den Seeleuten gewhnlichen Schlages nur denken kann, ohne den geringsten Sinn fr Gottesfurcht in Gefahr, noch fr Dankbarkeit gegen Gott bei der Errettung. Das wird man mir noch leichter glauben, wenn ich zu dem bereits geschilderten Teil meiner Geschichte hinzufge, da mir bei all dem mannigfachen Unglck, das mich bis zu diesem Tage betroffen hatte, nie auch nur im mindesten in den Sinn kam, da es die Hand Gottes sei oder die gerechte Strafe fr meine Snde, fr mein rebellisches Betragen gegen meinen Vater oder fr meine gegenwrtigen Snden, die gro waren, oder auch eine Strafe fr den ganzen Verlauf meines gottlosen Lebens. Als ich auf der verzweifelten Fahrt an der afrikanischen Kste war, dachte ich mit keinem Gedanken daran, Gott zu bitten, mir einzugeben, wohin ich gehen solle, oder mich vor den Gefahren zu behten, die mir von allen Seiten drohten, sei es durch reiende Tiere oder grausame Wilde. Nein, ich dachte berhaupt nicht an Gott oder eine Vorsehung und handelte nur nach dem Naturtrieb wie ein Tier und nach den Eingebungen des bloen Verstandes, und auch das nicht mal immer. Als ich auf See von dem portugiesischen Kapitn errettet und an Bord genommen und so gerecht, ehrenvoll und edelmtig von ihm behandelt wurde, dachte ich nicht im mindesten an Dankbarkeit gegen Gott. Und wiederum, als ich schiffbrchig, zugrunde gerichtet, dem Ertrinken nahe auf diese Insel kam, war ich weit davon entfernt, Reue zu empfinden oder es als ein Gericht des Himmels anzusehen, sondern sagte mir nur immer, ich sei einmal ein unseliger armer Hund und zu nichts als Unglck geboren. Als ich zuerst hier an die Kste kam und sah, da meine ganze Schiffsmannschaft ertrunken und nur ich verschont geblieben war, da berkam mich zwar eine Art von Entzckung und Begeisterung der Seele, die mit Hilfe der Gnade Gottes sich zu wahrer Dankbarkeit htte erheben knnen; aber es endete, wo es begann, in einem bloen gewhnlichen Freudenrausch - Gottlob, da ich noch lebe! - ohne das geringste wirkliche Nachdenken ber die Gte der Hand, die mich bewahrt und mich vor allem auserwhlt hatte, gerettet zu werden, wo alle anderen vernichtet wurden, und ohne die geringste Frage danach, weshalb die Vorsehung so gndig gegen mich gewesen war. Nein, es war dieselbe, ganz gewhnliche Art von Freude, wie alle Seeleule sie empfinden, wenn sie aus einem Schiffbruch heil an Land gekommen sind: schon in der nchsten Punschbowle wird sie ersuft, und alles in vergessen, sobald es vorber ist. Und dieser An war auch mein ganzes weiteres Leben. Selbst als mir hernach in gehriger Bestimmung mein Zustand so recht zu Bewutsein kam: wie ich an diesen schrecklichen Ort verschlagen sei, unerreichbar weit von allen Menschen, ohne alle Hoffnung auf Befreiung oder Aussicht auf Erlsung - selbst da verlor sich das Gefhl von meiner Not, sobald sich die Aussicht erffnete, da ich am Leben bleiben knnte und nicht Hungers zu sterben brauchte, und ich begann mich ganz beruhigt zu fhlen, machte mich an die Arbeiten, die zu meiner Sicherheit und Ernhrung ntig waren, und war weit davon entfernt, meine Lage als eine Strafe des Himmels und als ein Walten Gottes wider mich zu betrachten; solche Gedanken kamen mir nur sehr selten in den Sinn. Das Aufsprieen der Gerstenkrner machte anfangs, wie in meinem Tagebuch erwhnt, einigen Eindruck auf mich und begann ernste Gedanken in mir zu erwecken, solange ich glaubte, ein Wunder darin erkennen zu mssen; aber kaum hatte sich das vermeintliche Wunder aufgeklrt, so schwand auch, wie bereits erzhlt, diese seine Wirkung auf mich. Selbst das Erdbeben, obschon doch nichts schrecklicher sein oder unmittelbarer hindeuten konnte auf die unsichtbare Macht, die allein solche Dinge lenkt - selbst der Eindruck, den das Erdbeben auf mich gemacht hatte, verging, sobald der erste Schrecken vorber war. Der Gedanke an Gott und sein Gericht und daran, da meine gegenwrtige Not aus seiner Hand kommen knnte, kann mir ebensowenig, als wenn ich in der glcklichsten Lage von der Welt gewesen wre. Aber jetzt, als ich anfing, krank zu werden, und unttig in die Trbsal des Todes schaute, die sich vor mir auftat, da meine Lebensgeister unter der Last der schweren Krankheit sanken und die Natur durch die Gewalt des Fiebers ermattet war, jetzt begann mein Gewissen, das lange geschlafen hatte, zu erwachen, und ich begann mir Vorwrfe ber mein vergangenes Leben zu machen, indem ich durch meine ungemeine Schlechtigkeit die gttliche Gerechtigkeit herausgefordert hatte, mich mit so ungewhnlich schweren Schlgen zu treffen und rchend heimzusuchen. Diese Gedanken qulten mich seit dem zweiten oder dritten Tag meiner Krankheit, und die Gewalt des Fiebers und diese schrecklichen Vorwrfe meines Gewissens entrangen mir Worte, eine Art Gebet zu Gott, obwohl ich es nicht eigentlich ein Beten voll Wunsch und Hoffnung nennen kann; vielmehr war es die Stimme bloer Furcht und Verzweiflung. Meine Gedanken waren verwirrt, die Schuld lag schwer auf meiner Seele, und das Grauen, in so schrecklicher Lage sterben zu mssen, trieb mir das Blut bei der bloen Vorstellung zu Kopf. Und in diesem Aufruhr meiner Seele wute ich nicht, was meine Zunge lallte. Aber es waren etwa Ausrufe wie: Herr, was fr ein elendes Geschpf bin ich! Wenn ich krank werde, werde ich sicher ohne Hilfe sterben; was soll aus mir werden? - Dann brachen mir die Trnen aus den Augen, und ich konnte fr lange Zeit nichts mehr sagen. Mittlerweile fiel mir der gute Rat meines Vaters ein und seine Prophezeiung, die ich am Anfang dieser Geschichte erwhnte, nmlich, da Gott mich nicht segnen wrde, wenn ich diesen tollen Schritt tte, und da ich noch einmal Mue genug haben wrde, ber meine Verstocktheit nachzudenken, wenn ich keine Menschenseele haben wrde, die mir beistnde. Jetzt, sagte ich laut, erfllen sich meines lieben Vaters Worte an mir: Gottes Gerechtigkeit hat mich ergriffen, und ich habe niemanden, mir zu helfen oder mich zu hren; ich war taub fr die Stimme der Vorsehung, die mich in ihrer Gte in einen Stand oder eine Lebenslage versetzt hatte, worin ich mich htte glcklich und behaglich fhlen knnen; aber ich wollte weder selbst einsehen noch von meinen Eltern lernen, welcher Segen das war; ich lie sie in Gram ber meine Torheit zurck, und nun liege ich selber hier in Gram ber die Folgen; ich wies ihre Hilfe und ihren Beistand von mir, der mich in der Welt emporgebracht und mir alles leicht gemacht htte, und nun habe ich mit Schwierigkeiten zu kmpfen, die ber Menschenkraft gehen, und keinen Beistand, keinen Trost, keinen Rat. Und nun schrie ich laut: Herr, hilf mir, denn ich bin in groer Not! Dies war seit Jahren mein erstes Gebet, wenn ich es so nennen darf. Aber ich kehre zu meinem Tagebuch zurck. 28. Juni. Da ich durch den Schlaf etwas erfrischt und der Anfall vorber war, stand ich auf, und obwohl die Angst und der Schrecken ber meinen Traum sehr gro waren, bedachte ich doch, da der Fieberanfall sich morgen wiederholen knnte und da ich meine Zeit ntzen mte, um zusammenzutragen, was mich erfrischen und strken knnte, wenn ich krank lge. Als erstes fllte ich eine groe viereckige Flasche mit Wasser und setzte sie auf meinen Tisch, in erreichbarer Nhe von meinem Bett, und um dem Wasser die Klte zu nehmen, go ich ein Quart Rum dazu und schttelte beides durcheinander. Dann schnitt ich mir ein Stck Fleisch von der Gei ab und briet es ber Kohlen, konnte aber nur sehr wenig davon essen. Ich ging aus, war aber sehr schwach und vor allem sehr traurig und schwermtig durch das Bewutsein meiner elenden Lage und immer voll Furcht vor der Wiederkehr meiner Krankheit am nchsten Tage. Abends machte ich mir Abendbrot von drei Schildkrteneiern, die ich in der Asche briet und aus der Schale a. Und dies war in meinem ganzen Leben, soweit ich mich erinnere, die erste Mahlzeit, bei der ich Gott um seinen Segen bat. Nachdem ich gegessen hatte, versuchte ich noch einmal auszugehen; aber ich war so schwach, da ich kaum das Gewehr tragen konnte; denn das nahm ich immer mit. So ging ich nur ein kleines Stck und setzte mich auf den Boden, auf die See hinausschauend, die just vor mir lag und sehr still und glatt war. Als ich so sa, kamen mir folgende Gedanken: Was sind Erde und Meer, von denen ich so viel gesehen habe? Woher sind sie erschaffen? Und was bin ich und all die anderen Geschpfe, wilde und zahme, Menschen und Tiere? Woher sind wir? Sicherlich sind wir alle durch eine geheime Macht, die auch Erde und Meer geschaffen hat, entstanden. Und welche ist das? Darauf folgte ganz natrlich: Es ist Gott, der alles geschaffen hat; nun, und wenn Gott alle Dinge geschaffen hat, so fhrt und regiert er sie auch alle; denn das Wesen, das alle Dinge schaffen kann, mu sicherlich auch die Macht haben, sie zu fhren und zu leiten. Wenn dem so ist, kann nichts im groen Umkreis seiner Werke geschehen ohne sein Wissen oder seinen Willen. Und wenn nichts ohne sein Wissen geschehen kann, so wei er auch, da ich hier bin und in einer schrecklichen Lage. Und wenn nichts ohne seinen Willen geschieht, hat er gewollt, da es mir so ergehen soll. Nichts fiel mir ein, was diesen Schlufolgerungen zu widersprechen vermocht htte, und so weit durchdrang mich die berzeugung mit immer grerer Kraft, es knne nicht anders sein, als da Gott dies alles ber mich verhngt hatte; da ich durch seine Fgung in diese jammervolle Lage gebracht worden sei, da er ja allein die Macht hatte, nicht nur ber mich, sondern ber alles, was in der Welt geschah. Und sogleich kam die Frage: Warum hat mir Gott das angetan? Was habe ich getan, um so gestraft zu werden? Da unterbrach mich aber gleich mein Gewissen in meinen Fragen, als wenn ich gelstert htte, und sprach zu mir wie eine Stimme: Du Bsewicht! Du fragst noch, was du getan hast? Sieh zurck auf dein schrecklich vergeudetes Leben und frage dich lieber, was du nicht getan hast, frage, warum du nicht schon lngst vernichtet bist! Warum bist du nicht in Yarmouth Roads ertrunken, warum nicht im Kampfe geltet worden, als euer Schiff von dem Piraten aus Salee genommen wurde? Warum nicht von wilden Tieren an der afrikanischen Kste verschlungen? Oder, warum nicht hier ertrunken, als die ganze Mannschaft umkam, nur du nicht? Kannst du noch fragen, was habe ich getan? Ich war durch diese Gedanken wie gelhmt und konnte nichts sagen, mir selbst keine Antwort geben. Ich stand nachdenklich und traurig auf. ging zu meiner Behausung zurck, stieg ber meine Mauer, als wenn ich zu Bett gehen wollte; aber ich hatte keine Lust zu schlafen, sondern setzte mich auf meinen Stuhl und zndete meine Lampe an, weil es dunkel wurde. Nun fiel mir in meiner Angst vor der Wiederkehr meiner Krankheit ein, da die Brasilianer gegen fast alle Krankheiten keine andere Medizin nehmen als ihren Tabak. Und ich hatte ein Stck gedrrter Tabaksrolle in einer meiner Kisten und etwas grnen Tabak. Zweifellos war es eine Eingebung des Himmels; denn in dieser Kiste fand ich ein Heilmittel fr beides, Seele und Leib. Ich ffnete die Lade und fand, was ich suchte, nmlich den Tabak, und da die wenigen Bcher, die ich gerettet hatte, auch darin lagen, so nahm ich eine der Bibeln, die ich vorher erwhnte und in die hineinzuschauen ich bisher weder Mue noch Lust gehabt hatte. Ich nahm beides heraus und brachte Bibel und Tabak an meinen Tisch. Ich wute nicht, wie ich den Tabak gebrauchen sollte und ob er gut oder schlecht fr meinen Zustand wre; aber ich machte verschiedene Versuche damit, entschlossen, die Wirkung so oder so zu erproben. Zuerst nahm ich ein Stck Blatt in den Mund und kaute es, wovon mir anfangs das Gehirn ganz dumm wurde, weil der Tabak grn und streng und ich nicht daran gewhnt war; dann nahm ich mehrere Bltter, trnkte sie ein oder zwei Stunden lang in etwas Rum und beschlo, abends, wenn ich mich hinlegte, eine Dosis davon zu nehmen; und zu guter Letzt verbrannte ich einige in einer Kohlenpfanne und hielt meine Nase dicht darber, solange ich die Hitze und den scharfen Rauch nur aushallen konnte; und ich hielt es fast bis zum Ersticken aus. Whrend der Pausen bei diesen Operationen nahm ich die Bibel und begann zu lesen. Aber mein Kopf war zu verwirrt durch den Tabak, um lesen zu knnen. Nur als ich das Buch eben aufschlug, waren die ersten Worte, auf die meine Augen fielen, die folgenden: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen. Die Worte waren sehr zutreffend auf meinen Fall und machten groen Eindruck auf mich, als ich sie las, obwohl noch nicht so sehr wie spter; denn was das Erretten betraf, so hatte das Wort sozusagen keinen Klang fr mich; eine Errettung war so fern, so unmglich nach meiner Beurteilung der Dinge, da ich, gleich wie die Kinder Israels, als ihnen Fleisch zur Speisung versprochen wurde, fragten: Vermag Gott in der Wste einen Tisch zu decken?, nun ebenso fragte: Vermag Gott selber mich von hier zu erretten? Und da es noch viele Jahre dauerte, ehe irgendwelche Hoffnung sich zeigte, so blieb dieser Zweifel lange Zeit vorherrschend in mir. Dennoch machten die Worte tiefen Eindruck auf mich, und ich dachte sehr oft darber nach. So wurde es spt, und der Tabak hatte mich so benebelt, da ich schlafen wollte. Ich lie meine Lampe in der Hhle brennen, falls ich des Nachts etwas brauchte, und ging zu Bett. Aber bevor ich mich niederlegte, tat ich, was ich noch nie in meinem ganzen Leben getan hatte: Ich kniete nieder und betete zu Gott um Erfllung seines Versprechens, da er mich erlsen wolle, wenn ich ihn in der Not anriefe. Nachdem ich mein gebrochenes und verstmmeltes Gebet vollendet, trank ich den Rum, in den ich den Tabak getaucht hatte, wovon er so streng und stark war, da ich ihn kaum hinunterwrgen konnte. Ich ging dann gleich zu Bett und fhlte augenblicklich, da der Rum mir gewaltig zu Kopf stieg; aber ich fiel in einen liefen Schlaf und erwachte erst gegen drei Uhr nachmittag am nchsten Tage; nein, heute bin ich sogar der Ansicht, da ich auch den ganzen nchsten Tag und die Nacht bis drei Uhr am bernchsten Tag schlief; denn sonst wte ich nicht, wie ich einen Tag in der Woche verloren haben sollte, was sich in der Tat nach Jahren herausstellte. Denn wenn ich ihn infolge der Hin- und Herfahrt durch den quator verloren htte, so htte ich ja mehr als einen Tag verloren. Aber jedenfalls verlor ich einen Tag bei meiner Rechnung und wei bis heute nicht wie. Sei es nun so oder so, als ich erwachte, fhlte ich mich auerordentlich erfrischt und mein Gemt lebhaft und freudig. Als ich aufstand, war ich wohler als tags zuvor und mein Magen besser; denn ich sprte Hunger. Kurz, ich hatte am nchsten Tage kein Fieber mehr und fhlte, da es weiter der Besserung zuging. Dies war der 29Juni. Der 30. Juni war ein guter Jagdtag fr mich; ich ging mit dem Gewehr, und zwar nur in die Nhe. Ich ttete ein paar Seevgel, eine Art Wildgnse. Ich brachte sie heim; aber es lockte mich nicht sehr, sie zu essen. So verspeiste ich wieder einige Schildkrteneier, die sehr gut waren. Am Abend erneuerte ich die Arznei, der ich die gute Wirkung von gestern zuschrieb, nmlich Tabak, in Rum getrnkt; nur nahm ich nicht soviel wie zuvor, kaute kein Blatt und hielt meinen Kopf nicht ber den Rauch. Indessen fhlte ich mich am folgenden Tage, der der 1. Juli war, nicht so gut, wie ich gehofft hatte; denn ich hatte einen kurzen Schttelfrost; aber es war nicht schlimm. 2. Juli. Ich erneuerte die Medizin auf alle drei Arten, betubte mich erst damit und trank dann die doppelte Menge. 3. Juli. Die Anflle verloren sich ganz, obgleich ich meine vollen Krfte erst nach einigen Wochen wiedererlangte. Whrend ich neue Krfte sammelte, bewegten meine Gedanken sich hauptschlich um die Bibelstelle Ich will dich erretten!, und es lag mir schwer auf der Seele, da ich mir gar nicht vorstellen konnte, auf welche Weise ich jemals errettet werden sollte. Aber whrend ich mich noch mit solchen mutlosen Gedanken qulte, fiel mir pltzlich ein, da ich ja immerfort nur den Blick auf die Errettung aus meiner Hauptnot gerichtet hielt und darber ganz die Errettung verga, die mir soeben zuteil geworden war, und ich fhlte mich nun gleichsam dazu hingestoen, mich selber zu fragen: Bin ich nicht eben erst, und zwar wie durch ein Wunder, aus meiner Krankheit errettet worden, aus der trostlosesten Lage, die sich denken lt und die mich so sehr ngstigte? Und hatte ich dessen geachtet? Hatte ich mein Teil getan? Gott halle mich errettet; aber ich halte ihn nicht gepriesen; nmlich, ich hatte das nicht als eine Errettung anerkannt und nicht dafr gedankt, und wie konnte ich denn da eine noch grere Errettung erwarten ? Dies berhrte mein Herz so sehr, da ich niederkniete und Gott laut dankte fr die Genesung von meiner Krankheit. 4. Juli. Am Morgen griff ich wieder nach der Bibel und begann mit dem Neuen Testament. Ich machte mich ernstlich daran, es zu lesen, und zwar nahm ich mir vor, jeden Morgen und jeden Abend eine Weile zu lesen, ohne mich an die Kapitelzahlen zu binden, just so lange, wie meine Gedanken dabeibleiben wollten. Nicht lange, nachdem ich mich ernstlich an dieses fromme Werk gemacht hatte, fhlte ich mein Herz tief und ernstlich erschttert von der Schlechtigkeit meines vergangenen Lebens. Mein Traum stand mir wieder vor Augen, und die Worte Alle diese Dinge haben dich nicht zur Reue gebracht brannten mir auf der Seele. Ich flehte Gott inbrnstig an, mir Reue zu geben, und die Vorsehung fgte es, da ich noch am selbigen Tage, als ich in der Heiligen Schrift las, auf die Worte stie: Den hat Gott durch seine rechte Hand erhht zu einem Frsten und Heiland, zu geben Israel Bue und Vergebung der Snden. Ich warf das Buch hin, hob Herz und Hnde gen Himmel und rief laut in freudiger Verzckung: Jesus, du Sohn Davids, du erhhter Frst und Heiland, gib du mir Bue! Dies war das erstemal in meinem Leben, da ich im wahren Sinne des Wortes sagen konnte, ich betete; denn jetzt betete ich mit dem Bewutsein meiner Lage, mit einer bibelsicheren Aussicht auf Hoffnung, gegrndet auf die Verheiung des Wortes Gottes; und seit dieser Zeit, darf ich sagen, begann ich zu hoffen, da Gott mich erhren wrde. Jetzt begann ich, die Worte Rufe mich an, so will ich dich erretten in einem anderen Sinne zu begreifen, als ich vorher getan. Damals dachte ich bei Errettung immer nur an meine Erlsung aus der Gefangenschaft; denn obgleich ich Raum genug hatte, war die Insel ein Gefngnis fr mich, und zwar im schlimmsten Sinne der Welt. Aber jetzt lernte ich, es in anderem Sinne zu nehmen. Jetzt sah ich auf mein vergangenes Leben mit solchem Grauen, meine Snden erschienen mir so schrecklich, da meine Seele nichts anderes bei Gott suchte als Erlsung von der Last meiner Schuld, die mich so erdrckte. Mein einsames Leben war mir ein Nichts; ich bat nicht, von ihm befreit zu werden; ja, ich dachte nicht einmal daran; es war von keiner Bedeutung im Vergleich mit dem anderen. Und ich habe dieses Stck meiner Geschichte hierhergesetzt, um jeden, der es lesen wird, daran zu mahnen, da, wenn er je auf den wahren Grund der Dinge kommt, er Erlsung von den Snden als einen viel greren Segen empfinden wird als Erlsung aus Trbsal. Aber ich schliee diesen Abschnitt, um zum Tagebuch zurckzukehren. Meine Lage wurde nun, obwohl sie noch jammervoll genug blieb fr meinen Leib, dennoch viel leichter fr mein Gemt. Meine Gedanken waren durch das Lesen der Schrift und das Beten zu Gott auf hhere Dinge gerichtet. Ich fand einen Trost in mir selber, von dem ich bisher nichts gewut. Und als meine Gesundheit und meine Krfte wiederkehrten, ging ich drauf und dran, mir alles, was ich noch brauchte, zu besorgen und meine Lebensweise so ordentlich wie mglich zu regeln. Vom 4. bis 14. Juli war ich hauptschlich damit beschftigt, mit meinem Gewehr auszugehen, tglich etwas weiter, wie Menschen es nach einer Krankheit zu tun pflegen, um wieder Krfte zu sammeln. Denn man kann sich kaum vorstellen, wie ich heruntergekommen und wie schwach ich geworden war. Die Kur, die ich gebraucht hatte, war vllig neu und hat vielleicht auch nie vorher eine Krankheit geheilt, noch kann ich jemand empfehlen, den Versuch zu wiederholen; und obwohl sie den Anfall vertrieb, hatte sie doch beigetragen, mich zu schwchen; denn ich hatte noch lange Zeit unter hufigen Nerven- und Gliederkrmpfen zu leiden. Ich zog daraus noch die Lehre, da es nichts Schdlicheres fr meine Gesundheit geben konnte, als whrend der Regenzeit auszugehen, besonders whrend der Regen, die von Strmen und Orkanen begleitet waren; denn da der Regen, der in der trockenen Jahreszeit kam, immer von solchen Strmen begleitet war, so fand ich, da dieser Regen viel gefhrlicher war als der Regen, der im September und Oktober fiel. Ich war nun ber zehn Monate auf dieser unseligen Insel. Jede Mglichkeit der Befreiung aus meiner Lage schien mir genommen; und ich wurde immer mehr davon berzeugt, da noch nie ein menschliches Wesen je seinen Fu auf diesen Ort gesetzt htte. Nachdem ich nun meine Wohnung meiner Meinung nach vllig gesichert hatte, fhlte ich den lebhaften Wunsch, die Insel weiter zu erforschen, um zu sehen, was noch alles darauf wchse, wovon ich noch nichts wte. Es war am 15. Juli, als ich mich zu einer genaueren Besichtigung der Insel aufmachte. Ich ging zuerst an dem Bache hinauf, wo ich, wie ich erzhlte, meine Fle an Land brachte. Als ich ungefhr zwei Meilen daran entlang gewandert war, fand ich, da die Flut nicht weiter hinaufreichte und da er nur noch ein kleines Rinnsal sehr frischen und guten Wassers bildete. Aber da es in der trockenen Jahreszeit war, hatte er an einigen Stellen kaum noch Wasser. Am Ufer dieses Baches fand ich viele liebliche Weiden oder Wiesen, voll, weich und mit Gras bedeckt; und hher hinauf, wo das Wasser wohl nie ber die Ufer trat, fand ich eine groe Menge grnen Tabaks, der zu groen, starken Stengeln aufwuchs. Ferner waren da noch verschiedene andere Pflanzen, die ich nicht kannte und die vielleicht ihre besonderen, mir aber verborgenen ntzlichen Eigenschaften hatten. Ich suchte nach der Kassawawurzel, aus der die Inder unter diesem ganzen Himmelsstrich ihr Brot machen; aber ich konnte keine finden. Ich sah groe Aloe-Pflanzen; aber damals verstand ich mich noch nicht auf sie; ich sah etliches Zuckerrohr, aber wild und ungepflegt und daher wertlos. Ich gab mich fr dieses Mal mit meinen Entdeckungen zufrieden. Auf dem Heimwege sann ich darber nach, wie ich es wohl anstellen knnte, um den Wert und die Gte der Frchte und Pflanzen, die ich noch entdecken wrde, ausfindig zu machen. Aber ich kam zu keinem Beschlu; denn whrend meiner brasilianischen Zeit halle ich so sprliche Erfahrungen gemacht, da ich nur wenig von den Gewchsen des Feldes wute, jedenfalls zuwenig, um mir jetzt in meiner Not irgendwie zu helfen. Am nchsten Tage, dem 16. Juli, ging ich wieder denselben Weg hinauf. Und als ich etwas weiter als tags zuvor gelangt war, fand ich, da der Bach und die Wiesen aufhrten und die Gegend waldiger wurde. Hier fand ich verschiedene Frchte, besonders Melonen am Boden in groem berflu und Trauben an den Bumen; denn die Reben waren tatschlich ber die Bume gewuchert, und die Trauben waren jetzt gerade in der Reife, s und voll. Dies war eine berraschende Entdeckung, und ich war darber herzensfroh; aber meine Erfahrung mahnte mich, nur sparsam davon zu essen; denn ich erinnerte mich von meiner Zeit in der Barbarei her, da einige meiner Landsleute, die dort Sklaven waren, vom Traubenessen Fieber und Durchfall bekamen und starben. Aber ich fand eine herrliche Verwendung fr sie, indem ich sie an der Sonne drrte und als getrocknete Trauben oder Rosinen verwahrte, die alsdann sehr bekmmlich und angenehm zu essen waren, wenn es keine Trauben mehr gab. Ich verbrachte dort den ganzen Abend und ging nicht zu meiner Wohnung zurck; beilufig das erstemal, da ich, sozusagen, auer dem Hause schlief. Bei Nacht tat ich, wie ich zu Anfang getan: Ich stieg in einen Baum, wo ich wohl schlief. Am nchsten Morgen setzte ich meine Forschungsreise fort und wanderte ungefhr vier Meilen weiter, nach der Lnge des Tales zu schtzen immer genau nach Norden, von Hgelketten im Norden und Sden umgeben. Am Ende dieser Wanderung ffnete sich mir ein Ausblick. Hier schien das Land nach Westen abzufallen, und eine kleine Quelle frischen Wassers, die aus dem Hgel neben mir entsprang, lief nach der anderen Seite, nach Osten. Und das Land lag da, so frisch, so grn, so blhend, alles in unverwelktem Frhlingsglanz, da es mir wie ein angepflanzter Garten erschien. Ich stieg ein wenig in dieses herrliche Tal hinab und berschaute es mit einer Art heimlicher Lust, durch die zwar andere trbselige Gedanken glitten, indem ich dachte, da das alles mir gehre, da ich unstreitig Knig und Herr ber dieses Land sei und Besitzrecht daran htte. Und wenn ich es htte mitnehmen knnen, wrde ich es ebensogut zu Erbe erhalten haben wie nur irgendein Lord sein Rittergut in England. Ich sah hier einen berflu an Kakaostruchern, Orangen- und Zitronenbumen, aber alle wild und nur wenige fruchttragend; indessen, die grnen Limonen, die ich sammelte, waren nicht nur angenehm zu essen, sondern auch gesund, und ich mischte ihren Saft spter mit Wasser, das sie sehr heilsam, khl und erfrischend machten. Ich fand nun, da ich gengend zu sammeln und heim zuschaffen htte, und beschlo, mir ein Lager von Trauben und Zitronen beizulegen, um mich fr die nasse Jahreszeit zu versorgen, die, wie ich wute, nahe war. Zu diesem Ende sammelte ich einen groen Haufen Trauben an einem Ort und einen kleineren Haufen an einem anderen Ort, und ein groes Bndel Zitronen wieder woanders. Ich nahm von allem etwas mit und begab mich auf den Heimweg, mit der Absicht, mit einem Beutel oder Sack wiederzukommen, um den Rest nachzuholen. Ich kam also nach drei Reisetagen wieder nach Hause; denn so mu ich jetzt mein Zelt oder meine Hhle nennen. Aber noch ehe ich ankam, waren die Trauben verdorben; ihre eigene Flle und das Gewicht des Saftes hatte sie zerdrckt und zerquetscht; sie waren nur noch wenig oder gar nicht zu gebrauchen. Die Zitronen waren gut; aber ich konnte nur wenige tragen. Am nchsten Tag, dem 19. Juli, ging ich zurck, nachdem ich mir zwei kleine Beutel gemacht hatte, um meine Ernte heimzubringen. Aber zu meiner berraschung fand ich meine Trauben, die so voll und schn gewesen waren, als ich sie pflckte, berallhin zerstreut, zertreten und verschleppt und eine Menge davon aufgezehrt. Daraus schlo ich, es msse hier wilde Tiere geben, die das getan htten; aber was fr welche, wute ich nicht. Es hatte also keinen Zweck, sie in Haufen zu sammeln oder sie in einem Sack wegzutragen; auf die eine Weise wurden sie geraubt und auf die andere durch ihr eigenes Gewicht erdrckt. Ich beschlo daher etwas anderes. Ich pflckte eine Menge Trauben und hing sie an die Enden der Baumzweige in die Sonne zum Trocknen, und von den Zitronen nahm ich soviel wie mglich mit. Als ich wieder daheim war, kam mir die Fruchtbarkeit dieses Tales, die Lieblichkeit seiner vor Strmen geschtzten Lage und sein Wald nicht aus dem Sinn, und ich kam zu dem Schlu, da ich meine Wohnung gerade in dem ungnstigsten Teil der Insel aufgeschlagen hatte. Das alles bedenkend, begann ich zu erwgen, ob ich nicht meine Behausung verlegen und mich nach einem Ort umschauen sollte, der ebenso sicher wre wie mein jetziger, aber mglichst in jenem herrlichen, fruchtbaren Teil der Insel gelegen. Dieser Gedanke lag mir lange im Sinn, und ich war einige Zeit ganz vernarrt in ihn, da mich die Anmut dieser Gegend verfhrerisch lockte. Aber als ich den Plan nher besah und bedachte. da ich jetzt an der See wohnte, wo es doch immerhin mglich war, da ein Glcksfall sich ereignete und da dasselbe Schicksal, das mich hierher verschlagen, einen anderen Unglcksraben an denselben Ort brchte, entschlo ich mich doch, zu bleiben, wo ich war, und mich nicht in dem Inneren der Insel zwischen Hgel und Wald freiwillig noch tiefer einzukerkern. Indessen war ich so verliebt in jene Gegend, da ich fast den ganzen Rest des Monats Juli dort verbrachte. Und wenn ich mich auch nach nochmaliger berlegung nicht entschlo, dorthin zu ziehen, baute ich mir doch wenigstens dort eine kleine Laube und umgab sie in einiger Entfernung mit einem starken Zaun aus einer doppelten Hecke, die so hoch war, wie ich reichen konnte, sorgfltig mit Pfhlen gesttzt und mit Gestrpp abgedichtet. Hier schlief ich manchmal zwei oder drei Nchte hintereinander wohlgeborgen. Ich stieg auch hier mittels einer Leiter hinein, so da ich mir nun einbilden konnte ein Landhaus zu besitzen und eins am Meeresufer. Diese Arbeit beschftigte mich bis Anfang August. Ich hatte eben meine Einzunung beendigt und begann, die Frchte meiner Arbeit zu genieen, als die Regenzeit einsetzte und mich zwang, in der Nhe meiner alten Behausung zu bleiben; denn obgleich ich mir auch ein neues Zelt gebaut und mit einem Stck Segel gut berzogen hatte, so hatte ich hier doch nicht den Schutz des Hgels und nicht die Hhle, in die ich mich bei besonders starkem Regen verkriechen konnte. Ungefhr Anfang August, wie ich sagte, war meine Laube fertig, und ich begann, es mir darin wohl sein zu lassen. Am 3. August waren die Trauben, die ich aufgehngt hatte, vllig getrocknet und durch die Sonne in vorzgliche Rosinen verwandelt. So nahm ich sie vom Baum ab, und es war sehr gut, da ich es tat; denn der Regen, der nun folgte, wrde sie verdorben haben, und ich htte den besten Teil meines Wintervorrats, ungefhr dreihundert groe Bndel, verloren. Kaum hatte ich sie alle abgenommen und die meisten heimgebracht, so fing es an zu regnen. Und von da ab, es war der 14. August, regnete es mehr oder weniger jeden Tag bis Mitte Oktober, und manchmal so heftig, da ich tagelang nicht aus meiner Hhle konnte. Um diese Zeit wurde ich durch einen Zuwachs meiner Familie sehr berrascht. Ich halte mit Leidwesen eine meiner Katzen vermit, die mir fortgelaufen war und die ich fr tot hielt. Ich hrte und sah nichts mehr von ihr, bis sie Ende August zu meinem groen Erstaunen mit drei Jungen zurckkehrte. Dies verwunderte mich sehr; denn ich hatte zwar einmal eine An Wildkatze geschossen, die aber ganz verschieden von unserer europischen Katze war. Die jungen Katzen waren jedoch, ebenso wie die alten, Hauskatzen. Meine beiden Katzen aber waren weiblich. Von diesen drei Katzen wurde ich freilich nachmals so mit Katzen gesegnet, da ich gezwungen war, sie wie Ungeziefer oder Raubtiere zu tten und nach Krften von meinem Hause zu verjagen. Vom 14. bis 24. August unaufhrlicher Regen, so da ich mich nicht hinausbegeben konnte, da ich mich jetzt sehr htete, na zu werden. Infolge dieser Haft war ich gezwungen, meine Nahrung zu strecken. Zweimal wagte ich es jedoch, auszugehen; an dem einen Tag scho ich eine Ziege, und am andern, dem 25., fand ich eine groe Schildkrte, die ein Hochgenu fr mich war. Meine Mahlzeiten waren so eingeteilt: zum Frhstck eine Traube Rosinen, zum Mittagessen ein Stck Ziegenfleisch oder Schildkrte, gerstet, denn zu meinem groen Unglck hatte ich keinen Kessel, um etwas zu kochen oder zu schmoren, und zwei bis drei Schildkrteneier zum Abendbrot. Solange mich der Regen im Hause hielt, arbeitete ich tglich zwei oder drei Stunden an der Erweiterung meiner Hhle. Nach und nach drang ich nach einer Seite immer tiefer vor, bis ich schlielich an die Auenseite des Hgels kam. Hier machte ich eine Tr, die auerhalb meiner Einzunung lag, und ging nun hier aus und ein. Aber es war mir nicht ganz behaglich dabei zumute, da die Hhle nun nach dieser Seile hin so offen lag; denn bisher war ich ringsum geschtzt gewesen, whrend jetzt durch diese ffnung hereinkommen konnte, wer oder was wollte, obwohl ja, soviel ich wute, gar kein lebendes Wesen vorhanden war, das ich halte frchten mssen, da das grte Geschpf, das ich bis jetzt auf der Insel gesehen hatte, eine Ziege war. 30. September. Heute jhrte sich der Unglckstag meiner Landung. Ich zhlte die Kerben an meinem Pfosten zusammen und fand, da ich 365 Tage auf der Insel war. Ich hielt an diesem Tag ein feierliches Fasten und verbrachte ihn mit frommen bungen. Ich warf mich in tiefster Demut zu Boden, beichtete Gott meine Snden, erkannte sein gerechtes Gericht ber mich und flehte ihn an, mir Gnade zu geben durch Jesum Christum. Ich a zwlf Stunden lang keinen Bissen bis Sonnenuntergang, wo ich einen Zwieback und eine Traube Rosinen geno und zu Bett ging, den Tag beschlieend, wie ich ihn begonnen hatte. Ich hatte die ganze Zeit ber keinen Sonntag eingehalten; denn da ich anfangs keine Gottesfurcht im Herzen hegte, so hatte ich es nach einiger Zeit unterlassen, die Wochen zu kennzeichnen und eine lngere Kerbe fr den Sonntag zu schneiden. Als ich jetzt aber, wie gesagt, die Tage zusammenzhlte, fand ich, da ich ein Jahr hier war. Nun teilte ich es in Wochen ein und setzte jeden siebenten Tag einen Sonntag; trotzdem fand ich am Ende meiner Rechnung, da ich um ein oder zwei Tage zu kurz kam. Bald danach begann meine Tinte zur Neige zu gehen, und so beschied ich mich, sie sparsam zu gebrauchen und nur die wichtigsten Ereignisse meines Lebens niederzuschreiben, ohne ein Tagebuch ber andere Dinge zu fhren. Allmhlich lernte ich, die regelmige Wiederkehr der nassen und trockenen Jahreszeiten zu unterscheiden und mich demgem auf sie vorzubereiten. Aber ich mute Lehrgeld dafr zahlen, und davon will ich jetzt erzhlen; denn es war wohl einer der entmutigendsten Versuche, die ich machte. Ich habe erwhnt, da ich die wenigen hren Gerste und Reis aufbewahrt hatte, die ich so berraschend von selbst, wie ich zuerst meinte, hatte sprieen sehen. Ich glaube, es waren ungefhr dreiig Reishalme und zwanzig Gerstenhren, und nun dachte ich, da nach dem Regen die richtige Zeit zum Sen gekommen wre, da die Sonne sich nach Sden von mir entfernte. Demgem grub ich ein Stck Hoden um, so gut ich es mit meinem hlzernen Spaten konnte, teilte es in zwei Teile und ste meine Saat. Aber im Sen kam mir der Gedanke, lieber nicht alles auf einmal zu sen, weil ich nicht wute, ob die rechte Zeit sei. So warf ich etwa zwei Drittel des Samens aus und behielt eine Handvoll von jedem zurck. Es war spter ein groer Trost fr mich, da ich so tat; denn nicht ein einziges Korn ging auf, weil in den drei trockenen Monaten, die folgten, der Boden nicht genug Feuchtigkeit hatte. Erst als die Regenzeit begann, scho es auf, als ob es frisch gest wre. Da meine erste Saat nicht wuchs, suchte ich mir ein feuchteres Stck Boden, um einen neuen Versuch zu machen. Ich grub etwas Land nahe meiner neuen Laube um und ste den Rest meiner Saat im Februar, kurz vor der Frhlings-Tagundnachtgleiche; und da jetzt die regnerischen Monate Mrz und April folgten, wuchsen sie sehr gut und trugen reiche Ernte. Aber da ich nur einen Teil der Saat brig hatte und nicht alles auszusen wagte, hatte ich schlielich nur eine kleine Menge, und meine ganze Ernte belief sich auf etwa einen Achtelscheffel von jeder Sorte. Durch diesen Versuch wurde ich zum Meister in diesem Geschft und wute nun genau, welche Jahreszeit die geeignete zur Aussaat war und da ich mit zwei Saatzeiten und zwei Ernten jhrlich rechnen durfte. Whrend das Korn wuchs, machte ich eine kleine Entdeckung, die mir spter sehr ntzlich war. Sobald der Regen vorber und das Wetter bestndig war, also etwa im Monat November, stattete ich meiner Laube einen Besuch ab, wo ich alles vorfand, wie ich es verlassen hatte. Die doppelte Hecke, die ich gemacht hatte, war nicht nur fest und unversehrt, sondern die Stecken, die ich von einigen nahen Bumen geschnitten hatte, waren alle mit langen Zweigen ausgeschlagen wie die Weiden im ersten Jahr, nachdem sie beschnitten sind. Ich war berrascht und sehr froh, die jungen Bume wachsen zu sehen. Ich beschnitt sie und tat alles, um sie hochzuziehen. Und es ist kaum glaublich, was fr ein herrliches Ansehen sie in drei Jahren bekamen; denn obgleich die Hecke einen Kreis von ungefhr fnfundzwanzig Schritten im Durchmesser bildete, berlaubten sie ihn bald so, da er vollkommen im Schatten lag, gengend, um whrend der ganzen trockenen Jahreszeit dort zu hausen. Dies bewog mich, noch einige Stecken mehr zu schneiden, um mir eine Hecke im Halbkreis um die Mauer meiner alten Wohnung anzulegen. Ich pflanzte sie in einer doppelten Reihe in ungefhr acht Schritten Abstand vom Zaun. Sie schlugen auch hier sogleich aus und bildeten zunchst eine gute Deckung fr meine Wohnung und spterhin auch einen guten Schutz zur Verteidigung, wie ich seinerzeit berichten werde. Ich fand nun, da die Jahreszeiten nicht wie in Europa in Sommer und Winter einzuteilen wren, sondern in regnerische und trockene Jahreszeiten, gewhnlich in dieser Reihenfolge: Halber Februar Mrz Halber April Regnerisch, da die Sonne dann in oder nahe der Tagundnachtgleiche stand. Halber April Mai Juni Juli Halber August Trocken, die Sonne dann nrdlich des quators. Halber August September Halber Oktober Regen, die Sonne zurckkehrend. Halber Oktober November Dezember Januar Halber Februar Trocken, die Sonne dann sdlich des quators. Die Regenzeit dauerte bald lnger, bald krzer, je nach dem Wind, der gerade wehte; aber dies ist die durchschnittliche Beobachtung, die ich machte. Nachdem ich am eigenen Leibe erfahren hatte, welche blen Folgen es hatte, sich bei Regen drauen aufzuhalten, trug ich Sorge, mich im voraus mit Mundvorrat zu versehen, um nicht ausgehen zu mssen, und sa whrend der nassen Monate soviel wie mglich daheim. Whrend der Regenzeit hatte ich genug zu tun; zum Beispiel versuchte ich auf mancherlei Weise, mir einen Korb zu machen; aber alle Zweige, die ich fr diesen Zweck nehmen konnte, erwiesen sich als so sprde, da sie nichts taugten. Es zeigte sich jetzt, wie gut es gewesen, da ich als Knabe groe Freude daran gehabt hatte, einem Korbmacher in der Stadt, wo mein Vater lebte, zuzusehen, wie er sein Flechtwerk machte. Wie Knaben meistens sind, war ich eifrig bereit gewesen, ihm zu helfen, und hatte ihm scharf auf die Finger geschaut. Ich war ihm manchmal zur Hand gegangen und halte daher die Kunst so gut begriffen, da ich jetzt nur das Material dazu ntig hatte. Es fiel mir ein, da die Zweige der Bume, von denen ich die Stecken geschnitten halte, die dann ausschlugen, mglicherweise ebenso zhe wie die verschiedenen Weidenarten in England sein knnten, und ich beschlo, es damit zu versuchen. Ich ging also am nchsten Tage zu meinem Landhause, wie ich es nannte, schnitt einige von den dnnen Zweigen ab und fand sie fr meinen Zweck so tauglich, wie ich nur wnschen konnte. Daraufhin kam ich das nchste Mal mit einer Axt, um eine Menge davon abzuschlagen. Ich stellte sie in meine Hecke zum Trocknen, und als sie drr genug waren, trug ich sie zu meiner Hhle und flocht whrend der Regenzeit recht viel Krbe, so gut ich konnte, teils um Erde darin fortzuschaffen, teils um sonst allerhand darin zu tragen oder hineinzulegen; besonders machte ich starke, liefe Krbe, um mein Korn darin, anstatt in Scken, zu verwahren, falls ich viel davon ernten sollte. Nachdem ich diese Schwierigkeilen berwunden und eine Unmenge Zeit darauf verwendet hatte, dachte ich nach, wie ich zwei anderen Mngeln abhelfen knnte. Ich hatte keine Gefe, um irgendwelche Flssigkeiten zu verwahren, auer zwei Schsseln, die noch fast alle mit Rum gefllt waren und etlichen Glasflaschen, einige rund, einige viereckig, fr Wasser, Branntwein und dergleichen. Ich hatte nicht einmal einen Topf, um irgend etwas darin zu kochen, auer einem groen Kessel, den ich aus dem Schiff' gerettet hatte, der aber zu gro war, um Fleischbrhe darin zu kochen oder etwas Fleisch zu schmoren. Das zweite, was ich gern gehabt htte, war eine Tabakspfeife, und schlielich fand ich auch hierfr Rat. Ich brachte den ganzen Sommer oder die trockene Zeit damit zu. die zweite Reihe Stecken zu pflanzen und Krbe zu flechten, als eine andere Unternehmung mich davon abbrachte, die mir mehr Zeit nahm, als ich eigentlich brig hatte. Ich erwhnte schon, da ich groe Lust hatte, die ganze Insel zu erforschen, und da ich den Bach hinauf wanderte und weiter bis dahin, wo ich meine Laube baute und wo ich einen Ausblick aufs Meer hatte, auf der anderen Seite der Insel. Und nun beschlo ich, quer durch die Insel zu wandern bis an die Kste der anderen Seite. So nahm ich mein Gewehr, meine Axt, meinen Hund und ein greres Quantum Pulver und Patronen als sonst, steckte zwei Schiffszwiebacke und ein groes Bndel Rosinen als Mundvorrat in meine Tasche und machte mich auf die Reise. Als ich das Tal, wo meine Laube stand, durchwandert hatte, bekam ich Aussicht auf die See nach Westen, und da es ein sehr klarer Tag war, ersphte ich Land; ob Insel oder Festland, konnte ich nicht unterscheiden; aber es lag sehr hoch und erstreckte sich von West nach Westsdwest in sehr groer Entfernung, nach meiner Schtzung mindestens fnfzehn bis zwanzig Seemeilen weit. Ich konnte nicht sagen, welcher Teil der Well dies sei, nur wute ich, es msse ein Stck von Amerika sein und knne all meinen Beobachtungen nach nicht weit von der spanischen Kolonie liegen. Vielleicht war es von Wilden bewohnt, so da ich noch schlimmer daran gewesen wre, wenn ich dort Schiffbruch erlitten htte. Darum dankte ich der Vorsehung dafr, da sie alles zu meinem Besten geordnet. Ich hielt mir das vor, um meine Gedanken zu beruhigen und mich nicht in fruchtlose Wnsche zu verlieren. Nachdem ich eine Weile darber nachgedacht hatte, sagte ich mir: Wenn es die spanische Kste ist, so mu ich doch einmal ein Schiff auf seinem Hin- oder Rckweg sehen; wo nicht, so kann es nur die wilde Kste zwischen dem spanischen Gebiet und Brasilien sein. Und das war in der Tat eine der gefrchtetsten. Denn dort hausten Kannibalen oder Menschenfresser, die unfehlbar jedes menschliche Wesen, das ihnen in die Hnde fiel, totschlugen und auffraen. In solchen Gedanken spazierte ich sehr gemchlich weiter. Ich fand diese Seite der Insel viel lieblicher als die meine, die offenen Felder oder Savannen herrlich mit Blumen und Grsern geziert und voll lichten Gehlzes. Ich sah eine Unmenge Papageien und wrde gerne einen gefangen haben, um ihn, wenn mglich, zu zhmen und sprechen zu lehren. Ich fing mit vieler Mhe einen jungen; ich schlug ihn mit einem Stock herunter, und als er sich erholt hatte, nahm ich ihn mit nach Hause; es dauerte jedoch einige Jahre, bis ich ihm das Sprechen beibrachte; schlielich jedoch lernte er, mich ganz vertraulich bei meinem Namen nennen, und ein lustiges Stckchen von ihm drfte, obwohl es nur eine Kleinigkeit war, doch den Leser an seinem Ort ergtzen. Meine Reise machte mir ungemein viel Vergngen. In den Tlern fand ich Hasen, wenigstens sah ich sie dafr an, und Fchse; aber sie unterschieden sich sehr von den Arten, die ich bisher getroffen hatte; auch konnte ich mich nicht entschlieen, sie zu essen, obgleich ich mehrere scho. Aber ich konnte es mir erlauben, whlerisch zu sein; denn ich halte berflu an Nahrung, und zwar an recht guten Bissen, besonders an Ziegen, Tauben und Schildkrten, so da auch der Londoner Markt meinen Tisch nicht besser htte versorgen knnen; und wenn meine Lage auch beklagenswert genug war, hatte ich doch allen Grund zur Dankbarkeit dafr, da ich an Nahrung keine Not zu leiden brauchte, sondern alles recht reichlich hatte, und noch Leckerbissen obendrein. Ich marschierte auf dieser Reise niemals mehr als ungefhr zwei Meilen am Tag; aber ich schlug so viele Neben- und Umwege ein, um zu sehen, was noch zu entdecken wre, da ich immer mde genug an dem Platz ankam, den ich jeweils fr meine Nachtruhe ausgesucht hatte. Entweder schlief ich in einem Baum, oder ich umgab mich mit Stangen, die ich aufrecht in den Boden steckte oder von einem Baum zum ndern legte, damit kein wildes Tier mir auf den Hals kme, ohne mich aufzuwecken. Als ich an die Kste kam, war ich aufs neue betroffen davon, da ich wirklich meine Wohnung auf der schlechtesten Seite der Insel aufgeschlagen hatte. Denn hier war der Strand von unzhligen Schildkrten bedeckt, whrend ich an der anderen Seite in anderthalb Jahren nur drei gefunden hatte. Hier gab es auch eine zahllose Menge von Seevgeln aller Art, deren einige ich nie zuvor gesehen hatte, und viele von ihnen waren gut zu essen. Aber ich kannte ihre Namen nicht, auer den Pinguinen. Ich htte so viele schieen knnen, wie ich Lust hatte; aber ich war sparsam mit meinem Pulver und zog es daher vor, mir eine Ziege zu schieen, die ausgiebiger war. Es gab hier viel mehr als auf der anderen Seite; aber es war viel schwieriger, ihnen beizukommen; denn da das Land flach und eben war, kam ich ihnen viel frher zu Gesicht als in den Hgeln. Trotz allen Herrlichkeiten dieser Gegend sprte ich nicht die geringste Lust, aus der meinigen wegzuziehen; denn da ich dort meine feste Wohnung hatte, war ich ganz daran gewhnt, und all die Zeit ber, die ich hier verbrachte, schien es mir, als sei ich auf einer Reise und fort von zu Hause. Ich wanderte indessen weiter an der Kste hin nach Osten, meiner Rechnung nach ungefhr zwlf Meilen, setzte dann einen starken Pfahl als Zeichen an den Strand und beschlo, wieder heimzukehren und die nchste Reise andersherum um die Insel zu machen, von meiner Wohnung aus nach Osten, und so weiter, bis ich wieder an meinen Pfahl gelangen wrde, Ich schlug einen anderen Rckweg ein; denn ich glaubte, die Insel so gut bersehen zu knnen, da ich meine Wohnung nicht verfehlen wrde. Aber ich hatte mich getuscht; denn nachdem ich zwei oder drei Meilen gewandert war, fand ich mich in einem sehr groen Tal, das so von Hgeln umstellt war, da ich die Richtung meines Weges nur nach der Sonne bestimmen konnte; und auch das wre schwierig gewesen, wenn ich ihren Stand zu dieser Tageszeit nicht gekannt htte. Zum Unglck wurde das Wetter, whrend ich in diesem Tale war, fr drei oder vier Tage neblig. Und da ich nun die Sonne nicht mehr sehen konnte, so wurde mir ziemlich unbehaglich zumute, und ich war schlielich gezwungen, weder zum Meere umzukehren und meinen Pfosten zu suchen und dann denselben Weg zurckzugehen, den ich gekommen war. Ich legte ihn nur in kleinen Strecken zurck, da es sehr hei war und mein Gewehr, Munition, Axt und andere Dinge mich schwer drckten. Auf dieser Reise jagte mein Hund ein Kitz auf und stellte es; ich rannte hinzu, um es zu greifen, fing es und rettete es lebendig vor dem Hunde. Ich hatte groe Lust, es nach Hause mitzunehmen; denn ich hatte oft daran gedacht, ob ich mir nicht eine Ziegenzucht anlegen knnte, die mich spter, wenn mein Pulver verschossen wre, mit Fleisch versorgen sollte. Ich machte dem kleinen Ding ein Halsband und eine Leine und fhrte es nicht ohne Mhe hinter mir her bis zu meiner Laube; dort sperrte ich es ein, da ich darauf brannte, heimzukommen, nachdem ich schon ber einen Monat unterwegs gewesen war. Ich kann nicht sagen, wie es mich freute, wieder in meine alte Hhle zu kommen und in meiner Hngematte zu schlafen. Diese kleine Fureise, ohne stndigen Unterkunftsort, war so unbehaglich fr mich gewesen, da mir mein Haus, wie ich es bei mir nannte, so recht als meine Heimat erschien, in der ich mich so wohl fhlte, da ich beschlo, sie nie wieder fr lnger zu verlassen, solange es mein Los wre, auf der Insel zu leben. Ich ruhte mich hier eine Woche aus, um mich von meiner Reise zu erholen, und benutzte die Zeit zu einer wichtigen Arbeit, nmlich um einen Kfig fr meinen Papagei zu machen, der mir bereits ein treuer Gefhrte war und sich schon sehr gut an mich gewhnt hatte. Nun gedachte ich des armen Zickleins, das ich in meiner kleinen Laube zurckgelassen hatte, und beschlo, es zu holen und ihm Futter zu geben. Ich machte mich also auf den Weg und fand es, wo ich es gelassen hatte; denn es konnte nicht heraus und war fast verhungert. Ich schnitt sogleich Zweige von Bumen und Struchern ab und warf sie ihm vor, und nachdem es gefressen hatte, legte ich es wieder an die Leine, um es hinwegzufhren ; aber es war durch den Hunger so zahm geworden, da ich es nicht htte anbinden brauchen, denn es folgte mir wie ein Hund. Ich ftterte es fleiig weiter, und das kleine Ding wurde so zutraulich, zahm und zrtlich, da es mir von Stund an auch ein Hausgeno wurde und mich nie wieder verlassen wollte. Die Regenzeit der Herbst-Tagundnachtgleiche war nun gekommen, und ich beging den 30. September in derselben feierlichen Weise wie zuvor, da es der Jahrestag meiner Landung auf der Insel war, auf der ich nun zwei Jahre lebte, immer noch ohne jede Hoffnung auf Befreiung. Ich verbrachte den ganzen Tag in demtiger und dankbarer Betrachtung der vielen wunderbaren Wohltaten, die mir meine Einsamkeit linderten und ohne die ich noch hundertmal elender gewesen wre. Ich dankte Gott demtig und von Herzen, da er mich gelehrt hatte, in der Einsamkeit auf meine Art glcklicher zu sein als in Freiheit und inmitten aller Freuden der Welt, da er mir alles, was ich in meiner Einsamkeit entbehrte, und den Mangel an Umgang mit Menschen durch seine Gegenwart und die Mitteilung seiner Gnade an meine Seele vollauf ersetzte, da er mich sttzte und trstete und ermutigte, auf seine Frsorge hier zu vertrauen und auf ein ewiges Leben dort bei ihm zu hoffen, Nun begannen mir die Augen dafr aufzugehen, um wie vieles glcklicher das Leben, das ich jetzt fhrte, trotz allem Elend war als das gottlose, fluchwrdige, abscheuliche Leben, das ich in meinen vergangenen Tagen gefhrt hatte. Und nun wandelten sich meine Kmmernisse sowohl wie meine Freuden, meine Wnsche wurden andere, meine Neigungen schlugen um, und es waren nun ganz andere Dinge, an denen ich Vergngen fand, als zu der Zeit, da ich zuerst hierher kam, oder whrend der letzten zwei Jahre. Frher, wenn ich herumstreifte, um zu jagen oder um das Land zu erforschen, konnte mich pltzlich die Seelenangst meines Zustandes so berwltigen, da mir das Herz im Leibe erstarrte, wenn ich an die Wlder und Berge und meine Verlassenheit dachte und wie ich durch die unendlichen Schranken und Riegel des Weltmeeres in eine unbewohnte Wildnis hoffnungslos eingesperrt sei. Mitten in der grten Gemtsruhe konnte es mich berfallen, da ich die Hnde rang und weinte wie ein Kind. Manchmal packle es mich mitten in der Arbeit, da ich jhlings stille sa und seufzte und die Erde unier mir ein paar Stunden lang anstarrte. Und das war am allerschlimmsten. Denn wenn ich mir in Trnen oder Worten Luft machen konnte, ging es vorber, und der Kummer lie nach, weil er sich selber erschpfte. Nun begann ich mich in neuen Gedanken zu ben; ich las tglich in Gottes Wort und wandte alle seine Trstungen auf meinen gegenwrtigen Zustand an. Eines Morgens, als ich sehr traurig war, schlug ich die Bibel bei den Worten auf: Ich will dich niemals, niemals verlassen, noch mich von dir abwenden. Sogleich hatte ich das Gefhl, da diese Worte zu mir gesprochen seien. Warum sonst wren sie mir gerade in dem Augenblick vor Augen gekommen, als ich mich, als ein von Gott und den Menschen Verlassener, ber meine Lage grmte? Nun wohl, sagte ich zu mir, wenn Gott mich nicht verlt, was kann es mir anhaben oder was kmmert es mich, wenn mich auch die ganze Welt verlt? Hingegen wenn ich die ganze Welt bese und htte die Gnade und den Segen Gottes nicht, wer oder was knnte mir diesen Verlust ersetzen? Von diesem Augenblick an begann ich in meinem Sinn zu folgern, da es fr mich mglich sei, mich in meiner verlassenen einsamen Lage glcklicher zu fhlen, als es vermutlich in irgendeinem anderen Zustand auf Erden jemals der Fall gewesen wre; und indem ich so dachte, schickte ich mich an, Gott dafr zu danken, da er mich hierhergebracht hatte. Irgend etwas jedoch, ich wei nicht, was es war, schien mir anstig an diesem Vorhaben, und ich wagte die Worte nicht auszusprechen. Wie kannst du so ein Heuchler sein, sagte ich zu mir, und sogar mit lauter Stimme, zu behaupten, du seist dankbar fr eine Lage, aus der du doch, magst du dich auch noch so sehr bemhen, zufrieden mit ihr zu sein, von Herzen gern befreit werden mchtest? Also hielt ich inne. Aber obwohl ich Gott nicht fr mein Hiersein zu danken vermochte, dankte ich ihm doch aufrichtig dafr, da er mir, wenn auch durch noch so schmerzliche Fgungen, die Augen ber den frheren Zustand meines Lebens geffnet und mich dahin gefhrt hatte, meine Gottlosigkeit zu beklagen und zu bereuen. Ich ffnete oder schlo die Bibel niemals, ohne in innerster Seele Gott dafr zu preisen, da er meinem Freund in England eingegeben hatte, sie ohne eine Anweisung von mir mit einzupacken, und auch dafr, da er mir hernach beigestanden hatte, sie aus dem Wrack zu bergen. In solcher Gemtsverfassung begann ich mein drittes Jahr, und obgleich ich dem Leser keinen so ausfhrlichen Bericht ber die Arbeiten de zweiten Jahres gegeben habe wie ber die des ersten, so wird man doch wohl bemerkt haben, da ich seilen mig gewesen bin. Ich halte meine Verrichtungen regelmig auf den Tag verteilt; zuerst meine Pflicht gegen Gott und das Lesen der Schrift, wofr ich stets dreimal tglich eine bestimmte Stunde ansetzte; zweitens die Jagd, die gewhnlich drei Stunden jeden Morgen beanspruchte, wenn es nicht regnete; drittens das Einteilen, Zurichten, Verwahren und Kochen meiner Beute, womit ein groer Teil des Tages hinging. Dabei mu man bedenken, da ich mich mittags, wenn die Sonne am hchsten stand, vor Hitze nicht rhren konnte, so da ich nachmittags nur noch vier Stunden zur Arbeit halle. Ausnahmsweise vertauschte ich manchmal die Stunden der Jagd mit denen der Arbeit und ging morgens an die Arbeit und nachmittags auf die Jagd. Bei dieser kurzen Arbeitszeit mu man noch bedenken, wie schwer und mhselig meine Arbeit war. Der Mangel an Werkzeugen, an Hilfe und Erfahrung kostete mich viele Stunden. Zrn Beispiel brauchte ich volle zweiundvierzig Tage, um mir ein Brett fr ein langes Bord zu machen, das ich in meiner Hhle anbringen wollte, whrend zwei Schreiner mit ihren Werkzeugen und Sgen aus ein und demselben Baum in einem halben Tag deren sechs hallen schneiden knnen. Die Sache war die: es mute ein groer Baum sein, der gefllt werden sollte; denn mein Bord sollte breit werden. Um diesen Baum umzulegen, brauchte ich drei Tage, und dann wieder zwei, um die ste abzuschlagen und ihn zu einem Balken oder Bauholz zurechtzustutzen. Mit endlosem Hacken und Hauen zerschlug ich die beiden Seiten in Spne, bis er leicht genug war, um sich bewegen zu lassen; dann drehte ich ihn um und machte die eine Seite glatt und flach wie ein Brett vom einen Ende zum ndern, so lange, bis aus dem ganzen Baum ein etwa drei Zoll dickes und an beiden Seiten glattes Brett geworden war. Man kann sich vorstellen, was fr Mhe ein solches Werk kostete; aber mit Flei und Geduld brachte ich es zustande, und noch vieles andere auch. Ich schildere das so im einzelnen, um zu zeigen, warum ich so viel Zeit an ein so geringes Werk verlor; denn was eine Kleinigkeit gewesen wre, wenn ich Beistand und Werkzeuge gehabt htte, wurde fr mich, der ich alles allein und mit der Hand tun mute, zu einer schweren Arbeit und kostete mich ungeheuer viel Zeit. Aber mit Geduld und Arbeit gelang mir vieles und schlielich alles, was die Umstnde erforderten, wie man in der Folge sehen wird. Jetzt kamen der November und Dezember, und ich erwartete nun meine Gersten- und Reisernte. Die Flche, die ich dazu umgegraben hatte, war nicht gro; denn ich hatte nur je einen Achtelscheffel zur Aussaat, da ich eine ganze Ernte durch das Sen in der trockenen Jahreszeit eingebt hatte. Aber jetzt versprach meine Ernte sehr gut zu werden, als ich pltzlich aufs neue frchten mute, ganz um sie zu kommen, und zwar durch Feinde von mancherlei Art, vor denen ich sie kaum schtzen konnte. Erstens durch die Ziegen und jene Wildlinge, die ich Hasen nannte und die, nachdem sie einmal die sen Blttchen gekostet hatten, Tag und Nacht darin lagen und sie, sobald sie nur sproten, dermaen abfraen, da sie keine Zeit fanden, zu Halmen aufzuwachsen. Ich wute keine andere Abhilfe, als ein Gehege darum zu bauen, was sehr mhselig war, um so mehr, als es in groer Eile geschehen mute, weil die Tiere mein Getreide tglich rger verdarben. Da mein Ackerland aber nur klein war, brachte ich die Umzunung in drei Wochen zustande. Tagsber scho ich etliche der ungebetenen Gste, und nachts band ich meinen Hund an einen Pfahl beim Eingang, wo er die ganze Nacht ber wachte und bellte, so da die Feinde in kurzer Zeit den Platz mieden und das Getreide stark und schn wuchs und zusehends zu reifen begann. Wie jedoch die Vierfler mich schdigten, als das Korn im Halm war, so taten die Vgel desgleichen, als es in hren stand. Als ich eines Tages nach meinem Feld sah, war es von wer wei wie vielen verschiedenen Vgeln umgeben, die darauf lauerten, wann ich wieder wegginge. Sofort pfefferte ich eine Ladung Schrot unter sie; denn ich hatte immer mein Gewehr bei mir. Kaum fiel der Schu, so erhob sich eine Wolke von Vgeln, die ich noch gar nicht gesehen hatte, mitten aus dem Korn. Dies gab mir einen Stich ins Herz; denn ich sah voraus, da sie mich in wenigen Tagen um meine ganze Hoffnung bringen wrden und ich nie wieder Korn ziehen knnte. Ich wute nicht, was tun, beschlo jedoch, mein Getreide nicht preiszugeben, und wenn ich es Tag und Nacht bewachen mte. Zuerst besah ich mir den schon angerichteten Schaden und fand, da bereits ein groer Teil verdorben war; doch wrde der Rest noch immer eine gute Ernte geben, wenn ich ihn retten knnte, da er jetzt den Vgeln noch zu grn war. Ich hielt mit meinem geladenen Gewehr Wache und sah die Diebe auf allen Bumen um mich herum sitzen, als wenn sie warteten, bis ich fort wre; und so war es auch wirklich; denn als ich mich ein kleines Stck entfernte, fielen sie, sobald ich ihnen aus den Augen war. einer nach dem ndern wieder ber das Korn her. Ich war so aufgebracht, da ich nicht die Geduld hatte, abzuwarten, bis noch mehr kmen; denn ich wute, da jedes Korn, das sie fraen, fr mich ein Laib Brot war. Ich eilte an das Gehege zurck, feuerte und ttete ihrer drei. Das war mir gerade recht; ich hob sie auf und tat mit ihnen, wie wir es in England mit ffentlichen Dieben tun: Ich hngte sie als Schrecken fr die anderen auf. Man wrde es kaum fr mglich halten, wie das auf sie wirkte; denn sie mieden nicht nur das Kornfeld, sondern in dieser ganzen Gegend der Insel lie sich kein Vogel mehr blicken, solange die Vogelscheuchen hingen. Ich war sehr froh darber, das mag man mir glauben, und gegen Ende Dezember, zur zweiten Erntezeit des Jahres, konnte ich mein Korn schneiden. Doch dazu brauchte ich dringend eine Sense oder Sichel. Es blieb mir nichts anderes brig, als mir eine aus einem breiten Degen oder Hirschfnger zu machen, die ich unter ndern Waffen aus dem Schiff geborgen hatte. Da aber meine Ernte nur klein war, machte mir das Schneiden keine sonderliche Mhe. Kurz gesagt, ich mhte es auf meine Weise und schnitt nur die hren ab, die ich in groen Krben wegtrug und mit den Hnden ausrieb. Und so fand ich am Schlu meiner Ernte, da ich nach meiner Schtzung aus meinem Viertelscheffel Aussaat fast zwei Scheffel Reis und ber zweieinhalb Scheffel Gerste geerntet hatte. Dies ermutigte mich sehr, und ich sah voraus, da Gott mich mit der Zeit reichlich mit Brot versehen wrde. Doch jetzt sah ich mich wieder vor neuer Not: denn ich wute nicht, wie ich es zu Mehl mahlen, ja nicht einmal, wie ich es von der Spreu reinigen noch wie aus dem Mehl Brot backen sollte. Diese Schwierigkeiten sowie der Wunsch, mir einen stndigen Vorrat zu sichern, brachten mich zu dem Entschlu, nicht ein Korn zu essen, sondern alles bis zur nchsten Aussaat zu verwahren und in der Zwischenzeit all meinen Verstand und meine Arbeitsstunden darauf zu verwenden, um das groe Werk des Brotmachens vorzubereiten. Ich konnte nun in Wahrheit sagen, da ich um mein Brot arbeitete. Es mag wunderlich erscheinen, und nur wenige Menschen werden darber nachgedacht haben, was fr eine Unmenge Kleinigkeiten zum Pflanzen, Ernten, Subern, Kneten und Backen dieses einen Dinges Brot gehren. Erstens hatte ich keinen Pflug, um die Erde zu ackern, keinen Spaten, sie umzugraben. Diese Not berwand ich, wie oben berichtet, indem ich mir einen hlzernen Spaten machte. Aber er war eben doch nur aus Holz, und obwohl es mich viele Tage gekostet hatte, ihn anzufertigen, ntzte er sich, da er nicht aus Eisen war, viel schneller ab und machte die Arbeit beschwerlicher und unvollkommener. Indessen fand ich mich auch damit ab und war geduldig und zufrieden, berhaupt damit arbeiten zu knnen. Als das Getreide gest war, hatte ich keine Egge, sondern mute es selber niedertreten und einen groen, schweren Baumast darber ziehen, um die Erde, anstatt sie zu harken oder zu eggen, wenigstens aufzukratzen. Ich sagte bereits, wie viele Dinge mir fehlten, um es whrend des Wachsens zu schtzen, a umzunen und es dann zu mhen, heimzubringen, zu dreschen, von der Spreu zu sondern und zu verwahren. Ferner fehlte mir eine Mhle, um es zu mahlen, ein Sieb, um es zu subern, Hefe und Salz, um Brot daraus zu kneten, und ein Ofen, um es zu backen. Auch ohne alles das wute ich mir zu helfen, wie ich berichten werde, zwar mit sehr viel Mhe und Arbeit; aber ohne diese ging es nicht. Auch hatte ich nicht allzuviel Zeit dazu brig; denn ich hatte sie eingeteilt. Ein bestimmter Teil jeden Tages war fr diese Arbeiten vorgesehen, und da ich beschlossen hatte, das Korn nicht zum Brotbacken zu verwenden, bis ich einen greren Vorrat htte, bentzte ich die nchsten sechs Monate zur Erfindung und Herstellung der Gegenstnde, die ich brauchte, um mir das Korn nutzbar zu machen. Vor allen Dingen mute ich noch mehr Boden vorbereiten; denn ich hatte jetzt Saat genug fr ungefhr einen Morgen Land. Ehe ich daranging, brauchte ich zum mindesten eine Woche, um mir einen Spaten zu machen, der aber m kmmerlich und so schwer ausfiel, da ich doppelte Arbeit mit ihm hatte. Doch auch das berwand ich und ste meinen Samen auf zwei ebene Felder so nahe wie mglich bei meinem Hause und zunte sie mit einer starken Hecke ein. Dazu benutzte ich wieder jene Stecklinge, von denen ich wute, da sie ausschlugen, so da ich nach Jahresfrist eine lebende Hecke haben wrde, der ich nur wenig nachzuhelfen brauchte. Mit dieser Arbeit brachte ich nicht weniger als drei Monate zu, da ein groer Teil davon in die nasse Jahreszeit fiel, in der ich nicht ausgehen konnte. Whrend es regnete, hatte ich zu Hause genug zu tun mit einer Arbeit, von der ich sogleich erzhlen werde. Bei der Arbeit hatte ich immer meinen Spa daran, mit dem Papagei zu schwatzen und ihn das Sprechen zu lehren. Ich brachte ihm bald bei, auf seinen Namen zu hren und ihn schlielich selber ganz laut auszusprechen: Poll! Und das war das erste Wort, das ich aus einem anderen Munde als meinem eigenen vernahm, seit ich auf der Insel war. Indes war dies nicht meine Arbeit, sondern nur ein Zeitvertreib dabei; denn, wie gesagt, ich hatte groe Dinge vor. Seit langem hatte ich nmlich auf allerlei Art versucht, mir irdene Gefe zu machen, die ich dringend brauchte. Ich zweifelte bei der Hitze dieses Klimas nicht, da ich mir, wenn ich den rechten Lehm fnde, einen Topf wrde zurechtkneten und an der Sonne trocknen lassen knnen, so da er fest und stark genug wrde, um damit hantieren zu knnen und Dinge darin zu verwahren, die trocken gehalten werden muten. Besonders fr mein Korn, Mehl usw. brauchte ich derlei Krge und beschlo, ein paar recht groe zu diesem Zwecke zu verfertigen. Der Leser wrde mich bemitleiden oder auslachen, wenn ich erzhlen wrde, was ich all mit diesem Tpferteig anstellte, was fr seltsame, migestaltete, unfrmige Dinge ich schuf, wie viele davon in sich zusammenfielen, da der Lehm nicht fest genug war, um sein eigenes Gewicht tragen zu knnen; wie viele durch die bermige Hitze der Sonne, der ich sie allzufrh aussetzte, barsten und wie viele in Stcke gingen, wenn ich sie vor oder nach dem Trocknen von der Stelle bringen wollte. Kurz, nach vieler Mhe, den Lehm zu finden, zu graben, anzurhren, heimzubringen und zu kneten, brachte ich schlielich in zwei Monate langer Arbeit zwei groe, unfrmige irdene Dinger, die ich kaum Krge nennen kann, zustande. Nachdem die Sonne sie trocken- und hartgebacken hatte, hob ich sie vorsichtig auf und setzte sie in zwei groe Weidenkrbe, die ich eigens fr sie gemacht hatte, damit sie nicht zerbrechen sollten, und da zwischen dem Kruge und dem Korbe einiger Raum geblieben war, stopfte ich ihn mit dem Reis- und Gerstenstroh aus. Diese zwei Krge schienen mir tauglich, um mein Getreide und spterhin mein Mehl darin trocken aufzubewahren. Trotzdem mir die groen Tpfe so schlecht geraten waren, machte ich verschiedene kleinere Gefe mit besserem Erfolg, kleine runde Tpfe, flache Schsseln, Krge und Knnchen und was mir sonst von der Hand ging, und die Sonne buk sie alle erstaunlich hart. Aber all das befriedigte mich noch nicht ganz; denn ich brauchte einen Topf, der Flssigkeit halten und Feuer vertragen knnte, wozu bis jetzt noch keiner taugte. Eines Tages, als ich ein gutes Feuer gemacht hatte, um mein Fleisch zu braten, fand ich hernach in der Asche eine Scherbe eines zerbrochenen irdenen Geschirres, hart wie Stein gebrannt und rot wie Ziegel. Ich war angenehm berrascht und sagte mir, wenn sich ein Stck brennen lt, werden sie sich gewi auch ganz brennen lassen. Nun versuchte ich das Feuer so anzulegen, da ich einige meiner Tpfe darin brennen knnte. Ich verstand mich nicht auf einen Brennofen, wie die Tpfer ihn benutzen, noch auf das Glasieren, obwohl ich Blei dazu gehabt htte. Aber ich setzte drei groe Npfe und zwei oder drei Tpfe aufeinander, legte mein Brennholz rundherum und viel heie Asche darunter, versah das Feuer stndig mit neuer Nahrung von auen und oben, bis ich sah, da die Tpfe drinnen feuerrot glhten und doch nicht zersprangen. So lie ich sie fnf oder sechs Stunden lang in der Hitze stehen, bis ich merkte, da einer zwar nicht zersprang, aber zerflo und ablief; denn der Sand, mit dem der Lehm vermischt war, fing von der gewaltigen Hitze zu schmelzen an und wrde zu Glas zerronnen sein, wenn ich noch weiter geheizt htte. So trug ich mein Feuer nach und nach ab, bis die Tpfe die rote Farbe verloren, und wachte dabei die ganze Nacht, um das Feuer nicht zu schnell verlschen zu lassen, und am Morgen hatte ich zwei sehr gute, um nicht zu sagen schne Schalen und zwei irdene Tpfe, so hart gebrannt, wie ich es nur wnschen konnte; noch dazu war einer von dem geschmolzenen Sand ber und ber glasiert. Ich brauche nicht zu sagen, da ich nach diesem Versuche keinen Mangel mehr an irdenem Geschirr hatte. An Gestalt freilich sah eines so ziemlich wie das andere aus, wie man sich denken kann, da ich mich dazu anstellte wie Kinder, die sich einen Kuchen aus Erde machen, oder wie eine Frau, die sich eine Pastete machen will und nie gelernt hat, einen Teig anzurhren. Gewi hat sich nie jemand ber etwas derlei Geringfgiges so gefreut wie ich, als ich fand, da ich Tpfe gemacht hatte, die das Feuer vertrugen, und ich konnte es kaum erwarten, bis sie abgekhlt waren, um dann in einen etwas Wasser zu tun und ihn wieder aufs Feuer zu setzen und mir Fleisch zu kochen. Es geriet vortrefflich. Von einem Stck Kitz bereitete ich mir eine ausgezeichnete Fleischbrhe, obwohl mir Hafermehl und andere Zutaten fehlten, um sie so gut zu machen, wie ich gewollt htte. Meine nchste Sorge war, mir einen steinernen Mrser herzustellen, um das Korn darin zu zerstampfen ; denn ich konnte nicht daran denken, mit meinen zwei Hnden eine Mhle zustande zu bringen. Um diesem Mangel abzuhelfen, fehlte mir die Hauptsache. Zu keinem Handwerk der Welt war ich so ungeschickt wie zu dem eines Steinmetzen, und ich hatte auch gar kein Werkzeug dazu. Ich verbrachte viele Tage, um einen Stein zu suchen, der gro genug war, um ihn auszuhhlen und ihn fr einen Mrser herzurichten ; aber ich konnte keinen finden, auer im festen Gestein, aus dem ich ihn nicht herausgraben oder -schneiden konnte. Auch waren die Felsen der Insel nicht hart genug, sondern lockeres sandiges Gestein, das einem schweren Schlegel nicht standhielt und auf dem man das Korn nicht zerstoen konnte, ohne es mit Sand zu vermengen. So gab ich es auf, nachdem ich viel Zeit auf der Suche nach einem Stein verloren haue, und beschlo, mich nach einem groen Klotz harten Holzes umzuschauen, was viel leichter war. Ich fand einen, der gerade so gro war. da ich ihn fortschaffen konnte. Ich rundete ihn ab, glttete ihn auen mit Axt und Hacke und hhlte ihn dann innen mit Hilfe von Feuer und mit unsglicher Mhe aus, in der Art, wie die Indianer in Brasilien ihre Kanoes verfertigen. Hierauf machte ich mir einen groen, schweren Stel aus dem sogenannten Eisenholz und hielt alles fr meine nchste Ernte bereit. Die nchste Schwierigkeit war, mir ein Sieb zu machen, um das Mehl von der Kleie und den Hlsen zu sondern; denn ohne das konnte ich kein Brot bereiten. Die Sache war so schwierig, da ich kaum daran zu denken wagte; denn mir fehlte dazu das Allerntigste, nmlich feines, dnnes Leinen oder Tuch, um das Mehl durchzusieben. Und hier kam ich nun monatelang nicht weiter und wute nicht, was tun; denn von Leinwand hatte ich nur noch Lumpen. Ziegenhaar war da; aber ich wute es weder zu weben noch zu spinnen, und wenn ich es auch gewut htte, so htte es mir doch am ntigen Werkzeug gefehlt. Die einzige Rettung war schlielich, da mir einfiel, ich htte unter den Matrosenkleidern, die ich aus dem Schiff geborgen, eine Anzahl Halstcher aus Kattun oder Nessel. Aus einigen von ihnen machte ich drei Siebe, zwar klein, aber brauchbar, mit denen ich mich einige Jahre lang behalf. Was ich spter tat, werde ich an seinem Ort berichten. Nun kam die Reihe ans Backen. Erstlich hatte ich keine Hefe; dem lie sich jedoch nicht abhelfen, und so hielt ich mich nicht lange dabei auf. Aber um einen Ofen war ich in groer Sorge. Schlielich dachte ich mir auch dafr etwas aus. Ich machte einige sehr breite, aber nicht tiefe irdene Gefe von etwa zwei Fu Durchmesser und nicht ber neun Zoll tief. Diese brannte ich wie die anderen im Feuer, und wenn ich backen wollte, machte ich ein groes Feuer auf dem Herd, den ich mit selbstgemachten und Selbstgebrannten viereckigen Ziegeln gepflastert hatte, die ich aber eigentlich nicht viereckig nennen drfte. War nun das Holz so ziemlich zu glhenden Kohlen verbrannt, so breitete ich sie ber den ganzen Herd aus und lie sie liegen, bis der Herd recht hei war; dann fegte ich alle Asche weg, legte mein Brot oder meine Brote hin, stlpte den irdenen Topf darber, scharrte alle Asche wieder von auen um ihn her, um die Hitze zu halten und zu erhhen, und buk so meine Gerstenbrote wie in dem besten Backofen der Welt. Ich wurde sogar nach kurzer Zeit ein richtiger Kuchenbcker; denn ich machte mir allerhand Reiskuchen und Puddings; nur von Pasteten lie ich die Finger; ich htte sie ohnedies mit nichts fllen knnen als mit Vogel- oder Ziegenfleisch. Man darf sich nicht wundern, wenn alle diese Dinge fast das ganze dritte Jahr meines hiesigen Aufenthalts in Anspruch nahmen; denn man mu bedenken, da ich in der Zwischenzeit auch noch meine neue Ernte und meinen Haushalt besorgte; denn ich schnitt mein Korn zur rechten Zeit, brachte es, so gut ich konnte, heim und legte es in hren in meine groen Krbe, bis ich Zeit hatte, es auszureiben; denn ich hatte keine Tenne und auch keinen Flegel zum Dreschen. Da jetzt mein Getreidevorrat zunahm, mute ich mir wirklich eine grere Scheune bauen. Ich brauchte einen Platz, um es zu verwahren, da ich diesmal ungefhr zwanzig Scheffel Gerste und mindestens ebensoviel, wenn nicht mehr, Reis einheimste, weshalb ich denn auch beschlo, unbekmmert davon zu nehmen; denn mein Brot war schon lange zu Ende. Auch wollte ich sehen, wieviel ich im Jahr brauchte und ob ich mit einer Saat jhrlich auskme. Es stellte sich heraus, da ich die vierzig Scheffel Gerste und Reis gar nicht in einem Jahr verbrauchen konnte, und so nahm ich mir vor, immer nur soviel wie im letzten Jahr zu sen. Whrend all das vor sich ging, irrten meine Gedanken, das kann man mir glauben, oft zu dem Lande hinber, das ich von der anderen Seile der Insel aus gesehen hatte. Und ich dachte in meinem Herzen, ach wre ich dort drben! Denn ich glaubte, was ich gesehen, sei das Festland und bewohntes Gebiet und ich wrde dort leicht auf die eine oder andere Art mich weiter durchschlagen und endlich vielleicht ganz davonkommen. Aber ich bedachte nicht die Gefahren eines solchen Abenteuers: da ich in die Hnde von Wilden fallen knnte, die vielleicht noch rger wren als die Lwen und Tiger Afrikas; da ich, wenn sie mich erst einmal in der Gewalt htten, mit eins zu tausend darauf rechen mute, totgeschlagen und vielleicht gefressen zu werden; denn ich hatte gehrt, da die Leute an der Karibischen Kste Kannibalen und Menschenfresser wren, und ich konnte nach meiner Berechnung nicht weit von dieser Kste sein. Aber selbst wenn sie keine Kannibalen waren, htten sie mich doch tten knnen, wie sie es mit so vielen Europern getan, selbst wenn es ihrer zehn oder zwanzig waren, wieviel mehr dann mich, der ich allein war und mich nur wenig oder gar nicht verteidigen konnte. Alle diese Gefahren, wie gesagt, die ich htte wohl bedenken sollen und die mir hernach einfielen, kamen mir anfangs gar nicht in den Sinn, und nur die Frage, wie ich an die Kste hinber gelangen knnte, ging mir gewaltig im Kopf herum. Jetzt wnschte ich mir meinen Jungen Xury und die Schaluppe mit dem Gig-Segel herbei, mit der ich ber tausend Meilen weit an der afrikanischen Kste gesegelt war. Aber das half mir nichts. Dann kam mir der Gedanke, nach dem Schiffsboot zu sehen, das bei unserm Schiff bruch weit auf den Strand hinauf getrieben worden war. Es lag noch dort, wo es gelegen hatte, aber nicht mehr ganz so wie vordem. Durch die Kraft der Wellen und Winde war es umgedreht worden und lag nun mit dem Boden nach oben gegen ein hohes Riff des felsigen Strandes; nur da kein Wasser mehr darum her war. Wenn ich Hilfe gehabt htte, um es aufzurichten und wieder ins Wasser zurckzuschieben, wrde das Boot noch gut genug gewesen sein, und ich htte leicht mit ihm nach Brasilien zurckkehren knnen. Aber ich htte voraussehen mssen, da ich es ebensowenig umdrehen und wieder auf den Kiel setzen knnte, als ich die Insel von der Stelle zu bewegen vermochte. Trotzdem ging ich in den Wald, hieb mir Stangen und Walzen und brachte sie zum Boot, um zu versuchen, was ich damit ausrichten knnte. Ich scheute keine Mhe bei dieser fruchtlosen Arbeit und brachte wohl drei oder vier Wochen damit zu. Schlielich sah ich ein, da ich mit meinen geringen Krften unmglich das Boot heben knne, und versuchte den Sand wegzugraben, um es zu unterhhlen, damit es umfiele; auch spreizte ich Holzpflcke dagegen, um es beim Fallen zu sttzen. Aber auch nachdem dies vollbracht war, vermochte ich nicht, es umzudrehen oder darum zu gelangen, viel weniger es zum Wasser hinzuschieben. Also mute ich's bleiben lassen. Trott alledem aber wuchs mein Wunsch, mich auf das Festland zu wagen, immer mehr, anstatt nachzulassen, so unmglich es auch schien, ihn zu verwirklichen. Schlielich kam ich auf den Gedanken, ob es nicht mglich sei, mir selber, auch ohne Werkzeug und fremde Hilfe, ein Kanoe oder eine Piroge zu machen, auf die Art, wie die Eingeborenen jener Gegenden es tun, nmlich aus dem Stamme eines groen Baumes. Dies erschien mir nicht nur mglich, sondern leicht, und ich schmeichelte mir recht mit diesem Gedanken, da ich vermeinte, viel mehr Hilfsmittel zu haben ab die Neger oder Indianer, bedachte aber nicht, da sie eines vor mir voraus hatten, was viel wichtiger war, nmlich, da sie viel mehr Hnde hatten, um es ins Wasser zu bringen, wenn es fertig war. Was half es mir, wenn ich im Walde einen groen Baum fand, ihn mit groer Mhe fllte, mit meinen Werkzeugen die Auenseite in die rechte Form eines Bootes brachte, das Inwendige hohl ausbrannte und ausgrub und so wirklich ein Boot zustande brachte, das ich schlielich doch dort liegenlassen mute, wo ich es gefunden hatte, weil ich es nicht ins Wasser zu ziehen vermochte? Man sollte meinen, ich mte entweder alle meine Sinne bei dieser Bootsbauerei verloren haben oder aber zu allernchst darauf bedacht gewesen sein, wie ich es ins Wasser bringen wrde. Aber meine Gedanken waren so toll auf die Reise bers Meer erpicht, da ich gar nicht daran dachte, wie ich es vom Lande fortschaffen sollte; und dabei wre es ja wirklich leichter fr mich gewesen, es fnfundvierzig Meilen weit ber die See hinwegzusteuern, als es ber die fnfundvierzig Faden Land von der Stelle, wo es lag, aufs Wasser zu schaffen. Ich ging an die Arbeit an diesem Boot wie ein rechter Narr und nicht wie ein Mann, der seine fnf Sinne beisammen hatte, und machte mir in meiner Freude ber mein Vorhaben gar keine klaren Gedanken darber, ob ich auch imstande sein wrde, es durchzufhren. Manchmal fuhr mir wohl dieses Bedenken durch den Kopf; aber ich gab mir dann selber die nrrische Antwort: Erst will ich es fertigmachen. Was gilt's, ich finde zu dem ndern dann schon Mittel und Wege! Das war hchst verkehrt gedacht; aber ich war ganz von meinem Wahn besessen und machte mich ans Werk. Ich fllte also in meinem Eifer eine Zeder. Ich glaube kaum, da Salomon eine solche hatte, als er den Tempel von Jerusalem baute. Sie war 22 Fu lang und ma 5 Fu 10 Zoll Durchmesser am dicken Ende und 4 Fu 11 Zoll am oberen Ende, wo sie dann dnner wurde und sich in ste teilte. Ich konnte diesen Baum nur mit grter Mhe fllen. Zwanzig Tage brauchte ich, um ihn umzuhauen, und vierzehn weitere, um die Krone, Zweige und ste abzuschlagen, die ich alle mit meiner Axt und meinem Beil unter vielem Schwei durchhacken mute. Hierauf kostete es mich noch einen Monat, ihm einiges Geschick und Ebenma zu geben und so etwas wie den Kiel eines Bootes zustande zu bringen, damit es ordentlich aufrecht schwimmen knnte. Drei weitere Monate brauchte ich, um die Innenseite auszuarbeiten, und zwar tat ich das ohne Feuer, nur mit Schlegel und Meiel, bis ich denn endlich eine recht hbsche Piroge fertiggebracht hatte, die gro genug war, um sechsundzwanzig Menschen aufzunehmen, mithin auch mich und alle meine Habe zu tragen. Als ich dieses Werk vollbracht hatte, freute ich mich von Herzen darber. Das Boot war wirklich viel grer als alle Kanoes oder Pirogen, die ich je gesehen hatte. Es hatte mich manchen saueren Schlag gekostet, und nun blieb nur noch brig, es ins Wasser zu bringen. Htte ich das vermocht, so htte ich mich ohne Zweifel auf die verrckteste, unseligste Reise begeben, die je unternommen worden. Aber all meine Versuche schlugen fehl, obwohl ich unsgliche Mhe darauf verwandte, Es lag zwar nur ungefhr hundert Schritte vom Wasser ab; aber das erste Ungemach war, da es hinter einem kleinen Hgel an dem Bache lag. Um dem abzuhelfen, grub ich die Erde weg, um auf diese Weise einen Abhang zu schaffen. Dies kostete mich wieder schreckliche Arbeit; aber wer scheut Mhe, wenn ihm die Freiheit winkt? Als ich damit fertig war, war alles umsonst. Ich konnte das Kanoe ebensowenig von der Stelle bewegen wie vorher das Schiffsboot Hierauf ma ich die Entfernung und beschlo, ein Dock oder einen Kanal zu bauen, um das Wasser bis zu dem Kanoe heranzuleiten, da ich einsah, da ich das Kanoe nicht zum Wasser bringen konnte. Als ich aber daranging und berechnete, wie tief und breit ich graben mte, stellte sich heraus, da ich mit meinen zwei bloen Hnden zehn oder zwlf Jahre dazu gebraucht haben wrde, da die Kste hoch lag, so da das obere Ende des Kanals mindestens zwanzig Fu tief htte werden mssen. So gab ich auch diesen Versuch, wenn auch mit groem Widerstreben, auf und sah nun, wenn auch zu spt, ein, wie tricht wir Menschen handeln, wenn wir ein Werk beginnen, ohne vorher die Schwierigkeiten zu berechnen und unsere Krfte richtig abzuschtzen. Mitten unter dieser Arbeit lief mein viertes Jahr auf dieser Insel ab, und ich beging den Tag mit derselben Andacht und Erhebung wie immer. Durch mein tgliches Lesen und ernstes Betrachten von Gottes Wort und durch den Beistand seiner Gnade hatte ich eine vollkommen neue Erkenntnis bekommen. Ich hatte nun ganz andere Begriffe von den Dingen; ich betrachtete die Welt als etwas ganz Fernes, was mich nichts mehr anging und wovon ich nichts mehr erwartete noch wnschte. Mit einem Wort: ich wollte weder jetzt noch in Zukunft mehr etwas mit ihr zu tun haben. So wird man spter vielleicht aus der Ewigkeit auf sie zurckblicken wie auf einen Ort, an dem man gelebt und den man nun verlassen hat. Ich htte wohl zu ihr sagen mgen, wie Vater Abraham zum reichen Manne: Es ist zwischen uns eine groe Kluft befestigt. Erstlich war ich hier fern von aller Verfhrung der Welt. Ich kannte hier weder Fleischeslust noch Augenlust noch hoffrtiges Leben; ich kannte keine Begierde, denn ich hatte alles, was ich hier genieen konnte. Ich war Herr ber die ganze Insel, oder wenn es mir gefiel, konnte ich mich Knig oder Kaiser nennen ber das ganze Land, das ich besa. Ich hatte keinen Rivalen, keinen Nebenbuhler, der von mir Dienst und Gehorsam verlangte; ich htte ganze Schiffsladungen von Getreide aufstapeln knnen, aber ich htte sie nicht brauchen knnen und lie daher nur so viel wachsen, wie meine Notdurft verlangte; ich hatte Schildkrten genug, aber eine dann und wann gengte mir. Ich hatte Bauholz genug, um eine ganze Flotte davon n bauen; ich hatte Trauben genug, um mir Wein zu machen oder sie zu Rosinen zu trocknen, um damit die Flotte zu beladen, wenn ich sie gebaut htte. Aber ich griff nur nach dem, was ich gebrauchen konnte: ich hatte satt zu essen und alle andere Notdurft; was ntzte mir der berflu? Wenn ich mehr Fleisch hatte, als ich essen konnte, mute der Hund es fressen oder die Wrmer. Ste ich mehr Korn, als ich verzehren konnte. mute es verderben. Die Bume, die ich gefllt htte, wren am Boden verfault, und ich htte sie nicht mal als Brennholz verwenden knnen; denn dazu brauchte ich ja nur das bichen, das ntig war, um mir mein Essen zu kochen. Mit einem Wort: die Erfahrung lehrte mich, da das Gute in der Welt uns nur insoweit gut erscheint, als wir es brauchen knnen; und wieviel wir auch aufstapeln mgen, Freude daran knnen wir doch nur haben, solange es uns ntzen kann, und nicht lnger. Der gierigste Geilhals der Welt wrde von seinem Laster befreit werden, wenn er in meine Lage kme; denn ich besa tatschlich mehr, als ich gebrauchen konnte. Es blieb mir nichts zu wnschen brig, abgesehen von einigen Dingen, die mir fehlten, und das waren nur Kleinigkeiten, obschon sie mir sehr ntzlich gewesen wren. Ich hatte, wie erwhnt, einen Beutel voll Geld, sowohl Gold als Silber, etwa sechsunddreiig Pfund Sterling. Da lag nun der berflssige, traurige, nutzlose Quark. Ich hatte keine Verwendung dafr, und oft htte ich gern eine Handvoll davon hingegeben fr eine Tabakspfeife oder fr eine Handmhle, um mein Korn zu mahlen; ja, ich htte alles hingegeben fr etwas weien oder gelben Rbsamen, wie man ihn in England fr ein paar Groschen bekommt, oder fr eine Handvoll Erbsen und Bohnen und eine Flasche Tinte. Aber so hatte ich nicht den geringsten Vorteil davon. Es lag in einer Lade und wurde von dem Dunst der Hohle in der nassen Jahreszeit schimmlig. Und wenn die ganze Lade voll Diamanten gewesen wre, wre es dasselbe gewesen; sie htten keinen Wert fr mich gehabt, da ich keinen Gebrauch davon machen konnte. Ich hatte nun meine Lebensweise so gestaltet, da sie viel behaglicher war als zuerst und viel annehmlicher fr mein Gemt sowohl wie fr meinen Krper. Oft setzte ich mich voller Dankbarkeit zu einem Mahl nieder und bewunderte die Fgung von Gottes Hand, die mir auf solche Weise meinen Tisch in der Wste gedeckt hatte. Ich lernte, mehr auf die lichte Seite meines Zu-Stands zu schauen und weniger auf die dunkle, und mehr das zu bedenken, was ich gemacht, als das. was ich entbehrte; und das erfllte mich zuweilen mit einem solchen heimlichen Glcksgefhl., da ich es nicht zu sagen vermag; und ich erwhne das hier, um es jenen Unzufriedenen zu Gemte zu fhren, die nicht mit Behagen zu genieen vermgen, was Gott ihnen gegeben hat, weil sie immer nur das sehen und begehren, was er ihnen nicht gegeben hat. Es wurde mir klar, da alle unsere Unzufriedenheit davon herkommt, da wir nicht dankbar genug sind fr das, was wir haben. Noch eine andere berlegung war von groem Nutzen fr mich und wrde es zweifellos fr jeden sein, der in eine solche Not geraten wrde wie ich; nmlich, ich verglich meine jetzige Lage mit dem Zustand, den ich anfangs erwarten zu mssen geglaubt hatte, ja der mir gewi gewesen wre, wenn die gtige Vorsehung Gottes es nicht wunderbar so gefgt htte, da das Schiff nher an die Kste getrieben wurde, wo ich denn nicht nur hingelangen, sondern auch alles, was ich herausholte, an Land schaffen konnte, zu meiner Erleichterung und Bequemlichkeit, whrend es mir sonst an Werkzeugen, Waffen zu meiner Verteidigung und Pulver und Blei zu meiner Versorgung mit Nahrung gefehlt htte. Ich verbrachte ganze Stunden, ja ganze Tage damit, mir in den lebhaftesten Farben auszumalen, was ich htte tun mssen, wenn ich nichts aus dem Schiff geborgen htte: wie ich mir gar keine Nahrung htte beschaffen knnen, auer Fische und Schildkrten, und da ich, da es ja geraume Zeit dauerte, bis ich welche fand, schon vorher verhungert wre; da ich, wenn ich nicht verhungert wre, wie ein bloer Wilder htte leben mssen; da es mir, wenn ich auf irgendwelche Art eine Gei oder einen Vogel erlegt htte, gar nicht mglich gewesen wre, meine Beute auszuweiden oder das Fleisch von der Haut zu trennen und zu zerlegen, sondern da ich sie htte mit meinen Zhnen benagen und mit meinen Klauen zerreien mssen wie ein Tier. Diese Betrachtungen machten mich sehr erkenntlich fr die Gte der Vorsehung gegen mich und sehr dankbar fr meinen gegenwrtigen Zustand mit all seinen Beschwerden und Widrigkeiten. Und auch hier wieder mchte ich diejenigen, die im Unglck so gern sagen: Gibt es ein Elend wie das meinige?, zur Besinnung mahnen. Mgen sie bedenken, wie vieles schlimmer es anderen Menschen ergeht und wieviel schlimmer es ihnen selbst htte ergehen knnen, wenn es der Vorsehung so gefallen htte. Und noch eine andere Erwgung half mir, mein Gemt mit Hoffnung zu trsten: nmlich ein Vergleich meiner jetzigen Lage mit dem, was ich eigentlich verdient htte und daher mit Fug von der Vorsehung htte erwarten mssen. Ich hatte ein abscheuliches Leben gefhrt, ganz ohne Erkenntnis und Furcht Gottes. Ich war wohl von Vater und Mutter gehrig unterwiesen worden, und sie hatten es von Anbeginn nicht an Bemhungen fehlen lassen, mir fromme Ehrfurcht vor Gott und Gefhl fr meine Pflichten und fr Zweck und Sinn meines Daseins einzuimpfen. Aber ach, da ich schon frh dem Seefahrerleben anheimfiel, das von allen Lebensarten die am wenigsten gottesfrchtige ist, obwohl einem die Schrecken Gottes dabei jederzeit vor Augen stehen - ich sage, da ich schon frh dem Seefahrerleben anheimfiel und in die Gesellschaft von Seefahrern geriet, so wurde mir das bichen Frmmigkeit, das ich mir noch bewahrt hatte, von meinen Messekameraden weggelacht oder ging mir dadurch verloren, da ich alle Gefahren verachten lernte und es mir zur Gewohnheit wurde, dem Tod ins Auge zu blicken, sowie auch dadurch, da ich gar keine Gelegenheit hatte, mit Menschen umzugehen, die anders waren als ich selbst, oder etwas zu hren, das gut oder um Gutes bemht war. So bar alles Guten war ich und so ohne jedes Gefhl fr das, was ich war oder was aus mir werden sollte, da mir bei den grten Errettungen, die mir zuteil wurden, wie meiner Flucht aus Salli, meiner Aufnahme durch den portugiesischen Kapitn, meiner so glcklichen Ansiedelung in Brasilien und der Ankunft der Fracht aus England und so fort - da mir bei alledem nicht ein einziges Mal die Worte Gott sei gedankt in den Sinn oder auf die Lippen kamen. Nein, auch in der grten Not dachte ich mit keinem Gedanken daran, zu ihm zu beten oder zu sagen: Herr, erbarme dich meiner oder den Namen Gottes irgendwie zu erwhnen, auer um zu fluchen und zu lstern. Viele Monate lang lagen mir, wie schon gesagt, schreckliche Gedanken ber mein bisheriges gottloses und verhrtetes Leben auf der Seele, und wenn ich mich umschaute und bedachte, welche besondere Frsorge ber mir gewaltet hatte, seit ich hierher gekommen war, und wie gtig Gott sich gegen mich erwiesen und mich nicht nur milder gestraft hatte, als meine Snden verdienten, sondern auch mich so reichlich versorgt hatte, so gab mir das groe Hoffnung, da meine Reue angenommen worden war und Gott noch Gnade fr mich hatte. Mit solchen Betrachtungen brachte ich mein Gemt nicht nur zur Ergebung in Gottes Willen in meiner jetzigen Lage, sondern auch zu aufrichtiger Dankbarkeit fr meinen Zustand und zu der Einsicht, da ich, der noch am Leben war, mich nicht beklagen drfe, da mich die verdiente Strafe fr meine Snden nicht getroffen hatte; da mir hier so viele Gnaden zuteil geworden seien, wie ich es nie htte erwarten knnen; da ich nicht ber meine Lage jammern, sondern nur frohlocken drfe und tglich zu danken habe fr das tgliche Brot, das mir nur durch eine Flle von Wundern bereitet werden konnte. Ja, ich mute mir sagen, da ich wirklich durch ein Wunder gespeist worden war, nicht geringer als die Speisung Elias durch die Raben, oder vielmehr durch eine lange Reihe von Wundern, und da ich kaum einen Ort an diesem unwirtlichen Teil der Welt htte nennen knnen, der einem Schiffbrchigen mehr Vorteile zu bieten vermocht htte: einen Ort, wo ich zwar zu meinem Kummer keine Menschenseele hatte, mit der ich umgehen konnte, wo ich aber weder reiende Tiere, wtende Wlfe oder Tiger fand, die mein Leben bedrohten, noch giftige Kreaturen, durch deren Genu ich meine Gesundheit geschdigt htte, noch auch Wilde, die mich ermordet und aufgefressen htten. Mit einem Wort: wie mein Leben in einer Art ein kummervolles war, so war es andererseits ein gnadenreiches, und um es zu einem glcklichen zu machen, brauchte ich mir nur die Gte und Frsorge Gottes fr mich als tglichen Trost vor Augen zu halten. Und nachdem ich das alles recht bedacht und mich darin bestrkt hatte, ging ich hin und war nicht lnger traurig. Ich war nun so lange hier, da viele der Dinge, die ich an Land geschafft hatte, entweder ganz ausgegangen oder doch sehr abgenutzt waren. Schon seit einiger Zeit hatte ich keine Tinte mehr, nur einen kleinen Rest, den ich nach und nach immer wieder mit Wasser verdnnte, bis er so bla war, da er kaum mehr einen schwarzen Schimmer auf dem Papier zurcklie. Solange sie vorhielt, benutzte ich sie dazu, diejenigen Monatstage meines bisherigen Lebens zu notieren, an denen mir irgend etwas Bemerkenswertes widerfahren war. Ich erinnere mich, da sich dabei eine merkwrdige bereinstimmung der Tage herausstellte, an denen mich die verschiedenen Schicksalsfgungen betroffen hatten, und wre ich aberglubisch gewesen und geneigt, gewisse Tage als Glcks- oder Unglckstage zu betrachten, so htte ich allen Grund gehabt, darin eine Besttigung zu sehen. Erstens fand ich, da ich an dem gleichen Tage, an dem ich Vater und Freunde verlassen hatte und nach Hull davongelaufen war, um zur See zu gehen, hernach von dem Salli-Kriegsschiff aufgegriffen und zum Sklaven gemacht wurde. An dem gleichen Jahrestag, an dem ich aus dem Schiffbruch vor Yarmouth entkam, bewerkstelligte ich hernach meine Flucht aus Salli in dem Boot. An dem gleichen Jahrestag, an dem ich geboren wurde, dem 30. September, wurde mir sechsundzwanzig Jahre spter auf so wunderbare Weise das Leben gerettet, als ich an den Strand dieser Insel geworfen wurde, so da mein gottloses Leben und mein einsames Leben beide am gleichen Tage begannen. Nchst der Tinte ging mein Brot zu Ende, ich meine, der Zwieback, den ich aus dem Schiff geborgen hatte. Ich war uerst sparsam damit umgegangen; ber ein Jahr lang gnnte ich mir tglich nur einen Zwieback, und trotzdem war ich jetzt fast ein Jahr ganz ohne Brot, bis ich mein eigenes Korn erntete, wofr ich allen Grund hatte, dankbar zu sein, da die Art, wie ich dazukam, an ein Wunder grenzte, wie ich bereits erzhlt habe. Meine Kleidung begann auch bedenklich zu verfallen; Leinwand hatte ich schon lngst nicht mehr, auer einigen buntgewrfelten Hemden, die ich in den Kisten der Matrosen gefunden hatte und die ich sorgfltig verwahrte. Da ich zu manchen Zeiten des Jahres nichts als ein Hemd leiden konnte, war es mir eine groe Hilfe, da ich unter den Kleidern der Mannschaft fast drei Dutzend Hemden gefunden hatte. Ich besa noch einige dicke Matrosen-Wachtmntel; aber sie waren zu hei zum Tragen. Ich htte eigentlich gar keiner Kleider bedurft; aber obgleich es mir angenehm gewesen wre, ganz nackt zu gehen, konnte ich mich doch nicht an den Gedanken gewhnen, wenn ich auch ganz allein war. Ein anderer Grund, warum ich nicht ganz nackt ging, war, da ich dann die Hitze der Sonne nicht so gut vertragen konnte, als wenn ich bekleidet war. Die Hitze verbrannte oft meine Haut, hingegen im Hemd khlte mich die Luft ein wenig, die darunter blies. In der heien Zeit ging ich auch nie mehr ohne Kappe oder Hut aus; denn ich wrde sofort Kopfschmerzen bekommen haben, wenn ich die gewaltige Sonnenglut auf meinen bloen Kopf htte scheinen lassen, wogegen ich mit einem Hut nach Herzenslust herumlaufen konnte. Also war ich darauf bedacht, die wenigen Lumpen, die ich hatte und die ich Kleider nannte, zusammenzusuchen und zu ordnen. Ich hatte alle Hemden vertragen, und jetzt versuchte ich, ob ich nicht aus den groen Wachtmnteln ein paar Jacken zusammenflicken knnte. So begab ich mich ans Schneidern oder vielmehr Pfuschen; denn es wurde ein klgliches Machwerk. Ich brachte zwei oder drei Jacken zustande, die schon eine Weile halten konnten; die Hosen aber blieben wirklich nur ein trauriger Versuch. Ich habe erwhnt, da ich alle Felle der Tiere verwahrte, die ich scho, das heit der vierfigen. Ich spannte sie an Pfhlen in die Sonne, und einige wurden so trocken und hart, da sie zu nichts zu gebrauchen waren, andere aber schienen mir sehr tauglich. Das erste, was ich mir daraus machte, war eine groe Mtze fr meinen Kopf, mit den Haaren nach auen, um den Regen abzuhalten; dies erwies sich als so gut, da ich mir daraufhin einen ganzen Anzug aus Fellen verfertigte, nmlich eine Jacke und ein Paar Kniehosen, beide sehr weit; denn sie sollten mich eher khl als warm halten. Ich mu freilich sagen, da sie sehr ungeschickt gemacht waren; denn ich war schon ein schlechter Zimmermann, aber ein noch schlechterer Schneider. Trotzdem taten sie mir vortreffliche Dienste; denn wenn ich unterwegs war und es zu regnen anfing, lief das Wasser von den Haaren des Anzugs und der Kappe ab, und ich blieb vollkommen trocken. Demnchst verwandte ich viel Zeit und Mhe darauf, mir einen Schirm zu machen. Ich brauchte ihn wirklich sehr und hatte groe Lust, mir einen zu fabrizieren. Ich hatte gesehen, wie sie in Brasilien gemacht wurden und wie ntzlich sie dort whrend der groen Hitze waren, und ich fand es hier zum mindesten ebenso hei, ja noch heier, da ich nher an der Linie war. Da ich viel drauen sein mute, wre mir ein Schirm sowohl gegen den Regen wie, gegen die Hitze hchst willkommen gewesen. Es verursachte mir unendliches Kopfzerbrechen, ehe ich auch nur etwas Schirmhnliches zustande brachte, und auch als ich endlich das Richtige getroffen zu haben meinte, milangen mir noch zwei oder drei, aber schlielich geriet mir einer halbwegs. Die Hauptschwierigkeit war, ihn so zu machen, da ich ihn auch schlieen konnte. Aufspannen war wohl leicht; aber wenn ich ihn nicht auch zusammenklappen konnte, so htte ich ihn immerfort berm Kopf tragen mssen. Jedoch, wie gesagt, schlielich gelang mir einer nach meinem Sinn; ich bedeckte ihn mit Fellen, die Haare nach oben, so da der Regen daran ablief wie an einem Wetterdach und auch die Sonne so vorzglich abgehalten wurde, da ich in der grten Hitze Spazierengehen konnte; und wenn ich ihn nicht brauchte, konnte ich ihn schlieen und unterm Arm tragen. So lebte ich sehr vergngt, mich ganz in den Willen Gottes und in die Macht der Vorsehung fgend, besser als wenn ich unter Menschen gewesen wre. Denn wenn ich jemals ber den Mangel an Gesellschaft traurig wurde, fragte ich mich, ob nicht der Umgang mit meinen eigenen Gedanken und durch andchtige Gebete mit meinem Herrn und Gott selber besser sei als alle Freuden menschlicher Geselligkeit auf der Welt. Whrend der nchsten fnf Jahre begegnete mir nun nichts irgendwie Auergewhnliches. Mein Leben nahm seinen Verlauf in derselben Art und an demselben Ort wie bisher. Meine Hauptbeschftigung bestand neben meiner jhrlichen Arbeit des Anbaus von Gerste und Reis und des Drrens der Trauben, wovon ich immer gerade soviel aufspeicherte, wie ich fr ein Jahr brauchte - ich sage, neben dieser jhrlichen Arbeit und den tglichen Streifgngen mit dem Gewehr bestand meine Hauptbeschftigung darin, mir ein Kanoe zu bauen, das ich schlielich zustande brachte. Es gelang mir, das Boot durch einen sechs Fu breiten und vier Fu tiefen Kanal fast eine halbe Meile weit bis zu der kleinen Bucht hinabzubringen. Was das erste betrifft, das so bermig gro war, da ich es anfertigte, ohne, wie ich htte tun sollen, vorher zu bedenken, wie ich es ins Wasser bringen wrde, so hatte ich es liegenlassen mssen, wo es lag, als Warnung, das nchste Mal vorsorglicher zu sein. Das war ich denn auch; und obwohl ich nur einen wenig geeigneten Baum fr das neue Boot finden konnte, und an einer Stelle, zu der ich das Wasser auch wieder nicht htte hinleiten knnen, da sie genau so weit, nmlich, wie gesagt, fast eine halbe Meile vom Ufer entfernt lag, so gab ich die Arbeit doch nicht auf, da ich sah. da diesmal ein Boot zustande kommen wrde, das ich wrde wegschaffen knnen. Und obschon ich fast zwei Jahre daran arbeitete, wurde mir die Mht nicht leid, in Erwartung dessen, da ich nun bald ein Boot haben wrde, um endlich in See gehen zu knnen. Als meine kleine Piroge jedoch fertig war, sah ich ein, da sie nicht gro genug war, um damit den Plan auszufhren, um dessentwillen ich die Arbeit begonnen hatte; ich meine, nicht gro genug, als da ich wagen konnte, mit ihr nach der ber vierzig Meilen weit entfernten Terra firma hinberzufahren. So machte denn die Kleinheit des Bootes diesem Vorhaben ein Ende, und ich schlug es mir aus dem Sinn. Da ich jedoch nun einmal ein Boot hatte, beschlo ich, wenigstens eine Reise rund um die Insel zu machen. Denn die Entdeckungen, die ich bei meiner vorher beschriebenen Reise nach der anderen Seite der Insel gemacht hatte, hatten meine Neugier erweckt, auch die brigen Teile der Kste zu sehen, und da ich nun ein Boot besa, dachte ich an nichts anderes als an eine Fahrt um die Insel. Zu diesem Ende und um alles recht mit Vorbedacht und Umsicht zu tun, setzte ich einen kleinen Mast in das Boot und machte ein Segel aus einigen Stcken meines groen Vorrats. Danach versuchte ich das Boot und fand, da es sehr gut lief. Nun brachte ich kleine Behlter und Verschlage an jedem Ende des Bootes an, um Proviant, Munition und was ich sonst noch brauchte vor Regen und Spritzern zu bewahren. In die Innenseite des Bootes schnitt ich eine lange, schmale Rinne, um mein Gewehr hineinzulegen, und machte eine Klappe darber, um es trocken zuhalten. Meinen Schirm steckte ich am Hinterteil des Bootes in ein Loch, gerade ber meinem Kopf, da er mich wie ein Sonnendach vor der Hitze schtzte. Und so unternahm ich ab und zu kleine Fahrten auf die See hinaus, aber nie sehr weit und immer nur in der Nhe der kleinen Bucht. Endlich jedoch lie mir die Neugierde, den ganzen Umfang meines kleinen Knigreiches zu sehen, keine Ruhe mehr, und ich beschlo die groe Reise. Ich versorgte also mein Schiff mit zwei Dutzend Gerstenbroten (die eigentlich mehr wie Kuchen aussahen), einem irdenen Topf voll gersteten Reises, davon ich viel zu essen pflegte, einer kleinen Flasche Rum. einer halben Ziege sowie mit Pulver und Blei, um noch mehr schieen zu knnen, ferner mit zwei grasen Wachtmnteln, um auf dem einen des Nachts zu liegen und mich mit dem ndern zuzudecken. Es war am letzten November im sechsten Jahr meiner Regierung oder Gefangenschaft, wie man will, als ich die Reise antrat; und sie dauerte viel lnger, als ich erwartet hatte. Denn obgleich die Insel nicht sehr gro war, stie ich doch, als ich an die Ostseite kam, auf ein groes Felsenriff, das etwa sechs Seemeilen weit in das Meer hinausragte, teils ber, teils unter Wasser, mit einer Sandbank davor von ungefhr anderthalb Setmeilen Lnge, so da ich gezwungen war. eine gute Strecke weit ins Meer hinauszufahren, bis ich um die Spitze herumkam. Beim ersten Anblick dieses Hindernisses wollte ich mein Vorhaben aufgeben und umkehren, da ich nicht wute, wie weit ich in die See hinausfahren mte und wie ich wieder zurckkommen sollte. So ging ich vor Anker; denn ich hatte eine Art Anker aus einem zerbrochenen Bootshaken zurechtgemacht. Als mein Boot festlag, nahm ich mein Gewehr, ging an Land und stieg auf einen Hgel, von dem aus ich das Riff zu berblicken hoffte. Ich konnte auch wirklich seine ganze Ausdehnung sehen und beschlo, die Sache zu wagen. Als ich so schaute, gewahrte ich eine starke, in der Tat sehr reiende Strmung, die nahe an dem Riff vorbei nach Osten lief. Ich sah sie mir sehr genau an; denn ich begriff, da sie mir gefhrlich werden konnte. Wenn ich hineingeriet, so mute ich durch ihre Kraft in die See hinausgetrieben werden, und ich konnte unmglich wieder die Insel erreichen. Und wenn ich nicht vorher auf den Hgel gestiegen wre, glaube ich wirklich, da es so gekommen wre, besonders da von der andern Inselseite her eine ebensolche Strmung lief. Ich bemerkte auch einen starken Gegenstrom an der Kste, in den ich also aus der ersten Strmung nur hineinzuwenden brauchte, um wieder zurckgetrieben zu werden. Hier lag ich nun zwei Tage, da der Wind ziemlich heftig aus Ostsdost, also gerade der Strmung entgegen, blies und an der Spitze des Riffs eine starke Brandung verursachte, so da ich wegen der Brandung mich nicht nahe der Kste halten und wegen der Strmung nicht weiter hinausfahren konnte. Am Morgen des dritten Tages hatte sich der Wind ber Nacht gelegt, die See war ruhig, und ich wagte es. Aber das mag nun wieder allen voreiligen und unwissenden Seeleuten zur Warnung dienen; denn sobald ich an die Spitze kam, nicht eine Bootslnge vom Riff, fand ich mich pltzlich in sehr tiefem Wasser und in einer Strmung, die reiend war wie ein Mhlbach. Mein Boot wurde mit so groer Gewalt fortgerissen, da ich es nicht wieder herausbringen konnte und immer weiter und weiter von dem Gegenstrom zu meiner Linken weggetrieben wurde. Es kam kein Wind auf, der mir htte helfen knnen, und auch mein Ruder half mir nichts. Jetzt hielt ich mich fr verloren; denn da von der anderen Seite der Insel her eine ebensolche Strmung kam, so war mir klar, da sie sich einige Seemeilen weiter mit der ndern vereinigen mute, und dann war ich rettungslos verloren, weil ich keine Mglichkeit sah, sie zu vermeiden. Ich sah also meinen Untergang vor Augen, nicht durch die See, denn sie war ruhig, aber durch den Hunger. Ich halte an der Kste eine Schildkrte gefunden, so gro. da ich sie kaum heben konnte, und hatte sie ins Boot geworfen; auch hatte ich ein groes Gef, will sagen einen meiner irdenen Tpfe voll frischen Wassers; aber was half mir das alles, wenn ich in den unendlichen Ozean hinausgetrieben wurde, wo sicherlich tausend Meilen weit weder Kste noch Festland noch Insel zu finden war? Und nun sah ich ein, wie leicht es dem Allmchtigen ist, einen Menschen aus einem elenden Zustand in einen noch schlimmeren zu stoen. Jetzt blickte ich auf meine einsame, verlassene Insel wie auf den lieblichsten Ort der Welt zurck, und alles Glck, das mein Herz sich wnschen konnte, schien dort zu liegen. Ich streckte meine Hnde danach aus mit der innigsten Sehnsucht. O glckliches Eiland! rief ich, ich werde dich niemals wiedersehen! O ich Unglcksgeschpf! rief ich, wohin werde ich geraten? Dann warf ich mir selber meine Undankbarkeit vor und da ich so ber meine Einsamkeit gemurrt hatte, whrend ich doch jetzt wer wei was darum gegeben htte, wieder dort an Land zu sein. So kommt uns die wahre Beschaffenheit unserer Lage immer erst durch ihr Gegenteil zu Bewutsein, und wir schtzen das, was wir haben, immer erst dann, wenn wir es nicht mehr haben. Es ist kaum mglich, die Verzweiflung zu beschreiben, in der ich war, da ich nun von meiner geliebten Insel, denn so erschien sie mir jetzt, schon fast sechs Seemeilen weit in das wilde Weltmeer hinaus verschlagen war. auer mir vor Angst, sie nie wieder zu erreichen. Ich ruderte verzweifelt, bis meine Krfte erschpft waren, und hielt das Boot, so gut ich konnte, nach Norden, so da es mglichst am Rande der Strmung blieb. Um Mittag, als die Sonne im Sden stand, glaubte ich ein Lftchen im Gesicht zu fhlen, das aus Sdost kam. Das machte mir wieder ein wenig Mut, besonders als nach einer halben Stunde mehr Wind aufkam. Inzwischen war ich erschreckend weit von der Insel abgetrieben, und wre die geringste Bewlkung oder Nebel aufgekommen, ich noch aus einer anderen Ursache verloren gewesen; denn ich hatte keinen Kompa an Bord und htte niemals den Weg zur Insel zurckgefunden, wenn ich sie einmal aus Sicht verloren htte. Aber da das Wetter klar blieb, setzte ich meinen Mast wieder auf, zog mein Segel hoch und hielt immer so weit wie mglich nach Norden, um aus der Strmung herauszukommen. Als ich eben Mast und Segel in Ordnung und das Boot in Fahrt hatte, sah ich an der Klarheit des Wassers, da eine Vernderung der Strmung nahe war; denn wo sie stark war, war das Wasser trb. Das klare Wasser war also ein Zeichen, da die Strmung nachlie; und wirklich gewahrte ich gleich darauf, da die See sich ungefhr eine halbe Meile ostwrts an einigen Klippen brach. Diese Klippen zwangen die Strmung, sich wiederum zu teilen; der Hauptstrom lief mehr nach Sden, die Felsen nordstlich lassend, und der andere machte vor den Klippen kehrt und wurde zu einem starken Gegenstrom, der wiederum mit groer Gewalt zurck nach Nordwesten flo. Wer einmal auf der Galgenleiter gestanden hat und noch im letzten Augenblick begnadigt worden ist oder aus Mrderhnden gerettet wurde gerade in dem Augenblick, wo er sterben sollte, wird ungefhr sich vorstellen knnen, wie mir die jhe Freude in die Glieder fuhr und wie beglckt ich mein Schiff in den Gegenstrom einlenkte und mein Segel in den immer mehr auffrischenden Wind drehte und so mit Wind und starker Flut lustig wieder ins Leben zurckfuhr. Dieser Gegenstrom brachte mich der Insel wieder um drei Seemeilen nher, jedoch bei sechs Seemeilen mehr nordwrts als die Strmung, die mich zuerst fortgerissen hatte, so da ich mich jetzt der nrdlichen Seite der Insel nherte, gerade gegenber derjenigen, von der ich ausgefahren war. Als ich mit Hilfe des Stromes mehr als drei Seemeilen zurckgelegt halte, lie er nach und trug mich nicht weiter. Ich befand mich jetzt zwischen den beiden Hauptstrmungen, der sdlichen, die mich abgetrieben hatte, und der nrdlichen, die ungefhr sechs Seemeilen entfernt an der anderen Seite der Insel lief. Hier, zwischen diesen beiden Strmen, im Westen der Insel, war das Wasser ruhig, und da ich noch gute Brise hatte, steuerte ich direkt auf die Insel zu, obwohl nicht so schnell wie vorher. Etwa um vier Uhr nachmittags, als ich noch ungefhr drei Seemeilen von der Insel entfernt war, fand ich, da die Spitze des Riffs noch einen zweiten Strom nach Norden erzeugte. Dieser war sehr stark. Da ich jedoch frischen Wind hatte, durchquerte ich ihn in westlicher Richtung und kam nach ungefhr einer Stunde wieder in stilles Wasser und bald danach an die Kste. Als ich gelandet war, fiel ich auf die Knie und dankte Gott fr meine Erlsung, erquickte mich mit Essen und Trinken, brachte dann mein Boot in eine kleine Bucht unter einigen Bumen und legte mich nieder, um zu schlafen, da ich von all der Mhe und Arbeit der Reise vllig erschpft war. Ich wute nun nicht, wie ich mit meinem Boot wieder nach Hause kommen sollte. Ich hatte so groe Gefahr ausgestanden und wute nur allzugut, was mir bevorstand, wenn ich denselben Weg zurckfahren wrde. Wie es aber auf der anderen Seite, nmlich der Westseite, aussah, war mir unbekannt, und ich hatte keine Lust, mich auf neue Abenteuer einzulassen. So beschlo ich am Morgen, westwrts an dem Ufer entlang zu gehen, um mich nach einer Bucht umzusehen, wo ich meine Fregatte in Sicherheit bringen und von wo ich sie wieder holen knnte, wenn ich sie brauchte. Als ich ungefhr drei Meilen an der Kste entlang gewandert war, kam ich zu einer sehr guten Bucht, die eine Meile tief war und immer schmler wurde, bis sie sich zu einem kleinen Flu verengte. Dies war ein vortrefflicher Hafen fr mein Boot, und hier konnte es wie in einem eigens hergerichteten Dock liegen. Ich holte es also herbei, brachte es in Sicherheit und ging dann an die Kste, um mich umzusehen, wo ich wre. Ich sah bald, da ich mich nicht weit von der Stelle befand, wo ich zuvor gewesen, als ich zu Fu nach dieser Kste gewandert war. So nahm ich nur mein Gewehr und meinen Schirm aus dem Boot, denn es war glhend hei, und machte mich auf den Weg. Nach einer Fahrt, wie ich sie hinter mir hatte, war es angenehm zu gehen, und ich erreichte am Abend meine Laube, wo ich alles vorfand, wie ich es verlassen hatte; denn ich hielt sie immer in guter Ordnung, da sie, wie gesagt, mein Landhaus war. Ich stieg ber den Zaun und legte mich in den Schatten, um auszuruhen, und ich war so mde, da ich sogleich einschlief. Aber ein jeder, der meine Geschichte gelesen hat, mag sich vorstellen, wie sehr ich erschrak, als ich durch eine Stimme aufgeweckt wurde, die rief: Robin. Robin, Robin Crusoe, armer Robin Crusoe! Wo bist du, Robin Crusoe? Wo bist du? Wo bist du gewesen? Ich hatte, bermdet durch das viele Rudern und den Marsch, bis in den Tag hinein geschlafen, so da ich zuerst nicht vllig erwachte, sondern zwischen Wachen und Schlaf gleichsam trumte, da jemand zu mir sprche. Aber als die Stimme immer wieder Robin Crusoe, Robin Crusoe! rief, wurde ich schlielich ganz munter. Im ersten Augenblick war ich furchtbar erschrocken und erhob mich in der grten Bestrzung. Aber sobald ich die Augen aufschlug, sah ich meinen Papagei oben auf der Hecke sitzen und wute sofort, da er zu mir gesprochen hatte; denn eben in diesem klglichen Tonfall hatte ich ihn das Sprechen gelehrt, wobei er auf meinem Finger zu sitzen und seinen Schnabel an mein Gesicht zu legen pflegte und dann sein Armer Robin Crusoe, wo bist du? schrie oder andere Worte, die ich ihm beigebracht hatte. Obwohl ich wute, da es mein Papagei war und niemand anders, dauerte es doch eine ganze Weile, bis ich mich wieder fate, und ich begriff nicht, wie das Tier gerade hierherkam. Schlielich aber fand ich mich darein, da es nur mein ehrlicher Poll und niemand anders war, und als ich meine Hand ausstreckte und ihn bei seinem Namen rief, kam das gesellige Tier zu mir, setzte sich auf meinen Daumen, wie er es zu tun pflegte, und schwatzte weiter zu mir: Armer Robin Crusoe und Wie kam ich hierher? und Wo bin ich gewesen?, gerade als wenn er auer sich vor Freude sei, mich wiederzusehen. Und so trug ich ihn mit mir nach Hause. Ich war nun des Herumfahrens auf dem Meer fr eine Weile satt und hatte Zeit genug, um einige Tage still zu sitzen und ber die ausgestandene Gefahr nachzudenken. Ich htte das Boot sehr gerne wieder auf meiner Inselseite gehabt, wute aber keinen Rat dazu. Was die Ostseite der Insel betraf, um die ich ja herumgefahren war, so wute ich nun zur Genge, da ich mich dort nicht wieder hingetrauen durfte; bei dem bloen Gedanken daran sank mir das Herz und fror mir das Blut in den Adern. Und was die andere Seite der Insel betraf, so wute ich nicht, wie es dort aussah; angenommen jedoch, die Strmung liefe dort mit der gleichen Strke wie im Osten, so drohte mir auch da wieder die Gefahr, mitgerissen und von der Insel weggetrieben zu werden. Infolge dieser Erwgungen fand ich mich damit ab, das Boot aufzugeben, obwohl es mich so viele Monate Arbeit gekostet hatte, es anzufertigen, und soviel Mhe, es auf See zu schaffen. In solcher Gemtsruhe verharrte ich fast ein Jahr und lebte, wie man sich denken kann, sehr still und einsam vor mich hin. Und da ich meine Lage nun sehr gefat ansah und mich ganz in den Willen der Vorsehung ergab, so fhlte ich mich wirklich recht glcklich. Nur der Umgang mit Menschen fehlte mir. Mittlerweile bte ich mich in allerlei Handwerk, und ich glaube, ich wurde zur Not ein ganz guter Zimmermann, besonders wenn man bedenkt, wie wenig Werkzeug ich hatte. - berdies brachte ich es zu einer unerwarteten Vollkommenheit in meiner Tpferei. Ich fand heraus, da es mit einer Tpferscheibe viel leichter und besser ging und die Geschirre rund und wohlgeformt wurden, whrend sie vorher nicht eben eine Augenweide gewesen waren. Aber auf nichts war ich wohl stolzer als auf eine Tabakspfeife, die ich mir machte, und obgleich sie blo ein plumpes, unfrmiges Ding wurde und nur rot gebrannt war, so war sie doch hart und fest und zog Rauch, und ich tat mich nach Herzenslust gtlich mit ihr; denn ich war seit jeher ein starker Raucher. Es waren auch Pfeifen in dem Schiff gewesen; aber zuerst hatte ich nicht an sie gedacht, da ich nicht wute, ob Tabak auf der Insel wuchs, und spter, als ich das Schiff aufs neue durchsuchte, konnte ich nicht mehr an die Pfeifen kommen. Auch machte ich gute Fortschritte mit meiner Korbarbeit und flocht einen Haufen ntzlicher Krbe, so gut es eben ging. Sie waren zwar nicht schn, aber doch geeignet, um allerhand darin aufzuheben oder heim zutragen. Zum Beispiel konnte ich eine Ziege, die ich erlegt hatte, an einen Baum aufhngen, ihr das Fell abziehen, sie ausnehmen, in Stcke schneiden und in einem Korb nach Hause tragen oder ebenso eine Schildkrte aufschneiden, die Eier und ein oder zwei Stcke ihres Fleisches in einem Korb heimbringen und den Rest liegen lassen. Die groen und tiefen Krbe dienten mir als Behlter fr mein Korn, das ich immer gleich ausrieb und darin aufbewahrte. Ich wurde nun gewahr, da mein Pulver betrchtlich abnahm, und diesem Mangel wute ich auf keine Weise abzuhelfen. Ich begann ernstlich zu berlegen, was ich tun sollte, wenn ich kein Pulver mehr htte, vor allem, wie ich dann Ziegen erlegen sollte. Wie erwhnt, hatte ich im dritten Jahr meines Hier seins eine junge Ziege gefangen und zahm aufgezogen; ich hoffte immer, einen Bock dazuzubekommen. Das wollte mir aber durchaus nicht gelingen, bis denn meine junge Ziege eine alte geworden war. Sie zu schlachten konnte ich nicht bers Herz bringen; so starb sie endlich vor Alter. Aber nun, im elften Jahr meiner Inselherrschaft, als, wie gesagt, meine Munition abnahm, sann ich Tag und Nacht darber nach, wie ich Ziegen mit Fallen oder Schlingen lebendig fangen knnte; vor allem war's mir um eine trchtige Alte zu tun. Ich legte also Schlingen, und ich glaube, es verfingen sich mehr als einmal welche darin; aber meine Stricke taugten nichts; denn ich hatte keinen Draht, und so fand ich sie immer zerrissen und meinen Kder gefressen. Schlielich versuchte ich's mit einer Fallgrube. Ich grub mehrere groe Lcher in die Erde, an Stellen, wo ich die Ziegen oft hatte sen sehen, legte selbstgemachtes Flechtwerk mit einem schweren Gewicht darber und streute Gersten- und Reiskrner hinein. Ich konnte hernach an den Spuren sehen, da die Ziegen hineingegangen waren und das Korn gefressen hatten. Schlielich stellte ich drei Fallen in einer Nacht, und am nchsten Morgen standen noch alle; aber der Kder war weggefressen. Das war sehr entmutigend. Nichtsdestoweniger verlegte ich die Fallen anderswohin, und endlich fand ich eines Morgens in einer von ihnen einen groen Bock und in einer anderen drei Kitze, ein mnnliches und zwei weibliche. Mit dem Alten wute ich nichts anzufangen; er war so wild, da ich mich nicht zu ihm in die Grube getraute, um ihn lebend fortzuschaffen, worum mir's eben zu tun war. Ich htte ihn tten knnen; aber das war nicht meine Absicht ; also lie ich ihn heraus, und er sprang wie rasend vor Angst davon. Ich wute damals noch nicht, was ich spter lernte, da Hunger selbst einen Lwen zhmt. Wenn ich ihn drei oder vier Tage ohne Nahrung stehen gelassen und ihm dann etwas Wasser und Futter gebracht htte, wre er so zahm wie die Kitze geworden; denn es sind sehr lenksame Tiere, wenn sie richtig behandelt werden. Jedenfalls lie ich ihn diesmal laufen, da ich's nicht besser wute, ging dann zu den drei Jungen, nahm eins nach dem ndern heraus, band sie mit Stricken zusammen und brachte sie mit einiger Schwierigkeit alle heim. Es dauerte eine gute Welle, bis sie fressen wollten; aber als ich ihnen etwas ses Korn vorwarf, konnten sie nicht widerstehen und wurden kirre. Ich sah nun, da ich nur eine Anzahl von ihnen zahm aufzuziehen brauchte, um immer Fleisch zu haben, wenn mein Pulver verschossen wre; ich wrde sie dann leicht wie eine Schafherde um mein Haus herum halten knnen. Doch fiel mir auch sogleich ein, da ich die zahmen getrennt von den wilden halten mte; denn sonst wrden sie, wenn sie ausgewachsen wren, mit ihnen davonlaufen. Das einzige Mittel dazu war, ein dicht umzuntes Stck Land herzurichten und sie vllig abzuschlieen, damit weder die von drinnen heraus noch die von drauen hinein knnten. Das war fr ein einziges Paar Hnde wohl ein groes Unternehmen; aber ich sah, da es nicht anders ging. Das erste war, ein richtiges Stck Land ausfindig zu machen, wo sie Gras zum Fressen, Wasser zum Trinken und Schutz vor der Sonne hatten. Ich entschied mich also fr eine Stelle, die allen diesen Bedingungen entsprach: ein ebenes, offenes Stck Wiesenland oder Savanne (wie unsere Landsleute es in den westlichen Kolonien nennen), das zwei oder drei kleine Rinnsale frischen Wassers enthielt und am einen Ende dicht mit Bumen bestanden war. Wer etwas von solchen Hrden versteht, wird das sehr unbedacht finden und mich belcheln, wenn ich erzhle, da ich mich anschickte, diesen Bereich zu umzunen; denn meine Hecke oder Zaun htte mindestens zwei Meilen lang werden mssen. Die grte Torheit eines solchen Beginnens lag jedoch nicht darin, da ich einen so riesigen Zaun zu bauen unternahm - denn wenn er auch zehn Meilen lang gewesen wre, htte ich gengend Zeit dazu gehabt -. sondern darin, da ich nicht bedachte, da die Ziegen in einem so groen Bezirk ebenso verwildern wrden, als wenn sie auf der ganzen Insel herumgelaufen wren, und da ich sie in einem so groen Raum nur schwer oder gar nicht wrde fangen knnen. Ich war mit meinem Zaun schon ber fnfzig Schritte weit gekommen, als mir dieser Gedanke durch den Kopf fuhr. Also hielt ich augenblicklich inne und entschlo mich, frs erste ein Stck Land von ungefhr hundertfnfzig Schritt Lnge und hundert Schritt Breite einzuhegen und spter, wenn meine Herde sich vergrerte, die Hrde immer mehr zu erweitern. Das war nun einigermaen gescheit, und ich machte mich herzhaft an die Arbeit. Ich brauchte ungefhr drei Monate, um das erste Stck einzuhegen; unterdessen band ich die drei Kitze auf der besten Stelle an und lie sie so nahe wie mglich bei mir weiden, um sie an mich zu gewhnen. Oft hielt ich ihnen ein paar Gerstenkrner oder eine Handvoll Reis hin und ftterte sie aus der Hand, so da sie, als die Einzunung fertig war und ich sie loslie, mir hin und her nachliefen und nach Futter blkten. Das machte mir Freude, und nach anderthalb Jahren hatte ich eine Herde von zusammen zwlf Alten und Jungen. Nach weiteren zwei Jahren waren ihrer dreiundvierzig, auer einigen, die ich fr meine Kche geschlachtet hatte. Hierauf umzunte ich fnf verschiedene Stcke Land mit kleinen Hrden, um sie hineinzutreiben und bequem herauslangen zu knnen, da von einem Pferch zum ndern Gatter fhrten. Aber das war nicht alles; denn ich hatte nun nicht nur Ziegenfleisch, wenn mich danach gelstete, sondern auch Milch, an die ich im Anfang gar nicht gedacht hatte; aber als es mir einfiel, war es eine freudige berraschung fr mich. So richtete ich mir eine Meierei ein und hatte oft fnf bis neun Liter Milch an einem Tag. Die Natur, die jedem Wesen seine Nahrung gibt, lehrt es auch, sie zu ntzen. So gelang es mir, der ich nie eine Kuh, noch weniger eine Ziege hatte melken oder Butter und Kse machen sehen, nach vielen milungenen Versuchen, mir beides, Butter und Kse, zu bereiten, so da ich von nun an immer damit versorgt war. Wie barmherzig kann unser groer Schpfer seine Geschpfe behandeln, selbst in Lagen, in denen sie zum Untergang verurteilt scheinen! Wie vermag er die bittersten Fgungen zu versen und uns Ursache geben, ihm fr Kerker und Gefngnisse Preis und Dank zu sagen! Was fr einen Tisch hatte er mir hier in der Wste gedeckt, wo ich anfangs nur den Hungertod vor Augen sah! Es wrde manchen Griesgram zum Lachen gebracht haben, wenn er mich mit meiner kleinen Familie bei Tisch htte sitzen sehen: zuoberst Meine Majestt, der Frst und Gebieter ber die ganze Insel. Ich war absoluter Herr ber das Leben meiner smtlichen Untertanen, ich konnte hngen, vierteilen, Leben und Freiheit geben und nehmen, und kein einziger Rebell war unter ihnen. Ich speiste also wie ein Knig! Poll, gleichsam als mein Favorit, hatte als einziger die Erlaubnis, mit mir zu sprechen. Mein Hund, der nun sehr alt und wunderlich geworden war und keine Stammverwandten gefunden hatte, um sich fortzupflanzen, sa stets zu meiner Rechten, und zwei Katzen, die eine auf der einen, die andere auf der anderen Seite des Tisches, paten auf, bis ich ihnen zum Zeichen besonderer Gnade hie und da einen Bissen zuwarf. Das waren jedoch nicht die beiden Katzen, die ich anfangs mit an Land gebracht hatte; denn die waren beide tot und lagen von meinen eigenen Hnden begraben in der Nhe meiner Wohnung. Aber die eine hatte sich unter Mitwirkung ich wei nicht was fr einer Kreatur vermehrt, und von ihren Jungen hatte ich diese beiden zahm aufgezogen, whrend die anderen wild in den Wldern herumliefen und schlielich eine Plage fr mich wurden; denn sie kamen mir oft ins Haus und plnderten mich, bis ich schlielich gezwungen war, sie abzuschieen. Mit solchem zahlreichen Hofstaat lebte ich also. Wie ich schon sagte, htte ich gern mein Boot wiedergehabt und berlegte mir daher oft, wie ich es um die Insel herumbringen knnte. Ich wurde das Verlangen nicht los, wieder zu jener Spitze der Insel zu gehen, wo ich bei meinem letzten Ausflug von einem Hgel nach der Strmung ausgeschaut hatte. Meine Unruhe wuchs tglich, und schlielich entschlo ich mich, lngs der Kste zu Land dorthin zu wandern. Und so tat ich auch. Aber wenn jemand in England so einem Menschen wie mir begegnet wre, wrde er entweder zu Tode erschrocken oder in ein gewaltiges Gelchter ausgebrochen sein; wie ich denn selber, wenn ich zuweilen stille stand und an mir hinunterschaute, ein Lcheln nicht unterdrcken konnte bei dem Gedanken, ich sollte in solchem Aufzug und in dieser Kleidung durch Yorkshire reisen. Man stelle sich vor, wie ich etwa aussah: Erstlich hatte ich eine groe, hohe, unfrmige Mtze aus Ziegenfell auf dem Kopf, mit einem Lappen, der hinten hinunter hing, um mich vor der Sonne zu schtzen und den Regen mir nicht in den Nacken flieen zu lassen, da nichts in diesem Klima so schdlich ist wie Regen auf bloem Krper unter den Kleidern. Ferner trug ich eine kurze Ziegenfelljacke, die mir ungefhr bis halb ber die Schenkel reichte, und ein Paar offene Kniehosen aus demselben Stoff. Sie waren aber aus der Haut eines alten Bockes, und die Haare hingen auf beiden Seiten so weit hinunter, da sie mir fast bis mitten auf die Beine reichten. Strmpfe und Schuhe besa ich nicht, doch hatte ich mir statt dessen ein paar merkwrdige Dinger gemacht, ich wei wirklich nicht, wie ich sie nennen soll, so etwas wie Halbstiefel, die ich mir ber die Fe zog und an der Seite verschnrte wie Gamaschen; aber sie hatten eine barbarische Form, wie alle meine Kleider. berdies trug ich einen breiten Grtel aus Ziegenfell, den ich anstatt der Schnallen mit zwei Riemen aus demselben Leder zusammenzog. An jeder Seite befand sich eine Lederschlaufe. Darin hingen statt Schwert und Degen eine kleine Sense und eine Axt. Noch ein anderes, schmleres Ledergehnge trug ich ber der Schulter. Daran hingen, unter meinem linken Arm, zwei Beutel, auch aus Ziegenhaut; in dem einen hatte ich mein Pulver, in dem anderen die Patronen. Auf meinem Rcken trug ich einen Korb, auf der Schulter ein Gewehr und ber meinem Kopf den groen, plumpen, ungestalten Ziegenfellschirm, der mir aber, nchst meinem Gewehr, am unentbehrlichsten war. Was mein Gesicht angeht, so war es nicht ganz so mulattenhaft, wie man von einem Mann erwarten wrde, der sich damit nicht in acht nimmt und unterm neunten oder zehnten Grad an der Linie lebt. Meinen Bart hatte ich einmal wachsen lassen, bis er einen Schuh lang war; aber da ich mit Scheren und Rasierzeug reichlich versehen war, hatte ich ihn wieder hbsch kurz gestutzt, bis auf das, was auf der Oberlippe wuchs. Dies hatte ich zu einem Paar langer mohammedanischer Knebel gezogen, wie ich sie bei den Trken in Salee gesehen hatte. Die Mauren trugen solche nicht, wohl aber die Trken. Von diesem Knebel- oder Schnurrbart will ich nun zwar nicht sagen, er sei so lang gewesen, da ich meinen Hut daran htte aufhngen knnen; aber die Knebel waren an Lnge und Aussehen bedrohlich genug, da man sich in England davor gefrchtet haben wrde. All das nur nebenbei; denn ich hatte so wenig Zuschauer, da es mich weiter nicht kmmerte. So gekleidet machte ich mich also auf meine Reise und blieb fnf oder sechs Tage aus. Erst ging ich an der Kste entlang bis zu dem Platz, wo ich mein Boot damals verankert hatte, um auf die Felsen zu steigen. Und da ich mich jetzt um kein Boot zu kmmern brauchte, ging ich einen nheren Weg ber Land bis zu derselben Hhe, auf der ich damals war. Als ich nach der Spitze des Riffs ausschaute, die ich mit meinem Boot hatte umsegeln mssen, war ich hchst erstaunt, die See ganz glatt und ruhig zu sehen, keinen Strudel, keine Strmung, weder hier noch anderswo. Ich konnte dies gar nicht begreifen und beschlo, eine Weile zu beobachten, ob es nichts mit den Gezeiten von Ebbe und Flut zu tun htte. Ich merkte bald, wie es zuging, da nmlich die Ebbe, von Westen einsetzend, mit dem reienden Gewsser eines groen Flusses am Ufer zusammentraf und so die Strmung verursachte, und da sie nher oder weiter vom Lande entfernt lief, je nachdem der Wind strker von Westen oder von Norden wehte. Ich wartete bis zum Abend, bis wieder volle Ebbe war. Alsdann stieg ich nochmals auf den Hgel und sah die Strmung wieder genau wie zuvor, nur ungefhr eine Seemeile weiter weg, whrend sie damals ganz nahe an der Kste gelaufen war und mich samt meinem Kanoe mit sich fortgerissen hatte, was zu einer anderen Zeit nicht der Fall gewesen wre. Diese Entdeckung berzeugte mich, da ich nur die Ebbe und Flut zu beobachten brauchte, um mein Boot sehr leicht wieder um die Insel herum zu bringen. Aber als ich auch nur daran dachte, es in die Tat umzusetzen, berfiel mich eine solche Angst in der Erinnerung an die Gefahr, die ich ausgestanden hatte, da mich der bloe Gedanke daran entsetzte. Ich fate also einen anderen Entschlu, der sicherer, obgleich viel mhevoller war, nmlich mir ein zweites Boot zu bauen, um so auf jeder Seite der Insel eines zu haben. Ich erinnere daran, da ich jetzt sozusagen zwei Ansiedelungen auf der Insel hatte. Die eine war meine kleine Festung oder mein Zelt unter dem Felsen mit der Mauer darum her und der Hhle dahinter, die ich mit der Zeit vergrert und in verschiedene Rume und Keller eingeteilt hatte. Einer davon, der trockenste und grte, der eine Tr auerhalb der Verschanzung hatte, stand voll irdener Geschirre nebst vierzehn oder fnfzehn Krben, jeder gro genug fr fnf bis sechs Scheffel Korn, die ich darin aufbewahrte, einiges in hren, kurz ber dem Halm abgeschnitten, anderes schon mit den Hnden ausgerieben. Die Stangen oder Pfhle meiner Mauer waren allmhlich zu Bumen gewachsen und breiteten sich so aus, da niemand mehr auch nur im geringsten eine Wohnung dahinter vermutet htte. Nahe bei meiner Behausung, aber etwas weiter landeinwrts und auf flachem Boden lagen meine beiden Kornfelder, die ich fleiig bebaute und die mir getreulich und pnktlich ihre Ernte lieferten; und wenn ich mehr Korn gebraucht htte, htte ich noch mehr ebenso gutes Erdreich hinzufgen knnen. Auerdem hatte ich meinen Landsitz, und auch dort war jetzt alles schon in gutem Stande. Meine kleine Sommerlaube, wie ich sie nannte, hielt ich immer in bester Ordnung. Ich sorgte dafr, da die Hecke, die sie umgab, allezeit die gleiche Hhe hatte und da die Leiter immer auf der Innenseite stand, und ich beschnitt die Bume, die erst nur Stangen, jetzt aber gro und schn gewachsen waren, immer so, da sie dicht und breit ausschlugen und recht viel Schatten gaben. In der Mitte stand immer mein Zelt, ein Stck Segeltuch auf Pfhlen, das ich jeweils ausbesserte. Darunter hatte ich mir ein Lager aus Tierfellen und anderen weichen Dingen zurechtgemacht und ein Laken aus unseren Schiffsbetten darber gebreitet, nebst einem groen Wachtmantel zum Zudecken. Sooft ich gentigt war, von meiner Hauptresidenz fern zu sein, wohnte ich hier in meinem Landhaus. Unweit davon hatte ich meine Hrde fr mein Vieh, alias Ziegen. Ich hatte mir die allergrte Mhe gegeben, den Platz einzuzunen, und war auch jetzt immer darauf bedacht, ihn recht gut instand zu halten, damit die Ziegen nicht ausbrechen knnten. Ich setzte also immer wieder in unermdlicher Arbeit Pfhle dazwischen, so dicht aneinander, da es mehr ein Zaun als eine Hecke wurde und man kaum Platz fand, die Hand hindurch zustecken. So wurde die Hecke, als die Pfhle bei der nchsten Regenzeit ausschlugen, so fest, ja fester als eine Mauer. Daraus geht hervor, da ich nicht trge war und keine Mhe scheute, etwas zu schaffen, was fr mein Wohlbefinden ntig war. Denn ich bedachte, da die Zucht zahmer Tiere mich allezeit mit frischem Fleisch, Milch, Butter und Kse versorgen wrde, solange ich an diesem Orte lebte, und wenn es vierzig Jahre wren, und da ich, um die Tiere in erreichbarer Nhe zu halten, meine Einzunung so vervollkommnen mute, da sie sicher beisammen blieben. Das tat ich denn auch mit solchem Erfolg, da ich, als diese Stmmchen zu wachsen begannen, einige wieder ausreien mute, weil ich sie allzu dicht nebeneinander gesetzt hatte. Hier wuchsen auch meine Trauben, die mich fr den Winter mit Rosinen versorgten. Diese hob ich immer besonders sorgfltig auf, als den feinsten Leckerbissen meiner ganzen Kche. Und sie waren nicht nur wohlschmeckend, sondern auch beraus nahrhaft und erfrischend. Mein Landhaus lag auf dem halben Weg zwischen meiner Hauptwohnung und dem Platz, wo sich mein Boot befand, und ich machte hier oft Station, wenn ich hinging. Denn ich besuchte mein Boot oft und hielt alles, was zu ihm gehrte, in sehr guter Ordnung. Manchmal fuhr ich zum Zeitvertreib damit aus, aber hchstens einen Steinwurf weit von der Kste; denn auf eine so gefahrvolle Reise begehrte ich nicht mehr, aus Angst, wider Willen in die Strmung gerissen zu werden oder in einen Sturm oder sonstiges Ungemach zu geraten. Doch nun komme ich zu einem neuen Abschnitt meines Lebens. feines Tages um Mittag, als ich zu meinem Boot ging, gewahrte ich zu meinem heftigen Schrecken den Abdruck eines nackten menschlichen Fues am Ufer, der vollkommen deutlich im Sande zu erkennen war. Ich stand wie vom Donner gerhrt oder als ob ich ein Gespenst gesehen htte. Ich horchte, ich schaute mich um, konnte aber nichts hren noch sehen; ich stieg auf die Hgel, um weiter schauen zu knnen; ich ging am Ufer auf und ab, aber es war alles umsonst; ich konnte nur diese eine Spur entdecken. Ich ging nochmals nher, um zu beobachten, ob es nicht nur Einbildung gewesen wre; aber da war und blieb nur der Abdruck des einen Fues, Zehen, Fersen und alles brige. Wie er hierherkam, wute ich nicht, konnte es mir auch auf keine Weise erklren. Nach unzhligen wirren Vermutungen kehrte ich wie ein Mensch, der vollkommen betubt und auer sich ist, zu meiner Festung zurck, von Furcht gejagt, kaum den Boden unter mir fhlend, alle zwei oder drei Schritte zurckschauend und jeden Baumstumpf fr einen Menschen ansehend. Es ist kaum mglich zu beschreiben, in was fr tausend Gestalten eine erschreckte Phantasie einem die Dinge zeigt, wie viele wilde Ideen mir immerzu durch den Kopf schssen und was fr seltsame, tolle Einfalle mir unterwegs in den Sinn kamen. Als ich zu meiner Burg kam, denn so nannte ich sie immer, floh ich hinein wie ein Verfolgter. Ob ich ber die Leiter oder durch die Felsentr hineinkam, wei ich nicht mehr. Nie floh ein Hase schneller in sein Versteck oder ein Fuchs in den Bau als ich in mein Verlies. Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu. Je weiter ich von der Ursache meiner Furcht weg war, um so wilder wurden meine Wahnvorstellungen. Manchmal glaubte ich, es msse der Teufel sein, und mein Verstand bestrkte mich darin; denn wie sollte sonst irgendein anderes Wesen in Menschengestalt an diesen Ort kommen? Wo war das Schiff, das es gebracht hatte? Wo die Spuren anderer Futritte? Und wie htte berhaupt ein einzelner Mensch hierherkommen sollen? Aber dann fuhr mir's wieder durch den Kopf, warum wohl der Teufel Menschengestalt annehmen sollte, blo um an einem Ort, wo er sonst nichts zu tun hatte, einen Fustapfen zu hinterlassen, und zwar auch nur so aufs Geratewohl, da er ja nicht sicher sein konnte, da ich ihn auch sehen wrde. Ich sagte mir, da der Teufel doch ungezhlte andere Wege htte finden knnen, um mich zu erschrecken, als gerade durch diesen einen Fustapfen. Da ich ja ganz auf der anderen Seite der Insel lebte, wrde er doch nicht so einfltig gewesen sein, eine Spur zu hinterlassen an einem Orte, wo man tausend zu eins wetten konnte, da ich sie nie sehen wrde, und noch dazu im Sand, wo die erste beste Sturzwelle bei starkem Wind sie vollkommen auslschen mute. All das wollte sich mit der Tatsache selber und mit der Vorstellung, die wir von der Schlauheit des Teufels haben, nicht zusammenreimen. Noch viele solche Gedanken brachten mich schlielich vollends von dem Argwohn ab, da es der Bse gewesen sei. Und ich schlo nun ernsthaft, es msse irgend etwas noch viel Gefhrlicheres sein, nmlich vielleicht Wilde vom gegenberliegenden Festland, die in ihren Kanoes aufs Meer gefahren und durch eine Strmung oder widrige Winde an meine Insel geraten waren, die sie nach einer kurzen Landung wieder verlassen hatten, vielleicht weil ihnen diese anscheinend unbewohnte Insel ebensowenig behagte, wie mir ihre Gesellschaft behagt htte. Indem mir das durch den Kopf ging, dankte ich Gott, da ich zu meinem Glck gerade nicht drben gewesen war und da sie mein Boot nicht gesehen hatten; denn sonst wrden sie daraus geschlossen haben, da Bewohner auf der Insel seien, und wrden vielleicht weiter nach mir gesucht haben. Dabei traf mich wie ein Peitschenschlag der entsetzliche Gedanke: wenn sie vielleicht doch noch mein Boot gefunden und gemerkt haben, da hier ein Mensch lebt, so werden sie sicher in viel grerer Menge wiederkommen und mich auffressen. Und wenn sie mich zum Glck nicht aufspren sollten, wrden sie doch meine Hrden finden, mein Getreide vernichten, meine zahmen Ziegen wegfhren, und ich mte also Hungers sterben. So vertrieb die Furcht all meine christliche Hoffnung. All mein voriges Vertrauen auf Gott, der mir so viele wunderbare Gnaden erwiesen hatte, war ganz dahin, gleich als ob er, der mich bisher so wunderbar gefhrt, nicht auch mit seiner Macht das mir Geschenkte mir erhalten und schtzen knnte. Ich machte mir jetzt Vorwrfe ber meinen Leichtsinn, da ich jedes Jahr immer nur soviel Korn gest hatte, wie ich bis zur nchsten Ernte brauchte, als wenn nie ein Unfall sich ereignen knnte, der mich meiner Ernte berauben wrde. Ich nahm es als Warnung und beschlo, in Zukunft fr zwei oder drei Jahre Kornvorrat zu schaffen, so da ich, was auch immer kommen mochte, nicht aus Mangel an Brot zugrunde ginge. Was fr ein Spielzeug der Vorsehung ist das Menschenleben! Heute lieben wir, was wir morgen hassen; heute suchen wir, was wir morgen fliehen; heute wnschen wir, was wir morgen frchten, nein, wovor wir beim bloen Gedanken zittern. Das erwies sich jetzt zum Greifen deutlich an mir. Ich, dessen einziger Kummer war, fern von menschlicher Gesellschaft verbannt zu sein, einsam vom grenzenlosen Ozean umgeben, von aller Welt abgeschlossen und verdammt zu einem stummen Leben, gleich wie einer, den der Himmel nicht fr wrdig hielt, unter die Lebendigen gezhlt zu werden und unter seinen anderen Geschpfen sich zu zeigen, so da es mir wie eine Erweckung vom Tode und als die grte Gnade Gottes auer der ewigen Seligkeit htte erscheinen mssen. ein Wesen meiner Art zu erblicken - ich zitterte nun bei der Vorstellung, einen Menschen zu sehen, und wollte in die Erde sinken vor dem bloen Schatten oder Schein, da ein Mensch seinen Fustapfen auf diese Insel gedrckt habe! So ist der wechselvolle Zustand des Menschenlebens; und das gab mir hernach, als ich mich von meinem ersten Schrecken etwas erholt hatte, Anla zu sehr vielen Betrachtungen. Ich sagte mir, da dies die Lebenslage sei, die die unendlich weise und gtige Vorsehung Gottes mir zu bestimmt habe; da es mir, der ich nicht voraussehen konnte, welchen Zweck die gttliche Weisheit mit alledem verfolgte, nicht zukme, mich gegen die Allmacht dessen aufzulehnen, der als mein Schpfer das unzweifelhafte Recht htte, ber mich, sein Geschpf, unumschrnkt zu herrschen und zu verfgen, und der, da ich ein Geschpf war, das sich gegen ihn vergangen hatte, auch das richterliche Recht hatte, mich zu jeder Strafe zu verurteilen, die er fr angemessen hielt; und da mein Teil war, mich seinem Zorn demtig zu unterwerfen, da ich gegen ihn gesndigt hatte. Danach bedachte ich. da Gott, der nicht nur gerecht, sondern auch allmchtig ist, ebenso wie er es fr angemessen gehalten hatte, mich zu bestrafen und in Not zu strzen, auch die Macht hatte, mich zu erretten. Hielt er es aber nicht fr angebracht, dies zu tun, so war es ohne Frage meine Pflicht, mich ganz und gar in seinen Willen zu fgen, und anderseits auch meine Pflicht, auf ihn zu hoffen, zu ihm zu beten und die Anordnungen und Fgungen seiner tglichen Vorsehung stille abzuwarten. Mit solchen Gedanken verbrachte ich viele Stunden und Tage, ja ich darf sagen Wochen und Monate; und dabei kann ich eine besondere Trstung nicht unerwhnt lassen, die diese meine Betrachtungen zur Folge hatten. Eines frhen Morgens nmlich, als ich, noch im Bett liegend, ganz erfllt war von Gedanken an die Gefahr, die mir von den Wilden drohte, und ganz ratlos hin und her sann, fielen mir mit einem Mal jene Worte der Schrift ein: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen. Alsbald erhob ich mich freudig von meinem Bett, und mein Herz war nicht nur getrstet, sondern fhlte sich auch hingetrieben und ermutigt, ernstlich zu Gott um Errettung zu beten. Als ich mein Gebet beendet hatte, nahm ich meine Bibel, schlug sie auf. und die ersten Worte, auf die mein Blick fiel, waren diese: Harre des Herrn und sei guten Muts, und er wird dein Herz strken; harre, sage ich, des Herrn. Ich vermag nicht zu sagen, welchen Trost mir das gab. Ich legte daraufhin das Buch dankerfllt nieder und war, wenigstens fr diesmal, nicht lnger traurig. Mitten in diesen ngsten und Betrachtungen kam ich eines Tages auf den Gedanken, vielleicht sei alles nur Einbildung von mir und der Fustapfen von mir selber hinterlassen, als ich von meinem Boot ans Land kam. Dies erleichterte mich etwas, und ich redete mir gut zu, es sei wirklich alles nur Einbildung, es sei mein eigener Fu; denn warum sollte ich nicht auf dem Weg vom Boot dorthin gekommen sein, ebensogut wie ich jetzt zu dem Boot ging? Ich sagte mir, ich knne doch nicht wissen, wo ich hingetreten sei und wo nicht; und wre es wirklich mein eigener Fu, so htte ich's gemacht wie die Narren, die Gespenster spielen wollen und sich dann selber mehr als alle ndern frchten. Nun begann ich Mut zu fassen und wieder herumzustreifen; denn ich war drei volle Tage und Nchte nicht aus meinem Schlo gegangen, so da ich fr neuen Proviant sorgen mute, hatte ich doch so gut wie nichts mehr im Hause auer einigen Gerstenbroten und Wasser. Auch dachte ich daran, da meine Ziegen gemolken werden mten, was ich gewhnlich abends tat. Die armen Tiere waren deswegen schon sehr bel daran und einige von ihnen fast draufgegangen und ihre Milch weggetrocknet. Da ich mir nun aber selber zuredete zu glauben, da es nur mein eigener Fustapfen war, ging ich zu meinem Landhaus, um meine Herde zu melken. Htte man gesehen, mit welcher Angst ich dorthin schlich, wie oft ich mich um sah, wie ich jeden Augenblick drauf und dran war, meinen Korb hinzuwerfen und davonzulaufen, als glte es mein Leben, so wrde man geglaubt haben, ich msse von einem bsen Gewissen oder irgendeiner grauenvollen Angst verfolgt sein. Und so war es ja auch. Als ich so ein paar Tage lang hingegangen war und nichts gesehen hatte, wurde ich wieder etwas khner und dachte, da alles wirklich nur Einbildung gewesen sei. Aber ich konnte es doch nicht ganz glauben, ehe ich nicht wieder an die Kste gegangen war und den Fustapfen nochmals genau besehen und mit dem meinen verglichen hatte, um durch die hnlichkeit und die gleiche Gre festzustellen, da es mein eigener war. Als ich aber an Ort und Stelle kam, wurde mir erstens ganz klar, da ich unmglich an dieser Stelle des Strandes gewesen sein konnte, und zweitens ma ich den Abdruck mit meinem eigenen Fu und fand, da der meine lange nicht so gro war. Dies beides strte meine Gedanken von neuem auf und bengstigte mich wieder so, da ich Schttelfrste bekam wie einer im Fieber, und ich eilte nach Hause in dem festen Glauben, es msse einer oder mehrere Menschen auf der Insel gewesen sein oder die Insel msse selber bewohnt sein und ich wrde eines Tages unversehens berfallen werden. Was ich zu meinem Schutz anstellen sollte, wute ich nicht. Oh, zu was fr lcherlichen Entschlssen kommen Menschen, wenn die Furcht sie packt! Sie beraubt sie aller Mittel, die der Verstand ihnen sonst zu ihrer Rettung eingeben wrde. Das erste, was mir einfiel, war, alle meine Hrden und Zune niederzureien und alle zhmen Ziegen wieder in den Wald zu jagen, damit die Feinde sie nicht finden und die Insel nach ihnen oder anderer Beute durchsuchen sollten. Dann wollte ich meine Felder umgraben, damit sie kein Getreide antrfen und nicht shen, da die Insel so gut in Ordnung gehalten sei. Endlich wollte ich meine Laube und mein Zelt zerstren, damit sie keine Spur einer Wohnung fnden und dann etwa nach den Bewohnern suchten. Dies war es, was mir in der ersten Nacht durch den Kopf ging, als ich wieder daheim war und die Angst, die mich so berfallen hatte, noch frisch und mein Kopf noch voller Wahngebilde war. So ist die Furcht vor Gefahr zehntausend mal schrecklicher als die Gefahr selber, wenn man ihr ins Auge schaut, und die Qual der Angst viel grer als das bel, vor dem wir uns ngstigen; und was am allerschlimmsten war: ich vermochte dabei nicht, wie sonst, in frommer Ergebung Trost zu finden. Ich kam mir vor wie Saul, der nicht nur klagte, da die Philister ber ihm seien, sondern da Gott ihn verlassen habe; denn ich tat diesmal nicht, was zur Beruhigung meines Gemts das einzig Rechte gewesen wre, nmlich Gott in meiner Not anrufen, wie ich zuvor getan hatte, und auf seine Vorsehung zu vertrauen, da sie mich schtzen und erretten werde. Htte ich das getan, so htte ich dieses neue Schrecknis mit Gottes Hilfe zum mindesten gelassener ertragen und wre ihm mit mehr Entschlossenheit begegnet. Dieses Durcheinander meiner Gedanken hielt mich die ganze Nacht wach; aber am Morgen schlummerte ich ein, und da mein Geist durch all das Hin und Her vollkommen erschpft war, schlief ich sehr tief und wachte viel frischer als zuvor wieder auf. Und nun begann ich ruhiger zu denken, und als ich alles gegeneinander abgewogen hatte, kam ich zu dem Schlu, diese so ungemein liebliche, fruchtbare und nicht weit vom Festland gelegene Insel msse doch nicht ganz so verlassen sein, wie ich geglaubt hatte. Wenn auch keine stndigen Bewohner hier lebten, so mochten doch vielleicht manchmal welche in Booten von der Kste herberkommen, sei es mit Absicht oder durch widrige Winde verschlagen. Ich sagte mir, da ich ja nun schon fnfzehn Jahre hier gelebt und noch nicht den mindesten Schatten eines Menschen angetroffen hatte. Es war daher anzunehmen, da sie, wenn sie je hierher verschlagen wurden, immer so schnell wie mglich wieder abfuhren, da sie es ja bisher offenbar noch nie fr tunlich gehalten hatten, hier festen Fu zu fassen. Das einzige, wovon ich also irgendwelche Gefahr zu befrchten hatte, war eine solche gelegentliche, zufllige Landung umherstreifender Leute vom Festland, die wahrscheinlich nur wider Willen hierher verschlagen wurden und daher auch nicht dablieben, sondern so schnell wie mglich wieder wegfuhren. Hchstens vielleicht, da sie einmal eine Nacht ber an Land blieben, um die Flut und das Tageslicht abzuwarten. Und somit brauchte ich nichts zu tun, als ein sicheres Versteck ausfindig zu machen, fr den Fall, da ich irgendwelche Wilden hier landen she. Nun begann ich ernstlich zu bereuen, da ich noch einen zweiten Eingang zu meiner Hhle auerhalb der Mauer gegraben hatte, und berlegte reiflich, ob ich nicht eine zweite Umzunung, ebenfalls im Halbkreis, anlegen sollte, in einem gewissen Abstand von der Mauer dort, wo ich vor zwlf Jahren die doppelte Reihe Bume gepflanzt hatte. Gedacht, getan. Da ich diese Bume ohnedies so dicht gesetzt hatte, brauchte ich nur einige Stecken dazwischenzupflanzen, damit sie noch dichter und strker wrden, und die Mauer war fertig. So hatte ich nun eine doppelte Mauer, und die uere war noch durch Bauholz, altes Tauwerk und was sich sonst noch dazu eignete abgedichtet. Doch hatte ich sieben Lcher gelassen, so gro, da man einen Arm hindurch stecken konnte. Von innen verstrkte ich die Mauer noch, bis sie zehn Fu dick war, indem ich Erde davor aufhufte und sie feststampfte. Durch die sieben Lcher steckte ich die sieben Musketen, die ich auf dem Schiff gerettet hatte, und lagerte sie wie Kanonen auf einer Art Gestellen, gleichsam wie auf Lafetten, und zwar so, da ich alle sieben in zwei Minuten abschieen konnte. Manch langen Monat brauchte ich, um diese Mauer zu beendigen, und erst als sie fertig war, glaubte ich mich in Sicherheit. Als dies geschehen war, bepflanzte ich den ganzen Boden vor der Mauer weit umher mit diesen weidenartigen Bumen, die so schnell wuchsen. Ich glaube, ich setzte nahezu zwanzigtausend; doch lie ich einen ziemlich groen Raum zwischen ihnen und der Mauer, damit ich die Feinde sehen knnte und sie keine Deckung htten, wenn sie versuchen sollten, sich meiner ueren Mauer zu nhern. So hatte ich nach zwei Jahren einen dichten Hain und nach fnf oder sechs Jahren einen richtigen Wald vor meiner Wohnung, so dicht und stark, da er schlechthin undurchdringlich war. Und kein Mensch der Welt konnte irgend etwas dahinter vermuten, geschweige denn eine Wohnung. Zum Ein- und Ausgehen hatte ich zwei Leitern gemacht; die eine fhrte auf einen niedern Felsvorsprung, an den ich die andere anlegen konnte, so da, wenn beide Leitern weggenommen waren, kein lebender Mensch zu mir herunterkommen konnte, ohne zu verunglcken, und wenn es auch wirklich einem gelungen wre, wre er doch immer erst vor meiner ueren Mauer gewesen. So traf ich alle Manahmen zu meinem Schutz, die menschliche Voraussicht nur zu ersinnen vermag; und man wird spter sehen, da sie nicht ganz berflssig waren, obwohl ich damals noch nichts anderes voraussah, als was meine Furcht mir eingab. Whrend dieser Arbeit versumte ich trotzdem nicht meine anderen Geschfte. Besonders machte ich mir groe Sorge um meine kleine Ziegenherde. Sie versorgte mich nachgerade schon zur Genge und ersparte mir nicht nur Pulver und Blei, sondern auch die Mhe der Jagd nach den wilden Ziegen, und es wre mir sehr leid gewesen, diesen Vorteil zu verlieren und mit der ganzen Zucht von vorne anzufangen. Nach langem Besinnen fand ich zwei Wege, um sie mir zu erhalten, nmlich entweder an einem bestimmten Platz eine unterirdische Hhle zu graben und sie jede Nacht hineinzutreiben oder aber zwei oder drei kleine Grundstcke, entfernt voneinander und so verborgen wie mglich, zu umzunen, in deren jedem ich ungefhr ein halbes Dutzend junger Ziegen halten knnte, damit, wenn wirklich der Hauptherde ein Unglck zustiee, ich mir mit wenig Zeit und Mhe eine neue aufziehen knnte. Und dies schien mir, obgleich es viel Zeit und Arbeit kosten wrde, doch das gescheiteste zu sein. Ich suchte also lange nach den verstecktesten Pltzen der Insel und entschlo mich endlich fr einen, der so entlegen war, wie ich nur wnschen konnte. Es war ein kleines, feuchtes Stck Land mitten im dichten Wald, wo ich mich ehemals auf der Rckkehr von der Ostseite der Insel fast verirrt htte. Hier also fand ich eine Lichtung von ungefhr drei Morgen, so von Gehlz wie von einer natrlichen Hrde umgeben, da ich lange nicht soviel Mhe damit hatte wie zuvor. Ich machte mich gleich an die Arbeit, und in weniger als einem Monat hatte ich es rundherum eingezunt, so da meine Herde, die schon nicht mehr so wild war wie im Anfang, ganz sicher darin war. Unverweilt trieb ich nun zehn Ziegen und zwei Bcke hinein, und als sie drin waren, fuhr ich fort, die Hrde zu vervollkommnen, bis sie ganz undurchdringlich war wie die andere; ich betrieb es jedoch diesmal gemchlicher und brauchte viel mehr Zeit dazu. Alle diese Arbeiten unternahm ich lediglich aus Angst wegen der menschlichen Fuspur, die ich entdeckt halte; denn irgendein menschliches Wesen hatte ich bis jetzt der Insel noch nicht nahe kommen sehen, und ich hatte nun schon zwei Jahre in dieser Unruhe gelebt, was mein Dasein wirklich viel unbehaglicher machte, als es gewesen war, wie sich jeder denken kann, der wei, was es heit, unter dem stndigen Druck der Menschenfurcht zu leben. Hierzu mu ich mit Kummer bemerken, da die Unruhe meines Gemts auch groen Einflu auf mein religises Empfinden hatte; denn die Angst und das Entsetzen, in die Hnde von Wilden und Kannibalen zu fallen, lag mir so auf der Seele, da ich nur selten in der Stimmung war, mich an meinen Schpfer zu wenden, zum mindesten nicht mit der Seelenruhe und Gottergebenheit, wie ich es gewhnt war; vielmehr betete ich zu Gott immer nur mit bedrcktem, bengstigtem Gemt, als ein von Gefahren Umgebener, der jede Nacht daraufgefat war, noch vor dem nchsten Morgen ermordet und aufgefressen zu werden; und ich mu aus meiner Erfahrung bezeugen, da man mit einem ruhigen, dankerfllten und liebevollen Herzen viel besser beten kann als mit einem gengstigten und verstrten. Ein unter dem Druck der Angst vor einem drohenden Unheil stehender Mensch ist zu einem wahrhaft trostbringenden Gebet zu Gott ebenso unfhig wie ein auf dem Siechbett Liegender zur Reue. Denn diese Beunruhigungen beeinflussen das Gemt ebenso wie die anderen den Krper, und die seelische Strung ist ebenso hemmend wie die krperliche, ja noch viel mehr, da Beten ein Tun der Seele ist und nicht des Krpers. Nachdem ich so einen kleinen Teil meines lebenden Fleischvorrats in Sicherheit gebracht hatte, lief ich auf der ganzen Insel umher, um noch ein anderes Versteck fr einen zweiten solchen Stall zu finden. Als ich dabei eines Tages weiter als je an das Westende kam und ins Meer hinausschaute, glaubte ich in groer Entfernung auf See ein Boot zu sehen. Ich hatte zwar ein oder zwei Fernglser in einer der Schiffsladen gefunden, hatte aber keines bei mir, und das Boot war so weit entfernt, da ich es nicht recht erkennen konnte, obwohl ich hinschaute, bis mir die Augen fast blind wurden und ich es aufgeben mute. Ich beschlo jedoch, niemals mehr ohne Fernglas in der Tasche auszugehen. Als ich den Hgel hinab an das Ende der Insel kam, wo ich in der Tat noch nie gewesen war, wurde mir mit einem Male klar, da Fuspuren auf dieser Insel nicht eben etwas so Seltenes waren, wie ich geglaubt hatte, und da ich nur durch eine gtige Vorsehung gerade an den Teil der Insel verschlagen worden war, wohin die Wilden niemals kamen. Es ging mir nun ein Licht darber auf, da sie, wenn sie vom Festland aus mit ihren Kanoes zu weit ins Meer gerieten, diese Seite der Insel gleichsam als Hafen anliefen, und auch, da sie in ihren Kanoes ihre Kmpfe ausfochten und da die Sieger ihre Gefangenen dann an diese Kste schleppten und nach ihrem schrecklichen Kannibalenbrauch totschlugen und fraen. Doch hiervon spter. Als ich nmlich vom Hgel herunter an die Kste, also, wie gesagt, an die Sdwestspitze der Insel kam, sah ich mit tiefer Bestrzung, ja mit entsetzlichem, unbeschreiblichem Grauen, da der Strand mit Schdeln, Hnden, Fen und anderen menschlichen Knochen bedeckt war, und in demselben Augenblick sah ich auch einen Platz, wo Feuer gebrannt hatte, und einen Kreis wie eine Kochgrube, wo offenbar die wilden Ungeheuer bei dem unmenschlichen Fest ber den Leibern ihrer Mitmenschen gesessen hatten. Ich war ber diesen Anblick so entsetzt, da ich lange Zeit gar nicht an meine eigene Gefahr dachte. All meine Furcht wurde von der Vorstellung solcher viehischen, hllischen Roheit und der Emprung ber solche Verwilderung der menschlichen Natur verdrngt. Obgleich ich oft genug davon gehrt hatte, hatte ich mir doch nie einen Begriff davon gemacht. Kurzum, ich wandte mich von dem schrecklichen Schauspiel ab, mir wurde bel, und ich war eben daran, ohnmchtig zu werden, als die Natur sich half und ich mich mit solcher Heftigkeit erbrechen mute, da mir davon etwas leichter wurde. Aber ich konnte nicht einen Augenblick lnger an dem Ort bleiben, sondern stieg in aller Eile wieder auf den Hgel und schlug den Heimweg ein. Als ich ein Ende von dem Ort weg war, blieb ich eine Weile wie erstarrt stehen, und nachdem ich mich etwas erholt hatte, schaute ich mit der innigsten Ergriffenheit nach oben und dankte Gott mit einer Flut von Trnen in den Augen, da er mich in einem Teil der Welt hatte geboren werden lassen, wo die Menschen, und also auch ich, keine solchen bestialischen Geschpfe waren, und da er, so jammervoll mir meine gegenwrtige Lage anfangs erschienen war, mir dennoch so viele Trstungen hatte zuteil werden lassen, da ich mehr zu danken als zu klagen hatte, vor allem dafr, da er mich gerade in diesem elenden Zustand mit der Erkenntnis seiner selbst und der Hoffnung auf seinen Segen getrstet hatte -ein Glck, das all das Elend mehr als aufwog, das ich erduldet hatte und jemals noch erdulden konnte. In dieser dankbaren Stimmung ging ich heim in meine Burg und fhlte mich jetzt sicherer als je, da ich nun zu wissen glaubte, da diese Unmenschen nie auf die Insel kamen, um nach Beute zu suchen. Nein, sie suchten und wollten und erwarteten sicherlich nichts hier, und zweifellos waren sie schon oft bis in den bewaldeten Teil der Insel heraufgedrungen, ohne etwas zu finden, was ihnen dienlich war. Ich war ja nun doch schon fast achtzehn Jahre hier und hatte in all der Zeit nicht die geringste Spur von menschlichen Fustapfen gefunden, und so konnte ich gewi noch weitere achtzehn Jahre so vllig verborgen bleiben, wie ich es jetzt war, da mir nur daran lag, mich an meinem Ort vllig verborgen zu halten und mich nur dann bemerkbar zu machen, wenn etwa bessere Geschpfe mir zu Gesicht kamen als diese Menschenfresser. Trotzdem blieb mir solcher Ekel vor diesen Wilden und ihrer scheulichen Gewohnheit, sich gegenseitig zu verschlingen und zu fressen, da ich ganz nachdenklich und schwermtig wurde und mich wohl zwei Jahre lang in meinem Bereich stille hielt. Wenn ich Bereich sage, so meine ich meine drei Siedelungen, nmlich meine Burg, meinen Landsitz und die Hrden im Walde. Diese meine Ziegenstlle waren das einzige, worum ich mich kmmerte. Mein Abscheu vor jenen Hllenhunden war so gro, da mir mehr graute, sie zu sehen, als den Teufel selber. Ich besuchte auch mein Boot whrend dieser ganzen Zeit nicht ein einziges Mal, sondern dachte daran, mir ein neues zu bauen, weil ich auf keinen weiteren Versuch mehr sinnen mochte, das Boot um die Insel herum zu bringen; denn wre ich auf See an diese Bestien geraten, so wute ich, was mir geschehen wre. Allein die Zeit und die Zuversicht, da ich nicht zu frchten brauchte, von ihnen entdeckt zu werden, befreiten mich allmhlich etwas von dem Alpdruck, und ich lebte wieder wie frher, nur mit dem Unterschied, da ich mehr Vorsicht bte und meine Augen offener hielt. Vor allem htete ich mich zu schieen, damit sie nicht etwa den Knall hrten. Nun kam es mir doppelt zugute, da ich mit zahmen Ziegen versorgt war und nicht mehr im Walde zu jagen und nach ihnen zu schieen brauchte; wenn ich jetzt noch welche fing, tat ich es mit Fallen oder Schlingen wie zuvor, so da ich wohl die ganzen zwei Jahre ber mein Gewehr nicht einmal abfeuerte, obgleich ich es immer mitnahm. Auch trug ich immer zwei von den geretteten Pistolen bei mir in meinem Ziegeniedergrtel. Desgleichen schliff ich einen der groen Hirschfnger und machte mir einen Grtel dazu, so da ich nun - wenn man zu meiner vorigen Selbstbeschreibung noch die zwei Pistolen und den Hirschfnger fgt, der als groes Breitschwert, aber ohne Scheide, an meiner Seite hing - hchst frchterlich anzuschauen war, wenn ich aus meiner Burg auszog. So ging mein Leben eine Zeitlang weiter, und, abgesehen von diesen Vorsichtsmanahmen, war alles wieder so still und friedlich wie zuvor. Es kam mir wieder mehr und mehr zu Gemte, wie weit meine Lage davon entfernt war, trostlos zu sein, verglichen mit derjenigen anderer und mit dem Schlimmeren, das Gott ber mich htte verhngen knnen, wenn es ihm gefallen htte, und ich sagte mir aufs neue, wieviel weniger die Menschen ber ihre Lebensumstnde murren und klagen wrden, wenn sie sie mit schlimmeren vergleichen und dankbar sein wrden, anstatt sich immer nur mit denen zu vergleichen, denen es besser geht, und dadurch ihrer Unzufriedenheit immer neue Nahrung zu geben. Ich konnte mich nun wirklich kaum noch auf etwas besinnen, das mir fehlte, so da es mir fast scheinen wollte, als habe die Angst vor den Wilden und der einzige Gedanke an meine Sicherheit mir die Erfindungsgabe fr alles brige genommen. Unter anderem kam dadurch ein Plan in Vergessenheit, an den ich frher oft gedacht hatte, nmlich, aus meiner Gerste Malz zu machen und mir dann Bier daraus zu brauen. Das war zwar ein nrrischer Einfall, ber den ich selber oft hatte lachen mssen; denn ich sah im voraus, da mir die ntigsten Dinge zum Bierbrauen fehlten: erstens Fsser, um es zu verwahren ; denn dies war etwas, was ich, wie schon gesagt, nie zustande brachte, obwohl ich viele Tage, ja Wochen und Monate daran wandte. Ferner hatte ich keinen Hopfen, um das Bier haltbar zu machen, keine Hefe, um es zum Gren zu bringen, und keinen Kessel, um es zu sieden. Und trotzdem, wenn nicht all die Aufregung und Angst wegen der Wilden dazwischengekommen wre, so wrde ich es doch versucht haben; denn ich gab nur selten etwas unverrichteter Sache wieder auf, wenn ich mir einmal in den Kopf gesetzt hatte, berhaupt damit anzufangen. Aber jetzt war ich auf ganz etwas anderes aus. Tag und Nacht konnte ich nichts anderes mehr denken, als wie ich wohl einige dieser Ungeheuer bei ihrem grausamen, blutigen Unternehmen tten und womglich das Opfer, das sie herschleppen wrden, erretten knnte. Es wrde ein dickeres Buch geben, als ich schreiben will, wenn ich all die Plne erzhlen sollte, die ich ausheckte oder ber denen ich brtete, um diese Bestien umzubringen oder wenigstens so einzuschchtern, da ihnen das Wiederkommen verginge. Aber es waren alles lauter Fehlgeburten, und nichts lie sich ausrichten, wenn ich mich nicht selber unter sie getraute. Was htte aber ein Mann gegen sie vermocht, wenn ihrer vielleicht zwanzig oder dreiig waren, mit ihren Speeren. Bogen und Pfeilen, mit denen sie ebensogut zu treffen wuten wie ich mit meinem Gewehr? Manchmal dachte ich daran, ein Loch unter ihren Feuerplatz zu graben und ein paar Pfund Schiepulver hineinzutun, welches dann beim Anznden des Feuers explodieren und alles vernichten wrde, was in der Nhe war. Aber erstens wre es unsinnig gewesen, soviel Pulver zu verschwenden, da mein Vorrat jetzt bis auf ein Fchen zusammengeschmolzen war, und dann war ich auch nicht sicher, ob es zur rechten Zeit hochgehen wrde, und vielleicht wrde es ihnen auch nicht mehr tun, als ihnen das Feuer um die Ohren blasen und sie erschrecken, aber nicht so, da sie fr immer genug htten. So gab ich das auf und beschlo, mich lieber an einem geeigneten Platz mit meinen drei geladenen Doppellufern in den Hinterhalt zu legen und mitten in ihr blutiges Fest hineinzuknallen, wobei ich sicherlich mit jedem Schu zwei oder drei verwunden oder tten wrde. Dann wollte ich mit meinen Pistolen und meinem Schwert ber sie herfallen und sie. wenn ihrer auch zwanzig wren, allesamt niedermachen. Dieser Gedanke hielt mich einige Wochen in Atem, und ich war so voll davon, da ich oft davon trumte und im Schlaf wacker unter die Wilden hineinscho. Ich ging in meinem Zorn so weit, da ich mehrere Tage herumlief, um den rechten Platz fr besagten Hinterhalt zu finden. Ich ging oft an die Landungsstelle der Wilden selber, die mir mittlerweile vertrauter geworden war, und sosehr mein Gemt auch schon von Rachegedanken erfllt war und von dem Verlangen, ihrer zwanzig oder dreiig blutig ber die Klinge springen zu lassen, wurde mein Zorn durch den Abscheu vor dem Ort und den Spuren der barbarischen Gesellen, die einander auffraen, jedesmal von neuem aufgestachelt. Schlielich fand ich einen Platz seitwrts an einem Hgel, an dem ich ungefhrdet lauern konnte, bis ich eines ihrer Boote kommen sah, um mich dann, ehe sie landeten, ungesehen in das Dickicht zurckzuziehen, wo ich mich in einem gerumigen Loch ganz verkriechen konnte. Hier wollte ich sitzen, sie bei ihrem blutigen Treiben beobachten und dann ihre Kpfe recht aufs Ziel nehmen, wenn sie so dicht beieinander wren, da ich sie unmglich verfehlen knnte, sondern auf den ersten Schu drei oder vier verwunden mte. An diesem Ort also wollte ich meinen Anschlag ausfhren und machte daher meine zwei Musketen und meine gewhnliche Jagdflinte fertig. Jede der Musketen lud ich mit ein paar Stck Eisen und vier oder fnf kleineren Kugeln, die Vogelflinte aber mit nahezu einer Handvoll grbsten Schrotes. Die Pistolen lud ich mit je vier Kugeln. Auch versorgte ich mich mit Munition fr eine zweite und dritte Ladung. Nachdem ich mir so den Plan fr meinen berfall zurechtgelegt und in meiner Einbildung schon in die Tat umgesetzt hatte, ging ich jeden Morgen auf die Spitze des Hgels, der von meiner Burg drei Meilen oder mehr entfernt war, um aufzupassen, ob sich ein Boot der Insel nherte. Aber nachdem ich zwei oder drei Monate unausgesetzt Wache gehalten hatte und immer heimkam, ohne etwas gesehen zu haben, so weit meine Augen oder mein Glas reichten, wurde ich des beschwerlichen Handelns mde. Solange ich meinen tglichen Streifzug auf den Hgel machte, blieb ich auch fest bei meinem Anschlag, und mein Gemt war in der richtigen Verfassung fr eine so grausame Hinrichtung von zwanzig oder dreiig nackten Wilden wegen eines Verbrechens, ber das ich mir weiter noch keine Gedanken gemacht hatte. Ich war nur eben leidenschaftlich erregt durch den Abscheu, den ich empfand gegen den widernatrlichen Brauch dieser Eingeborenen, ber die es die Vorsehung in ihrer weisen Einrichtung der Welt verhngt hatte, da sie keinen anderen Fhrer hatten als ihre eigenen abscheulichen und verderbten Triebe und infolgedessen, vielleicht schon seit grauen Zeiten, dem Schicksal berlassen blieben, so grliche Dinge zu vollfhren und so entsetzlichen Bruchen zu huldigen, wie nur eine vllig von Gott verlassene und hllisch entartete Natur sie ihnen eingeben konnte. Jetzt aber, da ich, wie gesagt, der fruchtlosen Ausflge mde wurde, die ich jeden Morgen unternommen hatte, nderte sich auch meine Ansicht ber die Sache, und ich dachte khler und ruhiger darber nach, worauf ich mich eigentlich hatte einlassen wollen. Welches Recht oder welchen Beruf hatte ich, mich als Richter und Rcher ber diese Menschen zu stellen, denen der Himmel seit Menschengedenken ungestraft erlaubt hatte, aneinander die Vollstrecker seines Gerichtes ber sie zu sein? Inwiefern hatten die Leute an mir gefrevelt, und was fr ein Recht hatte ich, mich in ihre Streitigkeiten zu mischen, bei denen sie gegenseitig ihr Blut vergossen? Ich ging darber sehr oft mit mir selber zu Rate und fragte mich: Wie kann ich wissen, wie Gott in diesem besonderen Fall richten wrde? Es ist gewi, da diese Leute ihre Schndlichkeiten nicht als Verbrechen begehen. Sie handeln nicht gegen ihr eigenes Gewissen. Sie wissen nicht, da es ein Unrecht ist, und tun es also auch nicht, wie wir Christen meist in unseren Snden, aus Trotz gegen die gttliche Gerechtigkeit. Sie halten es ebensowenig fr ein Verbrechen, einen Kriegsgefangenen umzubringen, wie wir, wenn wir einen Ochsen schlachten, und essen Menschenfleisch, wie wir Hammelfleisch essen. Als ich dies alles erwogen hatte, mute ich zu dem Schlu kommen, da ich sicherlich unrecht htte; da diese Leute keine Mrder seien, ebensowenig wie die Christen Mrder sind, die oft ihre in der Schlacht gemachten Gefangenen tten oder noch fter ganze Scharen von Menschen bei jeder Gelegenheit ohne Pardon ber die Klinge springen lassen, wenngleich sie die Waffen gestreckt und sich ergeben haben. Diese Betrachtungen gaben mir gleichsam einen Ruck, da ich innehielt und nach und nach meinen Anschlag fahrenlie, in der Erkenntnis, da ich belgetan mit meinem geplanten Strafgericht ber die Wilden. Weiter bedachte ich, da, obwohl der Brauch, den sie gegeneinander bten, so bestialisch und unmenschlich war, mich dieses in Wahrheit ja gar nichts anging. Diese Menschen hatten mir nichts zuleide getan. Htten sie mich angegriffen oder wre es zu meiner Selbsterhaltung ntig gewesen, ber sie herzufallen, so htte sich etwas dafr sagen lassen; aber das lag bis jetzt ja noch nicht in ihrer Macht; sie wuten ja noch gar nichts von mir und fhrten folglich auch nichts gegen mich im Schilde, und deshalb hatte ich auch kein Recht, sie zu berfallen. Denn damit htte ich ja auch alle die Barbareien gerechtfertigt, die die Spanier in Amerika begingen, wo sie Millionen der Menschen dort umbrachten, die zwar Gtzendiener und Barbaren waren und allerlei blutige und barbarische Bruche hatten, wie zum Beispiel, da sie ihren Gtzen Menschenopfer darbrachten, die aber trotzdem fr die Spanier vllig unschuldige Leute waren, daher ja heutzutage sogar von den Spaniern selbst und von allen anderen christlichen Vlkern Europas nur mit dem grten Abscheu und Entsetzen von dieser Ausrottung gesprochen wird als von einer bloen Schlchterei, einer blutigen und widernatrlichen Grausamkeit, die weder vor Gott noch vor den Menschen zu rechtfertigen ist und durch die der bloe Name Spanier fr alle Vlker, bei denen Menschlichkeit und christliches Mitgefhl etwas gilt, zu einem Schrecken und Greuel geworden ist, gleich als tte sich das Knigreich Spanien besonders hervor durch Erzeugung einer Menschenrasse ohne alle Grundstze der Nchstenliebe und ohne das einfachste Mitgefhl mit den Leidenden, das doch allenthalben als Merkmal edler Gesinnung gilt. Die Betrachtungen gaben mir gleichsam einen Ruck, da ich innehielt und nach und nach mein Vorhaben fahrenlie, in der Erkenntnis, da ich unrecht hatte mit meinem geplanten Strafgericht ber die Wilden; da es nicht meine Sache war. mich mit ihnen einzulassen, auer wenn sie mich zuerst angriffen, und da es mir nur oblag, dem womglich zuvorzukommen. Entdeckten sie mich aber und griffen mich an, dann wute ich. was ich zu tun hatte. Andererseits sagte ich mir aber auch, da das ja in Wahrheit gar nicht zu meiner Errettung fhren wrde. Andererseits berzeugte ich mich auch, da dies nicht der rechte Weg sei zu meiner Befreiung, sondern vielmehr zu meinem eigenen gnzlichen Verderben. Denn falls ich nicht wirklich mit Sicherheit alle Wilden, die auf die Insel kamen oder je kommen wrden, tten konnte, wenn vielmehr auch nur einmal einer entwischt wre und seinen Landsleuten erzhlt htte, was geschehen sei, so wren sie zu Tausenden herbergekommen, um den Tod ihrer Kameraden zu rchen, und ich htte mir selber mein sicheres Verderben auf den Hals gelockt. Kurzum, ich kam zu dem Schlu, da es weder gut noch klug von mir wre, mich in diesen Handel zu verwickeln, sondern da ich mich, so gut ich konnte, vor ihnen verstecken und nicht die geringste Spur hinterlassen mte, die sie daraufbringen knnte, da irgendein menschliches Wesen auf der Insel sei. Die Stimme der Religion vereinte sich mit diesen Stimmen der Klugheit, und ich war nun auf vielfache Weise berzeugt, da ich durchaus die mir gesteckten Grenzen berschritt mit meinen blutdrstigen Plnen zur Vernichtung unschuldiger Geschpfe. Fr mich unschuldig, meine ich. Was die Verbrechen betrifft, deren sie sich gegeneinander schuldig machten, so gingen sie mich nichts an; sie waren eine Sache dieses Volksstammes. und ich mute sie der Gerechtigkeit Gottes anheimstellen, der der Herr ber alle Vlker ist und durch Bestrafung eines ganzen Volkes gerechte Vergeltung fr die Untaten eines ganzen Volkes zu ben und ffentliches Gericht ber diejenigen zu bringen wei, die auf ffentliche Art bles tun, aufweiche Weise auch immer es ihn am besten dnkt. Dies stand mir jetzt so klar vor Augen, da ich von ganzem Herzen froh war, von etwas abgebracht worden zu sein, wovon ich nun so guten Grund hatte zu glauben, da es keine geringere Snde gewesen wre als ein vorstzlicher Mord; und ich dankte Gott in tiefster Demut auf meinen Knien, da er mich so vor Blutschuld bewahrt hatte, und flehte ihn um den Schutz seiner Vorsehung, auf da ich nicht den Wilden in die Hnde fiele oder mich an ihnen vergriffe, es sei denn, auf deutlicheren Befehl vom Himmel, zur Verteidigung meines Lebens. In dieser Stimmung blieb ich fast ein Jahr lang, und jeglicher Wunsch nach einer Gelegenheit, ber diese Schelme herzufallen, war mir so ganz vergangen, da ich niemals wieder auf den Hgel stieg, um auszuschauen, ob welche von ihnen in Sicht wren, oder festzustellen, ob welche von ihnen dort an Land gewesen wren oder nicht; denn ich wlke mich nicht der Versuchung aussetzen, mein Vorhaben gegen sie wieder aufzunehmen oder vielleicht einen sich gerade bietenden Vorteil auszuntzen, um ber sie herzufallen. Nur holte ich mein Boot von der anderen Seite der Insel herber und brachte es in eine kleine Bucht unter einem hohen Felsen, in die sich die Wilden mit ihren Kanoes wegen der Strmung nie hineingetrauen konnten. Zugleich mit dem Boot schaffte ich auch alles Zubehr fort, das ich dort gelassen hatte, nmlich einen Mast und ein Segel, die ich dafr angefertigt hatte, und ein Ding hnlich einem Anker, obwohl es eigentlich weder Anker noch Ankerhaken genannt werden konnte; aber etwas Besseres hatte ich nicht zustande gebracht. Alles das brachte ich fort, damit nicht die geringste Spur eines Bootes oder einer Behausung auf der Insel entdeckt werden knnte. berdies lebte ich zurckgezogener denn je und kam selten aus meinem Zelt hervor auer zu meinen gewhnlichen Geschften, nmlich um meine Ziegen zu melken und nach meiner kleinen Herde im Walde zu sehen, was ganz ungefhrlich war, da sie in einem ganz anderen Teil der Insel hauste. Sicher ist, da diese Wilden, die manchmal die Insel heimsuchten, niemals mit der Absicht kamen, hier irgend etwas zu erbeuten, und sich deshalb auch nie von der Kste entfernten. Ich malte mir jedoch mit Schrecken noch nachtrglich aus, was wohl geschehen wre, wenn ich vormals pltzlich auf sie gestoen und entdeckt worden wre, als ich noch nackt und unbewaffnet, nur mit einer Flinte, die oft blo mit kleinem Schrot geladen war, kreuz und quer auf der ganzen Insel umhergelaufen war. Was fr ein Schreck wre es gewesen, wenn ich anstatt der Fuspur fnfzehn oder zwanzig Wilde zu Gesicht bekommen htte, die mir nachgesetzt wren, und denen ich bei ihrer Geschwindigkeit unmglich htte entwischen knnen! Bei diesem Gedanken sank mir oft das Herz in der Brust, und es wurde mir so elend zumute, da ich mich lange nicht erholen konnte. Was htte ich in einem solchen Falle tun sollen? Ich wre nicht nur auerstande gewesen, ihnen Widerstand zu leisten, sondern auch nicht geistesgegenwrtig genug, um zu tun, was ich unter den damaligen Umstnden allenfalls htte tun knnen, geschweige denn das, wozu ich erst jetzt nach so viel berlegen und Vorbereiten fhig war. Kein Wunder, da mir noch nachtrglich bei dieser Vorstellung sehr bange wurde. Das hielt manchmal eine lange Weile an; aber zum Schlu lste es sich alles in Dankbarkeit gegen die Vorsehung, die mich ohne mein Wissen vor so groer Gefahr behtet und mich vor einem Unheil bewahrt hatte, aus dem ich selbst mich nicht htte erretten knnen, da ich ja damals nicht die geringste Ahnung hatte, da mir so etwas drohen und berhaupt mglich sein knnte. Dies rief wieder einen Gedanken in mir wach, der mir schon frher oft gekommen war, als mir zuerst die Augen aufgegangen waren fr die gndigen Fgungen des Himmels in den Gefahren, die wir in diesem Leben laufen: der Gedanke nmlich, wie wunderbar wir oft vor Unheil behtet werden, von dem wir gar nichts wissen, und wie uns oft, wenn wir zweifeln oder zgern, ob wir diesen oder jenen Weg gehen sollen, ein heimlicher Wink innerlich auf diesen Weg weist, obwohl wir eigentlich jenen einschlagen wollten. Verstand, Neigung oder geschftliches Interesse mgen uns zu dem anderen Weg raten; aber eine seltsame Einwirkung auf unser Gemt, wir wissen nicht, woher sie kommt, noch welche Macht sie ausbt, bestimmt uns trotzdem, jenen Weg zu gehen. Und nachher zeigt sich dann, da, wenn wir den Weg gegangen wren, den wir eigentlich unserer Meinung nach htten gehen sollen, es zu unserem Schaden und Verderben gewesen wre. Infolge dieser und vieler hnlicher Betrachtungen machte ich es mir hernach zur festen Regel: wenn immer ich einen solchen heimlichen Wink oder Drang, etwas zu tun oder zu lassen oder diesen oder jenen Weg zu gehen, in mir versprte, alsdann jederzeit diesem heimlichen Gebot zu folgen, wenngleich ich keinen anderen Grund dazu sah als eben diesen inneren Drang oder Wink. Ich knnte viele Beispiele anfhren fr den guten Erfolg dieses Verhaltens im Laufe meines Lebens, besonders aber whrend der spteren Zeit meines Aufenthalts auf dieser Unglcksinsel, ganz abgesehen von vielen Fllen schon vorher, auf die ich wahrscheinlich geachtet htte, wenn ich damals schon mit denselben Augen gesehen htte, mit denen ich jetzt sah. Aber zum Klugwerden ist es nie zu spt, und ich kann allen denkenden Menschen, deren Leben von so auergewhnlichen oder auch nicht so auergewhnlichen Ereignissen wie das meine begleitet ist, nur anraten, solche heimlichen Fingerzeige der Vorsehung nicht unbeachtet zu lassen, von welcher unsichtbaren Intelligenz auch immer sie kommen mgen; darber will ich nicht reden und vermag es auch wohl nicht zu erklren; aber sicherlich sind sie ein Beweis fr den Verkehr der Geister miteinander und fr die geheime Verbindung zwischen den verkrperten und den krperlosen, ein Beweis, der nicht bestritten werden kann. Ich werde noch Gelegenheit haben, einige hchst bemerkenswerte Beispiele dafr aus der letzten Zeit meines einsamen Aufenthalts an diesem traurigen Ort anzufhren. Ich denke, der Leser wird sich nicht darber wundern, wenn ich gestehe, da all diese Angst und die stndigen Gefahren, in denen ich lebte, all meinen Erfindungen und Arbeiten, mit denen ich mir mein ferneres Leben behaglicher einrichten wollte, ein Ende machten. Es war mir jetzt mehr um meine Sicherheit als um meine Nahrung zu tun. Ich htete mich, einen Nagel einzuschlagen oder einen Zweig im Walde abzubrechen, aus Angst, das Gerusch, das ich machte, knnte gehrt werden. Noch viel weniger wrde ich ein Gewehr abgeschossen haben, und vor allem wagte ich nicht, Feuer zu machen, da der Rauch bei Tage weithin sichtbar gewesen wre. Infolgedessen verlegte ich alle Arbeiten, zu denen ich Feuer brauchte, wie das Brennen von Tpfen und Pfeifen usw., in meine neue Wohnung im Walde, wo ich zu meiner unaussprechlichen Freude nach einiger Zeit eine natrliche Erdhhle entdeckte, die weit in den Felsen hineinfhrte und in die sich sicherlich kein Wilder noch sonst jemand hineingewagt haben wrde, der nicht, wie ich, einen sicheren Unterschlupf suchte. Der Eingang zu dieser Hhle lag am Fue eines groen Felsens, wo ich durch bloen Zufall (wrde ich sagen, wenn ich nicht guten Grund htte, diese Dinge alle der Vorsehung zuzuschreiben) einige dicke ste abhieb, um Holzkohle zu machen. Ehe ich jedoch weitergehe, mu ich zuvor den Grund angeben, warum ich Holzkohle machte. Ich frchtete mich, wie gesagt, Rauch bei meiner Wohnung zu machen, und gleichwohl konnte ich nicht leben, ohne mir mein Brot zu backen, mein Fleisch zu kochen usw. So verfiel ich darauf, hier etwas Holz unter Torf zu brennen, wie ich es in England gesehen hatte, bis es zu Kohle wurde, machte dann das Feuer aus, trug die Kohlen heim und benutzte sie, wo ich sonst Feuer gebraucht hatte. Doch dies nebenbei. Als ich hier nun etwas Holz abhieb, entdeckte ich hinter einem dichtbelaubten Ast im niederen Gestrpp eine Art Hhle. Ich war neugierig, hineinzuschauen, und gelangte mit einiger Mhe in die ffnung. Ich fand sie ziemlich gro, so da ich aufrecht darin stehen konnte und vielleicht noch einer neben mir Platz gehabt htte. Aber ich mu gestehen, ich kam viel geschwinder wieder heraus als hinein. Denn als ich tiefer in die Hhle schaute, sah ich in der Finsternis zwei groe, funkelnde Augen. Ob vom Satan oder einem Menschen, wute ich nicht. Sie glnzten wie zwei Sterne, da der Schimmer Licht vom Eingang der Hhle her gerade auf sie fiel und sich in ihnen spiegelte. Gleichwohl erholte ich mich nach einiger Zeit, schalt mich selber tausendmal einen Narren und hielt mir vor, wer sich frchte, den Teufel zu sehen, mte ja wohl nicht zwanzig Jahre einsam auf einer Insel gelebt haben, und ich drfte getrost glauben, da nichts Erschrecklicheres als ich selber in der Hhle sei. Auf diese Weise machte ich mir Mut, holte eine groe Fackel und ging schnell wieder hinein mit dem brennenden Stock in der Hand. Ich war noch keine drei Schritte weit, als ich noch heftiger als vorher erschrak; denn ich hrte einen lauten Seufzer, wie von jemandem, der Schmerzen hat; dann folgten ein paar gebrochene Laute wie halb gestammelte Worte und dann wieder ein tiefer Seufzer. Ich wich wieder zurck und war wirklich so erschrocken, da mir der kalte Schwei ausbrach, und wenn ich einen Hut aufgehabt htte, will ich nicht beschwren, da meine Haare ihn nicht hochgehoben htten. Aber ich nahm von neuem all meinen Mut zusammen und sagte mir, da Gottes Macht und Wille allgegenwrtig sei und mich beschtzen werde. Darauf drang ich nochmals vor, und beim Scheine der Fackel, die ich etwas ber meinen Kopf hielt, sah ich einen alten, grauenhaft scheulichen Ziegenbock, der gerade gleichsam sein Testament machte, in den letzten Zgen lag und vor Alter verenden wollte. Ich stie ihn ein wenig an, um zu versuchen, ob ich ihn nicht herausbringen knnte. Er bemhte sich aufzustehen, war aber zu schwach, und ich dachte mir, er knnte ebensogut da liegen bleiben; denn wenn er mich so erschreckt hatte, wrde er gewi auch einen Wilden, der sich hier etwa hereinwagte, verscheuchen. Ich hatte mich nun von meinem Schreck vllig erholt, begann mich umzuschauen und fand, da die Hhle nur sehr klein war, nmlich etwa zwlf Fu lang, aber ganz unregelmig, weder rund noch viereckig, da keine Menschenhand daran gerhrt, sondern die Natur allein sie geschaffen hatte. Ich merkte auch, da sie noch tiefer hineinging, aber so niedrig, da ich auf Hnden und Knien kriechen mute, ohne jedoch an ein Ende zu kommen. Da ich keine Kerze hatte, gab ich es nach einiger Zeit auf, beschlo jedoch, morgen mit Kerzen und einem Feuerzeug wiederzukommen, das ich mir aus dem Schlof3 einer Muskete und einer Zndschnur gemacht hatte. Am nchsten Tage kehrte ich also mit sechs groen Kerzen zurck, die ich mir selber aus Ziegentalg gemacht hatte. Ich mute durch besagten niedrigen Teil fast zehn Schritte weit auf allen vieren kriechen, was wohl ein ziemlich gewagtes Unternehmen war, wenn man bedenkt, da ich nicht wute, wie weit es ginge und was dahinter kme. Als ich aber durch die Enge hindurch war, fand ich, da die Decke hher wurde, ich glaube nahe an zwanzig Fu; aber noch niemals hatte ich auf der Insel ein so herrliches Schauspiel gesehen wie jetzt, als ich das Dach und die Wnde dieses Gewlbes erblickte. Die Wnde spiegelten in hunderttausend Lichtern von meinen Kerzen. Was eigentlich in dem Felsen war, ob Diamanten oder andere Edelsteine oder Gold, woran ich zu glauben neigte, wute ich nicht. Jedenfalls befand ich mich in einer so herrlichen Grotte, wie man sie sich nur denken kann; aber sie war stockfinster. Der Boden war ganz trocken und eben und mit einer Art feinen, lockeren Sandes bedeckt. Auch war kein widerwrtiges Getier zu sehen, noch waren die Wnde dumpfig oder na. Das einzig Beschwerliche war der Eingang, und das war mir gerade recht, weil das Versteck dadurch nur um so sicherer war. Ich war also von Herzen froh ber diese Entdeckung und beschlo, unverweilt alle meine Sachen, um die ich am meisten bange war, hierherzubringen, besonders meinen Pulvervorrat und alle meine brigen Waffen, nmlich zwei Vogelbchsen (denn ich hatte deren drei) und drei Musketen (denn ich hatte im ganzen acht), so da ich in meinem Schlo nur die fnf behielt, die fertig eingebaut wie Kanonen in meiner ueren Mauer lagen, die ich aber im Notfall jederzeit herausnehmen konnte. Bei dieser Gelegenheit war ich gezwungen, das Fa mit Pulver zu ffnen, das na geworden war. Ich fand, da das Wasser ringsherum nur drei oder vier Zoll weit eingedrungen war und eine steinharte Rinde gebildet hatte, in der das Innere wie der Kern in der Schale unversehrt lag, so da ich noch fast sechzig Pfund gutes Pulver bekam, was mir sehr lieb war. Ich trug alles in die Hhle und behielt immer nur zwei oder drei Pfund Pulver in meinem Schlo. All mein Kugelblei schleppte ich gleichfalls hin. Ich kam mir jetzt wie einer der alten Riesen vor, die in Hhlen und Lchern in den Felsen lebten, wo niemand zu ihnen kommen konnte. Ich sagte mir, solange ich hier bin, mgen fnfhundert Wilde Jagd auf mich machen, sie werden mich doch nicht finden, und selbst wenn sie mich fnden, wrden sie nicht wagen, mich anzugreifen. Der alte Bock, den ich in den letzten Zgen angetroffen hatte, starb am nchsten Tage in dem Vorraum der Hhle, und ich fand es viel leichter, dort ein Loch zu graben und ihn hineinzuwerfen, als ihn aus der Hhle zu schleppen. So begrub ich ihn an Ort und Stelle, um meine Nase vor zweifelhaften Genssen zu bewahren. Nunmehr war ich im dreiundzwanzigsten Jahre meiner Residenz auf der Insel und war an den Ort und meine Lebensweise so gewhnt, da ich ohne Murren den Rest meines Daseins hier verbracht htte bis zu dem Augenblick, wo ich mich niedergelegt htte, um zu sterben wie der alte Bock in der Hhle, wenn ich nur vor den Wilden sicher gewesen wre. Ich hatte mir auch einige Zerstreuungen und kleine Freuden verschafft, die mir die Zeit besser vertrieben. Erstens lehrte ich meinen Poll, wie schon gesagt, sprechen, und er tat es so zutraulich und schwatzte so deutlich und klar, da ich meine rechte Freude daran hatte; er lebte nicht weniger als sechsundzwanzig Jahre mit mir. Wie lange er spter noch am Leben blieb, kann ich nicht sagen, obwohl ich wei, da man in Brasilien meint, diese Vgel brchten es auf hundert Jahre. Vielleicht lebt mein guter Poll wirklich noch und ruft bis zum heutigen Tag nach dem armen Robin Crusoe. Ich wnsche keinem Englnder das Unglck, dorthin zu kommen und ihn zu hren; geschhe es aber doch, so wrde er sicher glauben, es sei der Teufel. Mein Hund war mir ein lustiger und sehr lieber Gefhrte in nicht weniger als sechzehn Jahren; er starb dann vor Alter. Meine Katzen vermehrten sich, wie ich berichtete, so reichlich, da ich zuerst gentigt war, eine ganze Menge zu erschieen, damit sie nicht mich und alle meine Habe auffren. Aber nachdem die beiden Alten, die ich mitgebracht hatte, aus dem Leben geschieden waren und ich die ndern immer wieder verjagt und ihnen nichts zu fressen gegeben hatte, verliefen sie sich alle wild in den Wald, auer zwei oder drei Gnstlingen, die ich zahm als Familienmitglieder bei mir behielt und deren Junge ich allemal ersufte. Auerdem hielt ich mir stets zwei bis drei Hausziegen, die ich lehrte, mir aus der Hand zu fressen, sowie mehrere Papageien, die leidlich sprechen konnten und alle Robin Crusoe riefen, freilich nicht so gute wie Poll, mit dem ich mir auch viel mehr Mhe gegeben hatte. Ferner hatte ich auch noch ein paar Seevgel, deren Namen ich nicht kannte; ich hatte sie am Strand gefangen und ihre Flgel gestutzt, und da die kleinen Bume, die ich vor meine Schlomauer gepflanzt hatte, nun zu einem dichten Hain aufgewachsen waren, so hausten diese Vgel darin und brteten zu meiner Freude auch Junge aus. So wre ich, wie gesagt, sehr zufrieden mit meinem Leben gewesen, wenn ich mich nur nicht vor den Wilden htte zu frchten brauchen. Aber der Himmel hatte es anders bestimmt, und es mag fr alle, die mit meiner Geschichte bekannt werden, nicht ohne Nutzen sein, daraus zu ersehen, wie hufig im Laufe unseres Lebens ein Unheil, das wir an sich nach Krften zu vermeiden suchen und das, wenn wir dennoch hineingeraten, hchst schrecklich fr uns ist, oftmals gerade das Mittel oder die Tr zu unserem Heil ist, durch die allein wir wieder aus einer Not. in der wir uns befinden, hinausgelangen knnen. Ich knnte aus meinem wunderbaren Leben viele Beispiele hierfr geben, besonders aber aus den letzten Jahren meiner Einsiedlerzeit auf dieser Insel. Es war im Dezember meines - wie oben gesagt -dreiundzwanzigsten Jahres, also zur Zeit der sdlichen Sonnenwende (denn Winter kann ich es nicht nennen), die fr mich die eigentliche Erntezeit war, wo ich mich viel auf den Feldern aufhalten mute, als ich eines Morgens, an dem ich schon sehr frh, noch bevor es ganz hell war, drauen umherstreifte, zu meiner Bestrzung den Schein eines Feuers am Strande sah, etwa zwei Meilen von mir entfernt. Ich war furchtbar erschrocken; denn auf dieser Seite der Insel hatte ich noch niemals Wilde gesehen. Ich lief in hchster Angst zurck in mein Wldchen, aus dem ich mich nicht hinauszurhren wagte; aber auch hier hatte ich keine Ruhe, aus Furcht, diese Wilden knnten, wenn sie durch die Insel streiften, mein noch stehendes oder schon gemhtes Korn finden, daraus schlieen, da Menschen auf der Insel wren, und nicht eher ruhen, bis sie mich gefunden htten. Diese Angst trieb mich geradenwegs zu meiner Burg zurck, und nachdem ich dafr gesorgt hatte, da alles so wild und natrlich wie nur mglich aussah, zog ich die Leiter hinter mir hoch. Drinnen rstete ich alles zur Verteidigung. Ich lud meine Kanonen, alias Musketen, sowie all meine Pistolen und beschlo, mich bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Ich verga nicht, mich dem Schutz Gottes zu empfehlen, mit dem innigsten Gebet, mich aus den Hnden dieser Barbaren zu erretten. Und so verharrte ich zwei Stunden, wurde aber dabei furchtbar begierig auf Nachrichten von drauen, da ich ja keine Spione aussenden konnte. Nachdem ich noch eine Weile gewartet und gegrbelt hatte, was zu tun sei, hielt ich es nicht lnger aus, hier in Ungewiheit zu sitzen. Ich legte also meine Leiter an den Hgel, wo, wie ich erzhlt habe, ein flacher Vorsprung war, zog sie hinter mir hoch, legte sie nochmals an und stieg so auf den Gipfel des Hgels. Ich nahm mein Fernglas heraus, legte mich platt auf den Bauch nieder und schaute nach der Stelle hin. Ich sah sogleich nicht weniger als neun nackte Wilde um ein kleines Feuer herumsitzen, das sie angezndet hatten, nicht um sich zu wrmen, denn das hatten sie nicht ntig, da es auerordentlich hei war, sondern offenbar um ihr barbarisches Fressen von Menschenfleisch, das sie sich tot oder lebendig mitgebracht hatten, zu braten. Sie hatten zwei Kanoes bei sich, die sie auf den Strand gezogen hatten, und mochten wohl, da es Ebbe war, auf die Flut warten, um wieder abzufahren. Es lt sich schwer vorstellen, wie furchtbar mich dieser Anblick erregte, vor allem, sie auf meiner Seite der Insel und mir so nahe zu sehen. Aber als ich mir klarmachte, da sie nie anders als mit der Strmung der Ebbe kommen konnten, beruhigte ich mich wieder etwas in dem Gedanken, da ich whrend der ganzen Flutzeit allemal ungefhrdet ausgehen drfte. Wie ich gedacht, so geschah es. Sobald die Flut nach Westen daherrollte, sah ich sie allesamt in die Boote springen und wegrudern oder -paddeln. Ich mu noch bemerken, da sie eine Stunde oder lnger vor ihrer Abfahrt zu tanzen anfingen; ich konnte ihre Stellungen und Gebrden durch mein Glas gut erkennen. Ich sah auch, da sie vollkommen nackt waren und nicht den geringsten Fetzen auf dem Leibe hatten: aber ob es Mnner oder Frauen waren, konnte ich nicht unterscheiden. Sobald ich sie auf dem Wasser und wegfahren sah, nahm ich zwei Gewehre ber meine Schultern und steckte zwei Pistolen in meinen Grtel und meinen groen Sbel ohne Scheide an die Seite und lief in aller Eile zu dem Hgel, von wo ich sie zuerst erblickt hatte. Als ich dort angelangt war. allerdings erst nach nicht weniger als zwei Stunden (denn ich konnte nicht allzu schnell laufen, weil ich so mit Waffen beladen war), entdeckte ich, da noch drei weitere Kanoes mit Wilden hier gewesen waren; denn ich sah sie alle zusammen nach dem Festland hinberrudern. Dies war ein furchtbarer Anblick fr mich, besonders als ich dann am Strande die Schreckensspuren ihrer grlichen Mahlzeit fand, das Blut, die Knochen und Stcke Fleisch von menschlichen Krpern, die diese Ungeheuer mit Frhlichkeit, Tanzen und Springen gefressen und verschlungen hatten. Ich wurde so vom Ekel gepackt, da ich nur noch darauf dachte, wie ich die nchsten, die hierherkmen, mochten es auch noch so viele sein, bern Haufen schieen knnte. Eines wurde mir klar, da die Besuche, die sie der Insel abstatteten, nicht allzu hufig waren, denn fnfzehn Monate lang sah ich keinen von ihnen wieder, auch keine Fustapfen oder andere Spuren von ihnen. Denn in der Regenzeit wagten sie sich sicher nicht hinaus, zum mindesten nicht so weit. Dennoch schwebte ich die ganze Zeit ber in Unruhe und Furcht, da sie doch pltzlich kommen knnten. Und dabei erfuhr ich an mir, da die Erwartung eines Unglcks schlimmer ist als das Unglck selber, besonders wenn man nicht die Kraft hat, diese Erwartung und Furcht abzuschtteln. Die ganze Zeit ber war ich von finsteren Gedanken besessen, und ich vergeudete meine Stunden, die ich htte besser anwenden knnen, mit Plneschmieden, wie ich sie beim nchsten Mal berlisten und berfallen knnte, zumal wenn sie, wie beim vorigen Mal, in zwei Trupps getrennt waren; und ich bedachte dabei gar nicht, da, wenn ich einen Trupp niedergemacht hatte, ich ja am nchsten Tag oder eine Woche oder einen Monat spter wieder einen umbringen mute und dann wieder einen und so fort ad infinitum, bis ich schlielich zu einem ebensolchen Massenmrder wurde wie sie mit ihrer Menschenfresserei, und vielleicht noch mehr. Ich verbrachte meine Tage nun in groer Angst und Sorge, da ich eines Tages in die Hnde dieser erbarmungslosen Geschpfe lallen knnte. Sooft ich mich aus meiner Burg hinauswagte, sphte ich jedesmal mit der denkbar grten Sorgfalt und Vorsicht ringsumher; und jetzt sah ich mit groer Genugtuung, was fr ein Glck es war, da ich mir eine Herde zahmer Ziegen zugelegt hatte; denn ich durfte ja um keinen Preis mein Gewehr abfeuern, besonders nicht in der Nhe der Inselseite, zu der sie gewhnlich kamen, weil ich sonst die Wilden alarmiert htte. Und wren sie auch fr diesmal geflohen, so war ich doch sicher, da sie in paar Tagen mit vielleicht zwei- oder dreihundert Kanus wiederkommen wrden, und dann gnade mir Gott. Indessen vergingen ein Jahr und drei Monate, ehe ich wieder einen Wilden zu Gesicht bekam. Sie mgen wohl inzwischen ein- oder zweimal wiedergekommen sein; aber jedenfalls merkte ich nichts davon. Im Monat Mai jedoch, im vierundzwanzigsten Jahr meines Hierseins, hatte ich ein hchst abenteuerliches Treffen mit ihnen; wovon an seinem Ort. Die Unruhe meines Gemtes whrend dieser Pause von fnfzehn oder sechzehn Monaten war sehr gro. Ich schlief unruhig, hatte immer schreckliche Trume und wachte oft pltzlich mitten in der Nacht aus dem Schlaf auf. Tagsber drckten mich schwere Sorgen, und in der Nacht trumte ich oft von meinem Angriff auf die Wilden und wie ich ihn rechtfertigen knnte. Doch wenden wir uns fr eine Weile von alledem ab. Es war um Mitte Mai, am sechzehnten, glaube ich, nachdem was mein armseliger hlzerner Kalender besagte; denn ich schnitt noch immer jeden Tag in den Pfosten ein; es war, sage ich, am sechzehnten Mai, als den ganzen Tag ber ein heftiger Sturm herrschte mit starkem Gewitter und darauffolgender regenschwerer Nacht. Da wurde ich, als ich eben in der Bibel las und den Ernst meiner augenblicklichen Lage berdachte, pltzlich aufgeschreckt durch den Knall eines Kanonenschusses, der anscheinend auf See abgefeuert worden war. Dies war freilich ein Schreck ganz anderer Art als der vorige, und er jagte meine Gedanken auch in eine ganz andere Richtung. Ich stand in mglichster Eile auf, sprang im Nu meine Leiter hinauf zu dem Felsvorsprung, zog sie nach und stieg weiter bis zur Spitze des Hgels hinauf. Im selben Augenblick lie mich das Aufblitzen eines Feuers nach einem zweiten Schu horchen, den ich denn auch gleich darauf hrte und aus dessen Klang ich schlo, da er von der Seite der See kme, wo ich in meinem Boot von der Strmung abgetrieben worden war. Ich dachte gleich, da er von einem Schiff in Not kommen msse, das etwa einem anderen durch Schieen Zeichen gbe, da es Hilfe brauche. Ich hatte die Geistesgegenwart, in derselben Minute zu denken, da, wenn ich ihnen auch nicht helfen konnte, sie mir doch vielleicht helfen knnten. So trug ich alles trockene Holz, das ich finden konnte, zusammen, machte einen ziemlich groen Haufen und steckte ihn auf dem Gipfel des Hgels in Brand. Das Holz war trocken und brannte lichterloh, trotz dem starken Wind, so da, wenn wirklich ein Schiff in der Nhe war, sie es unfehlbar sehen muten. Kaum flammte mein Feuer auf, so hrte ich wieder einen Kanonenschu, dem noch mehrere andere folgten, alle aus derselben Richtung. Ich schrte mein Feuer die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen graute, und als es heller Tag war und die Luft sich aufklrte, sah ich in weiter Ferne auf hoher See, genau stlich von der Insel, etwas, wovon ich auch mit meinem Glas nicht erkennen konnte, ob es ein Schiff unter Segel oder aber ein Wrack war. Die Entfernung war zu gro und das Wetter noch immer etwas diesig; aber jedenfalls war doch irgend etwas da drauen vorhanden. Den ganzen Tag hielt ich wiederholt Ausschau und bemerkte bald, da es sich nicht bewegte. Daraus schlo ich, da das Schiff vor Anker lag. Da ich nun sehr begierig war, Genaueres zu erfahren, eilte ich mit meinem Gewehr in der Hand nach dem Sdende der Insel zu dem Riff, von dem ich damals durch die Strmung abgetrieben worden war. Inzwischen war das Wetter ganz klar geworden, und ich konnte zu meinem groen Kummer deutlich erkennen, da es ein Wrack war, das in der Nacht auf jene unsichtbaren Klippen aufgelaufen war, die ich damals entdeckt hatte, als ich mit meinem Boot drauen war. Diese Klippen, die die Wucht der Strmung brachen und eine Art Gegenstrom verursachten, waren damals meine Rettung aus der verzweifeltsten Lage meines Lebens gewesen. So ist, was des einen Rettung ist, des ndern Untergang; denn offenbar hatten die Mnner in der Nacht ihre Orientierung verloren und waren von dem hart Ostnordost zu Ost stehenden Wind auf die vllig unter Wasser liegenden Klippen getrieben worden. Htten sie die Insel gesehen, was sie, wie ich annehmen muf3, nicht taten, so wrden sie gewi versucht haben, sich in ihren Booten an die Kste zu retten. Aber ihr Notschieen machte mir vielerlei Gedanken, besonders da ich mir einbildete, sie htten mein Feuer gesehen. Zuerst nahm ich an, sie wrden wohl beim Anblick meines Feuers in ihr Boot gestiegen sein und versucht haben, die Kste zu erreichen, dann aber bei der hohen See gekentert sein. Dann wieder dachte ich, sie htten vielleicht ihr Rettungsboot verloren, wie das oft geschieht, wenn die See ber das Schiff schlgt, was die Mannschaft hufig zwingt, ihr Boot in Stcke zu zerschlagen oder mit eigenen Hnden ber Bord zu werfen. Dann wieder dachte ich, sie seien vielleicht in Gesellschaft von einem oder mehreren ndern Schiffen gewesen, die sie auf die Notsignale hin abgeholt und mitgenommen htten. Wiederum endlich meinte ich, sie seien etwa alle im Rettungsboot in See gegangen und ebenso wie ich durch die Strmung abgetrieben worden, hinaus in den weiten Ozean, wo nichts als Elend und Tod ihrer wartete, und sie dchten vielleicht schon jetzt ans Verhungern und daran, sich gegenseitig aufzuessen. Da dies alles nur Vermutungen waren, konnte ich in meiner Lage nichts anderes tun, als das Unglck der armen Mnner zu betrachten und sie zu bemitleiden, was fr mich jedoch die gute Wirkung hatte, da es mir neuen Anla bot, Gott dafr zu danken, da er in meiner Verlassenheit so gtig und reichlich fr mich gesorgt hatte und da von nun zwei Schiffsbesatzungen, die in diesen Teil der Welt verschlagen worden waren, kein einziges Leben verschont geblieben war als das meinige. Hier lernte ich abermals bedenken, da wir auch in der rgsten Not und im grten Unglck, in das uns die Vorsehung Gottes strzen mag, fast immer noch etwas finden, wofr wir dankbar sein knnen, und uns immer noch glcklicher schtzen drfen als andere, denen es noch schlimmer ergangen ist als uns, so wie es jetzt sicherlich mit diesen Mnnern der Fall war, von denen nicht im mindesten mehr zu hoffen war, da auch nur einer von ihnen gerettet sei; nach vernnftigem Ermessen mute man annehmen, da sie allesamt zugrunde gegangen seien. Die einzige Mglichkeit war, da ein anderes Schiff, das sie begleitet hatte, sie aufgenommen hatte; aber auch das war eine sehr schwache Mglichkeit: denn ich sah nicht die geringste Spur von einem solchen Schiff. Ich vermag mit keinem Wort auszudrcken, was fr eine heie Sehnsucht ich bei dem Anblick des Wracks in meiner Seele fhlte. Manchmal entfuhr es mir: O wren doch ein oder zwei, nein, nur eine einzige Seele aus dem ganzen Schiff gerettet und kme zu mir, da ich nur einen Gefhrten, ein Geschpf htte, das zu mir sprechen und mit dem ich reden knnte! Whrend meines ganzen einsamen Lebens hatte ich nie so leidenschaftlich und innig nach der Gesellschaft eines anderen Menschen verlangt oder den Mangel daran so tief bedauert. Es gibt Regungen in der menschlichen Brust, die, wenn sie durch etwas, das uns vor Augen steht, oder auch nur durch etwas, das die Einbildungskraft uns vorgaukelt, geweckt werden, die Seele mit so strmischem Verlangen erfllen, da es uns ganz unertrglich scheint, auf das Erschaute und Ersehnte verzichten zu mssen. Solcherart war mein leidenschaftlicher Wunsch: Wre doch nur einer von diesen Mnnern gerettet! O wre es doch nur einer! Ich glaube, ich wiederholte diese Worte: O wre es nur einer! tausendmal, und mein Verlangen war so heftig, da bei diesen Worten meine Hnde sich so ineinander krampften und meine Finger sich so zusammenquetschten, da, wenn ich etwas Weiches in der Hand gehabt htte, es erbarmungslos zerdrckt worden wre, und meine Zhne bissen sich so fest, da ich sie lange Zeit nicht wieder auseinanderbringen konnte. Die Gelehrten mgen diese Dinge und ihre Ursache erklren: Ich kann nur die bloe Tatsache beschreiben, ber die ich mich selber verwunderte. Obwohl ich nicht wute, woher diese Erscheinung kam, war sie doch zweifellos die Wirkung meiner heien Wnsche und Vorstellungen, die mir vor Augen fhrten, wie beglckend es fr mich gewesen wre, mit einem meiner christlichen Mitmenschen reden zu knnen. Allein es war alles umsonst; denn bis zum letzten Jahre meines Aufenthaltes auf der Insel sollte ich nie erfahren, ob jemals jemand auf diesem Schiff gerettet wurde oder nicht. Einige Tage spter sah ich nur zu meinem Schmerz die angeschwemmte Leiche eines ertrunkenen Matrosen an der Spitze der Insel, die dem Wrack am nchsten lag. Er hatte nur eine Seemannsjoppe, ein paar leinene Kniehosen und ein blaues Leinenhemd an, aber nichts bei sich, woran ich htte erkennen mgen, was fr ein Landsmann er gewesen sei. In seiner Tasche steckten nur zwei Speziestaler und eine Tabakspfeife, die fr mich zehnmal wertvoller war als das Geld. Die See war nun still, und ich hatte groe Lust, mich in meinem Boot bis an das Wrack zu wagen, da ich nicht zweifelte, ntzliche Dinge an Bord zu finden. Aber was mich am meisten lockte, war die Mglichkeit, da vielleicht noch lebende Wesen an Bord wren, die ich, mir selber zum Trost und Beistand, erretten knnte. Und dieser Gedanke haftete mir so im Herzen, da ich weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte. Ja, ich mute mit meinem Boot hinaus zu diesem Wrack und alles brige Gottes Vorsehung anheimstellen. Das war so stark in mir, da ich mich des Gefhls nicht erwehren konnte, es kme von einer unsichtbaren leitenden Macht her und ich wrde mich gegen mich selbst versndigen, wenn ich nicht hinfhre. Ich eilte also zu meiner Burg zurck und machte alles fr meine Fahrt fertig. Ich nahm eine Menge Brot, einen groen Topf Trinkwasser, einen Kompa, eine Flasche Rum, wovon ich noch ein gut Teil brig hatte, sowie einen Korb mit Rosinen. Und so ging ich, mit allem Ntigen beladen, zu meinem Boot hinunter, schpfte es aus und brachte es zu Wasser, lud meine ganze Fracht hinein und ging dann nochmals nach Hause zurck, um noch mehr zu holen. Meine zweite Ladung bestand aus einem groen Beutel voll Reis, meinem Schirm, einem zweiten groen Krug mit Swasser, noch etwa zwei Dutzend Gerstenbroten oder -kuchen sowie einer Flasche Ziegenmilch und einem Kse. Alles brachte ich mit viel Mhe und Schwei ins Boot. Und nachdem ich zu Gott um gute Fahrt gebetet hatte, stie ich ab und ruderte lngs der Kste hin. bis ich schlielich an das uerste Nordostende der Insel gelangte. Nun mute ich mich auf gut Glck in den Ozean hinauswagen. Ich blickte auf die reienden Strmungen, die zu beiden Seiten der Insel liefen und vor denen mir noch in der Erinnerung graute. Der Mut wollte mir sinken; denn ich sah voraus, da ich, wenn ich in einen der beiden Strme geriet, weit ins Meer hinausgetrieben werden wrde und da es dann beim leisesten Wind in meinem kleinen Boot um mich geschehen wre. Diese Gedanken bedrckten mich so, da ich die Fahrt aufzugeben beschlo. Ich brachte mein Boot in einer kleinen Bucht an Land, stieg aus und setzte mich nachdenklich und kummervoll auf eine kleine Erhhung nieder, zwischen Furcht und Verlangen schwankend. Indes ich noch grbelte, bemerkte ich, da die Flut nahte, so da meine Abfahrt sowieso fr mehrere Stunden unmglich wurde. Zugleich kam mir pltzlich der Gedanke, auf einen mglichst hohen Hgel zu steigen, die Richtung der Gezeiten zu beobachten und festzustellen, ob nicht, falls ich durch die Strmung hinausgetrieben wurde, die auflaufende Flut mich wieder zurcktragen wrde. Kaum hatte ich diesen Gedanken gefat, so erblickte ich auch schon einen Hgel, von dem aus ich die See nach beiden Seiten hin berblicken und die Strmungen und den Wechsel der Gezeiten deutlich erkennen konnte. Ich fand, da die Ebbstrmung auf der sdlichen Seite der Insel lief, whrend die Flutstrmung nahe an der Nordkste vorbeiging, so da ich bei der Rckkehr also nur nach der Nordseite der Insel zu steuern brauchte, um auer aller Gefahr zu bleiben. Ermutigt durch diese Beobachtung, beschlo ich, am nchsten Morgen mit der ersten Flut hinauszufahren und fr diese Nacht im Kanoe unter einem der erwhnten groen Wachtmntel zu schlafen. Anfangs hielt ich mich eine Weile ganz nach Norden, bis ich den Trieb der Strmung fhlte, die ostwrts lief und mich mit groer Schnelligkeit fortri, jedoch nicht so gewaltig wie damals der sdliche Strom, so da ich die Herrschaft ber das Boot nicht verlor, sondern durch krftiges Steuern die Richtung halten konnte. So kam ich mit groer Fahrt in weniger als zwei Stunden geradenwegs zu dem Wrack. Es war ein trauriger Anblick. Das Schiff, das seiner Bauart nach ein spanisches war, sa fest zwischen zwei Klippen eingekeilt. Das ganze Heck und Achterdeck war durch die Wucht der See vllig zerschlagen, und da der Bug mit groer Heftigkeit auf die Klippen gestoen war, waren der Gromast und der Vormast dicht ber Deck abgebrochen. Aber das Bugspriet war noch unversehrt. Als ich nher kam, erschien oben an Bord ein Hund, der bei meinem Anblick laut heulte und bellte und, sobald ich ihn anrief, ber Bord sprang und auf mich zu schwamm. Ich nahm ihn in mein Boot und fand ihn halbtot vor Hunger und Durst. Ich gab ihm ein Stck Brot, das er wie ein Wolf verschlang, der vierzehn Tage im Schnee gehungert hat. Dann gab ich dem armen Tier etwas frisches Wasser, von dem er am liebsten so viel getrunken htte, da er geplatzt wre. Hierauf ging ich an Bord. Das erste, was ich sah, waren zwei Ertrunkene in der Kombse, die ihre Arme umeinandergeschlungen hatten. Daraus schlo ich, die See msse bei dem Schirrbruch im Sturm so hoch gegangen und so unablssig ber das Schiff hereingebrochen sein, da die Menschen es nicht aushaken konnten, sondern alle erstickten und ertranken, als ob sie unter Wasser gewesen wren. Auer dem Hund war nichts Lebendes mehr an Bord und, soviel ich sehen konnte, auch keinerlei Schiffsgut, das nicht vom Wasser verdorben gewesen wre. Einige Fsser voll irgendwelcher Flssigkeit, ob Wein oder Schnaps, wute ich nicht, lagen tiefer unten im Laderaum; ich konnte sie sehen, als das Wasser verebbt war; aber sie waren zu gro, um ihnen beizukommen. Ich sah auch einige Kisten, die vermutlich Matrosen gehrt hatten; zwei von ihnen nahm ich in mein Boot, ohne zu untersuchen, was darin war. Htte sich das Heck des Schiffes festgerannt und der Vorderteil wre weggebrochen, so wrde ich allem Anschein nach einen guten Fang gemacht haben; denn nach dem zu urteilen, was ich in diesen beiden Kisten fand, fhrte das Schiff sehr wertvolle Ladung an Bord. Nach seinem Kurs zu schlieen, war es wohl auf der Fahrt von Buenos Aires oder Rio de la Plata aus ber Brasilien hinauf durch den Golf von Mexiko nach Havanna und vielleicht bis nach Spanien gewesen. Es fhrte, wie gesagt, ohne Zweifel groe Schtze mit sich; aber jetzt waren sie keinem Menschen mehr ntze; und was aus dem Rest der Besatzung geworden war, wute ich damals noch nicht. Auer diesen beiden Kisten fand ich zwei kleine Fsser von etwa zwanzig Gallonen, die ich mit groer Mhe in mein Boot schaffte. Auerdem hingen noch einige Musketen in einer Kabine und ein groes Pulverhorn mit ungefhr vier Pfund Pulver. Da ich fr die Musketen keine Verwendung hatte, lie ich sie dort; aber das Pulverhorn nahm ich mit, dazu ferner noch eine Feuerschaufel und -zange, die ich ntig brauchte, sowie zwei kleine Messing- und einen Kupferkessel. Mit dieser Ladung und dem Hund machte ich mich wieder auf den Weg, da die Flut nahte, mit der ich wieder zurck mute. Und am selben Abend, schon beim Dunkelwerden, erreichte ich die Insel wieder, schwer ermdet und erschpft. Ich schlief die Nacht im Boot, und am Morgen beschlo ich, die mitgebrachten Dinge in meiner neuen Hhle zu verstauen. Nachdem ich etwas zu mir genommen hatte, brachte ich die ganze Ladung an die Kste und begann sie im einzelnen zu untersuchen. In den Fssern fand ich eine Art Rum, aber nicht wie wir ihn in Brasilien gewhnt sind, mit einem Wort: ziemlich minderwertig. Aber als ich die erste Kiste ffnete, fand ich verschiedene Dinge, die ich gut brauchen konnte, zum Beispiel in der einen einen schn gearbeiteten Kasten mit Flaschen einer besonderen Sorte feinen, vorzglichen Magenbitters. Jede Flasche enthielt ungefhr anderthalb Liter und war mit Staniol verschlossen. Ferner zwei Tpfe mit sehr gutem Zuckerwerk, das auch so hoch gelegen hatte, da das Wasser ihm nichts geschadet hatte, sowie noch zwei andere. die aber vom Wasser verdorben waren. Auch fand ich einige sehr gute Hemden, die mir sehr willkommen waren, und ungefhr anderthalb Dutzend weileinene Taschentcher und farbige Halstcher; die ersteren kamen mir auch sehr erwnscht, besonders um mein Gesicht an heien Tagen abzuwischen, was auerordentlich erfrischend war. Als ich an den Geldkasten kam, fand ich drei groe Beutel spanischer Dollars darin, zusammen ungefhr elfhundert Stck, und in dem einen, in Papier eingewickelt, sechs Golddublonen und einige Goldbarren, zusammen nahezu ein Pfund schwer. In der zweiten Kiste waren einige Kleidungsstcke von geringem Wert, die anscheinend dem Stckmeister gehrt hatten, obwohl kein Pulver dabei war, auer etwa zwei Pfund in drei Pulver-hrnern, vermutlich fr seine Vogelflinten. Alles in allem erbeutete ich auf dieser Fahrt nur wenig, was mir ntzen konnte; denn fr das Geld hatte ich keine Verwendung; es galt mir nicht mehr als der Staub unter meinen Fen, und ich htte es alles fr drei oder vier Paar englischer Schuhe und Strmpfe hergegeben, die ich notwendig gebraucht htte und dergleichen ich schon seit vielen Jahren nicht mehr an den Fen gehabt hatte. Zwar hatte ich den ertrunkenen Seeleuten im Wrack ihre zwei Paar Schuhe abgenommen und zwei weitere Paare in einer der Kisten gefunden; aber sie waren nicht so bequem und praktisch wie unsere englischen Schuhe, sondern mehr eine Art Pumps. In der zweiten Kiste fand ich etwa fnfzig Piaster, aber kein Gold. Ich vermute, sie gehrte einem rmeren Mann als die erste, die einem Offizier gehrt haben mochte. Trotzdem nahm ich das Geld mit in meine Hhle und hob es dort auf wie das andere, das ich aus unserem Schiff geborgen hatte. Aber, wie gesagt, schade war es, da ich aus dem ndern Teil des Schiffes nichts bergen konnte; denn ich htte mein Boot sicherlich mehrere Male mit Gold berladen knnen, das mir dereinst in England zugute gekommen wre und inzwischen hier sicher genug gelegen htte, bis ich es abholte. Nachdem ich nun alle meine Sachen an Land und in Sicherheit gebracht hatte, ging ich wieder zu meinem Boot und ruderte an der Kste entlang bis zu meinem vorigen Hafen zurck, wo ich es auf Land setzte. Ich eilte auf dem krzesten Weg zu meiner alten Wohnung, wo ich alles wohlbehalten und ruhig vorfand. Nun ruhte ich mich aus. lebte wieder in meiner alten Weise und sorgte fr meinen Haushalt. Nur war ich wachsamer als zuvor, hielt fter Ausschau und ging nicht soviel aus. Und wenn es doch geschah, hielt ich mich immer auf der Ostseite der Insel, wo ich ziemlich sicher war, da die Wilden niemals hinkommen wrden, und wo ich weniger vorsichtig zu sein und nicht soviel an Waffen und Munition mitzuschleppen brauchte, als wenn ich in anderer Richtung ging. So lebte ich noch zwei Jahre. Aber mein verwnschter Kopf, der mich immer wieder spren lie, da er geschaffen sei, um meinen Leib unglcklich zu machen, war die ganze Zeit ber mit Plnen und Anschlgen erfllt, wie es mglich wre, von der Insel wegzukommen. Bisweilen dachte ich daran, eine zweite Fahrt nach dem Wrack zu unternehmen, obgleich mir mein Verstand sagte, es sei nichts mehr darin, was die Gefahr lohnte. Bald dachte ich dorthin, bald dahin zu entkommen, und ich glaube wirklich, wenn ich ein Boot gehabt halte wie damals in Salee, ich wrde mich auf die See gewagt haben, gleichviel wohin. Mein ganzes Schicksal ist ein Memento fr alle diejenigen, die an dem allgemeinen bel der Menschheit kranken, von dem, soviel ich sehe, die Hlfte alles ihres Unglcks kommt; ich meine das bel, da sie nicht mit dem Lebensstand zufrieden sind, in den Gott und die Natur sie versetzt haben. Ich will gar nicht wieder von meiner Jugendzeit reden und von dem vortrefflichen Rat meines Vaters, dessen Nichtbeachtung sozusagen mein erster Sndenfall war. Aber auch spter waren es ja wieder Irrungen gleicher Art gewesen, die mich in diese unselige Lage gebracht hatten. Denn htte die Vorsehung, die mir zu so glcklicher Ansiedlung als Pflanzer in Brasilien verhalf, mich mit Selbstbescheidung gesegnet, und htte ich mich damit begngt, nach und nach vorwrtszukommen, so htte ich im Laufe dieser Zeit - ich meine der Zeit meines Aufenthalts auf dieser Insel - einer der angesehensten Pflanzer Brasiliens werden knnen. Ja. ich bin berzeugt, ich htte es, wenn ich dort geblieben wre, durch die Verbesserungen, die ich in der kurzen Zeit, die ich dort war, eingefhrt hatte, und durch vermutlich weiteres Wachstum gut und gern dazu gebracht, da ich an hunderttausend Goldmoidors wert gewesen wre. Und was hatte ich ntig, ein gesichertes Vermgen, eine wohleingerichtete, gedeihende und zunehmende Pflanzung zu verlassen, um Ladungsaufseher auf einem Guineafahrer zu werden und Neger herzuholen, wo ich doch mit der Zeit und mit Geduld unser Kapital daheim so vermehrt haben wrde, da wir sie htten an unserer eigenen Tr von denjenigen kaufen knnen, deren Geschft es war, sie herzuschaffen. Das wre uns zwar etwas teurer gekommen; aber der Preisunterschied wre keinesfalls so gro gewesen, da es sich gelohnt htte, deswegen soviel aufs Spiel zu setzen. Aber wie dies meist das Schicksal unreifer, junger Kpfe ist, so ist das Nachdenken ber die eigene Torheit meist erst Sache reiferer Jahre und teuer erkaufter Erfahrung; und so war es auch mit mir. Trotzdem aber hatte jener Fehler so tief in mir Wurzel gefat, da ich auch jetzt mich nicht mit meinem Zustand zu begngen vermochte, sondern unablssig ber die Mittel und die Mglichkeit meines Entkommens von diesem Ort nachgrbelte. Und es ist hier vielleicht am Platze, wenn ich, um den Rest meiner Geschichte zu um so grerem Vergngen des Lesers weitererzhlen zu knnen, zuvor berichte, was ich mir ber diesen trichten Fluchtplan fr Gedanken machte und wie und auf Grund wovon ich handelte. Man sieht mich nach meiner letzten Fahrt zu dem Wrack nun wieder still zurckgezogen in meiner Burg, meine Fregatte wohlgeborgen an Land und meine ganze Lage wieder so hergestellt, wie sie gewesen war. Ich hatte jetzt mehr Gold und Geld als zuvor, war aber darum durchaus nicht reicher; denn ich hatte nicht mehr Verwendung dafr, als die Indianer in Peru hatten, bevor die Spanier dorthin kamen. Eines Nachts im Mrz, whrend der Regenzeit, im vierundzwanzigsten Jahr meines Daseins auf dieser einsamen Insel, lag ich in meinem Bett oder vielmehr in meiner Hngematte wach, hatte keine Schmerzen, keine Krankheit, kein leibliches Unbehagen, ja auch kein seelisches, wenigstens nicht mehr als sonst. Danach konnte ich durchaus nicht die Augen zutun und keinen Schlaf finden, nein, nicht einen Augenblick, die ganze Nacht lang. Es ist ebenso unmglich wie unntig, die unzhlige Menge von Gedanken hier wiederzugeben, die mir whrend dieser Nacht durch die groe Verkehrsstrae des Gehirns, das Gedchtnis, wirbelten. Ich berdachte die ganze Geschichte meines Lebens sozusagen in Miniatur oder Abkrzung, bis zu meiner Ankunft auf dieser Insel und auch meines Lebens seit dieser Ankunft. Bei meinen Betrachtungen ber mein Ergehen, seit ich an den Strand dieses Eilands kam, verglich ich den glcklichen Zustand whrend der ersten Jahre meines Hierseins mit dem Leben voller Angst, Furcht und Sorge, das ich seit dem Augenblick gefhrt hatte, als ich die Fuspur im Sande sah. Gewi, ich war berzeugt, da die Wilden auch schon whrend der ersten Jahre fters auf die Insel gekommen waren, vielleicht schon zu Hunderten; aber damals hatte ich ja nichts davon gewut und hatte mich deshalb auch nicht davor frchten knnen; ich war vollkommen unbekmmert, obwohl die Gefahr fr mich die gleiche war, und so glcklich in meiner Unkenntnis von der Gefahr, als ob sie gar nicht vorhanden gewesen wre. Das gab mir Anla zu vielen nutzbringenden berlegungen, besonders dieser, wie unendlich gtig es von der Vorsehung ist, da sie der Wahrnehmung und dem Wissen der Menschen so enge Grenzen gesteckt hat; denn obwohl sein Weg von so vielen tausend Gefahren umgeben ist, deren Anblick, wenn sie ihm offenbart wrden, sein Gemt verstren und sein Herz entmutigen wrden, so bleibt ihm doch seine Ruhe und Heiterkeit bewahrt dadurch, da die Ereignisse seinen Augen verborgen gehalten werden und er nichts von den Gefahren wei, die ihn umgeben. Nachdem diese Gedanken mich eine Weile beschftigt hatten, begann ich ernstlich ber die Gefahr nachzudenken, in der ich wirklich so viele Jahre lang auf dieser Insel geschwebt hatte, und wie ich in vlligem Sicherheitsgefhl und mit der grten Ruhe hier umhergewandert war, whrend vielleicht nur eine Anhhe oder ein groer Baum oder die gerade hereinbrechende Dunkelheit zwischen mir und dem frchterlichen Schicksal gestanden hatten, dem Schicksal nmlich, in die Hnde von Kannibalen und Wilden zu fallen, die mich genau so gefangen haben wrden, wie ich eine Gei oder Schildkrte fing, und es genau sowenig fr ein Verbrechen gehalten htten, mich zu tten und aufzufressen, wie ich es fr verbrecherisch hielt, eine Taube oder dergleichen zu verspeisen. Es wre ungerecht gegen mich selbst, wenn ich sagen wrde, da ich nicht aufrichtig von Dank erfllt war gegen meinen groen Erhalter und nicht in tiefer Demut anerkannte, da ich seinem wunderbaren Schutz allein alle diese mir unbewut gebliebenen Errettungen zu verdanken hatte, ohne die ich unfehlbar in die erbarmungslosen Hnde der Wilden gefallen wre. Nachdem diese Betrachtungen beendet waren, beschftigte mein Kopf sich eine Zeitlang damit, ber die Wesensart dieser nichtswrdigen Kreaturen, die Wilden, meine ich, nachzudenken, und wie es in der Welt geschehen knne, da der weise Lenker aller Dinge es zulie, da einige seiner Geschpfe so unmenschlich, ja so tierisch und schlimmer als tierisch sein konnten, ihresgleichen aufzufressen: aber da dies nur in allerlei (zurzeit fruchtlosen) Spekulationen endete, kam mir der Gedanke, ausfindig zu machen, in welchem Teil der Welt diese Wilden lebten, wie weit die Kste war, von der sie herberkamen, warum sie sich so weit von ihrer Heimat wegwagten, was fr Boote sie hatten und ob es mir nicht ebensogut mglich sein sollte, dorthin zu gelangen, wie sie hierherkamen. Ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen darber, was ich tun wollte, wenn ich hinberkme; was aus mir werden sollte, wenn ich den Wilden in die Hnde fiele; wie ich ihnen entgehen sollte, wenn sie mich angriffen, oder wo ich, wenn ich ihnen wirklich entging, etwas zu essen hernehmen, ja wo ich berhaupt meinen Kurs hinlenken sollte. Mein Kopf war ganz voll von dem einen Gedanken, mit meinem Boot ans Festland hinberzukommen. Meine gegenwrtige Lage erschien mir als die elendeste, die sich denken lie, und mir konnte schlielich nichts Schlimmeres begegnen als der Tod. Erreichte ich wirklich das Festland, so knnte ich vielleicht an der Kste entlang fahren, wie ehemals an der afrikanischen Kste, bis ich zu einem bewohnten Land kme, wo ich Unterkunft finden wrde; ja, vielleicht wrde ich auch einem christlichen Schiff begegnen, das mich aufnehmen wrde, und kme es wirklich zum Schlimmsten, nun, so wrde ich eben sterben und damit allem Jammer mit einem Male ein Ende machen. Bedenke bitte, mein Leser, da dies alles die Ausgeburt eines verstrten, ungeduldigen Gemts war, das fast zur Verzweiflung getrieben war durch die schon so lange whrende Beunruhigung und durch die Enttuschung, die ich in dem Wrack erfahren halte, als ich dort an Bord war und so recht daran war, das zu finden, wonach ich mich so sehr gesehnt hatte: nmlich jemanden, mit dem ich reden und von dem ich Nheres ber die Lage meiner Insel und die Mglichkeiten meiner Befreiung erfahren konnte. Durch alles das, sage ich, war ich ganz aufgewhlt. Mit all meiner stillen Ergebung in den Willen der Vorsehung, mit allem ruhigen Abwarten, wohin die Anordnungen des Himmels fhren wrden, schien es fr jetzt vorbei, und es war, als htte ich nicht mehr die Kraft, meine Gedanken auf irgend etwas anderes zu richten als auf den Plan einer Fahrt nach dem Festland, der mich mit solcher Gewalt und solchem Ungestm berkam, da ich ihm nicht zu widerstehen vermochte. Nachdem ich solche Gedanken zwei Stunden oder lnger so heftig im Kopf herumgewlzt hatte, da mein ganzes Blut davon in Aufruhr war und mein Puls schlug, als wenn ich Fieber htte, half sich schlielich die Natur selber, und ich fiel, zu Tode erschpft, in einen tiefen Schlaf. Man wrde meinen, ich htte auch noch davon getrumt, aber nein, keineswegs. Vielmehr trumte ich, ich kme am Morgen wie gewhnlich aus meiner Burg und she zwei Kanoes an der Kste, aus dem elf Wilde ans Land stiegen. Sie fhrten einen anderen Wilden mit sich, den sie tten wollten, um ihn aufzufressen. Pltzlich aber sprang dieser Wilde zur Seite und strmte auf Tod und Leben davon. Mich deuchte im Schlaf, er liefe just auf mein kleines Wldchen vor meiner Festung zu, um sich darin zu verstecken. Da ich ihn nun allein sah und merkte, da die anderen ihn nicht in dieser Richtung verfolgten, zeigte ich mich ihm, lchelte ihm zu und ermutigte ihn. Er kniete vor mir nieder und schien mich um Hilfe anzuflehen, worauf ich ihm meine Leiter wies, ihm bedeutete, hinaufzuklettern, und ihn so in meine Hhle brachte und zu meinem Diener machte. Sobald ich nun diesen Burschen bei mir hatte, sagte ich mir: Nun kann ich mich getrost nach dem Festland hinber wagen; denn dieser Gefhrte wird mir als Lotse dienen und mir sagen, was ich tun und wo ich Nahrung suchen solle, hingegen wo ich nicht hingehen drfe, um nicht gefressen zu werden usw. ber diesen Gedanken wachte ich auf und war so voller Herzensfreude ber meinen hoffnungsvollen Traum, da, als ich zu mir kam und merkte, ich hatte nur getrumt, alle meine Lebensgeister wieder um so niedergeschlagener waren. Dessenungeachtet kam ich dadurch zu dem Schlu, es gbe fr mich nur eine einzige Mglichkeit zur Befreiung, nmlich, wenn ich mich eines Wilden bemchtigen knnte, und zwar eines ihrer Gefangenen, den sie fr ihre Mahlzeit bestimmt htten und hierherbrchten, um ihn zu schlachten. Um dies jedoch auszufhren, htte ich die ganze Schar auf einmal angreifen und niedermachen mssen, und ein so verzweifelter Versuch konnte leicht auch milingen. berdies hatte ich soviel darber nachgedacht, ob ich mir das Recht dazu anmaen drfe, da mir das Herz bei dem Gedanken an soviel Blutvergieen zitterte, mochte es auch zu meiner eigenen Befreiung geschehen. Ich brauche hier nicht alle die Grnde zu wiederholen, die dagegen sprachen, da sie die gleichen sind, die ich schon erwhnt habe; aber obwohl ich jetzt auch noch andere Grnde vorzubringen hatte, die dafr sprachen, nmlich, da diese Menschen mein Leben gefhrdeten und mich auffressen wrden, wenn sie knnten; da es Notwehr in hchstem Grade war, wenn ich mich vor diesem Tode zu bewahren suchte, und da ich dabei ebenso zu meiner Verteidigung handelte, wie wenn sie mich tatschlich angegriffen htten, und dergleichen mehr - ich sage, obwohl dies alles dafr sprach, war mir der Gedanke, zu meiner Errettung Menschenblut zu vergieen, doch so entsetzlich, da ich mich lange Zeit auf keine Weise damit vershnen konnte. Schlielich aber, nach vielem Fr- und Widerreden mit mir selbst und groer Ratlosigkeit, behielt doch das heie Verlangen nach Freiheit die Oberhand, und ich beschlo, einen dieser Wilden in meine Gewalt zu bekommen, koste es, was es wolle. Nun galt es, zu berlegen, wie das geschehen solle, und da gab es viel Kopfzerbrechen. Weil ich jedoch noch nicht mit irgendwelcher Wahrscheinlichkeit rechnen konnte, beschlo ich, mich auf die Lauer zu legen und aufzupassen, wenn sie an Land kmen, den Rest aber dem Zufall zu berlassen und nach dem Gebot des Augenblicks zu handeln. Mit diesem Vorsalz begab ich mich fleiig auf Vorposten, und zwar so oft und so lange, da ich der Sache herzlich mde wurde; denn ich lauerte anderthalb Jahre lang und wanderte diese ganze Zeit ber fast tglich an das Sdwestende der Insel, um nach Kanoes auszusphen, ohne da sich eines blicken lie. Das war sehr entmutigend und begann mich sehr zu beunruhigen, obwohl ich nicht sagen kann, da diesmal mein Eifer dadurch abgestumpft wurde, wie es zuvor geschehen war, sondern je lnger es dauerte, um so eifriger wurde ich; kurz, ich war jetzt begieriger, den Wilden auf den Leib zu rcken, als ich zuvor ngstlich gewesen war, ihren Anblick zu vermeiden. berdies bildete ich mir ein, ich wrde einen, ja zwei oder drei Wilde, wenn ich sie erst htte, so zhmen knnen, da sie meine willenlosen Sklaven werden und mir nie auch nur ein Haar krmmen wrden. Ich schmeichelte mir eine ganze Zeitlang mit diesen Plnen; aber es geschah nichts und blieb alles nur Hirngespinst, da sich kein Wilder am Strand blicken lie. Nachdem ich ber anderthalb Jahre diese Ideen im Kopf gewlzt und sie, aus Mangel an Gelegenheit, sie zu verwirklichen, schon sozusagen zu nichts zergrbelt hatte, wurde ich eines frhen Morgens durch den Anblick von nicht weniger als fnf Kanoes berrascht, die alle dicht beisammen an meinem Strande lagen. Alle Mann, die dazu gehrten, waren ausgestiegen und nicht zu sehen. Ich war von ihrer Anzahl betroffen; denn da ich so viele Boote sah und wute, da immer vier oder sechs, manchmal auch mehr, in einem Boot fuhren, so war guter Rat teuer, wie ich als einzelner zwanzig oder dreiig Mann angreifen sollte. Also hielt ich mich zunchst still in meiner Burg, ratlos und unbehaglich. Ich rstete alles in der vorgesehenen Weise gegen einen Angriffund hielt mich fr den Notfall schlagfertig. Ich wartete eine gute Weile und horchte, ob sich irgendein Gerusch vernehmen lie. Schlielich wurde ich zu ungeduldig. Ich lehnte meine Gewehre an den Fu der Leiter und stieg in der gewohnten Weise auf den Hgel, aber nur so weit, da mein Kopf nicht darber hinausragte, damit sie mich ja nicht bemerken knnten. Hier beobachtete ich durch mein Fernglas, da ihrer nicht weniger als dreiig waren, da sie ein Feuer angezndet und Fleisch zurechtgemacht hatten; ob sie es brieten oder was fr Fleisch eswar, konnte ich nicht erkennen; aber sie tanzten alle mit Gott wei was fr barbarischen Gebrden und Stellungen auf ihre Art um das Feuer herum. Wie ich so schaute, gewahrte ich durch mein Glas zwei unglckliche Gesellen, die aus dem Boot, wo sie offenbar bis jetzt gelegen hatten, herausgeschleift wurden und allem Anschein nach nun geschlachtet werden sollten. Den einen sah ich augenblicklich zu Boden strzen, ich nehme an, da er mit einer Keule oder einem Holzschwert niedergeschlagen wurde, und zwei oder drei machten sich gleich daran, ihm den Leib aufzuschneiden und ihn fr ihre Mahlzeit zuzubereiten, whrend das andere Opfer unterdessen allein stehengelassen wurde, bis die Reihe an ihn kme. In diesem Augenblick, indem er sich unbeachtet sah, kam Leben in den armen Burschen ; er machte sich ans Laufen und rannte mit unglaublicher Geschwindigkeit den Strand entlang, geradenwegs zu mir her, ich meine auf die Gegend der Kste zu, wo meine Behausung lag. Ich war zu Tode erschrocken, das mu ich gestehen, als ich sah, da er auf mich zulief, und besonders, als ich bemerkte, da der ganze Haufen hinter ihm drein strzte. Nun machte ich mich gefat, das eine Stck meines Traumes eintreffen zu sehen, nmlich, da er in meinem Wldchen Zuflucht suchen wrde. Nur konnte ich die Fortsetzung meines Traumes nicht damit zusammenreimen, nmlich, da die ndern ihn nicht verfolgen und daselbst rinden sollten. Jedenfalls blieb ich auf meinem Posten und fand meine Fassung wieder, als ich sah, da schlielich nur noch drei Mann ihm folgten. Und noch viel leichter wurde mir ums Herz, als ich merkte, da er ihnen im Laufen weit berlegen war und immer mehr Vorsprung gewann, so da er, wenn er nur noch eine halbe Stunde durchhielt, ihnen sicher entwischen mute. Zwischen ihm und meiner Burg lief der kleine Flu, in dessen Mndung ich meine Frachten aus dem Schiff gelandet hatte, wie ich im ersten Teil meiner Erzhlung fters erwhnt habe. Er mute ihn durchschwimmen oder wrde hier eingefangen werden, das sah ich wohl. Aber sowie der Flchtling dort ankam, besann er sich gar nicht lange, sondern sprang, obwohl Flutzeit war, hinein, durchschwamm ihn mit etwa dreiig Sten, landete und lief mit noch grerer Kraft und Geschwindigkeit weiter. Als die drei Verfolger an dem Bach anlangten, merkte ich, da nur zwei von ihnen schwimmen konnten; der dritte blieb stehen, sah den anderen nach, traute sich aber nicht weiter, sondern ging bald darauf langsam zurck - zu seinem Glck, wie sich bald herausstellte. Ich beobachtete, da die beiden Verfolger doppelt so lange Zeit zum Schwimmen brauchten als ihr Wild. Der Gedanke durchzuckte mich, jetzt sei der Augenblick gekommen, mir einen Diener und vielleicht sogar einen Gefhrten und Freund zu erwerben, und ich sei vom Himmel selber dazu ausersehen, das Leben dieses armen Geschpfes zu retten. Ich stieg sofort die Leiter hinab, holte meine beiden Gewehre, die beide am Fu der Leiter standen, stieg, so schnell ich konnte, wieder auf den Hgel hinauf und lief quer nach der See zu. Da es nur eine kurze Strecke war und bergab ging, kam ich just zwischen den Verfolgten und seine Verfolger. Ich rief dem Flchtling Hallo! zu. Er drehte sich auch um, erschrak aber ebenso ber mich, wie ich zuerst ber sie erschrocken war. Ich winkte ihm jedoch zu, er solle nur zurckkommen, und rckte indessen gegen die beiden Verfolger vor. Dem vordersten sprang ich entgegen und schlug ihn mit meinem Gewehrkolben nieder. Ich wagte nicht zu schieen, damit die anderen es nicht hrten, obgleich die Entfernung so gro war, da sie es kaum hren oder den Rauch sehen konnten und auch ohnedem schwerlich gewut htten, was sie daraus machen sollten. Als ich diesen Burschen niedergeschlagen hatte, stand der andere Verfolger wie vor Schreck still. Ich ging ruhig auf ihn zu. Aber als ich nher kam, sah ich sofort, da er Pfeil und Bogen hatte und gerade ansetzte, um auf mich zu schieen. So war ich gezwungen, ihm zuvorzukommen, und ttete ihn auf den ersten Schu. Der arme Flchtling war, obgleich er seine beiden Feinde gettet sah, doch von dem Blitz und Knall meiner Flinte so erschreckt, da er stockstill stand und sich weder vor noch zurck wagte, obgleich man ihm anmerkte, da er mehr Lust hatte, zu fliehen als nher zu kommen. Ich rief ihn noch einmal an und machte ihm Zeichen, zu mir her zu gehen. Das begriff er auch gleich und kam etwas nher, stand dann wieder still, ging wieder etwas weiter und hielt wieder inne. Ich konnte sehen, da er zitterte, als ob er gefangengenommen und gleich seinen zwei Feinden gettet werden sollte. Ich winkte ihm wieder, zu mir zu kommen, und machte ihm alle nur erdenklichen, ermunternden Zeichen. Er kam auch wirklich nher und nher, kniete alle zehn oder zwlf Schritte nieder, mit Zeichen der Dankbarkeit dafr, da ich sein Leben gerettet hatte. Ich lchelte ihm zu, schaute ihn freundlich an und bedeutete ihm, noch nher zu kommen. Endlich traute er sich vollends an mich heran, kniete aufs neue nieder, kte den Boden, legte den Kopf auf die Erde, nahm meinen Fu und setzte ihn auf seinen Kopf. Dies schien mir das Zeichen zu sein, da er fr ewig mein Sklave sein wolle. Ich hob ihn auf und ermunterte ihn, so gut ich konnte. Allein es gab jetzt noch mehr zu tun; denn ich bemerkte, da der Wilde, den ich niedergeschlagen hatte, nicht tot war, sondern durch den Schlag nur das Bewutsein verloren hatte und sich nun wieder erholte. Also wies ich mit der Hand auf ihn, um meinem Schtzling zu bedeuten, da er noch nicht tot sei. Hierauf sprach er einige Worte zu mir, und obgleich ich sie nicht verstehen konnte, klangen sie mir doch lieblich in den Ohren; denn es waren die ersten menschlichen Laute, die ich, auer meiner eigenen Stimme, seit ber fnfundzwanzig Jahren hrte. Ich halte jedoch keine Zeit zu solchen Betrachtungen. Der niedergeschlagene Bursche hatte sich so weit erholt, da er auf dem Boden sa, und ich merkte meinem Wilden an, da ihm bange wurde. Ich richtete daher meine zweite Flinte auf jenen, als wenn ich ihn erschieen wollte. Jetzt gab mir mein Wilder, wie ich ihn knftighin nennen will, durch Gebrden zu verstehen, ich solle ihm mein Schwert leihen. Das tat ich, und sobald er es in Hnden hatte, lief er auf seinen Feind zu und schlug ihm mit einem Streich den Kopf ab, wie es kein deutscher Scharfrichter htte schneller und besser tun knnen. Das erstaunte mich sehr bei einem Menschen, von dem ich glauben mute, da er sein Lebtag nie ein Schwert gesehen hatte. Ich erfuhr jedoch spter, da sie ihre Holzschwerter so scharf und schwer und aus so hartem Holz machen, da sie einen Schdel oder einen Arm auf einen Streich damit durchhauen knnen. Als er dies vollbracht hatte, kam er lachend mit allen Anzeichen des Triumphes zu mir zurck und brachte mir mein Schwert wieder, das er unter vielen Gebrden, die ich nicht verstand, samt dem Kopf des getteten Wilden dicht vor meine Fe niederlegte. Am meisten aber war er darber verwundert, wie ich den anderen Indianer aus solcher Entfernung hatte tten knnen. Er wies auf ihn und bat mit Gebrden um Erlaubnis, zu ihm gehen zu drfen. Ich bedeutete ihm, so gut ich konnte, er mge es tun. Als er nahe bei ihm war, stand er wie versteinert still, kehrte ihn erst auf die eine Seite, dann auf die andere und sah nach dem Loch, das die Kugel anscheinend gerade in die Brust gebohrt hatte. Auen war nur wenig Blut geflossen; aber er schien sich inwendig verblutet zu haben, da er gleich mausetot war. Dann hob mein Wilder seinen Bogen und seine Pfeile auf und kam zurck. Ich wandte mich zum Gehen, winkte ihm, mir zu folgen, und bedeutete ihm durch Zeichen, es knnten noch mehr Feinde nachkommen. Hierauf machte er mir Zeichen, da er sie im Sand vergraben wolle, damit sie nicht von den ndern gefunden wrden, falls sie nachkmen. Und so hie ich ihn das tun. Er fiel ber die Arbeit her und scharrte in einem Augenblick ein Loch mit seinen Hnden, das gro genug war, um den ersten zu begraben, zog ihn dann hinein und deckte ihn zu. Ebenso machte er es mit dem ndern. Mit beiden war er, glaube ich, in einer Viertelstunde fertig. Nunmehr rief ich ihn zurck und brachte ihn nicht zu meiner Burg, sondern zu meiner Hhle in dem jenseitigen Teil der Insel, so da der zweite Teil meines Traumes, nmlich, da er in meinem Wldchen Schutz suchte, nicht in Erfllung ging. Hier gab ich ihm Brot und eine Traube Rosinen zu essen und einen Becher Wasser zu trinken, nach dem er infolge seines schnellen Laufens lechzte. Als er sich gelabt hatte, wies ich ihn an, sich niederzulegen und zu schlafen. Ich zeigte ihm einen Platz, wo ich einen groen Haufen Reisstroh aufgeschichtet hatte, mit einem Laken darber, auf dem ich selbst zuweilen bernachtet hatte. Er legte sich hin und schlief ein. Es war ein hbscher, gutgewachsener Bursche mit geraden, langen, aber nicht allzu langen Gliedmaen, gro und wohlgeformt und meiner Schtzung nach ungefhr sechsundzwanzig Jahre alt. Er sah sehr gutartig aus, durchaus nicht grimmig und finster; dabei hatte er etwas sehr Mnnliches im Gesicht und dennoch die ganze Freundlichkeit und Weichheit eines Europers, zumal wenn er lchelte. Sein Haar war lang und schwarz, gar nicht kraus und wollig, seine Stirne sehr hoch und breit und die Augen voll Lebhaftigkeit und sprhendem Glanz. Die Farbe seiner Haut war nicht ganz schwarz, aber doch sehr dunkel, wenn auch nicht von dem hlichen Gelb- bis Schwarzbraun der Brasilianer und Virginier und anderer Eingeborener Amerikas, vielmehr von einer Art glnzender dunkler Olivenfarbe, die etwas sehr Angenehmes hatte, wenn sie auch nicht leicht zu beschreiben ist. Sein Gesicht war rund und voll, seine Nase klein, aber nicht flach wie die der Neger. Er halle einen hbschen Mund, dnne Lippen, und seine gut stehenden Zhne waren wei wie Elfenbein. Nachdem er eine Weile mehr hingedmmert als geschlafen hatte, wachte er nach ungefhr einer halben Stunde wieder auf und kam zu mir aus der Hhle; denn ich hatte inzwischen meine Ziegen in der nahen Hrde gemolken. Als er mich erblickte, lief er auf mich zu und warf sich wieder vor mir auf den Boden mit allen Zeichen dankbarer Ergebenheit, die er durch Gebrden auszudrcken suchte. Schlielich legte er seinen Kopf flach auf die Erde nahe an meinen Fu, setzte meinen anderen Fu darauf, wie er es schon zuvor getan hatte, und machte alle erdenklichen Zeichen der Unterwerfung, Dienstbereitschaft und Ehrerbietung, woraus ich erkennen sollte, da er mir zeit seines Lebens zu dienen bereit sei. Ich verstand ihn in vielen Dingen und lie ihn merken, da ich sehr zufrieden mit ihm sei. Nach einiger Zeit sprach ich zu ihm und lehrte ihn zu mir sprechen. Zuerst gab ich ihm zu verstehen, er solle Freitag heien, weil ich ihn an einem Freitag gerettet hatte und mich gerne in Zukunft daran erinnern wollte. Zu mir aber sollte er Herr sagen. Auch lernte er ja und nein sagen und die Bedeutung davon. Ich gab ihm etwas Milch in einem irdenen Topf, machte ihm vor, wie ich sie trank und mein Brot darein tunkte, und gab ihm dann auch ein Brtchen, um dasselbe zu tun. Er begriff es rasch und machte Zeichen, es schmecke ihm sehr gut. Ich blieb dort die ganze Nacht mit ihm; aber sobald es Tag war, winkte ich ihm, mir zu folgen, und deutete ihm an, da ich ihm einige Kleider geben wollte, worber er sehr erfreut schien, da er splitternackt war. Als wir an den Ort kamen, wo er die beiden Wilden begraben hatte, zeigte er mir die Zeichen, die er sich gemacht hatte, um sie wiederzufinden. Er bedeutete mir, da er sie wieder ausgraben wolle, um sie zu essen. Hierber zeigte ich mich sehr bse und gab ihm meinen ganzen Abscheu zu erkennen, tat, als wenn ich mich bei dem bloen Gedanken erbrechen msse, und winkte ihm mit der Hand, weiterzugehen, was er sofort mit groer Demut tat. Dann fhrte ich ihn auf den Hgel, um zu sehen, ob seine Feinde fort seien. Ich zog mein Glas heraus und sah deutlich den Platz, wo sie gewesen waren; aber es war nichts mehr von ihnen oder ihren Kanoes zu sehen, woraus ich schlieen konnte, da sie weggerudert waren und ihre beiden Kameraden im Stich gelassen hatten, ohne weiter nach ihnen zu suchen. Aber ich gab mich damit noch nicht zufrieden; denn ich hatte jetzt mehr Mut und folglich auch mehr Neugier, nahm daher Freitag mit mir, gab ihm ein Schwert in die Hand und Pfeil und Bogen auf den Rcken, und da ich fand, da er es sehr geschickt trug, lie ich ihn auch ein Gewehr tragen. Ich selbst nahm zwei, und so wanderten wir zu dem Platz, wo diese Unmenschen gehaust hatten; denn ich wollte jetzt genaueren Bescheid ber sie haben. Aber als ich an Ort und Stelle kam, gerann mir mein Blut in den Adern, und mein Herz stand still vor Entsetzen ber den Anblick. Es war in der Tat ein furchtbares Bild, wenigstens fr mich; denn Freitag machte sich nichts draus. Der Platz war mit menschlichen Knochen best, der Boden mit Blut getrnkt, groe Stcke Fleisch lagen hier und da herum, halb gegessen, verstmmelt und verbrannt, kurzum alle Zeichen eines Freudenfestes, das sie hier nach einem Sieg ber ihre Feinde gefeiert hatten. Ich sah drei Schdel, fnf Hnde und die Knochen von drei oder vier Beinen und Fen sowie ungezhlte andere Gliedmaen. Freitag gab mir durch Zeichen zu verstehen, sie htten vier Gefangene zur Festmahlzeit hierhergebracht; drei davon seien aufgefressen, und der vierte (auf sich weisend) habe er sein sollen. Es habe eine groe Schlacht stattgefunden zwischen ihnen und ihrem Nachbarknig, zu dessen Untertanen er zu gehren schien. Sie htten viele Gefangene gemacht und alle an verschiedene Pltze gebracht, um sie als Festschmaus zu verspeisen, ebenso wie es hier geschehen war. Ich befahl Freitag, alle Schdel, Knochen und Fleisch und was sonst noch briggeblieben war zu sammeln, auf einen Haufen zu legen, ein groes Feuer darum zu machen und alles zu Asche -zu verbrennen. Ich sah, da ihm noch immer der Mund nach dem Fleisch wsserte und er, nach seiner Natur, eben noch ein Menschenfresser war. Aber ich zeigte ihm soviel Abscheu bei dem Gedanken daran, da er es nicht wagte; denn ich lie ihn deutlich merken, da ich ihn sonst niederschieen wrde. Nach verrichteter Arbeit wanderten wir zu meiner Burg zurck, und ich ging daran, Freitag einzukleiden. Erstens gab ich ihm ein Paar Leinenhosen, die ich aus der Kiste des armen Stckmeisters hatte; sie saen ihm nach einer kleinen nderung ganz gut. Danach nhte ich ihm, so gut ich konnte, ein Wams aus Ziegenfell; denn ich war allmhlich ein ganz guter Schneider geworden, und gab ihm auch eine Mtze, die ich aus Hasenfell gemacht hatte und die ihm ganz bequem und stattlich auf dem Kopf sa. So war er frs erste bedeckt und war selber sehr stolz, sich ebensogut gekleidet zu sehen wie seinen Herrn. Er stellte sich zwar anfangs sehr unbeholfen in den Sachen an, besonders die Hose war ihm sehr unbequem; die rmel der Jacke rieben ihn an den Schultern und unter den Achseln wund, und auch als ich sie ihm bequemer machte, klagte er noch, da sie ihn spannten; mit der Zeit jedoch gewhnte er sich daran und trug sie sehr gern. Am nchsten Tag berlegte ich, wo ich ihn wohnen lassen sollte. Um ihn behaglich unterzubringen und doch so, da ich nichts von ihm zu befrchten brauchte, machte ich ihm ein kleines Zelt auf dem freien Raum zwischen den beiden Befestigungen, und da von dort ein Eingang in meine Hhle fhrte, verfertigte ich einen richtigen Trrahmen und eine Tr aus Brettern, die ich etwas innerhalb des Eingangs anbrachte, und zwar so, da sie nur von innen zu ffnen war. Ich verriegelte sie bei Nacht und nahm auch meine Leitern mit hinein, so da Freitag unmglich zu mir in die innerste Mauer gelangen konnte, ohne so viel Lrm zu machen, da ich davon aufwachen mute. Denn diese meine erste Mauer hatte jetzt ein vollkommenes Dach aus den Stangen, die ich ber mein Zelt hinweg gegen die Vorderseite des Hgels gelegt und mit kleinen Zweigen und einer dicken Schicht Reisstroh berdeckt hatte, das stark wie Schilf war. An dem Loch, das ich gelassen hatte, um mit der Leiter ein- und auszusteigen, hatte ich eine Art Falltr angebracht, die mit groem Lrm herabgestrzt wre, wenn man sie von auen zu ffnen versucht htte. Meine Waffen legte ich nachts alle neben mich. Aber all dieser Vorsichtsmaregeln htte es nicht bedurft; denn niemals hat jemand einen treueren, redlicheren und liebevolleren Diener gehabt, als ich an Freitag hatte. Er kannte weder Eigensinn, Bosheit noch Hinterlist, sondern nur Pflichttreue und Demut. Er hing mit seiner ganzen Liebe an mir wie ein Kind an seinem Vater, und ich wage zu sagen, er wrde in jedem Notfall sein Leben fr das meine hingegeben haben. Die vielen Beweise, die er mir dafr gab, nahmen mir jeden Zweifel und berzeugten mich bald, da es seinetwegen keiner Vorsicht bedurfte. Dies gab mir oft Anla, staunend zu erkennen, wie es Gott in seinem Schpfungswerk gefallen hat, einen so groen Teil seiner Geschpfe zwar den besten Gebrauch ihrer Seelenkrfte zu versagen, sie aber dennoch mit derselben Vernunft und Liebe auszustatten, mit denselben Gefhlen der Freundlichkeit und Anhnglichkeit, denselben Empfindungen fr das Bse, demselben Sinn fr Dankbarkeit, Aufrichtigkeit, Treue und all den mannigfachen Fhigkeiten, Gutes zu tun und zu empfangen, die er uns Christen gegeben hat; und da sie, wenn es ihm gefllt, ihnen Gelegenheit zur Ausbung dieser Fhigkeiten zu bieten, genau so bereit wie wir, ja bereiter als wir sind, den rechten Gebrauch davon zu machen. Und ich wurde manchmal ganz traurig, wenn ich daran dachte, wie schlecht wir diese Gaben oft anwenden, obgleich wir uns nicht durch unseren Verstand, sondern auch durch das groe Licht der Erkenntnis, durch Gottes Geist und durch die Offenbarung seines Wortes dieser Krfte bewut sein sollten. Warum also, fragte ich mich immer wieder, hat es Gott gefallen, diese rettende Erkenntnis so vielen Millionen Seelen vorzuenthalten, die, wenn ich nach diesem armen Wilden urteilen darf, einen viel besseren Gebrauch davon machen wrden als wir? Auf diese Weise wurde ich manchmal dazu verfhrt, mich allzuweit in das Hoheitsgebiet der Vorsehung vorzuwagen und gleichsam Klage zu erheben gegen eine so willkrliche Ordnung der Dinge, die das Licht vor einigen verbarg und es anderen offenbarte und dennoch von beiden die gleiche Pflichterfllung erwartete. Aber ich stand davon ab und gebot meinen Gedanken Einhalt, mit dem Schlu, erstens, da wir ja nicht wissen, nach welchem hheren Plan und Gesetz diese verurteilt sind, sondern da, da Gott notwendig und seinem Wesen nach unaussprechlich heilig und gerecht ist, es nicht anders sein kann, als da wenn diese Geschpfe zum Fernsein von ihm verurteilt sind, sie es deshalb sind, weil sie gegen jenes Licht gesndigt hatten, das, wie die Schrift sagt, sich selber Gesetz ist, und nach Regeln, die ihre Gewissen als gerecht anerkennen wrden, obwohl der Grund uns verborgen ist. Und zweitens, da wir alle Ton in der Hand des Tpfers sind und daher kein Gef zu ihm sagen kann: Warum hast du mich so geformt? Doch nun zurck zu meinem Gefhrten. Ich hatte meine rechte Freude an ihm und gab mir Mhe, ihm allerhand beizubringen, damit er mir ntzlich und behilflich sein und vor allem mit mir sprechen und mich verstehen knnte, wenn ich zu ihm redete. Und er war der gelehrigste Schler, den es je gegeben hat; er war so frhlich, so fleiig und freute sich selber so, wenn er mich verstehen oder sich verstndlich machen konnte, da es eine Lust fr mich war, mit ihm zu reden. Das Leben wurde mir nun wieder lieb, und ich sagte jetzt oft zu mir selbst: Wenn ich nur vor den ndern Wilden sicher wre, so wollte ich mein Lebtag nicht danach fragen, je wieder diesen Ort zu verlassen. Zwei oder drei Tage, nachdem ich in meine Burg zurckgekehrt war, beschlo ich, um Freitag von seiner schrecklichen Nahrungsweise abzubringen, ihn anderes Fleisch kosten zu lassen. Also nahm ich ihn eines Morgens mit in den Wald, mit der Absicht, eine meiner zahmen Ziegen zu tten, heimzubringen und zuzubereiten; unterwegs aber sah ich eine wilde Ziege im Schatten mit ihren beiden Jungen liegen. Ich packte Freitag am Arm, sagte: Halt, steh still! und machte ihm Zeichen, sich nicht zu rhren. Dann legte ich an und scho eines der Jungen. Der arme Kerl, der mich zwar aus weiter Entfernung einen der Wilden hatte tten sehen, ohne aber zu begreifen, wie es zuging, erschrak des Todes, zitterte und bebte und schaute so entsetzt drein, da ich dachte, er wrde zu Boden strzen. Er halte das Kitz nicht gesehen, auch nicht gemerkt, da ich es gettet hatte, sondern ri sein Wams auf, um zu fhlen, ob er nicht verwundet sei, und war offenbar berzeugt, da ich ihn tten wolle: denn er kniete vor mir nieder, umklammerte meine Knie und stammelte allerhand Kauderwelsch, das ich nicht verstand, aus dem ich jedoch die Bitte heraushrte, ich solle sein Leben schonen. Ich machte ihm bald begreiflich, da ich ihm nichts tun wolle; ich nahm ihn bei der Hand, lachte ihm zu, zeigte ihm das tote Kitz und hie es ihn herholen, was er denn auch tat. Indes er sich noch verwunderte und hin- und herschaute, wie ich wohl das Tier gettet htte, lud ich mein Gewehr von neuem, da ich einen groen Vogel, eine Art Habicht, in Schuweite auf einem Baum sitzen sah. Damit Freitag nun verstnde, was ich tun wollte, rief ich ihn zu mir und wies auf den Vogel, der in Wahrheit nur ein Papagei war, obgleich ich ihn fr einen Habicht gehalten hatte. Ich wies also, sage ich, auf den Papagei, dann auf mein Gewehr und die Stelle am Boden unter dem Papagei, um ihm begreiflich zu machen, da ich den Vogel herunterschieen und tten wrde. Gleich darauf gab ich Feuer, und er sah den Papagei fallen. Er stand wiederum ganz verdonnert da, als htte er von all meinem Anschauungsunterricht nichts begriffen. Ja, er war diesmal eher noch erstaunter, weil er mich nichts in mein Gewehr hatte hineintun sehen und daher dachte, es msse irgendein Tod und Vernichtung speiendes Zauberwesen darin sein, das Menschen, Tiere, Vgel und alles, was kreucht und fleucht, ob nah oder fern, tten knne. Sein Erstaunen war so gro, da er sich lange Zeit nicht davon erholen konnte, und ich glaube, wenn ich ihn dabei gelassen htte, wrde er mich und mein Gewehr angebetet haben. Das Gewehr getraute er sich noch mehrere Tage danach nicht anzurhren, wohl aber sprach und schwatzte er mit ihm, wenn er allein war, als wenn es ihm antworten knnte, was jedoch, wie ich spter erfuhr, nur eine Bitte an die Flinte war, sie mchte ihn doch nicht tten. Nachdem sein Schrecken ein wenig verflogen war, hie ich ihn den Vogel holen. Er lief hin, blieb aber eine Weile aus, da der Papagei nicht ganz tot und noch ein ziemliches Stck von der Stelle weggeflattert war. Endlich fand er ihn jedoch, hob ihn auf und brachte ihn mir. Da ich nun vorher seinen Aberglauben an die Wunderkraft des Gewehres wahrgenommen hatte, benutzte ich die Zwischenzeit, um es heimlich aufs neue zu laden, so da ich nun wieder einen Schu auf der Pfanne hatte. Fr diesmal kam mir aber nichts mehr vor den Lauf. So brachte ich das Kitz heim, zog ihm am Abend das Fell ab. weidete es aus, so gut ich konnte, kochte oder schmorte ein Stck davon in meinem Topf und machte eine sehr gute Kraftbrhe. Nachdem ich etwas gegessen hatte, gab ich meinem Burschen davon zu kosten. Er zeigte sich sehr erfreut darber, und es schien ihm zu schmecken. Nur machte er groe Augen darber, da ich Salz dazu a. Er deutete mir durch Zeichen an, es sei nicht gut, Salz zu essen; er nahm etwas davon in den Mund, tat, als ekelte ihn davor, spuckte es aus und splte sich den Mund mit frischem Wasser. Darauf nahm ich etwas Fleisch ohne Salz in den Mund und tat gleichfalls, als ob ich es ausspucken mte. Aber das half nichts; er gewhnte sich nie an Salz, und wenn er spter schlielich doch davon nahm, war es immer nur sehr wenig. Nachdem ich ihn so mit gekochtem Fleisch und Brhe gefttert hatte, beschlo ich, ihn am nchsten Tage mit einem Stck Kitzbraten zu traktieren. Zu dem Ende hing ich das Fleisch an einer Schnur ber das Feuer, wie ich es oft in England gesehen hatte, und zwar befestigte ich auf jeder Seite des Feuers einen Stecken, legte einen dritten quer darber und band die Schnur daran, so da das Fleisch sich fortwhrend drehte. Dies bewunderte Freitag sehr, und als er von dem Fleisch gekostet hatte, suchte er mir auf alle mgliche Art deutlich zu machen, wie gut es ihm schmeckte. Schlielich beteuerte er mir, er wolle nie wieder Menschenfleisch essen, was ich mit Freuden hrte. Am nchsten Tage lie ich ihn etwas Korn ausklopfen und auf meine gewohnte Art durchsieben. Er machte es sehr bald ebensogut wie ich, besonders nachdem er begriffen hatte, wozu das geschah; denn ich lie ihn zuschauen, wie ich mein Brot machte und buk. Und nach kurzer Zeit war Freitag so weit, da er alle Arbeiten ebensogut wie ich selber fr mich verrichten konnte. Ich berlegte mir nun, da ich jetzt zwei Muler anstatt eines zu stopfen hatte und daher mehr Boden umgraben und mehr Korn aussen mute als bisher. Also umzunte ich ein greres Feld in derselben Weise wie zuvor, wobei mir Freitag nicht nur sehr willig und eifrig, sondern auch sehr geschickt half. Ich sagte ihm, es geschehe, um mehr Korn zu pflanzen, weil ich jetzt mehr Brot fr ihn und fr mich brauchte. Er zeigte sich sehr gerhrt darber und gab mir zu verstehen, es tue ihm leid, da ich nun seinetwegen mehr Arbeit htte als fr mich allein und da er dafr um so fleiiger arbeiten wolle; ich solle ihm nur alles befehlen. Dies war das schnste Jahr von allen,die ich auf dieser Insel verbrachte. Freitag fing an, ganz leidlich zu sprechen, und verstand die Namen fast aller Dinge, ber die ich mit ihm zu sprechen Gelegenheit hatte, und jedes Ortes, an den ich ihn schickte. Auch schwatzte er viel mit mir, so da meine eigene Zunge wieder gelenkig wurde, die lange geruht halte. Auer dem Vergngen, mit ihm zu sprechen, hatte ich auch meine Freude an dem Burschen selber. Seine einfache, ungeheuchelte Ehrlichkeit offenbarte sich mir von Tag zu Tag mehr, und ich fing an, ihn wirklich zu lieben, wie auch ich ihm, glaube ich, lieber war als jemals etwas in seinem ganzen Leben. Eines Tages wollte ich ihn auf die Probe stellen, ob er wohl noch irgendwelche Sehnsucht nach seinem eigenen Lande htte; und da er inzwischen so viel Englisch gelernt hatte, da er mir fast alles beantworten konnte, fragte ich ihn, ob der Volksstamm, zu dem er gehrte, niemals in einer Schlacht gesiegt habe. Darauf lchelte er und sagte: Ja, ja. Kmpfen immer besser. Hiermit wollte er sagen, sie blieben immer Sieger. So entspann sich folgender Dialog: Ihr kmpft immer besser! sagte ich. Wie kommt es dann, da du gefangen wurdest, Freitag? Freitag: Mein Volk dafr schlug sie sehr. Ich: Wie schlug? Wenn dein Volk sie schlug, wie wurdest du dann gefangengenommen? Freitag: Sie mehr waren an dem Ort, wo ich war. Nahmen ein, zwei, drei und mich. Mein Volk schlug sie an einem ndern Ort, wo ich nicht war. Dort mein Volk nahm ein, zwei groe Tausend. Ich: Aber warum befreiten deine Leute dich nicht aus den Hnden deiner Feinde? Freitag: Liefen fort mit eins, zwei, drei und mir, machten uns in die Kanoes gehen. Mein Volk keine Kanoes damals. Ich: Gut, Freitag, was machte denn dein Volk mit den Feinden, die es gefangennahm? Schleppten sie sie fort und aen sie, wie die andern es taten? Freitag: Ja, mein Volk essen auch Menschen, essen alle. Ich: Wo bringen sie sie hin? Freitag: Bringen sie zu anderem Ort. Ich: Kommen sie auch hierher? Freitag: Ja, ja, kommen hier, kommen anderen Ort. Ich: Bist du auch einmal mit ihnen hier gewesen? Freitag: Ja, hier gewesen. Er zeigte nach dem Nordwesten der Insel, was offenbar ihre Seite war. Ich verstand daraus so viel, da mein Mann, Freitag, auch unter den Wilden gewesen war, die auf die andere Seite der Insel zu kommen pflegten, um ihre kannibalische Mahlzeit zu halten. Einige Zeit spter, als ich mir ein Herz fate und ihn auf die andere Seite fhrte, erkannte er sogleich die Stelle wieder und sagte, hier sei er einmal gewesen, als sie zwanzig Mnner, zwei Frauen und ein Kind aufgefressen htten. Er konnte zwanzig nicht auf englisch sagen, aber er legte ebenso viele Steine in eine Reihe und lie mich zhlen. Ich habe dies nur erzhlt, weil es zum folgenden berleitet. Ich fragte ihn nmlich nach diesem Gesprch, wie weit es von unserer Insel bis zum Festland sei und ob nicht oft Kanoes unterwegs untergingen. Er sagte, da sei keine Gefahr, kein Kanoe sei jemals untergegangen; aber etwas weiter drauen in der See sei eine Strmung und immer Wind, am Morgen von hier, am Nachmittag von dort. Ich glaubte zuerst, er meinte nichts anderes als das Einsetzen von Ebbe und Flut. Spter jedoch erfuhr ich, da es sich um den starken Ausflu des mchtigen Stromes Orinoko handelte -in dessen Mndung unsere Insel lag, und da das Land, das ich im Westen und Nordwesten gesichtet halte, die groe, nrdlich von der Strommndung gelegene Insel Trinidad war. Ich fragte Freitag tausenderlei ber das Land, die Bewohner, die See, die Kste und was fr Vlker dort in der Nachbarschaft hausten. Er sagte mir alles, was er wute, mit der allergrten Offenheit. Ich fragte ihn nach den Namen der verschiedenen Vlker und Menschenarten, aber konnte nichts anderes aus ihm herausbringen als das Wort Kribs, woraus ich leicht entnahm, da er Kariben meinte, die nach unseren Landkarten von der Mndung des Orinoko bis Guinea und weiter bis St. Martha leben. Er erzhlte mir, da weit ber den Mond hinaus, womit er wohl den Monduntergang im Westen seines Landes meinte, weie brtige Mnner lebten gleich mir (dabei deutete er auf meinen langen Knebelbart) und da sie viele Menschen gettet htten. Daraus entnahm ich, da er die Spanier meinte, deren Grausamkeiten damals in der ganzen Welt berchtigt waren und bei allen Vlkern vom Vater auf den Sohn zum abschreckenden Andenken weitererzhlt wurden. Ich fragte ihn, ob er mir zu sagen vermchte, wie ich von der Insel fortkommen und zu jenen weien Menschen gelangen knnte. Er rief: ja, ja, ich knne in zwei Kanoes gehen. Ich konnte nicht begreifen, was er mit zwei Kanoes meinte, bis ich endlich mit vieler Mhe herausbekam, da er ein sehr groes Boot, so gro wie zwei Kanoes, meinte. Dieser Teil meines Gesprches mit Freitag befriedigte mich sehr, und von der Zeit an blhte mir die Hoffnung wieder auf, da ich eines Tages doch noch eine Gelegenheit finden wrde, um von der Insel zu entkommen, und da dieser arme Wilde mir vielleicht dazu verhelfen knnte. All die Zeit ber, seit Freitag nun bei mir war und mit mir zu reden gelernt hatte, war ich bemht gewesen, einen Keim zur Erkenntnis Gottes in ihm zu pflanzen. Einmal fragte ich ihn, wer ihn erschaffen habe. Der arme Tropf verstand mich gar nicht, sondern meinte, ich htte ihn gefragt, wer sein Vater sei. Ich griff es darauf von einer anderen Seite an und fragte ihn, wer das Meer gemacht htte, den Boden, auf dem er ging, die Hgel und Wlder. Er sagte mir, es gebe einen alten Mann, namens Benamucki, der lnger als alles andere lebe. Er konnte nichts Nheres ber diese groe Persnlichkeit berichten, nur, da er sehr alt sei, viel lter, sagte er, als Meer und Land, Mond und Sterne. Ich fragte ihn, wenn dieser alte Mann alle Dinge gemacht habe, warum ihn dann nicht alle anbeteten. Er machte ein sehr ernstes Gesicht und versetzte mit einem ganz unschuldigen Blick: Alle sagen O! zu ihm. Ich fragte ihn, ob die Leute, die in seinem Lande strben, irgendwo hingingen. - Er sagte: Ja, sie gehen alle zu Benamucki. Dann fragte ich ihn, ob die. die sie auffren, auch zu ihm kmen. Er sagte ja. Von da an begann ich, ihn in der Erkenntnis des wahren Gottes zu unterweisen. Ich sagte zu ihm, da der groe Schpfer aller Dinge dort oben lebe, und deutete dabei zum Himmel; da er die Welt mit eben der Macht und Weisheit regiere, mit der er sie erschaffen habe; da er allmchtig sei und uns alles geben und nehmen knne, und ffnete ihm auf solche Weise allmhlich die Augen. Er hrte mit groer Aufmerksamkeit zu und nahm mit Freude die Botschaft in sich auf, da Jesus Christus gesandt worden sei, uns zu erlsen und uns zu lehren, auf welche Art wir zu Gott beten mten, damit er uns droben im Himmel erhre. Er sagte mir eines Tages, wenn Gott uns bis ber die Sonne hinaus hren knne, so msse er ein grerer Gott sein als ihr Benamucki, der viel nher lebe und sie doch nicht hren knne, wenn sie nicht zuvor auf die groen Berge hinaufstiegen, wo er wohne. Ich fragte ihn, ob er je dorthin gegangen sei, um mit ihm zu sprechen. Er sagte: nein, es gingen niemals junge Leute dorthin, sondern nur die alten Mnner, die sie Oowookakee nannten, und womit sie ihre Geistlichen oder Priester meinten. Diese gingen hinauf, um O! zu sagen (er meinte, um zu beten), und kmen dann wieder zurck und erzhlten ihnen, was Benamucki gesagt habe. Daraus ersah ich, da Pfaffenlist selbst bei den blindesten, unwissendsten Heiden der Welt im Schwange ist und da der schlaue Kniff, einen Geheimkult zu schaffen, um das Volk in Ehrfurcht vor der Priesterschaft zu erhalten, sich nicht nur in der rmischen, sondern vielleicht in allen Religionen der Welt findet, selbst bei den rohesten und barbarischsten Wilden. Ich bemhte mich, meinem Mann, Freitag, ber diesen Betrug die Augen zu ffnen, und sagte ihm, das Vorgeben dieser Alten, auf die Berge zu steigen, um zu ihrem Gott Benamucki O! zu sagen, sei eine Lge, und die Antworten, die sie von dort brchten, erst recht; und wenn sie dort wirklich mit jemandem sprchen und eine Antwort bekmen, so knne es nur ein bser Geist sein. Und nun geriet ich mit ihm in eine lange Unterredung ber den Teufel, seinen Ursprung, seinen Aufruhr gegen Gott, seine Feindschaft gegen die Menschen und ihre Ursache; ber sein Unterfangen, sich im Reiche der Finsternis einen Thron zu errichten, um sich an Gottes Stelle und als Gott anbeten zu lassen; ber die vielen Kriegslisten, die er anwende, um die Menschheit in den Untergang zu locken, und wie er heimlichen Zugang zu unseren Gemtsregungen und Leidenschaften habe und seine Fallstricke unseren Neigungen so anzupassen wisse, da wir selbst zu unseren Versuchern wrden und aus eigener Wahl in unser Verderben liefen. Ich fand es schwieriger, seinem Gemt den rechten Begriff vom Teufel einzuprgen als zuvor vom Dasein eines Gottes. Die Natur der Dinge selbst hatte mir geholfen, ihn die Notwendigkeit einer ersten groen Ursache, einer alles beherrschenden Macht und heimlich lenkenden Vorsehung zu beweisen und da es nur billig und gerecht sei, dem. der uns alle geschaffen. Huldigung zu erweisen, und dergleichen mehr. Aber alles das besagte nichts fr den Begriff von einem bsen Geist, fr seinen Ursprung und sein Wesen und vor allem seine Neigung, Bses zu tun und auch uns dazu zu verfhren; und einmal brachte mich der arme Bursche durch eine ganz natrliche und unschuldige Frage so in Verlegenheit, da ich kaum wute, was ich ihm erwidern sollte. Ich hatte ihm lang und breit von der Allmacht Gottes und seinem furchtbaren Zorn wider die Snde gesprochen und da er ein verzehrendes Feuer sei fr alle beltter und uns und die ganze Welt, die er geschaffen, in einem Augenblick zerstren knne, und Freitag hatte mir die ganze Zeit mit tiefem Ernst zugehrt. Danach hatte ich ihm geschildert, wie der Teufel Gottes Feind in den Herzen der Menschen sei und alle seine Bosheit und Geschicklichkeit aufwende, die guten Absichten der Vorsehung zunichte zu machen und Christi Reich in der Welt zu zerstren, und dergleichen. Gut, sagt Freitag, aber du sagen, Gott ist so stark, so gro, ist er nicht viel mehr stark, viel mehr mchtig als der Teufel? - Ja, ja, sagte ich, Freitag, Gott ist strker als der Teufel, Gott steht ber dem Teufel, und darum beten wir zu Gott, er mge ihn unter seine Fe treten und uns fhig machen, seinen Versuchungen zu widerstehen und seine feurigen Pfeile zu lschen. - Aber, sagt er wieder, wenn Gott viel mehr stark, viel mehr mchtig als der Teufel, warum Gott nicht Teufel totmachen? Teufel dann nicht mehr Schlechtes tun. ber diese Frage war ich hchst verdutzt; denn obwohl ich bereits ein aller Mann war, war ich doch nur ein junger Theologe und in der Dialektik und der Auflsung schwieriger Fragen wenig bewandert. Im ersten Augenblick wute ich nicht, was ich sagen sollte, und so tat ich. als htte ich ihn nicht verstanden, und fragte, was er gesagt habe. Aber er war zu begierig auf eine Antwort, als da er seine Frage vergessen htte. Er wiederholte sie mit denselben gebrochenen Worten. Mittlerweile hatte ich mich ein wenig gefat und gab ihm den Bescheid: Gott wird ihn zu guter Letzt doch noch bestrafen. Er bleibt bis zum Jngsten Gericht aufbehalten, wo er dann in die bodenlose Tiefe geworfen und zum ewigen Feuer verdammt werden wird. Dies befriedigte Freitag nicht. Er wandte sich zu mir, wiederholte meine Worte und sagte: Bis zuletzt! ich nicht verstehen; warum Teufel nicht jetzt totmachen, lange vorher?-Du kannst ebensogut fragen, sagte ich, warum Gott dich und mich nicht ttet, denn wir tun auch bse Dinge, die ihn erzrnen; wir bleiben aber am Leben, damit wir bereuen und uns danach vergeben wird. Hierber dachte er eine Weile nach. Gut, gut, sagte er sehr erfreut, das ist gut, so Ihr, ich, Teufel, alle schlecht, alle bleiben, bereuen, Gott allen vergeben. Da war ich wieder ganz aus dem Text gebracht, und ich ersah daraus, wie das bloe natrliche Denken ein vernnftiges Geschpf zwar zu der Erkenntnis fhren kann, da es einen Gott gibt und unserer Natur nach notwendig geben mu und da dem hchsten Wesen Verehrung und Anbetung gebhrt; wie jedoch nichts als gttliche Offenbarung die Erkenntnis von Jesus Christus als unserem Erlser, als einem Mittler des neuen Bundes und Frsprecher an Gottes Thron - ich sage, wie nichts als eine Offenbarung vom Himmel her dies in der Seele zu erwecken vermag, und da daher das Evangelium unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, ich meine das Wort Gottes und der Geist Gottes, der seinem Volk als Fhrer und Heiligmacher verheien ist, die unentbehrlichen Lehrer der Menschenseelen sind, die sie allein in der Erkenntnis Gottes und in den Heilsmitteln zu berweisen vermgen. Ich brach daher diese Unterhaltung ab und stand schnell auf, als wenn mir pltzlich einfiele, da ich noch ausgehen msse. Dann schickte ich ihn nach irgend etwas sehr weit weg und betete instndig zu Gott, er mge mich doch tchtig machen, diesen armen Wilden zu unterweisen und zu erretten, und durch seinen heiligen Geist dem Herzen des armen, unwissenden Geschpfes beistehen, das Licht der Erkenntnis Gottes in Christo zu empfangen, und mge mich leiten, so zu ihm von Gottes Wort zu reden, da sein Gewissen davon gerhrt, seine Augen geffnet und seine Seele gerettet wrde. Als er wieder zu mir kam, begann ich ein langes Gesprch mit ihm ber die Erlsung des Menschen durch den Heiland der Welt und die vom Himmel her gepredigte Lehre des Evangeliums von der Reue vor Gott und dem Glauben an unseren gesegneten Herrn Jesus. Dann erklrte ich ihm, so gut ich konnte, weshalb unser gesegneter Erlser nicht die Gestalt der Engel, sondern die Gestalt des Samens Abrahams angenommen habe, und wie aus diesem Grunde die gefallenen Engel nicht Teil an der Erlsung htten, sondern da er allein zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gekommen sei. und so fort. Gott wei, ich hatte bei all meinen Bekehrungsversuchen mehr guten Willen als Gelehrsamkeit, und ich mu bekennen, da es mir dabei erging, wie es, glaube ich, im gleichen Falle allen ergeht. Indem ich ihm nmlich alles erklrte, wurde mir selbst vieles erst richtig klar, was ich vorher nicht gewut oder nicht richtig bedacht hatte, was mir aber nun, whrend ich zur Unterweisung dieses armen Wilden mich darin vertiefte, ganz von selbst sich darbot; und ich hatte mehr Freude am Nachdenken ber vieles als je zuvor, so da ich allen Grund hatte, dafr dankbar zu sein, da dieses arme, wilde Geschpf zu mir gekommen war. Mein Kummer lastete leichter auf mir, und meine Behausung wurde mir ber die Maen lieb und traulich. Und wenn ich bedachte, da ich in diesem einsamen Dasein, zu dem ich verurteilt war, nicht nur selber dazu gebracht worden war, zum Himmel empor zu schauen und nach der Hand zu fragen, die mich hierhergefhrt hatte, sondern jetzt auch noch zum Werkzeug erkoren worden war, das Leben und, soviel ich sehen konnte, auch die Seele eines armen Wilden zu erretten und ihm zu wahrer Kenntnis der christlichen Religion und Lehre zu verhelfen, so da er Jesum Christum erkennen konnte, den zu erkennen das ewige Leben bedeutet - ich sage, wenn ich das alles bedachte, so durchstrmte eine heimliche Freude meine ganze Seele, und ich frohlockte darber da ich hierher verschlagen worden war, was mir doch so oft als das schrecklichste Unglck erschienen war, das mich je htte befallen knnen. In so dankbarer Stimmung verblieb ich die ganze Zeit, und das Verhltnis zwischen Freitag und mir war so, da uns die drei Jahre, die wir hier miteinander verlebten, in ungetrbtem Glck vergingen, wenn anderes vollkommenes Glck hienieden auf Erden mglich ist. Der Wilde war nun allmhlich ein guter Christ geworden, ein viel besserer als ich, obgleich ich Grund habe zu hoffen und Gott dafr zu danken, da wir beide gleichermaen des Trostes der Bue teilhaftig waren. Wir hatten Gottes Wort zum Lesen und waren seinem Geiste ebenso nahe, als wenn wir in England gewesen wren. Wenn ich ihm aus der Bibel vorlas, bemhte ich mich immer, ihm, so gut ich konnte, den Sinn des Gelesenen zu erklren, und er wiederum machte mich durch seine ernsthaften Fragen, wie schon gesagt, zu einem viel besseren Bibelforscher, als ich es je geworden wre, wenn ich allein fr mich gelesen htte. Noch etwas anderen aus der Erfahrung dieses meines zurckgezogenen Lebens kann ich mich nicht enthalten, hier zu erwhnen, nmlich, was fr ein unendlicher, unaussprechlicher Segen es ist, da das Wissen von Gott und von der Lehre der Erlsung durch Jesus Christus so schlicht und einfach im Worte Gottes niedergelegt ist, so leicht aufzufassen und zu verstehen, da das bloe Lesen der Schrift mich befhigte, meine Pflicht genugsam zu begreifen: die Pflicht, geradenwegs an das groe Werk aufrichtiger Reue ber meine Snden heranzugehen, mich einem Heiland und Fhrer zum ewigen Leben und zur Erlsung anheimzugeben und so zu einer vlligen Bekehrung in all meinem Tun und zum Gehorsam gegen alle Gebote Gottes zu gelangen; und dies ohne jeden Lehrer und Unterweiser - ohne jeden menschlichen, meine ich. Und so gengte auch jetzt wieder dieselbe schlichte Unterweisung, um diesen armen Wilden zu erleuchten und ihn zu einem so guten Christen zu machen, wie ich ihrer wenige in meinem Leben gekannt habe. Was all den Streit und Hader betrifft, der in der Welt um der Religion willen sich erhoben hat, alle die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Lehrer oder Fragen des Kirchenregiments, so waren sie vllig nutzlos fr uns, wie sie ja auch, soviel ich bis jetzt sehe, fr die brige Welt vllig nutzlos gewesen sind. Wir haben den sicheren Fhrer zum Himmelreich, nmlich das Wort Gottes, und hatten, Gott sei gesegnet, die trstliche Gewiheit, da der Geist Gottes uns durch sein Wort lehrte und unterwies und zur einzigen Wahrheit fhrte und uns beide gehorsam und willig machte, sein Wort aufzunehmen; und ich kann nicht den geringsten Nutzen sehen, den es fr uns gehabt htte, wenn wir auch noch soviel von den religisen Streitfragen gewut htten, die so viel Verwirrung in der Welt angerichtet haben. Aber ich mu nun in dem erzhlenden Teil meiner Geschichte fortsetzen und alles der Reihe nach vornehmen. Als Freitag und ich uns besser kennengelernt hatten und er fast alles verstehen konnte, was ich zu ihm sagte, und gelufig, wenn auch in gebrochenem Englisch, sprach, erzhlte ich ihm meine eigene Geschichte oder wenigstens, wie ich hierhergekommen war und bis jetzt hier gelebt hatte. Ich fhrte ihn in die Geheimnisse von Pulver und Blei ein und lehrte ihn schieen. Ich gab ihm ein Messer, ber das er entzckt war, und machte ihm einen Grtel mit einer Lederschlaufe daran und steckte ihm ein Beil darein, das ihm als Waffe und auch fr andere Zwecke dienen sollte. Ich beschrieb ihm die europischen Lnder, besonders meine Heimat England, wie wir dort lebten, wie wir Gottesdienst hielten, wie wir miteinander verkehrten und in Schiffen nach allen Teilen der Welt Handel trieben. Ich beschrieb ihm das Wrack, auf dem ich gewesen war, und zeigte ihm, so gut ich konnte, die Stelle, wo es lag. Es war lngst ganz zerborsten und untergegangen. Ich zeigte ihm die Trmmer unseres Bootes, das wir bei unserem Rettungsversuch verloren hatten und das ich mit all meinen Krften nicht hatte von der Stelle bringen knnen. Es war nun auch ganz zerfallen. Als Freitag dieses Boot sah, sann er eine lange Weile nach, aber sagte nichts. Ich fragte ihn, worber er nachdchte. Schlielich sagte er: Ich haben gesehen solches Boot zu mein Volk kommen. Ich verstand ihn erst nicht; aber als ich lnger in ihn drang, begriff ich, es sei ein solches Boot an die Kste seines Vaterlandes durch Sturm verschlagen worden. Mir wurde pltzlich klar, es msse irgendein europisches Schiff dort gestrandet und das Boot ans Ufer getrieben worden sein, war aber so schwerfllig, nicht daran zu denken, ob vielleicht Menschen aus dem Wrack darauf entkommen seien, sondern fragte ihn nur. wie das Boot denn ausgesehen habe. Freitag beschrieb es mir so leidlich, und ich verstand ihn noch besser, als er mit einiger Bewegung hinzufgte: Wir weie Menschen vom Ertrinken gerettet ! Sogleich fragte ich ihn, ob weie Menschen, wie er sie nannte, in dem Boot gewesen seien. Ja, sagte er, das Boot voll weie Menschen. Auf meine Frage, wie viele es gewesen seien, 'zhlte er an den Fingern siebzehn, und als ich weiter fragte, was aus ihnen geworden sei, sagte er: Sie wohnen bei mein Volk. Dies brachte mir wieder neue Gedanken in den Kopf; denn es fuhr mir pltzlich durch den Sinn, das knnten vielleicht die Leute von dem Schiff gewesen sein, das im Angesicht meiner Insel gescheitert war, so da sie, als das Schiff auf die Klippe geraten und rettungslos verloren war, sich in ihrem Boot gerettet haben und an der den Kste bei den Wilden gelandet waren. Ich fragte ihn also noch eindringlicher, was aus ihnen geworden sei. Er versicherte mir. sie lebten noch dort seit ungefhr vier Jahren; die Wilden lieen sie allein und gben ihnen Lebensmittel. Ich fragte ihn, wie es denn komme, da sie sie nicht gettet und gefressen htten. Er sagte: nein, sie machten Brder aus ihnen; das sollte, soviel ich verstand, heien, sie schlssen einen Waffenstillstand mit ihnen. Er fgte noch hinzu: Sie essen nur Mnner, wenn Krieg sie schlgt, was sagen will, sie aen nur die Feinde, mit denen sie gekmpft und die sie in der Schlacht gefangengenommen hatten. Einige Zeit spter befanden wir uns auf dem Hgel an der Ostseite, von wo ich, wie frher berichtet, an einem klaren Tag das Festland von Amerika erblickt hatte. Da ganz helles Wetter war, sphte Freitag sehr scharf nach dem Festland hinber, und pltzlich fing er an, vor Freude zu springen und zu tanzen, und rief mich, da ich etwas abseits stand. Ich fragte ihn: Was ist los? - O Freude! schrie er. O Glck! Da sehen mein Land! Da mein Volk! Ich sah die unbndige Freude in seinem Gesicht; seine Augen funkelten, und aus seinen Gebrden sprach eine seltsame Aufregung, als ob er es vor Sehnsucht nach seinem Lande kaum aushaken knnte. Das gab mir viel zu denken. Freitag kam mir nicht mehr so verllich vor wie bisher, und ich glaubte, mit einemmal zu durchschauen, da er, wenn er wieder zurck zu seinem Volke kme, nicht nur seinen neuen Glauben, sondern auch seine ganze Liebe zu mir vergessen wrde. Ja. vielleicht wrde er nichts Eiligeres zu tun haben, als seinen Brdern von mir zu erzhlen und dann mit ein- oder zweihundert von ihnen zurckzukehren, um sich einen Festschmaus aus mir zu braten, bei dem er ebenso frhlich sein wrde wie zuvor beim Schlachten der Kriegsgefangenen. Aber ich tat dem armen, ehrlichen Burschen bitter unrecht, was ich nachher heftig bereute. Doch da mein Argwohn zunchst immer mehr wuchs und wochenlang anhielt, so war ich vorsichtiger und nicht mehr so vertraulich und freundlich zu ihm wie bisher, was, wie gesagt, sehr unrecht von mir war, da der ehrliche, dankbare Bursche mit keinem Gedanken daran dachte, sondern vom besten Willen erfllt war, sowohl als frommer Christ wie als dankbarer Freund, wie sich spter zu meiner vollen Beruhigung herausstellte. Solange jedoch mein Argwohn wach war, fragte ich ihn tglich aus, um irgend etwas von seinen neuen Absichten aus ihm herauszubringen. Aber alles, was er sagte, war so ehrlich und unschuldig, da mein Mitrauen nicht die geringste Nahrung erhielt. Und so wurde ich trotz all meiner Besorgnis doch schlielich wieder ganz der seine, besonders da er selber von meinem Argwohn nichts gemerkt hatte und also auch nicht die Absicht haben konnte, mich zu berlisten. Als wir eines Tages wieder auf denselben Hgel stiegen, die Luft aber so dunstig ber dem Meer lag, da wir das Festland nicht sehen konnten, rief ich ihn und fragte ihn: Freitag mchtest du nicht gern wieder in deinem Lande sein, bei deinem Volk? - Ja, sagte er, o ich so froh sein bei mein Volk! - Was wrdest du dort tun ? fragte ich weiter, wrdest du wieder Menschenfleisch essen und ein Wilder sein, wie du es vorher warst? Er blickte mich ganz bestrzt an, schttelte seinen Kopf und sagte: Nein, nein, Freitag ihnen sagen, wie gut leben; ihnen sagen zu Gott beten, ihnen sagen Kornbrot essen. Tierfleisch und Milch, niemals wieder Menschfleisch essen.-Wenn sie dich dann aber tten? fragte ich. Darauf blickte er ganz ernst drein und sagte: Nein, sie mich nicht tten, sie gern Liebe lernen. Er fgte hinzu, sie lernten viel von den brtigen Mnnern, die in dem Boot gekommen seien. Auf meine Frage, ob er Lust htte, zu ihnen zurckzugehen, lachte er und sagte, da er nicht so weit schwimmen knne. Ich erwiderte, da ich ein Kanoe fr ihn machen wrde. Er sagte, da er gehen wolle, wenn ich mit ihm ginge. Wenn ich gehe, versetzte ich, werden sie mich essen.-Nein, nein! rief er, ich nicht lassen Euch essen, ich sie machen Euch lieben. Er meinte, er wrde ihnen erzhlen, wie ich seine Feinde gettet und sein Leben gerettet htte, und so wrden sie mich durch ihn lieben. Dann beschrieb er mir, so gut er konnte, wie freundlich sie gegen die siebzehn weien oder brtigen Mnner seien, die in Not an ihre Kste gekommen wren. Von da an, gestehe ich, hatte ich groe Lust, mich hinberzuwagen, um zu sehen, ob ich mich nicht mit den brtigen Mnnern zusammentun knnte, die, wie ich nicht zweifelte, Spanier oder Portugiesen waren. Ich hoffte zuversichtlich, da wir Mittel und Wege finden wrden, um von dort wegzukommen, da wir ja auf dem Festland und noch dazu eine ganze Gesellschaft zusammen wren. Jedenfalls mute es leichter sein als hier, wo ich 40 Meilen weit von der Kste und ohne Beistand war. Nach ein paar Tagen sprach ich wieder mit Freitag ber dieses Thema und sagte, ich wollte ihm ein Boot geben, damit er zu seinem Volk zurckfahren knne. Ich fhrte ihn zu meinem kleinen Boot auf der anderen Seite der Insel, schpfte das Wasser aus und setzte mich mit ihm hinein. Er wute es so geschickt zu rudern und lie es so geschwind und schnell laufen, wie ich es auch nicht besser gekonnt htte. Als er darin sa, sagte ich zu ihm: Nun, Freitag, wollen wir zu deinem Volk fahren! Er schaute mich sehr erstaunt an und schien das Boot fr zu klein fr eine so weite Fahrt zu halten. Ich sagte ihm also, da ich noch ein greres htte, und fhrte ihn am nchsten Tag zu der Stelle, wo das Boot lag, das ich zuerst gemacht und nicht ins Wasser gebracht hatte. Er meinte, dieses sei gro genug. Aber da ich mich zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre nicht darum gekmmert hatte, war es von der Sonne ausgetrocknet und gesprungen und ganz verwahrlost. Freitag meinte, ein solches Boot wrde reichlich gengen und wrde tragen viel genug Sachen, Trink, Brot. Das war seine Art zu sprechen. Ich war damals so fest entschlossen, mit ihm auf das Festland berzusetzen, da ich ihm sagte, wir wollten ein anderes, ebenso groes machen, und er solle damit heimfahren. Er antwortete kein Wort, aber sah sehr ernst und traurig vor sich hin. Ich fragte ihn, was er denn habe. - Er fragte dagegen: Warum Ihr so bse mit Freitag? Was ich getan? - Ich erwiderte, was er denn meine. Ich sei gar nicht bse mit ihm. -Nicht bse, nicht bse, sagte er und wiederholte diese Worte mehrere Male: Warum Freitag zu mein Volk wegschicken?-Warum, Freitag? versetzte ich, hattest du nicht selber gewnscht, dort zu sein? - Ja, ja, sagte er, wenn sein beide dort! Nicht wnschen Freitag allein dort, kein Herr dort. Mit einem Wort: er wollte nichts davon wissen, ohne mich zu fahren. Wenn ich dorthin ginge, Freitag, sagte ich, was sollte ich dort tun? Daraufhin wandte er sich schnell zu mir um. Ihr tun groe Menge viel gut! rief er, Ihr lehren wilde Mnner gut sein, zahm. Ihr lehren sie Gott wissen, zu Gott beten und neues Leben haben.-Nur sachte, Freitag,erwiderte ich, du weit nicht, was du sagst, ich bin selbst nur ein unwissender Mensch. - Ja, ja, sagte er, Ihr mich gelehrt gut; Ihr sie lehren gut. - Nein, nein, Freitag, beharrte ich, du sollst ohne mich gehen, la mich hier allein leben, wie ich es vorher getan. Darber war er wieder ganz betrbt, lief nach der Axt, die er gewhnlich trug, nahm sie hastig auf und gab sie mir. Was soll ich damit tun? fragte ich. - Freilag tten, sagte er. - Warum soll ich dich tten? erwiderte ich. Er sah mich hastig an. Warum schicken Ihr Freitag weg? Tten Freitag, nicht schicken weg! - Dies sprach er mit solchem Ernst, da ich ihm die Trnen in den Augen stehen sah. Kurz, ich erkannte daraus seine Liebe zu mir und seinen festen Charakter so klar, da ich ihm sagte und spter noch oft wiederholte, ich wrde ihn niemals wegschicken, wenn er bei mir bleiben wolle. Ich merkte whrend all dieser Reden, da der einzige Grund seines Heimwehs die heie Liebe zu seinen Stammesbrdern war und seine Hoffnung, da ich bei ihnen Gutes wirken wrde, obgleich ich nicht das geringste Verlangen danach hatte. Dagegen fhlte ich noch immer die grte Lust, einen Fluchtversuch zu machen, angeregt durch die Erzhlung von den siebzehn brtigen Mnnern. Daher machte ich mich mit Freitag gleich daran, einen groen, zum Fllen geeigneten Baum zu finden, um daraus eine groe Piroge oder ein Kanoe zu bauen. Auf der Insel gab es Bume genug, um eine kleine Flotte nicht nur von Kanoes, sondern von groen Schiffen zu bauen. Aber ich wollte vor allem einen Stamm finden, der so nahe wie mglich am Ufer stand, um das fertige Boot auch von Stapel lassen zu knnen und nicht den alten Fehler noch einmal zu begehen. Endlich deutete Freitag auf einen solchen Baum, und ich merkte, da er viel besser wute, welche Sorte am tauglichsten war, da ich bis zum heutigen Tage nicht wei, wie sich das Holz des Baumes nannte, den wir nun fllten, nur, da es dem Gelbholz sehr hnlich war oder etwa dem Niagaraholz, dessen Farbe und Geruch es hatte. Freitag wollte den Stamm mit Feuer aushhlen; aber ich zeigte ihm, wieviel leichter wir ihn mit unseren Werkzeugen aushauen knnten. Er machte es sehr geschickt nach, und in etwa einem Monat harter Arbeit wurden wir damit fertig und hieben die Auenseite mit unseren xten zu einer richtigen Bootsform zurecht. Wir brauchten dann noch fast vierzehn Tage, um es gleichsam Zoll fr Zoll auf groen Rollen ins Wasser zu bringen. Aber als es darin war, wrde es mit Leichtigkeit zwanzig Mann getragen haben. Ich staunte, wie geschickt und flink mein Freitag es trotz seiner Gre lenken, wenden und rudern konnte. Also fragte ich ihn, ob wir uns darin hinberwagen drften. Ja, antwortete er, er wrde es wagen und sogar bei starkem Wind. Ich hatte jedoch noch etwas anderes im Sinn, wovon er nichts ahnte, nmlich Mast und Segel zu machen und es mit Anker und Tau zu versehen. Ein Mast war leicht zu beschaffen; ich suchte eine gerade, junge Zeder aus, deren es hier eine Menge gab, und lie Freitag sie fllen und behauen. Fr das Segel sorgte ich selbst. Ich wute, da ich noch gengend alte Segel hatte oder wenigstens Stcke davon; aber da ich sie nun 26 Jahre bei mir und nicht sehr sorgfltig verwahrt hatte, da mir nie in den Sinn gekommen war, da ich sie jemals auf solche Art fr mich verwenden wrde, nahm ich an. da sie alle zerschlissen seien, wie es auch wirklich mit den meisten der Fall war. Ich fand noch zwei Stcke, die mir leidlich gut schienen, und mit diesen begab ich mich an die Arbeit. Mit vieler Mhe und langwierigen, verdrielichem Sticheln, weil ich keine Nadeln hatte, brachte ich schlielich ein dreieckiges, unfrmiges Ding zustande, hnlich einem Gigsegel, mit einem Klverbaum unten und einer kurzen Spiere oben, womit ich am besten umzugehen wute, da ich bei meiner Flucht aus der Berberei ein hnliches gehabt hatte, wie im ersten Teil meiner Geschichte erzhlt ist. Ich brauchte fast zwei Monate zu dieser Arbeit : denn ich wollte alles so gut wie mglich machen und verfertigte zum berflu auch noch ein kleines Vorsegel, das uns helfen sollte, hart in den Wind zu drehen. Schlielich brachte ich noch ein Steuerruder am Stern an. Als alles fertig war, mute ich Freitag Unterricht in der Schiffahrtskunde erteilen; denn obgleich er sehr gut zu rudern verstand, so wute er doch mit Segel und Steuer nicht Bescheid und machte daher groe Augen, als er sah, wie ich das Boot mit dem Steuer hin und her lenkte und das Segel bergehen lie, so da es sich bald nach dieser, bald nach jener Richtung blhte, je nachdem, welchen Kurs wir segelten; ich sage, wenn er das sah, war er ganz verdutzt und verblfft. Er machte sich jedoch gar bald damit vertraut und wurde ein ausgezeichneter Segler; nur der Kompa wollte ihm nicht einleuchten. Da es aber in dieser Zone nur wenig bewlktes Wetter und selten oder niemals Nebel gibt, so brauchten wir den Kompa nicht oft; denn nachts sah man immer die Sterne und bei Tage das Land, ausgenommen in der Regenzeit, wo aber niemand sich drauen herumtreibt, weder zu Lande noch zu Wasser. Mittlerweile war das 27. Jahr meiner Gefangenschaft angebrochen, obwohl eigentlich die letzten drei Jahre, die ich mit diesem Menschenkind zusammen verbrachte, nicht mitzhlen sollten, da mein Leben in dieser Zeit ein ganz anderes geworden war. Ich feierte den Jahrestag meiner Landung noch immer mit derselben Dankbarkeit gegen Gott wie zuerst, und wenn ich anfangs Grund zum Danken hatte, so jetzt noch viel mehr, wo ich so viele neue Beweise der Frsorge Gottes fr mich hatte und hoffen durfte, nun wirklich bald erlst zu werden. Ich hatte die unerschtterliche Zuversicht, meine Befreiung sei ganz nahe und ich wrde kein Jahr mehr hier auf der Insel sein. Trotzdem fhrte ich meinen Haushalt fort, grub, pflanzte und machte Zune wie gewhnlich, sammelte und trocknete meine Trauben und tat alles Erforderliche wie bisher. Mittlerweile kam mir die Regenzeit auf den Hals, in der ich mich mehr als sonst zu Hause hielt. Also verstaute ich unser neues Fahrzeug, so gut es ging, und zwar brachten wir es in die Bucht, wo ich, wie anfangs berichtet, mit meinen Flen gelandet war, und holten es bei Hochwasser aufs Land. Darauf lie ich Freitag ein kleines Dock graben, nur eben gro genug, da es darin liegen konnte, und nachdem die Flut verlaufen war, machte ich einen starken Damm davor, damit kein Wasser hineindrnge. So lag es vor der Flut geschtzt und trocken, und um auch den Regen abzuhalten, legten wir so viele und so dichte ste darber, da es vollkommen eingedeckt war wie in einem Hause. Und so warteten wir auf die Monate November und Dezember, in denen mein Abenteuer zur Tat werden sollte. Als allmhlich die trockene Jahreszeit einsetzte, kamen mit dem schnen Wetter auch meine Gedanken an mein Vorhaben wieder, und ich rstete mich tglich zur Reise. Zuallererst legte ich einen gewissen Vorrat an Lebensmitteln zurck und gedachte dann, in etwa vierzehn Tagen mein Dock zu ffnen und unser Boot ins Wasser zu lassen. Als ich eines Morgens mit derlei Vorbereitungen beschftigt war, rief ich Freitag und hie ihn ans Ufer gehen und eine Schildkrte suchen, wie wir gewhnlich der Eier und des Fleisches wegen einmal in der Woche taten. Freitag war noch nicht lange fort, als er pltzlich zurckgelaufen kam und ber meine uere Mauer flog wie einer, der den Boden nicht unter den Fen fhlt, und ehe ich noch Zeit hatte, ihn zu fragen, rief er mir zu: O Herr! O Herr! O schrecklich! O schlecht! - Was ist denn, Freitag? fragte ich. - >O da drben, stammelte er, eins, zwei, drei, Kanoe! eins, zwei, drei! Da ich seine Art zu sprechen kannte, schlo ich, es seien sechs Kanoes dort, als ich aber nochmals fragte, merkte ich, da es nur drei waren. Frchte dich nicht, Freitag, sagte ich und redete ihm so gut zu, wie ich konnte. Indessen sah ich, da der arme Bursche ganz auer sich vor Angst war, da er sich nichts anderes denken konnte, als da sie gekommen seien, um nach ihm zu suchen und ihn in Stcke zu schneiden und aufzufressen. Der arme Teufel zitterte so, da ich kaum wute, was ich mit ihm anfangen sollte. Ich trstete ihn, so gut ich konnte, und sagte ihm, da ich in derselben Gefahr sei wie er, denn sie wrden mich ebensogut wie ihn auffressen. Aber, sagte ich, wir mssen uns zum Kampf entschlieen. Kannst du kmpfen, Freitag? - Ich schieen, sagte er, aber da kommen viele, groe Zahl. - Tut nichts, erwiderte ich, die wir nicht treffen, werden unsere Flinten auch in Schrecken jagen. Also fragte ich ihn, ob er mich wohl auch verteidigen wolle, wenn ich ihn verteidigte, und ob er tapfer bei mir bleiben und alles tun wolle, was ich ihm sagte. Er rief: Ich sterben, wenn du befehlen, sterben, Herr! Hierauf gab ich ihm einen tchtigen Schluck Rum; denn ich hatte mit meinem Rum so gut hausgehalten, da ich noch immer eine ganze Menge hatte. Nachdem er getrunken hatte, gab ich ihm die zwei Vogelflinten, die wir immer mitnahmen, und lud sie mit schwerem Schrot, fast so gro wie kleine Pistolenkugeln. Dann nahm ich vier Musketen und lud sie mit zwei Stck Blei und fnf kleinen Kugeln und meine kleinen Pistolen mit je einem Streifen Patronen. Mein Schwert hing ich wie gewhnlich an meine Seite und gab Freitag seine Axt. So gerstet nahm ich mein Fernglas und stieg auf den Hgel, ob ich etwas entdecken knnte. Auf den ersten Blick sah ich, da einundzwanzig Wilde, drei Gefangene und drei Kanoes da waren. Ihr einziges Vorhaben schien ihr Siegesschmaus mit diesen drei Menschenleibern zu sein, ein barbarisches Fest freilich, aber nichts Neues mehr fr mich. Es fiel mir auch auf, da sie nicht dort gelandet waren, wo Freitag ihnen damals entwischte, sondern nher an meiner Bucht, wo die Kste niedrig war und ein dichtes Gehlz fast bis hinunter an die See reichte. Dieser Umstand und der Abscheu vor dem unmenschlichen Vorhaben des Gesindels emprte mich so, da ich wieder zu Freitag hinunterstieg und ihm sagte, ich sei entschlossen, zu ihnen hinunterzugehen und sie alle zu tten; ob er mir beistehen wolle. Er hatte nun seine Furcht berwunden, und seine Geister hatten sich durch den Schluck Rum wieder etwas gehoben, so da er sehr vergngt war und mir wiederholte, er sei bereit zu sterben, wenn ich es von ihm verlangte. In dieser ersten Hitze verteilte ich die geladenen Waffen unter uns beide. Ich gab Freitag eine Pistole in seinen Grtel zu stecken und drei Gewehre auf die Schulter, und ich selber nahm die anderen drei und die zweite Pistole. So ausgerstet marschierten wir los. Ich steckte eine kleine Flasche Rum in meine Tasche, gab Freitag einen groen Beutel mit Pulver und Blei und befahl ihm, dicht hinter mir zu bleiben, nicht herumzulaufen, zu schieen, noch sonst etwas zu tun, ehe ich es nicht befehlen wrde, mittlerweile aber sich nicht zu mucksen. In solcher Schlachtordnung schlug ich einen Umweg nach rechts ein, ungefhr eine Meile weit, um sowohl ber den Bach wie in das Gehlz hineinzukommen, um bereits in Schuweite von ihnen zu sein, ehe sie mich noch entdeckten; ich hatte durch mein Glas gesehen, da das leicht zu machen war. Auf diesem Marsch regten sich meine alten Gedanken wieder, und meine Hitze begann zu verrauchen. Nicht als ob ich mich vor ihrer berzahl gefrchtet htte; denn da es ja nur nackte, unbewaffnete Kerle waren, konnte kein Zweifel sein, da ich ihnen berlegen war, selbst wenn ich allein-gewesen wre. Aber es kam mir aufs neue in den Sinn, woher ich das Recht und wozu ich's ntig htte, meine Hnde in Blut zu tauchen und Menschen anzugreifen, die mir nichts getan hatten und mir nichts tun wollten, die mir gegenber unschuldig waren und deren barbarische Bruche ihr eigenes Unglck waren, indem daraus hervorging, da Gott sie, samt den anderen Volksstmmen dieses Teiles der Welt, in solcher Dumpfheit und unmenschlichen Roheit belassen hatte. Ich aber war von ihm nicht zum Richter ber ihre Handlungen, geschweige denn zum Vollstrecker seiner Gerechtigkeit berufen. Wenn er es fr angemessen hlt, sagte ich mir, wird er es schon in seine eigene Hand nehmen und an ihrem ganzen Volke vergelten, was sie als ganzes Volk verbrochen haben. Unterdessen jedoch ging mich die Sache nichts an. Mit Freitag mochte es noch angehen; denn er war ihr erklrter Feind und auf Kriegsfu mit ihnen, er durfte sie angreifen. Von mir aber galt das nicht. Diese Gedanken gingen mir auf dem ganzen Wege dermaen im Kopf herum, da ich beschlo, mich vorerst nur mglichst nahe auf die Lauer zu stellen, um ihr Fest zu beobachten und dann zu handeln, wie Gott es mir eingeben wrde. Mit diesem Entschlu trat ich in den Wald ein und ging so behutsam und leise wie mglich. Freitag folgte mir auf den Fersen bis zu dem Waldrand, der ihnen am nchsten war. Nur ein kleines Waldstck lag noch zwischen ihnen und mir. Hier rief ich Freitag leise an und zeigte ihm einen groen Baum, der just an der Ecke des Waldes stand. Ich befahl ihm, zu dem Baum zu gehen und mir Nachricht zu bringen, ob man von da deutlich erkennen knnte, was sie trieben. Er tat es, kam gleich wieder zurck und sagte mir, sie wren von dort deutlich zu sehen; sie sen alle um das Feuer und verspeisten das Fleisch eines ihrer Gefangenen, und ein anderer lge gefesselt auf dem Strande etwas von ihnen entfernt, um als nchster an die Reihe zu kommen, wovon mir hei wurde bis ins Herz. Er sagte, dies sei keiner aus seinem Volk, sondern einer der brtigen Mnner, die im Boot ans Festland gekommen seien. Bei der bloen Erwhnung eines weien, brtigen Mannes wurde ich von Grauen geschttelt. Ich ging zu dem Baum und sah deutlich durch mein Glas den weien Mann am Strande liegen, an Hnden und Fen mit Schilf oder Binsen gebunden. Ein anderer Baum mit einem kleinen Dickicht dahinter lag noch ungefhr fnfzig Schritte nher an ihnen als die Stelle, wo ich stand, und ich sah wohl, da ich auf einem kleinen Umweg ungesehen zu ihm gelangen knne und dann nur noch eine halbe Schuweite von ihnen entfernt sein wrde. Ich bezwang also meine Wut. obwohl ich im hchsten Grade aufgebracht war, ging etwa zwanzig Schritt zurck und schlich in dem Dickicht bis zu dem anderen Baum. Hier fand ich eine kleine Erhhung, von der aus ich sie auf etwa achtzig Schritte vollkommen sehen konnte. Ich hatte jetzt keinen Augenblick zu verlieren; denn neunzehn dieser frchterlichen Kerle saen dicht beisammen auf dem Boden und hatten just die beiden anderen hingeschickt, um den armen Christen zu schlachten und ihn, vielleicht Glied um Glied, ans Feuer zu schleppen. Als diese beiden sich nun eben bckten, um die Fesseln von seinen Fen loszumachen, kehrte ich mich zu Freitag um und flsterte: Nun tu, was ich dir sage! Er antwortete: ja, das wolle er. Also Freitag, sagte ich, tu genau das gleiche, was du mich tun siehst, und gib gut acht! Ich legte eine der Musketen und meine Vogelflinte auf die Erde, und Freitag tat dasselbe mit den seinen. Mit der anderen Muskete nahm ich die Wilden aufs Korn und befahl ihm, das gleiche zu tun. Als ich ihn fragte, ob er fertig sei, sagte er ja. Dann schie! sagte ich, und im selben Augenblick gab auch ich Feuer. Freilag hatte besser als ich gezielt; denn auf seiner Seite wurden drei gettet und zwei verwundet, whrend ich nur einen ttete und zwei verwundete. Sie waren, wie man sich denken kann, zu Tode erschrocken. Alle, die noch nicht verwundet waren, sprangen sofort auf die Fe, waren aber ratlos, in welche Richtung sie davonlaufen sollten, da sie nicht wuten, von welcher Seite ihr Verderben nahte. Freitag lie kein Auge von mir, um alles nachzumachen, was ich tat. Kaum war der erste Schu verhallt, so warf ich meine Muskete hin und griff zur Flinte und Freitag auch. Ich spannte und legte an und Freitag auch. Fertig, Freitag? fragte ich. Ja, sagte er. Also Feuer in Gottes Namen! rief ich und brannte auf die entsetzten Wilden los und Freitag auch; und da unsere Flinten mit grobem Schrot oder kleinen Pistolenkugeln geladen waren, wurden zwar nur zwei gettet, aber so viele verwundet, da sie wie Verrckte schreiend und heulend umherliefen, alle blutend und zum grten Teil jmmerlich zugerichtet. Drei weitere strzten gleich darauf, obwohl nicht ganz tot, zu Boden. Jetzt, Freitag, rief ich, indem ich die abgeschossene Flinte wegwarf und die geladene Muskete aufnahm, mir nach! Damit rannte ich aus dem Wald hinaus und zeigte mich den Wilden. Sowie ich sah, da sie mich gewahr wurden, schrie ich, so laut ich konnte, und hie Freitag dasselbe tun. Ich lief, so schnell ich mit den schweren Waffen konnte, geradenwegs auf das arme Opfer zu, das, wie gesagt, am Strande lag, zwischen der Feuerstelle und der See. Die beiden Schlchter, die sich gerade ber ihn hermachen wollten, waren beim ersten Schu in furchtbarem Schrecken zum Wasser geflchtet und in ein Kanoe gesprungen, und drei der ndern liefen ihnen nach. Ich wandte mich zu Freitag und befahl ihm, vorzulaufen und auf sie zu schieen. Er verstand mich sofort, rannte etwa vierzig Schritte auf sie zu und scho. Ich dachte zuerst, er htte sie alle gettet, denn ich sah sie alle im Boot bern Haufen fallen, jedoch richteten sich zwei sofort wieder auf. Gleichwohl hatte er zwei erlegt und einen dritten verwundet, so da er wie tot in dem Boot blieb. Whrend mein Freitag auf sie scho, zog ich mein Messer heraus, durchschnitt die Fesseln des armen Opfers, half ihm auf und fragte ihn auf portugiesisch, wer er sei. Er antwortete auf lateinisch: Christianus. Aber er war so schwach und hinfllig, da er kaum stehen und sprechen konnte. Ich nahm meine Flasche aus der Tasche, gab sie ihm und machte ihm Zeichen, er solle trinken, was er auch tat. Ich gab ihm auch ein Stck Brot, das er a, und fragte ihn dann, was fr ein Landsmann er sei. Er antwortete: Espagnole, und nachdem er sich etwas erholt hatte, machte er alle nur erdenklichen Zeichen, um mir auszudrcken, wie tief er in meiner Schuld sei fr seine Befreiung. Senor, sagte ich in dem besten Spanisch, das ich aufbringen konnte, wir werden spter darber reden, aber jetzt mssen wir kmpfen; wenn Ihr noch eine Spur Krfte habt, nehmt die Pistole hier und den Sbel. Er nahm beides mit Dank an, und kaum hatte er die Waffen in Hnden, so war es, als erfllten sie ihn mit neuer Kraft; er fiel wie ein Rasender ber seine Mrder her und hatte in einem Augenblick zwei von ihnen in Stcke zerhauen. Die armen Schelme waren von dem allen so berrascht und durch den Knall unserer Bchsen dermaen erschreckt, da sie wahrhaftig schon vor lauter Entsetzen niederfielen und nicht die Kraft hatten zu fliehen, sondern ebenso widerstandslos gegen ihre Angst waren wie ihr Fleisch gegen unsere Kugeln. So war es auch mit den fnfen, denen Freitag ins Boot nachgeschossen hatte: drei von ihnen fielen durch den Schu, die anderen beiden vor Schrecken. Ich hielt meine Bchse noch immer schubereit in der Hand, da ich dem Spanier meine Pistole und meinen Sbel gegeben hatte. Ich rief Freitag zurck und befahl ihm. zu dem Baume zu laufen und die abgeschossenen Gewehre zu holen, was er schnell wie der Blitz tat. Darauf gab ich ihm meine Muskete und setzte mich nieder, um die anderen wieder zu laden. Whrend ich noch damit beschftigt war, entspann sich ein wtendes Handgemenge zwischen dem Spanier und einem Wilden, der mit seinem groen Holzschwert auf ihn eindrang, derselben Waffe, die ihn zuvor gettet haben wrde, wenn ich nicht dazwischengekommen wre. Der Spanier, der ein so khner und tapferer Kerl war, wie man sich nur denken kann, hatte sich trotz seiner Schwche eine gute Weile gegen den Wilden gehalten und nun zwei groe Wunden am Kopfe beigebracht. Aber da der Wilde ein breiter, stmmiger Bursche war, hatte er ihn umfat und niedergeworfen und war eben dabei, ihm mein Schwert aus der Hand zu ringen, als der Spanier pltzlich schlauerweise das Schwert fahren lie, die Pistole aus dem Grtel zog und den Wilden durch die Brust scho und auf dem Fleck ttete, bevor ich ihm noch zu Hilfe kommen konnte. Freitag, der nun sich selber berlassen war, verfolgte die fliehenden Schufte ohne eine andere Waffe als seine Axt in der Hand. Damit gab er den dreien, die er zuvor verwundet hatte, und ebenso allen brigen den Rest. Der Spanier, dem ich aufsein Verlangen eine der Flinten gegeben hatte, verfolgte zwei der Wilden damit und verwundete beide; da er aber nicht fhig war zu laufen, entwischten sie ihm in den Wald. Freitag lief ihnen nach und ttete den einen; der andere aber war ihm zu flink. Er sprang trotz seiner Wunden in die See und schwamm mit aller Kraft zu den beiden, die im Kanoe briggeblieben waren, so da also diese drei samt dem Verwundeten, von dem ich nicht wei, ob er starb oder nicht, die einzigen waren, die uns von einundzwanzig entwischten. Die Rechnung sieht so aus: 3 gettet durch unsere erste Salve vom Baum aus 2 gettet bei der nchsten Salve 2 gettet durch Freitag im Boot 2 gettet durch denselben, von den zuerst verwundeten 1 gettet durch denselben, im Wald 3 gettet durch den Spanier 4 gettet, die hie und da verwundet hingestrzt waren oder von Freitag bei der Verfolgung niedergemacht wurden 4 entkommen im Boot, wovon einer verwundet, wenn nicht tot 21 in summa Die Flchtlinge im Kanoe ruderten mit aller Kraft, um uns aus dem Schu zu kommen. Freitag schickte ihnen zwar noch zwei oder drei Schsse nach; ich konnte jedoch nicht sehen, ob er noch einen traf. Er drngte mich, eines ihrer zurckgelassenen Boote zu nehmen und sie zu verfolgen. Ich selber war in der Tat ber ihr Entkommen sehr beunruhigt; denn wenn sie ihrem Volke die ble Kunde brachten, so war zu befrchten, da sie vielleicht mit zweihundert oder dreihundert Kanoes zurckkommen und uns nur durch die bloe berzahl vernichten wrden. Also willigte ich ein, lief zu den Kanoes, sprang in eines und Freitag hinter mir drein, fand aber zu meinem Erstaunen noch ein anderes unglckliches Schlachtopfer, gleichfalls an Hnden und Fen gefesselt, darin liegen, halbtot vor Angst, da der rmste nicht wute, was vor sich ging. Er war nicht imstande gewesen, ber den Bootsrand zu schauen, und war an Hals und Fen so fest und schon so lange zusammengeschnrt, da kaum noch Leben in ihm war. -Ich zerschnitt sofort seine Fesseln aus Schilf oder Binsen und wollte ihm aufhelfen; aber er konnte weder stehen noch sprechen, sondern wimmerte nur recht erbrmlich, da er noch immer zu glauben schien, er sei nur losgemacht worden, um jetzt geschlachtet zu werden. Als Freitag herzukam, hie ich ihn mit ihm reden und ihm sagen, da er frei sei, zog auch meine Flasche heraus und gab dem armen Kerl einen Schluck, was ihn samt der Nachricht von seiner Befreiung wieder lebendig machte, so da er sich im Boot aufsetzte. Als aber Freitag herbeikam, um zu hren, was er sagte, und ihm ins Gesicht sah, wrde es jeden zu Trnen gerhrt haben, zu sehen, wie er ihm pltzlich um den Hals fiel, ihn kte, drckte, schrie, lachte, hpfte, tanzte, sang und wieder schrie und die Hnde rang, sich selber auf Gesicht und Kopf schlug und dann abermals sang und sprang wie ein Irrsinniger. Es dauerte eine gute Weile, bis ich ihn dazu brachte, mir zu erzhlen, was denn geschehen sei; aber als er endlich wieder ein bichen zu sich gekommen war, sagte er mir, es sei sein Vater! Ich vermag kaum auszudrcken, wie tief es mich rhrte, den armen Wilden in solcher Verzckung und kindlicher Seligkeit zu sehen bei dem Anblick seines vom Tode erretteten Vaters. Auch kann ich kaum zur Hlfte alle die Ausbrche seiner Zrtlichkeit beschreiben. Er lief unzhlige Male ins Boot und wieder hinaus. War er drinnen, so setzte er sich neben ihn, ffnete sein Wams und hielt seines Vaters Kopf wohl ber eine halbe Stunde lang dicht an seine Brust, um ihm gleichsam Krfte zu geben. Dann nahm er seine Arme und Fugelenke, die von den Fesseln starr und steif waren, und rieb sie mit seinen Hnden; ich gab ihm noch etwas Rum aus der Flasche zum Einreihen, was dem Alten sehr gut tat. Dieses Ereignis machte unserer Verfolgung des Kanoes mit den anderen Wilden, die nun fast auer Sicht waren, ein Ende, und zwar zu unserem Glck; denn bereits zwei Stunden danach, ehe sie noch ein Viertel ihres Weges zurckgelegt hatten, strmte es so heftig aus Nordwest und die ganze Nacht hindurch, da ich daran zweifelte, ob ihr Boot je die Kste erreichen wrde. Um aber wieder auf Freitag zu kommen: er war so um seinen Vater beschftigt, da ich es nicht bers Herz bringen konnte, ihn wegzurufen. Als es mir aber endlich doch schien, er knne ihn jetzt eine Weile allein lassen, rief ich ihn, und er kam springend, lachend und voll unbndiger Freude an. Ich fragte ihn, ob er seinem Vater Brot gegeben habe. Er schttelte den Kopf und sagte: Nein! Schlechter Hund alles selber aufgegessen ! So gab ich ihm Brot aus einem kleinen Beutel, den ich eigens mitgenommen hatte. Ich gab ihm auch etwas fr ihn selber; aber er wollte es nicht essen, sondern brachte es auch seinem Vater. Ich .hatte in meiner Tasche noch zwei oder drei Bschel Rosinen und gab ihm auch davon eine Handvoll fr seinen Vater mit. Kaum hatte er sie ihm gegeben, so sah ich ihn aus dem Boot springen und davonlaufen wie behext. Er lief so schnell (denn er war der flinkste Bursche, den ich je gesehen habe), da er mir fast in einem Augenblick aus dem Gesicht war. Obwohl ich gleich hinter ihm her rief, half es nichts, er blieb verschwunden. Nach einer Viertelstunde sah ich ihn jedoch zurckkommen, aber nicht so schnell wie zuvor; und als er nher kam, erkannte ich, da er langsamer lief, weil er etwas in der Hand trug. Es stellte sich heraus, da er nach einem irdenen Krug ins Haus gelaufen war, um seinem Vater frisches Wasser und noch zwei Laib Brot zu holen. Das Brot gab er mir, aber das Wasser wollte er seinem Vater bringen; ich war jedoch selber so durstig, da ich auch einen Zug tat. Dieses Wasser erquickte den Vater mehr als aller Branntwein; denn er kam fast um vor Durst. Als der Alte getrunken hatte, rief ich Freitag zu, ob noch Wasser brig sei. Er sagte ja. Ich befahl ihm, es dem Spanier zu geben, der es ebenso ntig habe wie sein Vater. Auch schickte ich ihm eines der Brote, die Freitag gebracht hatte. Der Spanier war wirklich sehr schwach und ruhte sich auf einem Grasplatz im Schatten eines Baumes aus, da seine Beine von den harten Fesseln ganz steif und angeschwollen waren. Als ich sah, da er beim Nahen Freitags sich aufrichtete und trank und auch etwas a, ging ich zu ihm hin und gab ihm eine Handvoll Rosinen. Er blickte zu mir auf mit einem Ausdruck solcher Dankbarkeit, wie ein Menschenantlitz sie nur irgend zu zeigen vermag. Aber er war, obwohl er sich bei dem Kampf so tapfer erwiesen hatte, so schwach, da er sich nicht auf den Fen halten konnte. Er versuchte es zwei- oder dreimal, brachte es aber nicht fertig, da seine Gelenke so geschwollen waren und schmerzten. Ich riet ihm, still zu sitzen, und befahl Freitag, ihm die Gelenke wie seinem Vater zu reiben und mit Ruin zu waschen. Ich beobachtete, wie das arme, zrtliche Menschenkind alle zwei Minuten oder noch fter seinen Kopf herumdrehte, um zu sehen, ob sein Vater noch an demselben Platz und in derselben Stellung sei, wie er ihn verlassen hatte. Und als er ihn einmal nicht mehr sah, stand er, ohne ein Wort zu sagen, auf und lief mit einer Geschwindigkeit zu ihm, die man sich kaum vorstellen kann, so da seine Fe kaum den Boden berhrten. Aber als er hinkam, fand er, da der Alte sich nur niedergelegt hatte, um sich besser auszuruhen. Also kam er gleich wieder zurck, und ich sagte zu dem Spanier, er mge sich von Freitag aufhelfen, sich zu dem Boot und dann in unsere Wohnung fhren lassen, wo ich ihn besser pflegen wolle. Aber Freitag, ein rstiger junger Bursche, nahm ihn auf den Rcken, trug ihn zum Boot, lie ihn sanft auf den Rand des Kanoes nieder, die Fe nach innen, hob ihn dann ganz hinein und setzte ihn neben seinen Vater. Darauf stieg er gleich wieder aus, stie das Boot ab und paddelte es dann die Kste entlang, schneller als ich gehen konnte, obgleich der Wind ziemlich heftig blies. So brachte er sie beide sicher in unsere Bucht, lie sie im Boot und lief weg, um das andere Kanoe nachzuholen. Als er an mir vorbeikam, hielt ich ihn an und fragte, wohin er gehe. Er sagte: Holen gehen anderes Boot. Und fort flog er wie der Wind; denn im Laufen konnte es ihm wohl kein Mensch noch Pferd gleichtun. Er kehrte mit dem zweiten Kanoe mindestens ebenso schnell in die Bucht zurck, wie ich zu Lande hinkam. So berholte er mich und half dann unseren neuen Gsten aus dem Boot; aber sie waren beide nicht fhig zu gehen, und der arme Freitag wute nicht, was beginnen. Um dieser Not abzuhelfen, dachte ich einen Augenblick nach, hie sie dann am Ufer niedersitzen, machte geschwind eine Tragbahre, und wir trugen sie weg. Aber als wir vor unserer Mauer oder Schanze ankamen, wuten wir noch weniger Rat als vorher; denn es war unmglich, sie hinberzubringen, und die Mauer einreien wollte ich auch nicht. So machte ich mich wieder an die Arbeit und baute mit Freitag zusammen in etwa zwei Stunden ein sehr stattliches Zelt, mit alten Segeln und darber mit Zweigen gedeckt. Wir machten ihnen auch zwei Betten aus gutem Reisstroh mit Ober- und Unterdecken zurecht. Meine Insel war nun bevlkert, und ich fhlte mich als Herr ber viele Untertanen. Und ich hatte oft meinen Spa daran, zu denken, da ich doch recht wie ein Knig sei. Erstens war das ganze Land mein eigen, und ich hatte unbestreitbares Herrschaftsrecht. Zweitens war mir mein Volk mit Leib und Seele ergeben. Ich war absoluter Herr und Gebieter. Sie alle verdankten mir ihr Leben, und ich htte es ihnen bei jeder Gelegenheit wieder nehmen knnen. Merkwrdig war dabei, da alle drei verschiedener Religion waren: Freitag war Protestant, sein Vater Heide und Menschenfresser und der Spanier ein Papist. Indessen, ich gewhrte im gesamten Gebiet meines Reiches Gewissensfreiheit. Doch dies nebenbei. Sobald ich meine beiden schwachen Schtzlinge in Sicherheit und unter Dach und zu Bette gebracht hatte, dachte ich daran, ihnen etwas zum Essen zu kochen. Ich befahl Freitag, eine einjhrige Ziege, halb noch Kitz, aus meiner kleinen Herde zu schlachten, schnitt das hintere Viertel heraus und hackte es in kleine Stcke. Ich lie es von Freitag schmoren oder kochen, und ich kann versichern, sie bekamen ein gutes Gericht Fleisch und Kraftbrhe, darein ich auch noch etwas Gerste und Reis getan hatte. Ich trug es alles in das neue Zelt, und da ich einen Tisch dort aufgestellt hatte, setzte ich mich auch dazu und tafelte mit. Ich sprach ihnen, so gut ich konnte, Mut zu, wobei Freitag mein Dolmetsch war, besonders seinem Vater gegenber, aber auch bei dem Spanier, der die Sprache der Wilden leidlich zu reden wute. Als wir mit unserem Mittags- oder vielmehr Abendmahl fertig waren, lie ich Freitag in einem der Kanoes unsere Musketen und Waffen holen, die wir aus Zeitmangel auf dem Schlachtfeld zurckgelassen hatten. Am nchsten Tag befahl ich ihm, die Leichen der Wilden zu begraben, die ohne Schutz vor der Sonne lagen und daher bald verwesen muten, und ebenso die ziemlich reichlichen berbleibsel des barbarischen Festes zu vergraben, was mich selber allzusehr angewidert htte. Ich htte den Anblick nicht ertragen knnen. Er fhrte alles pnktlich aus und verwischte jede Spur, die die Wilden dort hinterlassen hatten, so da ich hernach die Stelle nur noch an der erwhnten Waldecke wiedererkennen konnte. Hierauf lie ich mich in ein Gesprch mit meinen beiden neuen Untertanen ein. Erst befragte ich durch Freitag seinen Vater, was er ber die Flucht der Wilden in dem Kanoe denke und ob er glaube, da sie mit groer bermacht zurckkehren wrden. Er meinte zunchst, da die Wilden in dem Boot den schweren Sturm, der die ganze Nacht ber gerast hatte, sicherlich nicht ausgehalten htten, sondern wahrscheinlich alle ertrunken oder nach Sden an fremde Ksten verschlagen und dort ohne Zweifel aufgefressen worden seien. Was sie aber tun wrden, falls sie glcklich in ihr Land kmen, wisse er nicht. Er glaube jedoch, da sie durch die ganze Art des berfalls und durch den Lrm und das Feuer so erschreckt seien, da sie ihren Leuten sagen wrden, sie seien alle durch Donner und Blitz gettet worden, nicht durch Menschenhand, und die zwei, die ihnen erschienen seien (Freitag und ich), seien zwei Himmelsgeister oder Dmonen gewesen, zu ihrer Vernichtung herabgesandt, nicht Mnner mit Waffen. Das, sagte er, wisse er bestimmt; denn das habe er sie alle in ihrer Sprache einander zuschreien hren. Denn unmglich knne ein Mensch Feuer schieen und Donner sprechen und aus der Entfernung tten, ohne die Hand zu erheben, wie wir es getan htten. Der alte Wilde hatte recht; denn wie ich spter von anderen hrte, haben die Wilden nie wieder versucht auf diese Insel herberzukommen. Sie waren so eingeschchtert durch die Berichte dieser vier (denn anscheinend entkamen sie dem Sturm doch), da sie glaubten, wer je wieder auf dieses verhexte Eiland ginge, wrde durch die Gtter vernichtet werden. Dies wute ich indessen damals noch nicht und schwebte daher lange Zeit in stndiger Furcht und war immer mit meiner ganzen Heerschar auf der Hut. Denn da wir jetzt unser vier waren, wrde ich es zu jeder Zeit mit etwa hundert von ihnen im offenen Feld aufgenommen haben. Da aber keine Kanoes mehr erschienen, verflog die Furcht bald, und ich nahm den Gedanken, zum Festland hinberzufahren, wieder auf, da auch Freitags Vater mir versicherte, da ich bei seinem Volk gut aufgenommen werden wrde. Dieser Plan trat jedoch etwas in den Hintergrund, als ich aus einem Gesprch mit dem Spanier erfuhr, da noch sechzehn schiffbrchige Weie, Landsleute von ihm und Portugiesen, dort in Frieden mit den Wilden hausten, jedoch nur, weil sie anders nicht ihr Leben zu fristen vermchten. Ich fragte ihn nach allen Einzelheiten ihrer Reise. Sie waren mit einem spanischen Schiff auf der Fahrt von Rio de la Plata nach Havanna gewesen, um ihre Ladung dort zu lschen, die in der Hauptsache aus Huten und Silber bestand, und dafr europische Waren einzunehmen. Sie hatten fnf Portugiesen an Bord, die sie von einem anderen Wrack gerettet hatten. Fnf ihrer eigenen Leute waren bei dem Schiffbruch ertrunken, die anderen aber unter unendlichen Gefahren entkommen und an der Kannibalenkste gelandet, wo sie jedoch jeden Augenblick gewrtig sein muten, verschlungen zu werden. Er sagte mir, sie htten einige Waffen bei sich, die ihnen aber gar nichts ntzten, da fast all ihr Pulver und Blei vom Seewasser verdorben sei, auer einem kleinen Rest, den sie bei der Landung verbraucht htten, um sich einiges Wildbret zu schieen. Ich fragte ihn, was seiner Meinung nach wohl dort aus ihnen werden wrde und ob sie keinen Versuch gemacht htten, zu entkommen. Er sagte, darber htten sie manches mal beratschlagt; da sie aber weder ein Schiff noch Werkzeuge hatten, um eins zu bauen, auch gar keinen Proviant irgendwelcher Art, so endeten ihre Beratungen immer in Trnen und Verzweiflung. Ich fragte ihn, was sie wohl sagen wrden, wenn ich ihnen einen Vorschlag zur Flucht machen wrde, und ob er die Sache fr ausfhrbar halte, wenn sie alle hier wren. Ich gestand ihm freimtig, da ich vor allem frchtete, sie wrden mich verraten und mein Vertrauen mibrauchen, wenn ich erst einmal mein Leben in ihre Hnde gegeben htte; denn Dankbarkeit sei eben nicht eine angeborene Tugend der Menschen; und die Menschen richteten ihr Tun meistens mehr nach den Vorteilen, die sie sich versprchen, als nach den Wohltaten, die sie empfangen htten. Ich sagte ihm, ich wrde es sehr hart finden, wenn ich das Werkzeug zu ihrer Errettung wrde und sie mich nachher in Neuspanien zu ihrem Gefangenen machten, wo ein Englnder sicher sein knnte, aufgeopfert zu werden, gleichviel welche Not oder welches Unglck ihn dahin gefhrt htte. Und ich wrde lieber den Wilden berantwortet und lebendig aufgefressen werden als in die erbarmungslosen Klauen der Priester fallen und vor die Inquisition geschleppt werden. Andererseits, fgte ich hinzu, sei ich berzeugt, da, wenn sie alle hier wren, so viele Hnde wohl eine groe Barke bauen knnten, gro genug, um uns entweder sdlich nach Brasilien oder nrdlich zu den spanischen Inseln oder an die spanische Kste zu bringen. Wenn sie mich jedoch, nachdem ich ihnen Waffen in die Hnde gegeben, zum Dank dafr gewaltsam zu ihren Landsleuten verschleppen wrden, so wre ich fr meine Gte schlecht belohnt und schlimmer daran als zuvor. Er antwortete mir mit groer Aufrichtigkeit und Offenheit, ihr Zustand sei so erbrmlich und sie beklagten ihn dermaen, da sie sicherlich den bloen Gedanken, einem Menschen bel zu begegnen, der ihnen zu ihrer Befreiung verhelfen knnte, verabscheuen wrden. Wenn es mir recht wre, wolle er mit dem alten Wilden hinberfahren, mit ihnen verhandeln und mir ihre Antwort bringen. Er wolle auf ihren heiligen Eid Bedingungen mit ihnen ausmachen, da sie sich ganz und gar meiner Fhrung unterwerfen mten, und wolle sie auch auf die heiligen Sakramente schwren lassen, mir treu zu sein und mit mir nach demjenigen Land der Christenheit zu fahren, das ich bestimmen wrde, und sich in allen Stcken meinen Befehlen zu fgen, bis ich sie in diesem Lande ausgeschifft htte. ber all das wollte er mir einen von ihrer Hand unterschriebenen Kontrakt mitbringen. Er erbot sich auch, mir zu schwren, da er sich sein Lebtag nie von mir trennen wolle, bis ich ihn entliee, und da er bis zum letzten Blutstropfen zu mir stehen wolle, wenn seine Landsleute mir auch nur im geringsten die Treue brchen. Er sagte mir, es seien alles sehr gesittete, anstndige Leute und befnden sich jetzt in der rgsten Notlage, die sich denken lt, da sie selber weder Waffen noch Kleidung noch Nahrung htten und ganz auf die Gnade der Wilden angewiesen seien, ohne jede Hoffnung, jemals in ihr Vaterland zurckzukehren, und er sei berzeugt, wenn ich ihnen zur Rettung verhlfe, wrden sie mir auf Leben und Tod ergeben sein. Auf diese Versicherungen hin beschlo ich, den Versuch zu wagen und den alten Wilden und den Spanier zu Verhandlungen hinberzusenden. Doch als alles zur Abfahrt fertig war, erhob der Spanier selber einen Einwand, aus dem so viel Klugheit und Aufrichtigkeit sprach, da ich nur zustimmen konnte. Er riet mir nmlich, die Befreiung seiner Kameraden noch wenigstens ein halbes Jahr hinauszuschieben, aus folgendem Grunde: Er war jetzt einen Monat bei uns, und whrend dieser Zeit hatte ich ihn sehen lassen, auf welche Weise ich mit Gottes Hilfe fr meinen Unterhalt gesorgt hatte. Vor allem hatte er auch meinen Vorrat an Korn und Reis gesehen, der zwar fr mich allein mehr als ausreichend war, aber selbst bei gutem Haushalten fr meine Familie, die jetzt auf vier Kpfe angewachsen war, nicht gengen konnte und noch viel weniger, falls seine sechzehn Landsleute dazugekommen wren. Am allerwenigsten aber wrde er gereicht haben, um das Boot zu verproviantieren, das wir bauen wollten, um nach einer christlichen Kolonie Amerikas zu fahren. Er sagte mir, es dnke ihm ratsamer, ihn und die beiden anderen noch mehr Land anbauen und umgraben zu lassen, soviel Korn wie mglich fr die Aussaat zu sparen und dann die nchste Ernte abzuwarten, damit wir auch einen Vorrat an Korn fr seine Landsleute htten, wenn sie herberkmen. Denn Hunger wrde sie vielleicht zur Unzufriedenheit verfhren und zu der Behauptung, sie seien um ihre Befreiung betrogen und nur aus einer Not in die andere gelockt worden. Denn, sagte er, Ihr wit, wie die Kinder Israels zuerst ber den Auszug aus gypten jubelten und hernach doch gegen Gott murrten, als sie in der Wste kein Brot hatten. Seine Bedenken waren so richtig und sein Rat so gut, da mir sein Vorschlag sowohl wie seine Ehrlichkeit ungemein gefielen. Also machten wir vier uns ans Umgraben, so gut es mit unseren Holzspaten ging, und nach einem Monat hatten wir Land genug fr 22 Scheffel Gerste und 16 Scheffel Reis beackert; dies war alles Saatkorn, das wir missen konnten, und dabei behielten wir nicht einmal genug Gerste zu unserer eigenen Ernhrung fr die sechs Monate bis zur neuen Ernte, das heit, schon von der Zeit an gerechnet, wo wir die Saatgerste beiseite legten; denn man darf nicht etwa meinen, da in dieser Gegend die Saat sechs Monate zum Reifen braucht. Da wir nun in gengend groer Gesellschaft waren, um uns vor den Wilden nicht zu frchten, so streiften wir frei berall auf der Insel herum, wann immer sich Gelegenheit dazu bot. Der Gedanke an unsere Flucht verlie uns nie, und so konnte wenigstens ich mich nicht enthalten, auf Mittel und Wege dazu zu sinnen. Ich bezeichnete verschiedene Bume, die ich zu unserem Werk fr tauglich hielt, und ich lie sie von Freitag und seinem Vater fllen. Dann befahl ich dem Spanier, dem ich meine Gedanken anvertraute, ihre Arbeit zu berwachen. Ich zeigte ihnen, mit wie unermdlicher Geduld ich aus einem groen Baum eine Planke gemacht hatte, und hie sie das gleiche tun, bis sie ungefhr ein Dutzend groe Eichenplanken, fast zwei Fu breit und fnfunddreiig Fu lang, fertig hatten. Was das fr ungeheure Mhe kostete, kann sich jeder vorstellen. Gleichzeitig war ich bedacht, meine kleine Herde zahmer Ziegen soviel wie mglich zu vergrern, und schickte zu dem Ende abwechselnd an einem Tag Freitag und den Spanier auf die Jagd und ging am andern selber mit Freitag. Auf diese Art fingen wir zwanzig junge Ziegen, die wir mit den anderen aufzogen; denn immer, wenn wir eine alte schssen, nahmen wir ihre Jungen mit und steckten sie in unsere Herde. Vor allem aber nahte jetzt die Zeit, wo die Trauben getrocknet werden muten, und ich lie eine so ungeheure Menge in die Sonne hngen, da ich glaube, wenn wir in Alicante gewesen wren, wo die Rosinen herkommen, so htten wir sechzig oder achtzig Fsser damit fllen knnen. Diese Rosinen, zum Brot verspeist, bildeten einen Hauptteil unserer Nahrung, und sie schmeckten wahrlich nicht schlecht und waren sehr nahrhaft. Nun kam die Ernte, und unser Getreide stand recht gut. Es wurde zwar nicht die reichste Ernte, die ich auf der Insel erlebt hatte, gengte aber doch fr unsere Zwecke. Von zweiundzwanzig Scheffeln Gerste ernteten und droschen wir ungefhr zweihundertzwanzig Scheffel und ebensoviel Reis im Verhltnis. Das war Vorrat genug bis zur nchsten Ernte, mochten auch alle sechzehn Spanier bei mir auf der Insel sein. Es htte auch reichlich gelangt, um unser Boot fr die Fahrt nach irgendeinem Ort Amerikas zu versorgen. Nun gingen wir daran, noch mehr groe Krbe zu flechten, um das Korn darin zu verwahren. Der Spanier war hierin besonders geschickt und warf mir oft vor, warum ich denn derlei Geflecht nicht zur Verschanzung benutzte. Das hielt ich aber fr berflssig. Als ich nun reichlich mit Vorrat fr alle zu erwartenden Gste versorgt war, gab ich dem Spanier Urlaub, um nach dem Festland hinberzufahren und zu sehen, was sich mit seinen zurckgebliebenen Gefhrten anfangen liee. Ich gab ihm strengen Befehl, keinen mitzubringen, der nicht in seiner und des alten Wilden Gegenwart geschworen htte, da er die auf der Insel befindliche Person, die so gtig sei, ihnen jemand zu ihrer Befreiung zu schicken, in keiner Weise verletzen, bekmpfen und angreifen, sondern ihm gegen alle Anflle beistehen und allerorten sich ihrem Befehl unterwerfen wolle. Dies sollten sie schriftlich aufsetzen und eigenhndig unterschreiben. Wie das geschehen sollte, da sie ja weder Tinte noch Feder hatten, danach fragten wir nicht. Mit diesen Verhaltungsmaregeln fuhren der Spanier und der alte Wilde in demselben Kanoe ab, in dem sie zum Fra hergeschleppt worden waren. Ich gab jedem von ihnen eine Muskete mit einem Feuerschlo und acht Ladungen Pulver und Blei und legte ihnen ans Herz, recht sparsam damit zu sein und sie nur in dringender Not zu benutzen. All das tat ich mit Lust; denn es geschah ja zu meiner Befreiung, die mir nun nach siebenundzwanzig Jahren und einigen Tagen winkte. Ich gab ihnen auch Brot und getrocknete Trauben auf einige Tage und fr ihre Landsleute auf eine Woche, wnschte ihnen glckliche Reise und lie sie abfahren, nachdem wir zuvor noch ein Signal verabredet hatten, das sie bei ihrer Rckkehr hissen sollten, damit ich sie schon von weitem erkennen knnte. Sie fuhren bei gutem Wind davon, an dem Tage vor Vollmond, meiner Rechnung nach im Oktober. Ich hatte schon eine ganze Woche auf sie gewartet, als ein seltsames und unerwartetes Ereignis dazwischenkam, desgleichen wohl noch nie vernommen wurde. Eines Morgens schlief ich fest in meinem Bau, als pltzlich Freitag zu mir hereinstrzte und schrie: Herr, Herr! sie sind da! sie sind da! Ich sprang auf, fuhr, so schnell ich konnte, in meine Kleider und lief, unbekmmert um alle Gefahr, ganz ohne Waffen durch mein Wldchen hinaus, das beilufig jetzt zu einem dichten Wald geworden war. Kaum hatte ich einen Blick auf die See hinaus geworfen, so sah ich zu meinem Erstaunen in anderthalb Seemeilen Entfernung ein Boot mit einem Gigsegel, das mit dem Wind auf die Kste zuhielt. Auch sah ich gleich, da es nicht von der Seite des Festlandes kam, sondern von dem sdlichsten Ende der Insel her. Ich rief daher Freitag ins Haus und befahl ihm, sich gut versteckt zu halten; denn die seien nicht die Erwarteten und wir knnten noch nicht wissen, ob es Freunde oder Feinde seien. Ich holte mein Fernglas, nahm die Leiter und stieg auf den Hgel, wie ich immer tat, wenn etwas Bedrohliches in Sicht war; denn dort hatte ich gute Aussicht, ohne selber gesehen zu werden. Ich hatte kaum meinen Fu auf den Hgel gesetzt, so erkannte ich deutlich ein Schiff vor Anker, ungefhr zwei Seemeilen weit sdsdstlich vor mir, aber nicht mehr als anderthalb Seemeilen von der Kste entfernt. Durch mein Glas zeigte sich deutlich, da es ein englisches Schiff war, und das Boot erwies sich als ein englisches Langboot. Ich kann nicht beschreiben, in was fr eine Verwirrung ich geriet. Zwar war die Freude, ein Schiff zu sehen, und noch dazu eins, das allem Anschein nach mit Landsleuten, also mit Freunden, bemannt war, unaussprechlich gro. Dennoch wurde ich gewisse heimliche Zweifel nicht los, die mir rieten, auf der Hut zu sein. Vor allem wollte mir nicht in den Sinn, was wohl ein englisches Schiff an diesem Ort der Welt zu suchen habe, der so ganz abseits von den englischen Handelsstraen lag. Ich wute auch, da wir in letzter Zeit keine Strme gehabt hatten, die sie hierher htten verschlagen knnen. Waren es daher wirklich Englnder, so stand zu vermuten, da sie nicht mit guten Absichten kamen und da es besser fr mich sei, zu bleiben, wo ich war, als in die Hnde von Dieben und Mrdern zu fallen. Mge doch niemand die geheimen Winke und Hinweise auf eine Gefahr verachten, die ihm zuweilen gegeben werden, obwohl er selber gar keine Gefahr sieht, die ihm drohen knnte. Da solche Winke und Hinweise uns gegeben werden, kann wohl niemand leugnen, der die Dinge aufmerksam beobachtet; da sie Zeichen aus einer unsichtbaren Welt und Kundgebungen von Geistern sind, ist nicht zu bezweifeln; und wenn sie, wie sie es offenbar tun, uns vor Gefahr warnen, warum sollten wir da nicht annehmen, da sie von einer uns freundlichen Wesenheit - ob hchster oder niedrigerer Ordnung, steht hier nicht in Frage - herkommen und da sie uns zu unserem Besten gegeben werden. Mein gegenwrtiger Fall besttigt mir durchaus die Richtigkeit dieser berlegung; denn wre ich nicht dank dieser geheimen Warnung, mochte sie kommen, woher sie wollte, auf meiner Hut gewesen, so wre ich unvermeidlich ins Verderben geraten und in eine viel schlimmere Lage als zuvor, wie man gleich sehen wird. Ich hatte noch nicht lange auf meinem Posten gestanden, so sah ich das Boot sich dem Ufer nhern. Die Insassen schienen nach einer Bucht zu suchen, in der sie bequem landen knnten; da sie indessen nicht nahe genug kamen, verfehlten sie die kleine Bachmndung, in der ich seinerzeit meine Fle an Land gebracht hatte, und lieen ihr Boot unmittelbar auf den Strand laufen, etwa eine halbe Meile entfernt von mir: zu meinem Glck; denn andernfalls wren sie sozusagen gerade vor meiner Tr gelandet und htten mich gewi bald aus meiner Festung herausgetrieben und mich vielleicht aller meiner Habe beraubt. Als sie gelandet waren, sah ich nun ganz deutlich, da es Englnder waren, zum mindesten einige von ihnen; einen oder zwei hielt ich fr Hollnder, was sich aber als Irrtum erwies. Es waren insgesamt elf Mann, drei davon unbewaffnet und anscheinend gefesselt. Als die ersten vier oder fnf an Land gesprungen waren, holten sie diese drei als Gefangene aus dem Boot. Ich konnte erkennen, da der eine die leidenschaftlichsten Gebrden des Flehens, Jammerns und der Verzweiflung machte und offenbar ganz auer sich war, whrend die beiden anderen ab und zu die Hnde aufhoben und auch bekmmert schienen, aber nicht so heftig wie der erste. Ich war ganz verdonnert von diesem Anblick und wute nicht, was es bedeute. Freitag rief mir zu: O Herr! Seht Ihr, Englandmann essen Gefangene auch wie wilder Mann! - Ja, Freitag, sagte ich, glaubst du denn, da sie sie auffressen werden? - Ja, nickte Freitag, sie auffressen! - Nein, nein, rief ich, ich frchte zwar, sie wollen sie wirklich ermorden; aber du kannst dich darauf verlassen, da sie sie nicht auffressen wollen. Mittlerweile konnte ich mir immer noch nicht erklren, was die ganze Sache zu bedeuten habe, sondern stand nur, zitternd vor Entsetzen, da und dachte jeden Augenblick, jetzt werden sie sie umbringen. Ja, einmal sah ich auch, wie einer der Schurken einen groen Sbel oder Hauer, wie es die Seeleute nennen, gegen einen der Unglcklichen erhob, und erwartete, ihn im nchsten Augenblick hinstrzen zu sehen, worber mir das Blut in den Adern gefrieren wollte. Ich wnschte mir jetzt sehnlichst unsern Spanier und den alten Wilden herbei oder da ich auf irgendeine Weise ungesehen bis in Schuweite an sie herankommen knnte, um die drei Mnner zu retten; denn ich sah keinerlei Schuwaffen an ihnen. Aber es kam anders. Nachdem ich die schnde Behandlung der drei durch die unverschmten Matrosen mit angesehen hatte, bemerkte ich, da die Burschen sich von ihnen entfernten und am Strande herumschwrmten, als ob sie das Land besichtigen wollten. Ich sah auch, da die drei anderen Freiheit hatten, zu gehen, wohin sie wollten, da sie jedoch alle drei sich sehr nachdenklich auf die Erde setzten und verzweifelt dreinschauten. Das erinnerte mich daran, wie ich selber zum erstenmal an die Kste gekommen war, wie ich verzweifelt umhergeschaut und mich fr verloren gehalten hatte, was fr entsetzliche Angst ich gehabt und wie ich die ganze Nacht im Baum gehockt hatte, aus Furcht, von wilden Tieren zerrissen zu werden. Gleichwie ich in jener Nacht nichts von der Hilfe wute, die mir dadurch zuteil werden sollte, da das Schiff dank der Vorsehung durch die Strme und die Flut nher an Land getrieben wurde, so da ich auf so lange Zeit mit Nahrung und Hilfsmitteln versorgt ward, ebenso wuten auch diese drei armen, verzweifelten Mnner nichts davon, wie gewi ihnen Hilfe und Befreiung bevorstand, wie nahe sie ihnen war und wie vllig sie schon in Sicherheit waren, zu einer Zeit, wo sie sich noch fr verloren und ihr Schicksal fr besiegelt hielten. So wenig sehen wir voraus in dieser Welt und haben daher allen Grund, auf den groen Schpfer der Welt zu vertrauen, da er seine Geschpfe nicht so vllig hilflos im Stich lassen wird und da sie auch in den schlimmsten Lagen immer noch etwas erhoffen drfen, wofr sie dankbar zu sein haben, und oft ihrer Rettung nher sind, als sie glauben, ja da sie manchmal gerade durch das errettet werden, was ihnen ihr Verderben schien. Es war gerade zur Zeit der hchsten Flut, ab dieses Volk an Land kam, und whrend sie teils mit den Gefangenen verhandelt, teils sich umhergetrieben hatten, um zu sehen, wo sie eigentlich wren, hatten sie leichtsinnigerweise nicht darauf geachtet, da die Flut inzwischen ablief und das Wasser bereits so weit verebbt war, da ihr Boot festsa. Sie hatten zwei Mann im Boot zurckgelassen, die, wie sich spter herausstellte, zuviel Schnaps getrunken hatten und eingeschlafen waren. Indessen wachte der eine von ihnen auf, und als er das Boot so festsitzen sah, da er es nicht mehr losbringen konnte, schrie er nach den anderen, die in der Gegend herumliefen. Sofort eilten sie alle zu dem Boot, konnten es aber, da es sehr schwer und das Gestade hier weich und locker war, fast wie Flugsand, mit aller Kraft nicht von der Stelle bringen. Sie lieen daher als echte Seeleute, die vielleicht die leichtsinnigsten von allen Menschen sind, die Sache gehen und trollten sich wieder dem Lande zu, und ich hrte, wie einer laut zu einem ndern sagte: Ach was, Jack, la es doch liegen! Bei der nchsten Flut wird es schon wieder flott werden!, wodurch mir vollends zur Gewiheit wurde, was fr Landsleute es seien. Die ganze Zeit ber hielt ich mich sehr still und wagte mich nicht ein einziges Mal weiter aus meiner Burg heraus als bis zu meinem Beobachtungsposten auf dem Hgel; und wie froh war ich, da meine Behausung so gut befestigt war. Ich wute, es wrde nicht weniger als zehn Stunden dauern, bis das Boot wieder flott werden konnte, und unterdessen wrde es dunkel werden, und ich wrde besser Gelegenheit haben, ihre Schritte zu beobachten und ihre Gesprche zu belauschen, wenn sie welche fhrten. Mittlerweile rstete ich mich zum Kampf, aber diesmal mit viel grerer Vorsicht, da ich wute, da ich es jetzt mit einem ganz anderen Feind zu tun hatte. Ich befahl auch Freitag, den ich inzwischen zu einem ausgezeichneten Schtzen gemacht hatte, sich mit Waffen zu versehen. Ich selber nahm zwei Vogelflinten und gab ihm drei Musketen. Ich sah in der Tat sehr grimmig aus; ich hatte meinen bedrohlichen Bocksfellrock an samt der groen Mtze, einen bloen Sbel an der Seite und zwei Pistolen im Grtel und ein Gewehr auf jeder Schulter. Meine Absicht war, nichts zu unternehmen, bis es dunkel war. Allein gegen zwei Uhr, zur Zeit der grten Hitze, merkte ich, da sie sich alle in die Wlder verlaufen und wahrscheinlich schlafen gelegt hatten. Die drei Unglcklichen jedoch, die vor Angst nicht schlafen konnten, hatten sich in den Schatten eines groen Baumes gesetzt, etwa eine Viertelmeile von mir entfernt und meines Erachten auer Sicht der anderen. Daraufhin beschlo ich, mich ihnen zu entdecken und etwas ber ihr Schicksal zu erfahren. Ich begab mich also unverweilt auf den Marsch, in dem geschilderten Aufzuge, mein Freitag ein gutes Stck hinter mir, ebenso bis an die Zhne bewaffnet, aber nicht ganz das Schreckgespenst wie ich. Ich ging ungesehen so nahe wie mglich an sie heran und rief ihnen dann, ehe mich noch einer gewahr wurde, auf spanisch zu: Wer seid Ihr, Gentlemen? Bei diesem Laut fuhren sie auf, waren aber noch zehnmal mehr bestrzt, als sie mich und meine abenteuerliche Gestalt erblickten. Sie gaben nicht eine Silbe zur Antwort. Als ich aber merkte, da sie eben auf dem Sprunge waren, davonzulaufen, sagte ich auf englisch: Gentlemen, frchten Sie sich nicht vor mir! Vielleicht ist Ihnen ein Freund nahe, da Sie es am wenigsten erwarten. - Der mte dann vom Himmel selber geschickt sein, sagte einer von ihnen tiefernst zu mir, indem er gleichzeitig seinen Hut abnahm; denn Menschen knnen uns nicht mehr helfen. - Alle Hilfe kommt vom Himmel, Herr, erwiderte ich; aber wollen Sie wohl einem Fremden sagen, wie er Ihnen helfen kann? Denn Sie scheinen mir in groer Not zu sein. Ich sah Sie, als Sie landeten und die Unmenschen, die mit Ihnen kamen, anscheinend um Gnade anflehten; ich sah auch einen davon seinen Sbel erheben, um Sie zu tten. Dem armen Mann strzten die Trnen aus den Augen; er zitterte am ganzen Leibe und erwiderte: Rede ich mit einem Gott oder einem Menschen? Ist es ein wirklicher Mensch oder ein Engel?-Seien Sie deswegen unbesorgt, Herr, versetzte ich. Htte Gott Ihnen einen Engel zu Hilfe geschickt, so wrde er wohl in besseren Kleidern und mit anderen Waffen kommen, als Sie an mir sehen! Ich bitte Sie, schtteln Sie Ihre Furcht ab; ich bin ein Mensch, ein Englnder, und bereit, Ihnen zu helfen. Sie sehen, ich habe nur einen Diener. Aber wir haben Schuwaffen und Munition. Sprechen Sie also frei heraus: knnen wir Ihnen dienen? Was ist Ihnen widerfahren? Unsere Geschichte, Herr, sagte er, ist zu lang, um sie Ihnen zu erzhlen, indes unsere Mrder so nahe sind. Kurz gesagt jedoch: ich war der Befehlshaber jenes Schiffes; sie haben gegen mich gemeutert und lieen sich nur mit knapper Not davon abhalten, mich zu ermorden. Schlielich haben sie mich und diese beiden hier, meinen Steuermann und einen Passagier, an diesen verlassenen Ort ausgesetzt, wo wir unseren Untergang vor Augen sahen, da wir das Land fr unbewohnt hielten; und wir wissen auch jetzt noch nicht, was wir von alldem denken sollen. Wo sind diese Schurken, Ihre Feinde? fragte ich. Wissen Sie, wohin sie gegangen sind? -Dort sind sie, Herr, sagte er, auf ein dichtes Gebsch weisend; mein Herz zittert bei dem Gedanken, sie knnten uns gesehen und Sie sprechen gehrt haben; denn dann werden sie uns sicher alle ermorden. Haben sie irgendwelche Schuwaffen? fragte ich. Er erwiderte, sie htten nur zwei Flinten bei sieh, eine dritte htten sie im Boot gelassen. Gut denn, rief ich, berlassen Sie alles andere mir. Ich sehe, sie sind alle eingeschlafen; es ist ein leichtes, sie alle zu tten. Oder sollen wir sie lieber gefangennehmen? Er erwiderte, es seien zwei ganz verwegene Burschen dabei, denen es kaum ratsam sei, Gnade zu erweisen; wren diese aber beseitigt, so glaube er, wrden die anderen sich wieder auf ihre Pflicht besinnen. Welche sind diese beiden? fragte ich. Er sagte, er knne sie mir auf diese Entfernung nicht bezeichnen, aber er wolle meinen Befehlen in allen Stcken gehorchen. Gut, sagte ich, wir wollen zunchst hier weggehen, damit sie nicht etwa aufwachen und uns sehen oder hren, und wollen dann weiter beraten. Also gingen sie willig mit mir zurck, bis uns das Gehlz vor ihnen verbarg. Hren Sie nun, Herr, sagte ich, gesetzt, ich wage Ihre Befreiung, sind Sie dann bereit, zwei Bedingungen zu erfllen? Er kam mir zuvor, indem er sagte, er sowohl wie das Schiff, falls es zurckerobert werde, sollten in allen Dingen einzig und allein meinem Befehl und Willen unterworfen sein; werde es aber nicht erobert, so wolle er mit mir leben und sterben, wohin immer in aller Welt ich ihn fhren wrde. Dasselbe versicherten auch die anderen beiden. Gut, sagte ich, meine Bedingungen sind nur zweierlei: erstens, da Sie keinerlei Autoritt ber mich beanspruchen, solange Sie mit mir auf dieser Insel sind, und da Sie alle Waffen, die ich Ihnen etwa in die Hnde gebe, mir jederzeit auf mein Verlangen wieder ausliefern und sich ganz unter meinen Befehl stellen. Zweitens, da Sie, falls das Schiffzurckerobert wird, mich und meinen Diener ohne Entgelt nach England bringen. Er gab mir alle Versicherungen, die ein verstndiger und ehrlicher Mann nur geben kann, da er diese sehr gerechten Forderungen erfllen und berdies sein Lebtag bei allen Gelegenheiten bezeugen wolle, da er mir sein Leben zu danken habe. Gut denn, sagte ich, hier sind drei Musketen fr Sie samt Pulver und Kugeln. Was meinen Sie nun soll jetzt weiter geschehen? Er bezeigte mir alle nur mgliche Dankbarkeit, wnschte aber, sich ganz von mir fhren zu lassen. Ich sagte, ich hielte es fr gefhrlich, sich auf einen Kampf einzulassen; das beste scheine mir, so, wie sie dalgen, Feuer auf sie zu geben. Sollten dann einige bei dieser ersten Salve nicht gettet werden und um Pardon bitten, so knne man sie schonen. Im brigen msse man es Gottes Vorsehung berlassen, wie er die Kugeln lenken wolle. Er erwiderte sehr bescheiden, da es ihm widerstrebe, sie zu tten, wenn es sich vermeiden liee. Die besagten zwei Burschen freilich seien unverbesserliche Schurken und die Urheber der ganzen Meuterei; wenn sie entkmen, sei es um uns geschehen; denn sie wrden an Bord gehen und die ganze Besatzung herberholen und uns vernichten. Gut also, sagte ich, die Not rechtfertigt meinen Vorschlag; denn anders knnen wir unser Leben nicht retten. Da ich ihn indessen noch immer zgern sah, Blut zu vergieen, schlug ich vor, sie sollten selber hingehen und tun, was ihnen das Richtige scheinen wrde. Mitten in diesem Gesprche hrten wir, da einige von ihnen aufwachten, und gleich darauf sahen wir zwei auf den Fen. Ich fragte ihn, ob dies die Rdelsfhrer seien. Er sagte nein. Gut, fuhr ich fort, lassen Sie sie also meinetwegen entwischen, die Vorsehung selber scheint sie aufgeweckt zu haben, um sie zu retten; aber wenn Sie die brigen jetzt auch entkommen lassen, ist es Ihre Schuld. Hierdurch aufgemuntert, nahm er die Muskete, die ich ihm gereicht hatte, und steckte eine Pistole in den Grtel; seine beiden Gefhrten ergriffen auch jeder ein Gewehr und gingen voran. Da sie dabei etwas Gerusch machten, drehte sich einer der Matrosen, die schon wach waren, um, sah sie kommen und schrie den anderen etwas zu; aber es war bereits zu spt; denn in demselben Augenblick gaben die beiden Feuer, whrend der Kapitn seinen Schu klglich sparte. Sie hatten die beiden Rdelsfhrer so gut aufs Korn genommen, da der eine auf dem Fleck tot und der zweite schwer verwundet war; trotzdem sprang er auf die Fe und rief die anderen mit lautem Geschrei zu Hilfe. Der Kapitn jedoch sprang auf ihn zu, sagte, es sei jetzt zu spt, um Hilfe zu rufen, er solle lieber Gott anrufen, ihm seine Bberei zu vergeben, und schlug ihn mit dem Kolben seiner Muskete nieder, da ihm das Reden fr ewig verging. Nun waren noch drei von der Bande brig, einer davon ebenfalls leicht verwundet. Mittlerweile war ich auch herangekommen, und da sie die Gefahr sahen und da jeder Widerstand nutzlos sei, baten sie um Gnade. Der Kapitn sagte, er wolle ihnen das Leben schenken, wenn sie ihm versicherten, da sie ihren Verrat an ihm von Herzen bereuten, und eidlich gelobten, ihm zur Wiedereroberung des Schiffes und hernach zur Rckkehr nach Jamaika, von wo sie gekommen waren, treulich beizustehen. Sie gaben ihm alle Versicherungen ihrer Aufrichtigkeit, die man sich nur wnschen konnte, und er erklrte sich bereit, ihnen zu glauben und ihnen das Leben zu schenken, wogegen ich nichts einzuwenden hatte; nur bestand ich darauf, sie an Hnden und Fen gebunden zu halten, solange sie auf der Insel wren. Inzwischen hatte ich Freitag mit dem Steuermann nach dem Boot geschickt, um sich seiner zu bemchtigen und Ruder und Segel wegzubringen, was sie auch taten. Nach und nach kamen noch drei Matrosen, die (zu ihrem Glck!) getrennt von den anderen umhergestreift waren, auf die Gewehrschsse hin zurck; und als sie den Kapitn, der zuvor ihr Gefangener gewesen, jetzt als ihren berwinder sahen, ergaben sie sich auch und lieen sich binden, und damit war unser Sieg vollkommen. Nun blieb nur brig, da der Kapitn und ich einander ein wenig nher mit unseren Umstnden bekannt machten. Ich machte den Anfang und erzhlte ihm meine ganze Geschichte, die er mit Aufmerksamkeit und Staunen anhrte, besonders ber die wunderbare Art, wie ich mit Lebensmitteln und Munition versorgt worden war - wie ja denn meine Geschichte in der Tat eine einzige Kette von Wundern ist. Er war tief bewegt. Aber als er dann an sich selber dachte und wie ich eigens hier am Leben erhalten worden zu sein schien, um ihm das Leben zu retten, strmten ihm die Trnen bers Gesicht, und er konnte kein Wort mehr herausbringen. Als dieses Gesprch beendet war, fhrte ich ihn und seine beiden Gefhrten in meine Behausung, wo ich sie mit Essen und Trinken, so gut ich's hatte, erfrischte und ihnen alle Einrichtungen zeigte, die ich whrend meines langen, langen Aufenthalts an diesem Ort geschaffen hatte. Alles, was ich ihnen zeigte, alles, was ich ihnen erzhlte, versetzte sie in die hchste Verwunderung; am meisten aber staunte der Kapitn ber meine Verschanzung und wie vollkommen ich mein Versteck durch das Wldchen verborgen hatte, das in zwanzig Jahren zu einem dichten Walde geworden war, so dicht, da man nirgends hindurch konnte, auer an der einen Seite, wo ich mir einen schmalen, krummen Pfad gelassen hatte. Dies, sagte ich ihm, sei meine Burg und Residenz; aber ich htte noch einen Landsitz, wie es bei groen Herren blich sei, wohin ich mich im Notfall zurckziehen knne; den wrde ich ihm ein andermal zeigen; denn jetzt mten wir zunchst daran denken, wie wir uns des Schiffes bemchtigen knnten. Er stimmte mir bei, gestand aber, er sei ganz ratlos, wie wir das machen sollten; denn es seien noch sechsundzwanzig Mann an Bord, und da sie als gemeine Verschwrer alle ihr Leben vor dem Gesetz verwirkt htten, so wrden sie sich wahrscheinlich jetzt aus Verzweiflung nur um so mehr verhrten und ihr Spiel weiter treiben, weil sie wohl wten, da ihnen der Galgen gewi sei, sobald sie nach England oder in eine der englischen Kolonien kmen; deshalb sei es un- mglich, sie mit so geringen Streitkrften anzugreifen. Ich lie mir das eine Weile durch den Kopf gehen und fand seine Ansicht sehr vernnftig. Es mute also schleunigst ein Entschlu gefat werden, um die an Bord Gebliebenen in irgendeine Falle zu locken und gleichzeitig zu verhindern, da sie an Land kamen und uns berwltigten. Dabei kam mir sogleich der Gedanke, da die Schiffsmannschaft, verwundert darber, was aus ihren Kameraden und dem Boot geworden sei, sicherlich sehr bald mit ihrem ndern Boot an Land kommen wrde, um nach ihnen zu sehen, und zwar vielleicht mit Gewehren bewaffnet, so da sie zu stark fr uns sein wrden. Dies leuchtete ihm ein. Ich sagte ihm also, wir mten zu allernchst das Boot, das noch auf dem Strand lag, einschlagen, so da sie es nicht wegbringen knnten. Wenn wir dann alles herausgenommen htten, knnte es auch liegenbleiben, da es doch nicht mehr zum Schwimmen taugte. Also gingen wir hin. nahmen die Waffen heraus, die noch darin lagen, und was wir sonst fanden, nmlich eine Flasche Branntwein, noch eine mit Rum, einige Zwiebacke, ein Pulverhorn und einen groen, fnf bis sechs Pfund schweren Klumpen Zucker in einem Stck Segeltuch. All das war mir hochwillkommen, besonders der Branntwein und der Zucker, den ich schon seit vielen Jahren nicht mehr gehabt hatte. Als wir alle diese Beute in Sicherheit gebracht hatten, schlugen wir ein groes Loch in den Bauch des Bootes, so da sie es nicht mehr htten wegbringen knnen. Es wollte mir, die Wahrheit zu gestehen, nicht recht einleuchten, da wir imstande sein sollten, das Schiff wieder zu erobern. Ich dachte mir daher: wenn sie ohne das Boot wieder abfahren, so kann ich es wieder zurechtmachen und damit nach den in Lee gelegenen Inseln fahren und unterwegs bei unseren Freunden, den Spaniern, vorsprechen, die mir noch immer im Sinn lagen. Nachdem wir so unsere Anstalten getroffen und zuerst das Boot mit aller Kraft so weit auf den Strand hinaufgeschleppt hatten, da die Flut bei Hochwasser es nicht wegschwemmen konnte, danach ein groes Loch, das sich nicht so bald flicken lie, in den Boden geschlagen und uns schlielich niedergesetzt hatten, um weiter ber die Sache nachzudenken, hrten wir pltzlich das Schiff einen Kanonenschu lsen und sahen es einen Wimpel hissen, um das Boot an Bord zu rufen; aber kein Boot rhrte sich, und sie feuerten noch mehrere Male, gaben auch noch allerlei andere Signale. Endlich, als alles Schieen und Signalisieren umsonst war und kein Boot sich sehen lie, sahen wir sie durch unsere Fernglser ein anderes Boot aussetzen und auf die Kste zu rudern. Als sie nher kamen, erkannten wir, da nicht weniger als zehn Mann darin waren und da sie Schuwaffen mitfhrten. Da das Schiff fast zwei Seemeilen vom Ufer entfernt lag, konnten wir sie deutlich heranrudern sehen und die einzelnen Leute, ja sogar ihre Gesichter klar erkennen. Die Flut trieb sie ein wenig nach Osten ab, und sie ruderten daher das letzte Stck an der Kste entlang, um an die Stelle zu kommen, wo das erste Boot gelandet war und nun lag. Wir konnten sie, wie gesagt, infolgedessen in aller Ruhe beobachten, und der Kapitn konnte genau sagen, wer jeder einzelne sei und was er von ihm zu halten habe. Er sagte, es seien drei ganz ehrliche Burschen dabei, die sicherlich nur durch die anderen mit Drohung und Gewalt in die Verschwrung hineingezogen worden seien. Dagegen der Hochbootsmann, der anscheinend der vornehmste Offizier unter ihnen war, sowie alle brigen seien mit die Schlimmsten von der ganzen Besatzung und ganz desperate Kerle. Und er war sehr in Angst, da sie zu stark fr uns sein wrden. Ich lchelte und sagte, Mnner in unserer Lage seien schon ber alle Furcht hinaus. Fast jeder andere Zustand, in den wir geraten knnten, wrde besser sein als unser jetziger, und was uns auch widerfhre, ob Tod oder Leben, es wrde sicherlich eine Erlsung sein. Ich fragte ihn, was er von meinem hiesigen Zustand dchte und ob die Befreiung durchaus nicht wert sei, da man etwas dafr wagte. Ich meinesteils, fuhr ich fort, sehe nur eine Schwierigkeit bei der ganzen Sache. - Welche? fragte er. - Da߻, erwiderte ich, wie Sie sagen, drei oder vier ehrliche Burschen dabei sind, die wir schonen sollen. Wren es lauter Bsewichter, so wrde ich meinen, Gott selber habe sie so recht ausgesondert, um sie uns in die Hnde zu liefern; denn, glauben Sie mir, jeder, der an Land kommt, ist uns verfallen auf Tod oder Leben, je nachdem er sich zu uns stellt. Diese Worte, mit erhobener Stimme und heiterer Miene ausgesprochen, machten ihm wieder Mut, und so begaben wir uns rstig ans Werk. Gleich als wir das Boot vom Schiff abstoen sahen, hatten wir daran gedacht, unsere Gefangenen zu trennen, und sie in der Tat gehrig in Sicherheit gebracht. Zwei von ihnen, denen der Kapitn am wenigsten traute, schickte ich mit Freitag und einem der drei Geretteten in meine Hhle, wo sie weit genug waren, um weder gehrt noch entdeckt zu werden; auch wenn sie sich selber befreit htten, wrden sie den Weg aus dem Walde heraus nicht gefunden haben. Hier lieen sie sie gebunden liegen, gaben ihnen jedoch Mundvorrat und versprachen ihnen, sie in ein bis zwei Tagen wieder freizulassen, wenn sie sich still verhielten; versuchten sie aber zu entfliehen, so wrde es ihnen ohne Gnade den Hals kosten. Sie verschworen sich hoch und teuer, ihre Haft geduldig zu ertragen, und zeigten sich sehr dankbar fr die Lebensmittel und das Licht, das ihnen gelassen wurde; denn Freitag gab ihnen zum Trost ein paar von meinen selbstgemachten Kerzen. Auch meinten sie nichts anderes, als da er an dem Eingang Wache hielt. Die anderen Gefangenen hatten es noch besser; zwei von ihnen wurden zwar gleichfalls in Fesseln gehalten, weil ihnen der Kapitn nicht ganz traute; die brigen beiden jedoch wurden auf seine Empfehlung hin in meine Dienste genommen, nachdem sie zuvor feierlich geschworen hatten, mit uns zu leben und zu sterben. Also waren wir mit ihnen zusammen sieben Mann, alle wohlbewaffnet, und ich zweifelte nun nicht, da wir es mit den zehn Ankmmlingen gut aufnehmen knnten, zumal der Kapitn versichert hatte, es seien noch drei oder vier ehrliche Kerle darunter. Sobald sie an die Stelle kamen, wo das erste Boot lag, jagten sie das ihrige auf den Strand, stiegen alle aus und zogen das Boot aufs Trockene, was ich mit Befriedigung sah; denn ich hatte gefrchtet, sie wrden es in einiger Entfernung von der Kste vor Anker legen mit ein paar Mann zur Bewachung darin, so da wir uns seiner nicht wrden bemchtigen knnen. Kaum waren sie ausgestiegen, so liefen sie alle zu dem ndern Boot hin, und man konnte deutlich sehen, da sie sehr verdutzt waren, es geplndert und durchlchert zu finden. Nachdem sie eine Weile darber hin- und hergedacht hatten, schrien sie zwei- oder dreimal aus vollen Lungen, um sich ihren Kameraden vernehmlich zu machen; jedoch umsonst. Dann stellten sie sich alle in einen Kreis und feuerten eine Salve, von der uns die Ohren gellten und die in den Wldern ringsum widerhallte; aber auch das war vergeblich; denn die in der Hhle konnten es sicherlich nicht hren, und die, die bei uns waren, durften sich nicht mucksen. Darber waren sie so wie vor den Kopf geschlagen, da sie, wie sie uns spter erzhlten, beschlossen, alle wieder an Bord des Schiffes zu fahren und dort zu berichten, ihre Kameraden seien alle ermordet und das Langboot entzweigeschlagen. Sie brachten also ihr Boot unverzglich wieder zu Wasser und gingen alle an Bord zurck. Der Kapitn war sehr bestrzt, ja ganz auer sich darber, da er glaubte, sie wrden nunmehr ihre Gefhrten verloren geben und mit dem Schiff davon segeln, so da er es verlieren wrde, whrend er doch gehofft hatte, es zurckzuerobern. Aber gleich darauf schlug seine Befrchtung gerade in die entgegengesetzte um. Sie waren nmlich noch nicht lange weg, als wir sie alle wieder zur Kste zurckkehren sahen. Aber diesmal machten sie es, offenbar auf Verabredung, anders, das heit, sie lieen das Boot mit drei Mann zurck und kamen dann an Land, um nach ihren Kameraden zu suchen. Dies war ein dicker Strich durch unsere Rechnung, und wir wuten nicht, was tun; denn wenn wir uns auch der sieben Gelandeten bemchtigten, half es uns doch nichts, solange wir das Boot nicht in die Hnde bekamen, weil mit Sicherheit anzunehmen war, da die drei Mann alsdann zu dem Schiff zurckrudern und die ndern sogleich die Anker lichten und davon segeln wrden, so da wir das Nachsehen htten. Indessen, wir konnten nichts anderes tun als abwarten, wie die Dinge verlaufen wrden. Die sieben Mann kamen an Land, und die drei, die im Boot zurckblieben, stieen es eine ziemliche Strecke vorn Ufer ab und legten sich drauen vor Anker, um auf die anderen zu warten, so da es fr uns unmglich war, an das Boot zu kommen. Die Gelandeten hielten sich dicht beieinander und marschierten auf den Gipfel des kleinen Hgels los, unter dem meine Wohnung lag. Wir konnten sie deutlich sehen, obwohl sie uns nicht gewahren konnten. Es wre uns sehr lieb gewesen, wenn sie uns entweder nher gekommen wren, so da wir sie htten niederschieen knnen, oder wenn sie weiter weg gegangen wren, damit auch wir uns htten entfernen knnen. Allein als sie oben auf dem Hgel angekommen waren, von wo aus sie das Tal und die Wlder, die nordstlich im niedrigsten Teil der Insel lagen, berblicken konnten, riefen und schrien sie aus vollem Halse, bis sie mde waren. Da sie es offenbar nicht wagten, sich allzuweit vom Strande oder voneinander zu entfernen, setzten sie sich zusammen unter einen Baum, um zu beratschlagen. Wre es ihnen eingefallen zu schlafen, wie die anderen getan hatten, so wre unsere Sache gemacht gewesen; so aber wagten sie nicht zu schlafen, aus Furcht vor einer Gefahr, von der sie nicht wuten, woher sie drohte. Der Kapitn machte nun einen sehr gescheiten Vorschlag. Er meinte nmlich, sie wrden vielleicht alle zusammen eine Salve abfeuern, damit ihre Kameraden es hrten; alsdann sollten wir, sobald sie sich verschossen hatten, ber sie herfallen, und sie wrden sich zweifellos ohne Blutvergieen ergeben. Mir gefiel der Vorschlag; nur muten wir ihnen zunchst so nahe kommen, da wir ihnen auf dem Halse waren, noch ehe sie aufs neue laden konnten. Es kam jedoch nicht so, und wir lauerten eine lange Weile und wuten nicht, was tun. Endlich sagte ich, wir wrden wohl vor Einbruch der Nacht nichts anfangen knnen; wenn sie bis dahin nicht ins Boot zurckkehrten, wrde es vielleicht mglich sein, zwischen sie und den Strand zu kommen und die Wchter im Boot durch eine List ans Ufer zu locken. Wir warteten lange und ungeduldig, ob sie nicht weggingen, und es war uns bei der Sache nicht allzuwohl. Endlich sahen wir sie nach langen Beratungen alle miteinander aufspringen und zur Kste hinabmarschieren; anscheinend war ihnen so bange vor diesem unheimlichen Ort, da sie beschlossen, wieder an Bord des Schiffes zu fahren, ihre Gefhrten aufzugeben und ihre Reise mit dem Schiffe fortzusetzen. Sowie ich sie auf die Kste zugehen sah, dachte ich mir (und so war es auch wirklich), da sie ihre Suche aufgegeben hatten und nun wieder zurckkehren wollten. Der Kapitn wre bei diesem Anblick fast in Ohnmacht gefallen; ich dachte jedoch sogleich an eine List, um sie wieder zurckzulocken, was mir auch vortrefflich gelingen sollte. Ich befahl Freitag und dem Steuermann, nach Westen ber den kleinen Bach zu der Stelle zu gehen, wo die Wilden damals bei Freitags Rettung gelandet waren. Sobald sie dort, ungefhr eine halbe Meile weit, auf einer kleinen Erhhung angelangt wren, sollten sie so laut schreien, wie sie nur konnten, bis sie merkten, da die Matrosen sie hrten; sowie sie ihnen dann antworteten, sollten sie aufs neue rufen, sie immer weiter, so tief wie mglich ins Land und in die Wlder hereinlocken und dann sich wieder auf Umwegen, die ich ihnen beschrieb, zu uns zurckschlagen. Die Meuterer waren eben dabei, ins Boot zu steigen, als Freitag und der Steuermann ihr Geschrei erhoben. Sie antworteten sogleich, rannten am Ufer entlang nach Westen, den Stimmen nach, sahen sich aber pltzlich vor dem Bach, ber den sie nicht hinber konnten, da Hochwasser war. Sie riefen daher das Boot herbei, um sie berzusetzen, wie ich es in der Tat erwartet hatte. Als sie hinber waren, beobachtete ich, da sie das Boot ziemlich weit stromaufwrts in eine Art kleinen Hafen brachten, einen von den drei Wchtern mit sich nahmen und nur zwei im Boot zurcklieen, nachdem sie es zuvor an einem kleinen Baumstumpf befestigt hatten. Das war alles, was ich wnschte. Ich nahm den Rest meiner Mannschaft mit mir, berschritt den Bach an einer Stelle, wo die beiden uns nicht sehen konnten, und berraschte sie, ehe sie unser noch gewahr wurden, als der eine gerade am Ufer und der andere im Boote lag. Der auf dem Lande wollte, halb schlafend, halb wachend, eben aufspringen, als der Kapitn, der uns allen voran war, auf ihn zustrzte, ihn niederschlug und dann dem im Boot zurief, sich zu ergeben, sonst sei er ein Kind des Todes. Es bedurfte nicht vieler Argumente, um einen einzelnen Mann dazu zu berreden, der fnf Mnner gegen sich und seinen Kameraden zu Boden geschlagen sah; berdies schien es einer von denen zu sein, die sich nicht so eifrig an der Meuterei beteiligt hatten, so da er sich nicht nur leicht berreden lie, sich zu ergeben, sondern sich hernach auch ehrlich auf unsere Seite schlug. Mittlerweile hatten Freitag und der Steuermann ihre Sache so gut gemacht, da sie die anderen Meuterer durch Rufen und Antworten von einem Hgel zum ndern, von einem Wald zum ndern gelockt hatten, bis die Burschen so herzlich mde und so weit von der Kste entfernt waren, da sie unmglich vor Einbruch der Dunkelheit das Boot mehr erreichen konnten. Auch unsere Leute selber waren in der Tat todmde, als sie wieder zu uns stieen. Jetzt blieb uns nichts mehr zu tun, als im Finstern auf sie zu lauern, um sie mglichst ohne Gefahr zu berfallen. Freitag war schon seit mehreren Stunden zurck, als sie endlich ankamen. Wir konnten, lange bevor sie noch heran waren, hren, wie der Vorderste von ihnen den Hinteren zurief, sie sollten nachkommen; wir konnten sie auch antworten und klagen hren, wie lahm und mde sie seien und auerstande, schneller zu gehen, was uns sehr angenehm zu hren war. Endlich langten sie bei dem Boot an; unmglich aber ist es, ihre Bestrzung zu beschreiben, als sie das Boot fest auf Grund sitzen, die Flut verlaufen und ihre beiden Gefhrten verschwunden sahen. Wir konnten sie einander aufs klglichste zurufen und jammern hren, sie seien auf eine verhexte Insel geraten, es msse entweder Einwohner hier geben, dann wrden sie alle ermordet werden, oder aber es hausten hier Teufel und Geister, die sie alle entfhren und verschlingen wrden. Sie schrien aufs neue und riefen ihre beiden Kameraden viele Male beim Namen, aber keine Antwort kam. Bald darauf konnten wir sie in dem schwachen Dmmerlicht umherlaufen und verzweifelnd die Hnde ringen sehen. Bisweilen gingen sie in das Boot, um sich auszuruhen, kamen dann wieder ans Ufer und liefen aufs neue umher. Und so immer wieder von vorn. Meinen Leuten wre es am liebsten gewesen, wenn ich ihnen erlaubt htte, sie jetzt gleich im Dunkeln zu berfallen; aber ich gedachte eine gnstige Gelegenheit abzuwarten, um sie zu schonen und so wenige wie mglich zu tten. Vor allem war es mir auch darum zu tun, da keiner von den Meinigen gettet wrde, da ich wute, da die anderen sehr gut bewaffnet waren. Ich beschlo also abzuwarten, ob sie sich nicht trennen wrden. Mittlerweile aber zog ich, um sicher zu gehen, meinen Hinterhalt nher an sie heran und befahl Freitag und dem Kapitn, auf Hnden und Fen mglichst dicht am Boden vorzukriechen und erst dann zu feuern, wenn sie ihnen ganz nahe wren. Kaum hatten sie das getan, als der Hochbootsmann, der der Hauptrdelsfhrer bei der Meuterei gewesen war, sich jetzt aber als der Jmmerlichste und Feigste von allen erwiesen hatte, mit zwei anderen Leuten auf sie zukam. Als der Kapitn den Hauptbsewicht so nahe in seiner Gewalt sah, konnte er es kaum erwarten, ihn so dicht herankommen zu lassen, bis er seiner ganz sicher war, denn sie hatten ihn bisher nur an der Sprache erkannt; als er jedoch ganz nahe war, sprangen der Kapitn und Freitag auf die Fe und gaben Feuer. Der Hochbootsmann blieb auf der Stelle tot; der nchste war in den Bauch getroffen und strzte ebenfalls nieder, obwohl er erst ein oder zwei Stunden spter starb, und der dritte gab Fersengeld. Auf den Knall hin rckte ich unverweilt mit meiner ganzen Armee vor, die nun acht Mann stark war, nmlich ich als Generalissimus, Freitag mein Generalleutnant, der Kapitn mit seinen zwei Freunden und die drei Kriegsgefangenen, denen er Waffen anvertraut hatte. Da wir sie im Dunkeln berfielen, konnten sie unsere Anzahl nicht erkennen, und ich befahl dem Mann, den sie im Boot gelassen hatten und der nun zu uns bergegangen war, sie beim Namen anzurufen und zu versuchen, ob er sie vielleicht zur Verhandlung und bergabe bringen knne. Es ging alles nach Wunsch. In der Tat kann man sich leicht denken, da Leute in ihrer Lage nicht lange zgerten, zu kapitulieren. Er rief also einem von ihnen aus vollem Halse zu: Tom Smith, Tom Smith! Tom Smith antwortete sogleich : Wer da? Robinson? Denn er schien ihn an der Stimme erkannt zu haben. Um Gottes willen, Tom Smith .fuhr unser Mann fort, a werft eure Waffen weg und ergebt euch, oder ihr seid alle in diesem Augenblick des Todes! Wem sollen wir uns ergeben ? Wo sind sie ? rief Smith wieder. Hier sind sie! antwortete Robinson, hier ist unser Kapitn mit 50 Mann, die schon seit zwei Stunden auf uns Jagd machen; der Hochbootsmann ist tot, Will Frey ist verwundet, und ich bin gefangen, und wenn ihr euch nicht ergebt, seid ihr des Todes. Wollen sie uns Pardon geben? fragte Tom Smith, dann wollen wir uns ergeben. - Ich will gehen und fragen, versetzte Robinson. Also fragte er den Kapitn, und der Kapitn selber rief nun: Smith, du kennst meine Stimme. Wenn ihr augenblicklich eure Waffen niederlegt und euch ergebt, soll euch das Leben geschenkt sein, allen bis auf Will Atkins. Um Gottes Barmherzigkeit willen, Kapitn, hrten wir Atkins daraufhin schreien. Gnade, Gnade! Was habe ich denn getan? Sie sind alle ebenso schlimm gewesen wie ich!(Dies war nicht die Wahrheit; denn dieser Will Atkins war anscheinend der erste, der Hand an den Kapitn gelegt und ihn grausam gebunden und be- schimpft hatte.) Allein der Kapitn erwiderte ihm, er msse sich auf Gnade und Ungnade ergeben und abwarten, ob der Gouverneur ihm das Leben schenken werde, womit er mich meinte; denn sie nannten mich alle Gouverneur. Mit einem Wort: sie streckten alle die Waffen und baten um ihr Leben. Ich schickte den Mann, der mit ihnen verhandelt hatte, und noch zwei andere, um sie alle zu binden. Hierauf rckte meine groe Armee von 50 Mann, alias acht Kpfen, vor und bemchtigte sich ihrer aller und auch des Bootes. Nur ich selbst und noch einer lieen uns aus Staatsraison nicht blicken. Nun galt es, das Boot auszubessern und an die Eroberung des Schiffes zu denken. Der Kapitn konnte nun in aller Ruhe mit ihnen reden und fhrte ihnen ihre Schurkerei zu Gemte, die sie sicherlich in Elend und Not, vielleicht gar an den Galgen bringen wrde. Sie zeigten sich alle sehr reumtig und flehten instndig um ihr Leben. Was das angehe, sagte er, so seien sie nicht seine Gefangenen, sondern die des Oberbefehlshabers der Insel; sie htten geglaubt, ihn an eine wste, unbewohnte Insel auszusetzen; aber Gott habe es so geschickt, da die Insel bewohnt und der Gouverneur noch dazu ein Englnder sei. Dieser knnte sie, wenn er wollte, allesamt hngen lassen. Aber da er ihnen Pardon gegeben habe, nhme er an, er wolle sie nach England schicken, damit dort nach Recht und Gerechtigkeit mit ihnen verfahren werde, ausgenommen Atkins, dem der Gouverneur sagen lasse, er solle sich zum Tode bereiten, denn er wrde am Morgen gehngt werden. Obwohl das alles nur seine eigene Erfindung war, tat es doch die gewnschte Wirkung. Atkins fiel auf die Knie und flehte den Kapitn an, bei dem Gouverneur ein Wort fr ihn einzulegen, und alle die anderen baten ihn, sie doch um Gottes willen nicht nach England zu schicken. Ich sagte mir nun, da es leicht sein msse, diese Burschen dazuzubringen, uns bei der Eroberung des Schiffes zu helfen. Daher zog ich mich im Dunkeln zurck, damit sie nicht sehen sollten, was fr einen artigen Gouverneur sie vor sich htten, und ich rief den Kapitn zu mir. Es war verabredet, da einer der unsrigen daraufhin zum Kapitn sagen mute: Kapitn, der Kommandeur wnscht sie zu sprechen!, und sofort erwiderte der Kapitn: Sage Seiner Exzellenz, ich komme sofort! Dies machte sie vollkommen irre, und sie glaubten alle, der Kommandeur sei mit seinen 50 Mann ganz in der Nhe. Als der Kapitn bei mir war, erffnete ich ihm meinen Plan zur Eroberung des Schiffes, der ihm so gut gefiel, da er beschlo, ihn gleich am nchsten Morgen auszufhren. Um jedoch so sicher wie mglich zu gehen, erklrte ich ihm, wir mten zuvor die Gefangenen verteilen, und zwar solle er Atkins und noch zwei der Schlimmsten nehmen und gefesselt in die Hhle schicken, wo die anderen lagen. Dies wurde Freitag und den beiden Freunden des Kapitns bertragen. Sie brachten sie also in das Hhlengefngnis, wahrlich an keinen angenehmen Ort, zumal fr Mnner in ihrer Lage. Die anderen lie ich in mein Landhaus bringen, wo sie nicht entkommen konnten, da der Platz eingezunt und sie selber berdies gefesselt waren. Zu diesen schickte ich am Morgen den Kapitn, um mit ihnen zu reden und sie auszufragen und mir dann Bescheid zu bringen, ob man es wagen knne, sie zu dem berfall auf das Schiff mitzunehmen. Er sprach zu ihnen von dem Unrecht, das sie ihm angetan htten, und von der Lage, in die sie nun geraten seien; der Gouverneur habe ihnen zwar ihr Leben geschenkt, kmen sie jedoch nach England, so wrden sie sicherlich alle in Ketten aufgehngt werden. Wenn sie uns aber bei der Eroberung des Schiffes helfen wollten, so wolle er den Gouverneur veranlassen, sich fr ihre Begnadigung einzusetzen. Man kann sich leicht denken, wie bereitwillig dieser Vorschlag von ihnen angenommen wurde. Sie fielen vor dem Kapitn auf die Knie und schwuren ihm hoch und teuer, ihm bis auf den letzten Blutstropfen treu zu sein; sie wollten ihm ihr Leben danken, mit ihm durch die ganze Welt gehen und ihn ihr Lebtag wie ihren Vater achten. Gut, sagte der Kapitn, ich mu zum Gouverneur und ihm berichten, was ihr sagt, und dann sehen, was ich bei ihm ausrichten kann. Also brachte er mir Nachricht, in was fr einer Gemtsverfassung er sie angetroffen habe, und da er wirklich glaube, sie wrden uns treu sein. Um indessen ganz sicherzugehen, lie ich ihn noch einmal zurckkehren, fnf von ihnen auswhlen und ihnen sagen, sie knnten zwar sehen, da es ihm an Mannschaft nicht fehle, aber er wolle diese fnf als Gehilfen mit sich nehmen; der Gouverneur werde die anderen zwei und die drei, die im Kastell (meiner Hhle!) gefangen lgen, als Geiseln behalten zum Unterpfand der Treue dieser fnf. Wrden sie bei dem Unternehmen sich das Geringste zuschulden kommen lassen, so wrden sie alle bei lebendigem Leibe in Ketten am Ufer aufgehngt werden. Das hrte sich ernst an und berzeugte sie davon, da der Gouverneur nicht spate; es blieb ihnen jedoch nichts anderes brig, als darauf einzugehen, und nun halten die ndern Gefangenen ebensoviel Ursache wie der Kapitn, die fnf an ihre Pflicht zu mahnen. Unsere Streitmacht wurde nun fr das Unternehmen so geordnet: 1. Der Kapitn, sein Steuermann und der Passagier. 2. Die beiden Gefangenen aus dem ersten Trupp, denen ich auf Empfehlung des Kapitns die Freiheit gegeben und Waffen anvertraut hatte. 3. Die beiden, die ich bisher gefesselt in meinem Landhaus gehalten, aber nun auf Anraten des Kapitns freigelassen hatte. 4. Die fnf zuletzt Befreiten, so da wir insgesamt zwlf Mann hatten, auer den fnf, die als Geiseln in der Hhle lagen. Ich fragte den Kapitn, ob er sich mit dieser Mannschaft auf das Schiff getraue; denn ich selber samt meinem Freitag hielt es nicht fr geraten, die Insel mit sieben Mann im Rcken zu verlassen; wir hatten genug zu tun, sie gesondert zu bewachen und zu verpflegen. Die fnf Mann in der Hhle lie ich gefesselt haken, doch brachte Freitag ihnen zweimal tglich etwas zu essen, und die anderen beiden muten die Speisen jedesmal bis auf eine gewisse Entfernung ihm zutragen, wo er sie dann abholte. Als ich mich diesen beiden Geiseln zeigte, geschah es im Beisein des Kapitns, der ihnen sagte, ich sei die Persnlichkeit, die der Gouverneur beauftragt habe, auf sie achtzugeben, und es sei der Wille des Gouverneurs, da sie ohne meine Erlaubnis keinen Schritt weit gehen drften, widrigenfalls sie in das Kastell gesperrt und in Eisen gelegt werden wrden. Da ich mich zuvor nie als Gouverneur hatte blicken lassen, trat ich also nun in anderer Person auf und redete bei jeder Gelegenheit bald von dem Gouverneur, bald von der Garnison, bald von dem Kastell und dergleichen mehr. Der Kapitn hatte nun keine Schwierigkeiten mehr vor sich, als seine zwei Boote fertigzumachen, das Loch zu flicken und sie zu bemannen. Er ernannte den Passagier zum Kommandanten des einen und gab ihm vier Mann, und er selbst, sein Steuermann und die fnf anderen Leute fuhren in dem ndern. Sie ruderten so fleiig, da sie um Mitternacht bei dem Schiff anlangten. Sobald sie in Hrweite waren, lie er Robinson sie anrufen und sagen, sie brchten das Boot und die Leute endlich zurck, aber sie htten lange nach ihnen suchen mssen und dergleichen mehr. In dieser Art mute er schwatzen, bis sie lngsseits des Schiffes waren; in diesem Augenblick sprangen der Kapitn und der Steuermann, die Gewehre in der Faust, als erste hinauf, schlugen mir nichts, dir nichts den zweiten Steuermann und den Schiffszimmermann mit den umgekehrten Musketen nieder und nahmen, wacker untersttzt von ihren Leuten, alles, was auf dem Haupt- und Quarterdeck war, gefangen. Sie waren eben dabei, die Luken zu schlieen, um alle im Raum Befindlichen unten zu halten, als die Mannschaft des anderen Bootes vorn am Bug enterte und sich des Vorderdecks bemchtigte sowie des Zugangs zur Kombse, wo sie drei Mann gefangennahmen. Nachdem dies vollbracht und auf Deck alles in Sicherheit war, befahl der Kapitn dem Steuermann, mit drei Leuten in die Htte einzubrechen, wo der neue Rebellenkapitn lag. Dieser war auf den Lrm hin aufgesprungen und hatte nebst zwei Mann und einem Schiffsjungen die Gewehre ergriffen, und als der Steuermann die Tr mit einer Brechstange sprengte, feuerten der neue Kapitn und seine Leute auf sie, was das Zeug hielt. Sie verwundeten den Steuermann mit einer Musketenkugel, die ihm den Arm brach, sowie zwei der Leute, tteten aber keinen. Der Steuermann schrie um Hilfe, drang indessen, so schwer verwundet er auch war, in die Htte ein und scho mit seiner Pistole den Afterkapitn durch den Kopf, da ihm die Kugel in den Mund und hinter einem Ohr hinausfuhr, so da ihm das Reden fr immer verging. Daraufhin ergaben sich die brigen, und das Schiff wurde nun ganz und gar in Besitz genommen, ohne da es noch irgendein Menschenleben kostete. Als der Kapitn das ganze Schiff in der Hand hatte, lie er sieben Kanonenschsse abfeuern. Dies war das Zeichen, das er mit mir verabredet hatte, um mir seinen Sieg zu verknden. Und man kann sich denken, da es mir angenehm in den Ohren klang, da ich fast bis zwei Uhr morgens am Ufer darauf gelauert hatte. Nachdem ich die sieben Schsse deutlich gehrt hatte, legte ich mich nieder und fiel in einen gesunden Schlaf, da es ein sehr ermdender Tag fr mich gewesen war, bis ich durch einen Gewehrschu geweckt wurde. Ich sprang sogleich auf die Fe und hrte jemand rufen: Gouverneur! Gouverneur! Sofort erkannte ich die Stimme des Kapitns, und als ich zum Hgel hinaufeilte, stand er oben, deutete auf das Schiff, fiel mir um den Hals und rief: Mein liebster Freund und Retter! Dort ist Ihr Schiff; denn es gehrt ganz und gar Ihnen, wie wir alle auch und alles, was darin ist! Ich wandte mich nach dem Schiff um, und da lag es, nur etwa eine halbe Meile weit vom Ufer; denn sie hatten nach, ihrem Siege sogleich die Anker gelichtet und es, da das Wetter gut war, just vor die Mndung des kleinen Baches gelegt, und der Kapitn war, da Hochwasser war, mit seiner Pinasse herbergekommen, ungefhr dorthin, wo ich seinerzeit meine Fle geborgen hatte, und war so gerade vor meiner Tre gelandet. ich wre vor Freude beinahe in Ohnmacht gefallen: denn ich sah nun wirklich und wahrhaftig meine Befreiung in meine Hnde gegeben, alle Wege geebnet und ein groes Schiff bereitliegen, um mich fortzutragen, wohin ich nur wollte. Anfangs konnte ich lange Zeit kein Wort hervorbringen, sondern hielt mich, da er mich umarmte, nur fest an ihm, sonst wre ich zu Boden gestrzt. Er sah meine Erschtterung, zog sogleich eine Flasche aus seiner Tasche und gab mir einen Schluck Kordialwasser, das er eigens fr mich mitgebracht hatte. Ich trank und setzte mich dann auf die Erde, und obwohl mich der Branntwein wieder etwas zu mir selbst brachte, dauerte es doch noch eine gute Weile, ehe ich ein Wort zu ihm reden konnte. Die ganze Zeit ber war der gute Mann ebenso tief bewegt wie ich. Er sagte mir tausend liebevolle Dinge, um mich zu beruhigen und mich zu mir selber zu bringen; aber die Freudenflut wogte mir so wild in der Brust, da sie alle meine Geister durcheinanderwarf. Endlich lste sich der Drang in Trnen, und bald darauf kam mir die Sprache wieder. Nun war die Reihe an mir, ihn als meinen Befreier zu umarmen, und wir lachten und weinten miteinander. Ich sagte ihm, ich she in ihm einen vom Himmel zu meiner Befreiung Gesandten, und das Ganze erschien mir als eine Kette von Wundern; solche Geschehnisse wie diese zeugten dafr, da eine unsichtbare Hand die Welt regiere, und bewiesen, da das Auge der Allmacht bis in die entlegensten Winkel der Welt zu schauen und den Unglcklichen Hilfe zu senden vermge, wann immer es ihr gefiele. Ich verga nicht, mein Herz in Dankbarkeit zum Himmel zu erheben; und welches Herz htte es auch unterlassen knnen, ihn zu segnen, der nicht nur in diesem Falle in einer solchen Wildnis und einer solchen Verlassenheit so Wunderbares gewirkt hatte, sondern von dem jegliche Errettung und Erlsung kommt! Endlich sagte der Kapitn zu mir, er habe mir einige Erfrischungen mitgebracht, soviel deren noch im Schiff vorhanden und nicht von den Buben, die so lange darin geschaltet htten, geplndert seien. Darauf rief er seinen Leuten im Boote zu, sie sollten die Sachen fr den Gouverneur an Land bringen. Das Geschenk war derart, als ob ich nicht mit ihnen wegfahren, sondern weiterhin auf der Insel wohnen bleiben sollte. Erstlich hatte er mir eine Kiste mit Flaschen voll ausgezeichneten Kordialwassers mitgebracht, sechs groe Flaschen Madeirawein, je zwei Quart fassend, zwei Pfund vorzglichen Tabak, zwlf Stcke Rindfleisch und sechs Stcke Schweinefleisch, nebst einem Sack Erbsen und etwa hundert Pfund Zwieback. Ferner brachte er mir eine Kiste Zucker, eine mit Mehl, einen Sack voll Zitronen nebst zwei Flaschen Zitronensaft und eine Menge anderer Dinge, vor allem aber, was mir tausendmal wertvoller war, ein halb Dutzend neuer Hemden, ebenso viele Halstcher, zwei Paar Handschuhe, ein Paar Schuhe, einen Hut, ein Paar Strmpfe und einen sehr guten Anzug aus seiner eigenen Garderobe, der noch fast wie neu war. Mit einem Wort: er kleidete mich von Kopf bis zu Fu ein. Es war, wie man sich denken mag, fr einen Menschen in meiner Lage ein sehr liebes und willkommenes Geschenk; und dennoch war mir nie in aller Welt etwas so unangenehm, unbehaglich und lstig wie diese Kleider, als ich sie zuerst anzog. Nachdem dieser feierliche Vorgang beendet und alle die guten Dinge in meiner Behausung geschehen waren, gingen wir zu Rate, was mit unseren Gefangenen geschehen sollte; denn es war eine wichtige Frage, ob wir es wagen sollten, sie mitzunehmen, besonders zwei, die der Kapitn als unverbesserlich und widerspenstig kannte. Er wisse bestimmt, sagte er, da alle Gte an diesen Schurken verloren sei, und wenn er sie mitnhme, so msse er sie als Verbrecher in Eisen legen, um sie in der ersten englischen Kolonie den Gerichten zu berliefern. Ich merkte, da ihm dieser Gedanke sehr unbehaglich war. Ich erwiderte daher, wenn es ihm ernst sei, wolle ich mich getrauen, die beiden soweit zu bringen, da sie selber darum bitten wrden, sie hier auf der Insel zu lassen. Das wre mir von Herzen lieb! sagte der Kapitn. Gut, fuhr ich fort, ich will nach ihnen schicken und mit ihnen reden. Ich befahl also Freitag und den zwei Geiseln, zu der Hhle zu gehen und die fnf Mann, gefesselt, wie sie waren, in das Landhaus zu bringen und dort zu bewachen, bis wir kmen. Nach einer Weile erschien ich dort zusammen mit dem Kapitn in meinen neuen Kleidern als Gouverneur, lie die Burschen vorfhren und sagte zu ihnen, der Kapitn habe mir ber ihr schurkisches Verhalten gegen ihn ausfhrlichen Bericht erstattet und wie sie mit dem Schiff durchgegangen seien und sich nun zu neuen Rubereien gerstet htten. Aber die Vorsehung habe sie auf ihren eigenen Schlichen gefangen und sie selber in die Grube gestrzt, die sie anderen gegraben htten. Ich erffnete ihnen, da das Schiff auf meinen Befehl zurckerobert sei und nun auf der Reede vor Anker liege; sie wrden sich bald mit eigenen Augen davon berzeugen knnen, da der neue Kapitn den Lohn fr sein Verbrechen empfangen habe; sie knnten ihn am Rah-Ende baumeln sehen. Was sie selber angehe, so wnschte ich zu wissen, was sie vorzubringen htten, warum ich sie nicht als auf der Tat ertappte Seeruber exekutieren sollte. Sie zweifelten doch wohl nicht, da ich kraft meines Amtes die Gewalt dazu htte. Einer von ihnen antwortete mir im Namen der anderen, sie htten nichts weiter zu sagen als nur, da der Kapitn bei ihrer Gefangennahme ihnen das Leben versprochen habe und da sie mich demtigst um Gnade bten. Ich erwiderte jedoch, ich wte nicht, welche Gnade ich ihnen erweisen sollte, denn ich selbst sei entschlossen, die Insel mit allen meinen Leuten zu verlassen, und htte bereits die berfahrt nach England mit dem Kapitn vereinbart; und der Kapitn seinerseits knne sie nicht anders als in Ketten nach England mitnehmen, um sie dort wegen Meuterei und Schiffsraub vor Gericht zu bringen, worauf, wie sie wohl wten, unfehlbar der Galgen folgen wrde. Ich knnte also selber nicht sagen, was das beste fr sie sei, auer wenn sie etwa hier auf der Insel ihr Schicksal versuchen wollten. Wnschten sie das, so htte ich nichts dagegen, ihnen ihr Leben zu schenken. Sie schienen dafr sehr dankbar zu sein und sagten, sie wollten es lieber wagen, hierzubleiben, als sich nach England an den Galgen bringen zu lassen. Also lie ich es dabei. Der Kapitn tat jedoch so, als ob er dagegen etwas einzuwenden htte und sie nicht einmal hierlassen drfte. Darber stellte ich mich ein wenig erzrnt und sagte zu ihm, es seien meine Gefangenen, nicht seine. Ich htte ihnen diese Gnade zugesagt und wolle mein Wort auch halten; und wenn er nicht einwillige, wrde ich sie schlechterdings wieder freilassen, und er mge sie dann wieder einfangen, wenn er knne. Darber waren sie hochbeglckt. Ich setzte sie also auf freien Fu und wies sie an, sich in die Wlder zurckzuziehen, an den Ort, woher sie kmen; ich wrde ihnen einige Waffen und Munition lassen und ihnen berdies allerhand Ratschlge geben, wie sie hier ihr Leben einzurichten htten. Darauf rstete ich mich, an Bord des Schiffes zu gehen, sagte jedoch dem Kapitn, ich wolle die Nacht ber noch hierbleiben, um alles in Ordnung zu bringen; er solle daher vorausgehen, alles an Bord fertig halten und morgigen Tages das Boot an Land schicken. Vor allem solle er dafr sorgen, da der falsche Kapitn an die Rah gehngt werde, damit diese Burschen ihn sehen knnten. Als der Kapitn fort war, lie ich die fnf Leute in meine Wohnung kommen und redete ausfhrlich mit ihnen. Ich sagte, sie htten meines Erachtens die beste Wahl getroffen; denn wenn der Kapitn sie mitnhme, htten sie nichts anderes zu erwarten als dies, und dabei zeigte ich ihnen ihren Kapitn, der an der Rah des Schiffes hing. Ich erzhlte ihnen darauf die ganze Geschichte dieses Ortes und wie ich hierhergekommen, und zeigte ihnen meine Befestigungen, die Art, wie ich mein Brot machte, mein Korn pflanzte, meine Trauben trocknete, mit einem Wort; alles, was ntig war, um ihnen das Leben zu erleichtern. Ich erzhlte ihnen auch von den sechzehn Spaniern, die noch zu erwarten waren und fr die ich einen Brief hinterlie, und nahm den Leuten das Versprechen ab, sie als Brder zu behandeln. Ich lie ihnen meine Schuwaffen, nmlich fnf Musketen und drei Vogelflinten, dazu drei Schwerter. Auch war noch etwa ein Fchen Pulver da; denn nach den ersten paar Jahren war ich sehr sparsam damit umgegangen. Ich beschrieb ihnen, wie ich es mit meinen Ziegen gehalten, sie gemolken, gemstet und Butter und Kse gemacht hatte. Kurz, ich verschwieg ihnen nichts von meiner ganzen Geschichte und versprach berdies, den Kapitn zu veranlassen, da er ihnen noch zwei Fchen mit Pulver und etwas Gartensamen zurckliee, den ich selber immer sehr vermit hatte. Auch gab ich ihnen den Sack Erbsen, den mir der Kapitn mitgebracht hatte, und ermahnte sie, sie ja auszusen und zu vermehren. Nachdem all das getan war, verlie ich sie am nchsten Tage und ging an Bord. Wir machten uns sogleich segelfertig, lichteten aber den Anker noch nicht. Am nchsten Morgen frh kamen zwei von den fnfen an das Schiff geschwommen. erhoben jmmerliche Klagen ber die anderen und flehten, sie doch um Gottes willen ins Schiff zu nehmen, denn sonst wrden sie ermordet werden, und lieber solle sie der Kapitn gleich aufhngen. Der Kapitn gab zuerst vor, er knne ohne mich nichts entscheiden; nach einigem Hin und Her jedoch und nachdem sie feierliche Bue geschworen hatten, wurden sie an Bord geholt und alsdann tchtig durchgeprgelt, worauf sie sich dann als ganz ordentliche und ruhige Burschen erwiesen. Kurz darauf fuhr ich mit dem Boot bei Hochwasser an Land, um den drei anderen die versprochenen Sachen zu bringen, zu denen der Kapitn auf meine Frsprache hin noch ihre Kisten und Kleider gefgt hatte. Sie nahmen alles sehr dankbar an, und ich ermutigte sie noch, indem ich ihnen versprach, wenn ich je Gelegenheit htte, sie durch ein Schiff abholen zu lassen, so wrde ich sie nicht vergessen. Bei meiner Abreise nahm ich als Andenken meine groe Ziegenfellmtze sowie meinen Sonnenschirm und einen meiner Papageien mit. Auch verga ich das vorerwhnte Geld nicht, das inzwischen so lange unbenutzt gelegen hatte, da es ganz rostig und schwarz geworden war und kaum noch als Silber zu erkennen war, bis man es ein wenig gerieben und abgewischt hatte. Ebenso nahm ich das Geld mit, das ich in dem spanischen Wrack gefunden hatte. Und also verlie ich diese Insel, dem Schiffskalender nach am 19. Dezember des Jahres 1686, nachdem ich 28 Jahre, 2 Monate und 19 Tage darauf gelebt hatte, und ich entging dieser zweiten Sklaverei an demselben Tage des Monats, an dem ich in der Schaluppe den Mauren zu Salee entflohen war. Auf diesem Schiff langte ich nach einer langwierigen Reise am 11.Juni des Jahres 1687 nach 35 jhriger Abwesenheit in England an. Bei meiner Ankunft war mir alle Welt so fremd, als htte ich mein Lebtag keine Seele dort gekannt. Meine ehemalige Wohltterin und Pflegemutter, der ich mein Geld anvertraut hatte, war zwar noch am Leben, hatte aber vielerlei Unglck durchgemacht. Sie hatte vor kurzem zum zweiten mal ihren Mann verloren, und es stand nicht eben gut um sie. Ich redete ihr zu, sie solle sich wegen dessen, was sie mir schuldete, keine grauen Haare wachsen lassen, denn ich wolle sie nicht drngen. Vielmehr gab ich ihr, zum Dank fr alle ihre Sorge und Treue, etwas zu Hilfe, soviel mein kleines Kapital es erlaubte, und das war damals nur sehr wenig; aber ich versicherte ihr, ich wrde ihre Gte gegen mich nie vergessen; und ich verga sie auch wirklich nicht, als ich genug besa, um ihr zu helfen, wie ich an seinem Ort erzhlen werde. Darauf reiste ich zunchst nach Yorkshire; allein mein Vater war tot, meine Mutter auch, und die ganze Familie ausgestorben; nur zwei Schwestern fand ich vor und zwei der Kinder eines meiner Brder. An mich hatte niemand mehr gedacht, weil man mich seit langem tot glaubte, so da ich, kurz gesagt, keinerlei Trost noch Hilfe fand. Und mit meinem eigenen bichen Geld konnte ich auch nicht viel anfangen. Zwar erhielt ich einen unverhofften Beweis der Dankbarkeit. Denn da der Kapitn, dem ich glcklich wieder zu Leben. Schiff und Ladung verholfen hatte, den Eigentmern seines Schiffes viel Rhmens von mir machte, so luden sie und einige andere beteiligte Kaufleute mich zu sich und hndigten mir mit herzlichen Worten ein Geschenk von zweihundert Pfund Sterling aus. Ich dachte hin und her ber meine Lage. Was ich besa, reichte nicht hin, um mich huslich niederzulassen und ein ersprieliches Gewerbe anzufangen. Und so entschlo ich mich, nach Lissabon zu segeln und zu sehen, ob ich nicht Nachrichten ber meine Plantage in Brasilien einziehen knnte und wie es mit meinem Nachbarn stnde, der mich sicherlich seit vielen Jahren fr tot hielt. Ich schiffte mich also nach Lissabon ein und kam im April dort an, zusammen mit meinem ehrlichen Freitag, der mir in allem Hin und Her treulich beistand. Durch Nachfrage machte ich zu meiner groen Freude meinen alten Freund, den Schiffskapitn, der mich damals an der afrikanischen Kste an Bord genommen hatte, ausfindig. Er war inzwischen alt geworden, hatte das Seeleben aufgegeben und das Schiff seinem Sohne berlassen, der auch kein Jngling mehr war. Er selber trieb bis dato noch Handelsgeschfte mit Brasilien. Der gute Alte kannte mich nicht mehr, und auch ich vermochte ihn nur schwer zu erkennen. Als ich aber meinen Namen nannte, erinnerte er sich meiner sogleich. Nachdem wir unsere alte Freundschaft aufs herzlichste bekrftigt hatten, erkundigte ich mich, wie man sich wohl denken kann, nach meiner Plantage und meinen Mitpflanzern. Er berichtete mir, er sei seit neun Jahren nicht in Brasilien gewesen, knne mir aber versichern, da bei seiner letzten Abreise mein Nachbar noch am Leben gewesen sei; die beiden Mitverweser jedoch, die man ihm fr mich beigegeben hatte, seien verstorben. Dennoch glaube er, ich wrde Gutes von dem Wachstum meiner Plantage zu hren bekommen. Denn auf den allgemeinen Ruf hin. ich habe Schiffbruch erlitten und sei ertrunken, htten die Verweser die Verrechnung meiner Einknfte dem Kniglichen Rentmeister bergeben. Dieser habe, solange ich keinen Anspruch erhbe, ein Drittel davon dem Knig von Portugal und zwei Drittel dem Hl. Augustinerkloster zugewiesen zur Armenpflege und zur Bekehrung der Indianer zum katholischen Glauben. Kme aber ich oder ein anderer fr mich wieder zum Vorschein und forderte mein Erbe, so sollte es mir wieder herausgegeben werden, bis auf die jhrlichen, zu frommem Zweck bestimmten Abgaben. Gleichzeitig versicherte mir der Alte, da der Knigliche Rentmeister sowohl wie der Schatzmeister des Klosters die ganze Zeit ber streng darauf geachtet htten, da der von mir bestimmte Verwalter genaue Rechnung ber die Ertrgnisse der Pflanzung legte und der mir gebhrende Anteil ordentlich abgezogen wrde. Ich fragte ihn, ob er nicht wte, um wieviel sich die Plantage vermehrt habe, und ob er es der Mhe wert halte, mich danach umzutun, und ob ich, wenn ich selber hinfhre, ohne Schwierigkeiten meinen Teil herausbekommen wrde. Seine Antwort lautete so: er knne zwar nicht genau sagen, bis zu welcher Summe die Einknfte gestiegen seien. Er wisse aber wohl, da mein Nachbar schon durch den Ertrag seiner Hlfte ein sehr reicher Mann geworden sei und da sich das Drittel des Knigs auf ber zweihundert Moidores jhrlich belaufen habe. Meinen Ansprchen wrde nichts im Wege stehen, da ja mein Nachbar fr mich zeugen knne und mein Name im Grundbuch stnde. Auch seien die Shne und Nachfolger meiner beiden verstorbenen Mitverweser recht ehrliche und berdies sehr wohlhabende Mnner. Er glaube, sie wrden mir nicht nur behilflich sein, wieder zu meinem Besitz zu kommen, sondern htten gewi auch schon eine sehr betrchtliche Summe fr mich in Hnden, nmlich den Ertrag der Pflanzung aus der Zeit, als ihr Vater noch die Treuhand hatte, bevor sie, wie zuvor gesagt, an andere berging, also, soviel er sich erinnere, etwa zwlf Jahre lang. Ich machte bei diesem Bericht eine etwas verdrie1iche Miene und fragte den Alten, wie es denn komme, da die Verweser so mit meinem Gut geschaltet htten, obwohl er doch gewut habe, da ich damals mein Testament gemacht und ihn, den Kapitn, zum Universalerben eingesetzt hatte. Allerdings, versetzte er; aber weil kein Beweis meines Todes vorhanden gewesen sei, so habe er das Vermchtnis nicht vollstrecken knnen. Auch habe er keine Lust gehabt, sich in so fernliegende Dinge zu mengen. Er habe jedoch mein Testament zu Protokoll gegeben und seinen Anspruch sichergestellt, und htte er feststellen knnen, ob ich tot oder lebendig sei, so wrde er als Bevollmchtigter gehandelt und das Ingenio (so nannten sie die Zuckerfabrik) in Besitz genommen haben, und zwar wrde er seinen Sohn, der jetzt in Brasilien war, angewiesen haben, es zu tun. Ich habe Euch aber, fuhr der Alte fort, noch etwas anderes zu sagen, was Euch vielleicht nicht so angenehm sein wird. Nmlich, da ich und alle Welt Euch fr tot hielt, so boten mir Euer Nachbar und die Mitverweser an, mir in Eurem Namen die Renten der ersten sechs oder acht Jahre zu bezahlen, die ich dann auch empfangen habe. Weil aber damals gerade eine Menge Unkosten auf Verbesserung des Bodens, auf den Bau des Ingenio und den Ankauf von Sklaven draufgingen, so sprang nicht soviel heraus wie spter. Dessenungeachtet will ich Euch eine getreue Rechnung aller meiner Einnahmen, und wozu ich sie verwendet, vorlegen. Nachdem ich mich noch ein paar Tage lang mit diesem alten Freund besprochen hatte, brachte er mir eine Abrechnung ber das Einkommen aus meiner Pflanzung whrend der ersten sechs Jahre, unterzeichnet von meinem Partner und den Bevollmchtigten der Hndler. Die Lieferungen waren immer in Waren, also Tabak in Rollen, Zucker in Kisten, daneben Rum, Melasse, die ein Nebenerzeugnis einer Zuckerfabrik ist, usw. Ich ersah aus dieser Abrechnung, da das Einkommen mit jedem Jahre gewachsen war; doch da, wie gesagt, die Unkosten gro waren, war die Summe anfangs nur klein. Dennoch zeigte mir der Alte, da er mir 470 Moidores in Gold schuldete, dazu 60 Kisten Zucker und 15 Rollen Tabak, die mit seinem Schiff verlorengingen, da er etwa elf Jahre nach meinem Weggang auf der Heimfahrt nach Lissabon Schiffbruch erlitten hatte. Danach begann er ber sein Unglck zu klagen, da er gezwungen gewesen sei, mein Geld anzugreifen, um sich einen Anteil an einem anderen Schiff zu kaufen. Aber, fuhr er fort, mein lieber alter Freund, Ihr sollt deswegen in Eurer Not nicht Mangel leiden und, sobald mein Sohn zurck ist, alles wiederbekommen. Dabei langte er nach einem alten Beutel, zhlte mir 160 Moidores in Gold auf und gab mir eine Pfandverschreibung ber seinen Anteil an dem Schiff, mit dem sein Sohn nach Brasilien gefahren war und an dem er zu einem Viertel und sein Sohn ebenfalls zu einem Viertel beteiligt war. Er gab beides in meine Hnde als Sicherheit fr die restliche Summe. Mir ging die Ehrlichkeit und Freundschaft des armen Alten viel zu sehr zu Herzen, als da ich es dabei htte bewenden lassen. Auch dachte ich an alles, was er an mir getan, wie er mich auf See an Bord genommen und wie edelmtig er mich in allen Dingen behandelt hatte; und indem ich sah, wie sehr er sich auch jetzt wieder als aufrichtiger Freund erwies, vermochte ich kaum die Trnen zurckzuhalten. Deshalb fragte ich ihn, ob ihm denn seine Verhltnisse erlaubten, soviel Geld auf einmal wegzugeben, ohne sich zu entblen. Er sagte, er knne nicht leugnen, es falle ihm ein wenig schwer, allein es sei mein Geld und ich brauchte es vielleicht noch ntiger als er. All das brachte er so herzlich vor, da ich mich bei seinen Worten kaum des Weinens enthalten konnte. Kurz, ich nahm hundert Moidores, bat um Feder und Tinte, um eine Quittung zu schreiben, und gab ihm den Rest wieder mit der Versicherung, ihm auch diese hundert wiederzugeben, wenn ich die Plantage bekme, was auch hernach geschah. Was die Pfandverschreibung ber seinen Anteil an dem Schiff seines Sohnes betrfe, so wrde ich sie auf keinen Fall annehmen; ich wte, er sei ehrlich genug, mich zu bezahlen, wenn ich das Geld brauchen sollte; und wenn ich es nicht brauchen wrde, wie ich nach seinen Mitteilungen Grund htte zu hoffen, wrde ich keinen Pfennig mehr von ihm annehmen. Danach fragte er mich, ob er mir nicht dazu verhelfen solle, meinen Anspruch auf das brasilianische Landgut schriftlich von hier aus geltend zu machen. Ich antwortete ihm, ich gedchte in Person hinzugehen. Er sagte, das mge ich halten, wie ich wolle. Bliebe ich aber hier, so gebe es Mglichkeiten genug, mein Recht zu suchen. Da nun ohnedies Schiffe nach Brasilien im Hafen von Lissabon unter Segel lagen, so lie er meinen Namen in ein ffentliches Register mit seinem eidlichen Zeugnis, da ich noch am Leben und eben dieselbe Person sei, die damals kniglichen Grund und Boden erworben habe, um diese Plantage anzulegen. Dies lie er von einem Notar beglaubigen und schickte es mit einer Vollmacht und einem Brief von seiner Hand an einen ihm von frher her bekannten, dort wohnhaften Kaufmann und bat mich, so lange bei ihm zu wohnen, bis Antwort komme. Ehe sieben Monate um waren, empfing ich ein groes Paket von den Shnen meiner verstorbenen Mitverweser, das folgende Schriftstcke enthielt: Erstens eine laufende Rechnung ber die Einknfte meiner Plantage von dem Jahr an, in dem ihre Vter mit meinem alten portugiesischen Kapitn saldiert hatten, also fr sechs Jahre. Der Saldo schlo mit 1174 Moidores zu meinen Gunsten. Zweitens die Abrechnung ber weitere vier Jahre, whrend deren sie die Besitzungen in ihren Hnden hatten, bevor die Regierung die Verwaltung in Anspruch nahm, da es sich um die Besitzungen einer nicht aufzufindenden Person handelte, was sie brgerlichen Tod nannten; und da sich inzwischen der Wert der Pflanzung erhht hatte, belief sich der Saldo hier auf 3241 Moidores. Drittens die Rechnung des Priors des Augustinerklosters, der die Einknfte seit vierzehn Jahren bezogen hatte und mir ehrlicherweise mitteilte, da fr mich nach Abzug der Aufwendungen fr das Armenhaus noch 872 Moidores gutstnden. Was jedoch das Drittel des Knigs betraf, so kam davon nichts mehr an mich zurck. Ferner lag noch ein Schreiben meines Nachbarn bei. der mich herzlich beglckwnschte, da ich noch am Leben sei, und mir ber das Wachstum der Pflanzung und ihren jhrlichen Ertrag berichtete. Dazu hatte er ein paar Dutzend Kreuze hineingemalt und schrieb, er habe ebenso viele Ave-Maria gebetet zum Danke fr meine Errettung. Gleichzeitig lud er mich instndig ein, doch hinberzukommen und mein Eigentum in Besitz zu nehmen, mittlerweile aber Order zu senden, wem er meine Gter bergeben solle, falls ich ja nicht selber kme. Er versicherte mich zum Schlu seiner und der Seinen treuester Ergebenheit und schickte mir als Geschenk sieben schne Leopardenfelle, die er vermutlich aus Afrika durch irgendein anderes Schiff bekommen hatte, das er dorthin geschickt und das offenbar eine glcklichere Reise gehabt hatte als ich. Er schickte mir auch fnf Kisten mit kstlichen Leckereien nebst hundert ungeprgten Goldstcken. Mit der gleichen Flotte schickten mir meine beiden Mitverweser zwlf hundert Kisten Zucker, achthundert Rollen Tabak und den berschu der ganzen Rechnung in Gold. Nun konnte ich wahrlich wohl sagen, der Ausgang, den es mit Hiob genommen, war besser als der Anfang. Es ist unmglich, die Bewegung meines Herzens zu beschreiben, als ich diese Briefe las und daraus ersah, da all mein Reichtum schon vor der Tre lag. Denn da die brasilianischen Schiffe immer in ganzen Flotten kommen, so brachten die Schiffe, die die Briefe befrdert hatten, zugleich auch mein Gut, und die Ladung war schon wohlbehalten auf dem Tajo, ehe ich noch die Briefe in Hnden hatte. Kurzum, ich wurde bla und schwach, und wenn mir der Alte nicht geschwind eine Herzstrkung eingegeben htte, so glaube ich, htte die bermige, jhe Freude die Natur berwltigt und ich wre auf der Stelle des Todes gewesen. Ja, auch nachdem ich die krftige Arznei genommen, blieb ich doch immer noch einige Stunden lang matt, bis man einen Arzt holte, der mir, nachdem er die wahre Ursache meiner Krankheit ersehen hatte, einen Aderla verordnete, worauf ich mich erleichtert fhlte und wieder gesund wurde. Aber ich glaube wirklich, wre dem Gemt nicht auf diese Weise Luft gemacht worden, so wre ich gestorben. Nun war ich also im Handumdrehen Herr ber mehr als fnftausend Pfund Sterling geworden und hatte in Brasilien einen Besitz, der mir so viel wie das beste Gut in England, nmlich tausend Pfund jhrlich, einbrachte. Kurz, ich war in einem Zustand, in den ich mich kaum zu finden und mit dem ich noch kaum etwas anzufangen wute. Das erste, was ich tat, war die Belohnung meines Wohltters, des alten, redlichen Kapitns. Ich zeigte ihm alles, was ich bekommen hatte, und sagte, ich htte es nchst Gott, der alles so gefgt, ihm zu danken, und nun sei die Reihe an mir, es ihm zu vergelten, was ich denn auch hundertfltig tun wolle. Ich gab ihm also erstlich die hundert Moidores wieder, schickte dann zu einem Notar und lie einen rechtsgltigen Verzicht auf die 470 Moidores, die er mir zu schulden erklrt hatte, aufsetzen und berdies eine Vollmacht ausfertigen, kraft derer ich ihn zum Einnehmer meiner jhrlichen Einknfte aus der Plantage ernannte, nebst einer Klausel, da er, solange er lebte, jhrlich hundert Moidores daraus beziehen und sein Sohn nach ihm auf Lebenszeit halb soviel genieen sollte. Jetzt gab es allerhand Kopfzerbrechen fr mich, wohin ich mich nun wenden und was ich mit dem mir vom Himmel bescherten Segen anfangen solle, und ich hatte jetzt wahrlich mehr Last auf dem Halse als whrend meines Einsiedlerlebens auf der Insel, wo ich nicht mehr brauchte, als ich hatte, und nicht mehr hatte, als ich brauchte. Meine Geschfte schienen mich nach Brasilien zu rufen. Aber ich konnte mich dazu nicht entschlieen, ehe ich nicht mein Geld in sichere Hnde gegeben htte. Jetzt hatte ich keine Hhle, in der ich es verstecken konnte und wo es ohne Schlo und Riegel so lange liegen mochte, bis es schimmlig und schwarz wurde, ehe es ein Mensch anrhrte. Anfangs dachte ich an meine alte Freundin, die Kapitnswitwe, deren Redlichkeit und Treue ich kannte. Sie war aber schon alt und arm und steckte vielleicht in Schulden. Ich sah daher schlielich keinen ndern Weg, als selber nach England zu reisen, wo ich schon irgendeinen zuverlssigen Bekannten oder Verwandten zu finden hoffte. Es vergingen einige Monate, bis ich zu diesem Entschlu kam. Inzwischen gedachte ich, nachdem ich meinen alten Wohltter, den Kapitn, vollauf und zu seiner Zufriedenheit belohnt hatte, nun auch meiner armen Kapitnswitwe, deren Mann mein erster Wohltter und die selber meine getreue Pflegerin und Erzieherin gewesen war, solange sie es gekonnt hatte. Ich veranlate also einen Kaufmann in Lissabon, seinem Korrespondenten in London zu schreiben, er mge ihr nicht nur einen Wechsel bezahlen, sondern sich auch nach ihren Verhltnissen erkundigen und ihr hundert Pfund Sterling in bar aushndigen mit dem Versprechen, da sie noch mehr von mir erhalten solle, wenn ich am Leben bliebe. Gleichzeitig bermachte ich hundert Pfund jeder meiner Schwestern auf dem Lande, die zwar nicht in Not waren, aber auch nicht eben in sehr guten Verhltnissen waren; die eine war verheiratet gewesen und jetzt Witwe, und die andere hatte einen Mann, der nicht so gut zu ihr war, wie er htte sein sollen. Aber unter all meinen Verwandten und Bekannten fiel mir bis jetzt noch keiner ein, dem ich mein Kapital htte anvertrauen mgen, um mit dem Bewutsein nach Brasilien fahren zu knnen, da alles in sicheren Hnden sei. Das beunruhigte mich sehr. Ich hatte schon vorher einmal daran gedacht, nach Brasilien zu gehen und mich dort niederzulassen, da ich ja dort sozusagen schon eingebrgert war; aber ich hatte einige leise Bedenken religiser Art, die mir davon abrieten; ich werde davon noch zu reden haben. Fr diesmal war es jedoch nicht die Frage der Religion, die mich zurckhielt; und wie ich whrend der ganzen Zeit, die ich dort war, keine Bedenken gehabt hatte, mich offen zur Religion des Landes zu bekennen, so hatte ich auch jetzt keine; nur dann und wann hatte ich in letzter Zeit mehr darber nachgedacht (als spter), und bei dem Gedanken, nun unter ihnen zu leben und zu sterben, kam mir doch einiges Bedauern, da ich mich dort als Papisten bekannt hatte, und einiger Zweifel, ob es zum Sterben die rechte Religion sei. Jedoch, wie gesagt, dies war nicht der Hauptgrund, der mich jetzt davon abhielt, nach Brasilien zu gehen, sondern der Hauptgrund war, da ich nicht wute, bei wem ich mein Kapital hinterlassen sollte. Und so beschlo ich schlielich frs erste, damit nach England zu fahren, wo ich hoffen konnte, vielleicht doch irgend jemanden kennenzulernen oder irgendeinen Verwandten zu finden, auf den ich mich verlassen konnte. Ich rstete mich also, mit all meinem Reichtum nach England zu fahren. Um jedoch meine Heimkehr nach Brasilien schon immer vorzubereiten, beschlo ich, da die Flotte eben wieder nach Brasilien abgehen sollte, alle die freundlichen Briefe und getreuen Rechnungsberichte noch vor meiner Abreise gehrig zu beantworten. Und zwar schrieb ich erstlich dem Prior des Augustinerkloslers und berwies von den 872 mir noch zustehenden Moidores 500 an das Kloster und den Rest zur Verteilung an die Armen, empfahl mich auch dem eifrigen Gebet der Herren Patres usw. Zum zweiten bedankte ich mich bei meinen beiden Mitverwesern aufs herzlichste fr ihr ehrliches und aufrichtiges Verhalten und schrieb endlich zum dritten an meinen Partner, dankte ihm fr den Eifer, mit dem er fr die Verbesserung der Pflanzung und fr die Rechtschaffenheit, mit der er fr die Vermehrung des Betriebskapitals gesorgt hatte, gab ihm Anweisungen fr die knftige Verwaltung meines Anteils, gem meiner Abmachung mit dem alten Kapitn, an den ich ihn das ihm Gebhrende zu schicken bat, und schlo mit der Versicherung, da ich entschlossen sei, nicht nur hinberzukommen, sondern mich fr den Rest meiner Tage ganz und gar dort niederzulassen. Dazu fgte ich ein schnes Geschenk von etlichen italienischen Seidenstoffen fr seine Eheliebste und seine zwei Tchter, nebst zwei Stcken feinen englischen Tuchs und einer Anzahl kostbarer Brabanter Spitzen. Nachdem ich so alle meine Sachen geordnet, das mir zugesandte Frachtgut verkauft und mein ganzes Kapital in gute Wechsel umgetauscht hatte, fragte sich's, welchen Weg ich nach England nehmen sollte. So gewhnt ich auch an die See war, fhlte ich diesmal doch einen starken Widerwillen dagegen, die Reise zu Wasser zu tun; und obwohl ich mein Gepck bereits eingeschifft hatte, wuchs meine Abneigung dermaen, da ich zwei-, dreimal meinen Entschlu wieder umwarf. Nun hatte mir zwar die See viel Leids gebracht; dennoch rate ich abermals jedem Menschen, den geheimen Trieb, der sich in solchen Fllen regt, nicht zu verachten. Die zwei Schiffe nmlich, die mein Gepck und mich selber htten mitnehmen sollen, verunglckten. Das eine wurde von algerischen Piraten gekapert, das andere scheiterte in den Klippen von Torbony, und die ganze Besatzung, bis auf drei, ertrank, so da es mir auf jedem der beiden Schiffe schlimm ergangen wre, auf welchem am schlimmsten, ist schwer zu sagen. Whrend ich mich noch mit meiner Unentschlossenheit qulte, redete mir mein alter Kapitn, mit dem ich alles besprach, ernstlich zu, nicht zu Wasser zu reisen, sondern entweder zu Lande bis Groyne, dann quer ber die Bucht von Biscaya nach Rochelle, von wo es eine leichte und sichere Reise zu Lande bis nach Paris und weiter nach Calais sei; oder aber den Weg ganz und gar ber Land zu nehmen, nmlich ber Madrid durch Frankreich. Mein Widerwille, aufs Wasser zu gehen, auer von Calais nach Dover, war so gro, da ich mich entschlo, den ganzen Weg zu Lande zu machen. Um mir die Reise noch angenehmer zu machen, brachte mir ein alter Kapitn einen jungen Englnder, den Sohn eines Kaufmanns aus Lissabon, der Lust hatte, mitzukommen. Ferner schlssen sich uns noch zwei englische Kaufleute und zwei Portugiesen bis Paris an. Wir waren also unser sechs und hatten fnf Diener. Ich meinesteils nahm einen englischen Matrosen als Diener an, neben meinem Freitag, der allzu landfremd war, um mir auf der Reise aufwarten zu knnen. So brach ich von Lissabon auf. Wir waren alle wohlberitten und bewaffnet, und man erwies mir die Ehre, mich zum Hauptmann des kleinen Trupps zu ernennen, weil ich der lteste war und ber zwei Diener verfgte und berhaupt die ganze Reise zuwege gebracht hatte. Gleichwie ich den geneigten Leser niemals mit meinen Seetagebchern behelligt habe, werde ich es auch nicht mit einem Landtagebuch tun. Doch kann ich einige besondere Zuflle, die uns auf dieser gefhrlichen und beschwerlichen Reise begegneten, nicht unerwhnt lassen. In Madrid angelangt, wollten wir zuerst, da uns allen Spanien unbekannt war, eine Weile bleiben, um den spanischen Hof nebst anderen Sehenswrdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Weil es aber schon gegen Ende des Sommers ging, eilten wir weg und verlieen Madrid etwa um Mitte Oktober. Als wir aber an die Grenze von Navarra kamen, machte man uns unterwegs in verschiedenen Stdten bange, es sei auf der franzsischen Seite des Gebirges so viel Schnee gefallen, da mehrere Reisende gezwungen worden seien, nach vergeblichen, lebensgefhrlichen Versuchen wieder nach Pamplona zurckzukehren. Bei unserer Ankunft in Pamplona fanden wir's auch wirklich so, und die Klte war mir, da ich an warme Luft und an Lnder gewhnt war, wo man fast keine Kleider auf dem Leibe leiden konnte, ganz unertrglich. Noch grer als das Ungemach war aber meine Verwunderung darber, da wir erst vor zehn Tagen in Altkastilien warmes, ja heies Wetter gehabt hatten und nun so kurz darauf von den Pyrenen her einen so scharfen und durchdringend kalten Wind fhlten, da es kaum auszuhalten war, und wir uns hten muten, da uns nicht die Finger und die Zehen erfroren. Der arme Freitag erschrak ba. als er den Schnee auf den Bergen sah und den Frost sprte; dergleichen hatte er sein Lebtag nicht erblickt und gefhlt. In Pamplona wurde es zwar etwas besser, fuhr aber dabei immer fort, so gewaltig und so ununterbrochen zu schneien, da die Leute sagten, der Winter komme vor der Zeit. Die schon vorher schlechten Wege wurden nun so ungangbar, da nirgends mehr durchzukommen war. Da der Schnee nicht so hart fror wie in den nrdlichen Lndern, konnte sich niemand hinauswagen ohne Gefahr, bei jedem Schritt lebendig begraben zu werden. Wir blieben daselbst drei Wochen, und da wir keine Aussicht hatten, da es besser wrde (es war seit Menschengedenken der strengste Winter in ganz Europa), schlug ich vor, ob wir nicht nach Fumarabia und von da zu Schiff nach dem nahen Bordeaux gehen wollten. Indem wir noch beratschlagten, kamen vier Franzosen in Pamplona an, die ein Fhrer von der franzsischen Seite her quer bers Gebirge geleitet hatte, auf Wegen, die von Schnee nicht gefhrdet waren. Wo tiefer Schnee gelegen htte, sagten sie, sei er so hart gefroren gewesen, da er sie und die Pferde getragen htte. Diesen Fhrer lieen wir holen und hrten von ihm, er getraue sich, uns denselben Weg zu weisen, ohne da wir etwas vom Schnee zu befrchten htten; nur mten wir gehrig bewaffnet sein, um uns vor den Raubtieren zu schtzen. Denn bei so tiefem Schnee kmen die hungrigen Wlfe oft aus dem Hochgebirge herab, weil sie oben keine Beute fnden. Wir erwiderten, wir seien gegen derlei Raubzeug genugsam mit Schuwaffen versehen, wenn er uns nur vor einer ndern Art zweibeiniger Wlfe bewahren knne, von denen wir unseren Erkundigungen nach besonders auf der franzsischen Seite des Gebirges am meisten zu befrchten htten. Er beteuerte, auf dem Wege, den er uns fhren wolle, drohe in dieser Hinsicht keinerlei Gefahr. Wir entschlossen uns daher unverweilt, ihm zu folgen, und ebenso taten noch zwlf andere Reisende, teils Franzosen, teils Spanier, die wieder hatten umkehren mssen. Wir brachen also mit unserm Fhrer am 15. November alle zusammen von Pamplona auf. Zu meiner Verwunderung ritten wir den Weg, den wir just von Madrid gekommen waren, etwa zwanzig Meilen weit wieder zurck und kamen, ber zwei Flsse hinweg, in ebenes Land, wo wir wieder warme Luft, heitere Gegend und keinen Schnee fanden. Pltzlich aber schlug sich unser Fhrer nach links und nherte sich jetzt dem Gebirge von der ndern Ecke her; und obwohl die Berge und Klfte sehr bedrohlich dreinschauten, nahm er doch so viele Umwege und fhrte uns so krumm herum, da wir unversehens und ohne vorn Schnee zu leiden ber den Kamm des Gebirges hinberkamen. Bald darauf wies er uns die heiteren, fruchtbaren Landschaften von Languedoc und der Gascogne, die grn und blhend in der Tiefe lagen, freilich noch in weiter Ferne und durch manchen rauhen Weg von uns getrennt. Uns allen wurde jedoch ein wenig bange zumut, als es pltzlich einen Tag und eine Nacht lang so gewaltig schneite, da wir kaum weiter konnten. Aber er sprach uns Mut zu, es werde nicht lange dauern, da es ja auch wirklich alle Tage tiefer hinab und mehr nach Norden ginge. Also verlieen wir uns auf unseren Fhrer und zogen weiter. Ein paar Stunden vor Nacht, als unser Wegweiser eben ein Stck voraus und uns aus den Augen war, fuhren mit einemmal drei ungeheure Wlfe und hinter ihnen ein Br aus einem Hohlweg, unmittelbar an einem dichten Walde, hervor. Zwei Wlfe strzten dem Fhrer nach; der eine fiel das Pferd, der andere den Mann so grimmig an, da er keine Zeit hatte, seine Pistolen herauszuholen, sondern nur gellend nach uns schrie. Da Freitag mir am nchsten ritt, hie ich ihn hineilen und sehen, was es wre. Sobald er ihn zu Gesicht bekommen, schrie er ebenso laut wie der andere: Herr! Herr! Aber da er ein khner Bursche war, sprengte er eilends zu dem Unglcklichen hin und scho den Wolf, der ihn gepackt hatte, durch den Kopf. Es war ein Glck fr den Mann, da es mein Freitag war. Denn weil ihm derlei Bestien von seiner Heimat her bekannt waren, so frchtete er sich nicht davor, sondern ritt dicht hinzu und scho das Untier, wie gesagt, durch den Kopf, whrend einer von uns sicherlich von weitem geschossen und entweder gefehlt oder vielleicht gar den Mann getroffen htte. Auf den Knall von Freitags Bchse erhob sich von beiden Seiten das grlichste Geheul von Wlfen, vom Echo der Berge so vervielfacht, da uns schien, als kme es von einer ungeheuren Menge von Wlfen; und vielleicht waren ihrer wirklich nicht so wenig, da wir uns nicht htten zu frchten brauchen. Sobald Freitag diesen Wolf erlegt hatte, lie der andere, der das Pferd angefallen hatte, von ihm ab und floh. Es war noch gut, da er es am Kopf angebissen hatte, wo ihm das Zaumzeug in die Zhne kam, so da dem Pferd nur wenig Schaden geschehen war. Der Mann aber war am schlimmsten verletzt, da ihn das grimmige Vieh zweimal gebissen hatte, in den Arm und dicht berm Knie, und als Freitag herbeieilte und scho, war er eben daran gewesen, von seinem sich bumenden Pferd zu strzen. Man kann sich wohl denken, da wir alle bei dem Knall von Freitags Pistole unsere Pferde anspornten und drauflos ritten, so schnell der Weg (der sehr schlecht war) es zulie, um zu sehen, was da vor sich ging. Sobald wir die Bume hinter uns hatten, die uns die Aussicht versperrt hatten, sahen wir auf den ersten Blick, was geschehen war und auf welche Art Freitag den armen Fhrer befreit hatte, obwohl wir nicht gleich erkennen konnten, was fr eine Art Tier es war, das er gettet hatte. Niemals aber ist ein Kampf so mutig unternommen und so kurzweilig gefhrt worden wie der, der gleich darauf zwischen Freitag und dem Bren stattfand und ber den wir alle, ungeachtet unseres ersten Schreckens, noch lange herzlich lachen muten. Der Br ist ein plumpes, unbehilfliches Tier, nicht so leichtfig wie ein Wolf, und hat zwei besondere Eigenarten in seinem Verhalten. Erstlich fllt er fr gewhnlich keinen Menschen an, wenn man nicht zuerst auf ihn losgeht; obwohl ich nicht sagen kann, ob ihn nicht bermchtiger Hunger dazu treiben wrde, wie etwa jetzt, wo alles Erdreich mit Schnee bedeckt war. Im allgemeinen aber ist man, wenn man ihm im Walde begegnet und ihm nichts tut, sicher vor ihm. Nur mu man fein hflich gegen ihn sein; denn er ist ein sehr kitzliger Herr und wrde keinem Knig ausweichen. Am besten ist es, sich nach einem ndern Weg umzuschauen und zu verschwinden; denn wenn einer stille steht und ihn starr ansieht, so nimmt er es oftmals als Schimpf; wirft oder stt man aber etwas nach ihm, und sei es auch nur ein Steckchen so lang wie ein Finger, so hlt er sich fr so tief gekrnkt, da er an nichts anderes mehr denkt, als sich zu rchen und vllige Genugtuung fr seine verletzte Ehre zu erlangen. Dies ist seine erste Eigenschaft. Die zweite besteht darin, da er, wenn er sich einmal von jemandem beleidigt glaubt, ihm nie wieder von den Fersen geht, sondern ihm Tag und Nacht auflauert, bis er ihn zu fassen kriegt. Freitag war, als wir herankamen, eben dabei, unserm Fhrer vom Pferde zu helfen; denn der Mann war verwundet und erschrocken, das letztere vielleicht noch mehr als das erstere. Da sahen wir pltzlich den Bren aus dem Walde herauskommen. Es war ein ungeheures Tier und wohl der grte, den ich je gesehen habe. Bei seinem Anblick erschraken wir alle. Als aber Freitag ihn gewahr wurde, konnte man an seinen Gebrden merken, da er keine Angst hatte, sondern aufs hchste belustigt war. O! O! O! rief er dreimal, auf den Bren deutend: O Herr! du mir erlauben! Ich Hand schtteln mit ihm, dich machen gut lachen! Ich wunderte mich, den Burschen so vergngt zu sehen. Du Narr, sag' ich, er wird dich auffressen! - Mich auffressen! mich auffressen ! sagt Freitag zweimal: Ich ihn auffressen, dich machen gut lachen! Ihr alle hierbleiben, ich euch zeigen gut lachen. Damit setzte er sich nieder, streifte seine Stiefel im Nu ab, zog ein Paar Pumps oder leichte Halbschuhe an, die er im Sack hatte, gab meinem anderen Diener sein Pferd und lief mit seiner Bchse so schnell wie der Wind davon. Der Br trabte langsam weiter und begehrte niemandem etwas zu tun, bis Freitag ziemlich nahe zu ihm hinkommt und ihm, gleich als ob es der Br verstnde, zuruft: Hr du, hr du, ich sprechen mit dir! Wir folgten in einiger Entfernung; denn wir waren jetzt auf der gascognischen Seite des Gebirges, in flaches Land hinuntergelangt und befanden uns in einem sehr groen, aber ziemlich lichten Wald, wo die Bume weit voneinander entfernt standen. Freitag, der, wie gesagt, dem Br auf den Fersen war, erreichte ihn sehr bald, nahm einen groen Stein, warf ihn auf ihn und traf ihn mitten auf den Kopf, womit er ihm jedoch so wenig Schaden tat, als ob er an eine Mauer geworfen htte. Aber er erreichte doch damit seinen Zweck; denn der lose Vogel, der keine Furcht kannte, tat es nur, damit ihm der Br nachliefe und er den versprochenen Spa mit ihm treiben knnte. Kaum hatte der Br den Stein gesprt und seinen Mann erblickt, so drehte er sich mit einem schrecklichen Satz nach ihm um und regte die Tatzen so gewaltig hinter ihm drein, da einer zu Pferde in migem Galopp Mhe gehabt htte, mitzukommen. Freitag, der sich aufs Laufen verlegt hatte, sprang auf uns zu, als ob er Hilfe bei uns suchte. Wir beschlossen daher, alle auf den Bren zu feuern, um Freitag zu retten, obwohl ich recht bse auf ihn war, da er das Tier, das vorher seine eigene Strae gewandert war, uns auf den Leib brachte. Vor allem verdro es mich, da er den Bren zu uns herlockte und dabei selber davonlief. Du Hund, ruf ich, ist das dein Lachenmachen? Weg mit dir und auf dein Pferd, damit wir das Biest schieen knnen! Er hrt mich und ruft: Nicht schieen, nicht schieen, still stehen, ihr bekommen viel lachen! Und da der flinke Gesell gut zwei Schritte lief, ehe der Br einen tat, machte er pltzlich dicht vor uns eine Wendung auf eine groe Eiche zu und winkte uns, ihm nachzureiten; er selber aber lief noch einmal so geschwind, kletterte blitzschnell auf den Baum und lie seine Bchse etwa fnf bis sechs Schritte davon auf dem Boden liegen. Es dauerte nicht lange, so war auch der Br da, und wir ritten in einiger Entfernung hinterdrein. Zuerst stand er bei der Bchse still, schnupperte daran, lie sie aber liegen und kletterte trotz seiner ungeheuren Schwere leicht wie eine Katze an dem Baum hinauf. Ich wunderte mich ber die vermeintliche Torheit meines Dieners und konnte noch immer nichts Belustigendes dabei finden. Jedoch ritten wir, als der Br erst oben war, nher. Nun sahen wir Freitag auf dem dnnen Ende eines starken Astes hocken und den Bren etwa auf halbem Wege vor ihm. Sobald der Br bis dahin vorgerutscht war, wo der Ast schwcher wurde, rief er: Nun, ihr Herren, schauen Sie zu, wie ich den Bren will tanzen lehren! Dabei fing er an zu schaukeln und den Ast zu schtteln, worauf der Br zu schwanken begann, innehielt und sich umsah, wie er wieder zurck knnte. Darber muten wir freilich von Herzen lachen. Aber Freitags Spiel mit ihm war noch lange nicht beendet. Denn als er den Bren haltmachen sah, rief er ihm wieder, gleich als knnte das arme Tier reden, zu: Was? Du kannst nicht nher? Ach komm doch nher zu mir! und hrte zugleich mit dem Schaukeln und Schtteln auf. Der Br. als htte er verstanden, rckte wirklich ein wenig weiter vor; Freitag schaukelte von neuem, und der Br stand wieder still. Wir meinten, jetzt wre der rechte Augenblick, ihn durch den Kopf zu schieen, und ich rief Freitag zu, er solle stille halten, weil wir feuern wollten. Aber er schrie instndigst, es nicht zu tun; denn er wolle ihm bald selber den Rest geben. Um es kurz zu machen: Freitag schaukelte so stark und der Br stand so unbeholfen da, da wir genug zu lachen hatten, uns aber noch nicht vorstellen konnten, was der Bursche weiter anstellen wrde. Denn anfangs dachten wir, er tue es, um den Bren herunterzuschtteln; wir merkten aber bald, da der Br dazu viel zu listig war und sich nicht so weit hinauswagte, da er hinunterpurzeln mute, sondern sich mit seinen breiten Tatzen und Klauen ganz fest anklammerte so da wir nicht wuten, wie es ablaufen sollte. Freitag benahm uns jedoch den Zweifel bald. Denn als er sah, da der Br fest an dem Aste hing und sich nicht weiter hinauslocken lie, rief er: Gut, kommst du nicht, so komme ich! Willst du nicht zu mir, so will ich zu dir! Damit rutschte er bis auf das uerste Ende des Astes hinaus, der sich von seinem Gewicht bog, legte sich der Lnge nach darauf und glitt so an dem Ast hinab, bis er tief genug kam, um auf die Fe zu springen, eilte dann zu seiner Bchse, nahm sie auf und stand still. Nun, sagte ich zu Freitag, was willst du jetzt tun? Warum schiet du nicht? - Nicht schieen, sagt Freitag, noch nicht, ich schieen bald; ich bleiben, geben auch noch ein Lachen. Und das tat er wirklich, wie man gleich sehen wird. Denn als der Br seinen Feind nicht mehr sah, kam er auch von dem Ast zurck, aber hbsch langsam, bei jedem Schritte sich umschauend, und zwar rcklings bis zu dem Stamme. Dann kletterte er, immer mit dem Hintern voran, sehr langsam und mit den Klauen sich festhaltend, Fu fr Fu an dem Baume hinunter. In dieser Stellung, gerade bevor er mit den Hintertatzen den Boden erreichen konnte, trat Freitag dicht zu ihm hin, hielt ihm den Lauf vors Ohr und scho ihn mausetot. Hierauf kehrte sich der mutwillige Gesell um, um zu sehen, ob wir auch lachten, und als er an unseren Augen sah, da uns der Streich gefallen hatte, fing er selber berlaut zu lachen an und sagte: So mir totmachen Br in mein Land.-So, sag' ich, aber ihr habt ja doch gar keine Gewehre. - Nein, sagt er, kein Gewehr, aber schieen groe, lange Pfeile. Das war ja nun zwar eine lustige Unterhaltung fr uns gewesen; aber mittlerweile befanden wir uns nun immer noch in einer sehr wilden Gegend, noch dazu mit einem verwundeten Fhrer. Das Wolfsgeheul klang mir noch in den Ohren, und ich kann wohl sagen, da ich auer dem Gebrll an der afrikanischen Kste, das ich gleich zu Anfang meiner Lebensbeschreibung erwhnte, nie etwas gehrt habe, was mich so mit Entsetzen erfllte. Freitag htte gar zu gern dem Bren das Fell abgezogen, was wohl der Mhe wert gewesen wre. Aber die Nacht brach herein, und der Fhrer drngte, da wir noch drei deutsche Meilen vor uns hatten. So lieen wir den Meister Petz liefen und ritten weiter. Der Boden war immer noch von Schnee bedeckt, obwohl nicht so tief und gefhrlich wie in den Bergen, und das Raubgezcht war, wie wir hernach erfuhren, vor Hunger in den Wald und ins Flachland heruntergekommen, um nach Nahrung zu suchen, und hatte in den Drfern, wo die Bauern nicht darauf gefat waren, viel Unheil angerichtet und eine Menge Schafe und Pferde und auch einige Menschen gettet. Wir muten noch durch eine gefhrliche Stelle, und unser Fhrer meinte, wenn berhaupt Wlfe in dieser Gegend wren, so wrden wir sie hier antreffen. Und zwar war dies eine kleine Ebene, auf beiden Seiten von Wldern umschlossen, und ein langer, schmaler Engpa, durch den wir hindurch muten, um dann durch den Wald zu dem Dorf zu gelangen, wo wir bernachten wollten. Etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang ritten wir in den ersten Wald ein, und kurz nach Sonnenuntergang kamen wir auf die kleine Ebene. In dem ersten Wald war uns nichts begegnet, nur hatten wir auf einer kleinen Lichtung, die keine fnfhundert Meter lang war, fnf groe Wlfe uns bern Weg laufen sehen, spornstreichs einer hinterm ndern her, wie auf einem Raubzug. Sie hatten uns jedoch nicht beachtet, und wir hatten sie im Nu aus den Augen verloren. Der Fhrer, der ein rechter Angsthase war, hatte uns eingeschrft, auf der Hut zu sein; denn er glaube, es wrden ihrer bald mehr erscheinen. Wir hielten daher die Gewehre schubereit und die Augen offen; aber wir sahen keine Wlfe mehr, bis wir aus diesem Wald, der etwa eine halbe Meile breit war, in die kleine Ebene hinauskamen, wo wir alsbald genug zu sehen bekamen. Das erste, was wir erblickten, war ein totes Pferd: ein armes Pferd nmlich, das die Wlfe gerissen hatten und an dem noch mindestens ein Dutzend von ihnen herumarbeiteten; denn fressen konnte man das nicht mehr nennen, da sie nur noch an den bloen Knochen nagten; das Fleisch hatten sie bereits ganz abgefressen. Es schien uns nicht ratsam, sie in ihrer Mahlzeit zu stren, und sie kmmerten sich auch nicht sonderlich um uns. Freitag htte zwar gern unter sie gefeuert; ich wollte es aber durchaus nicht haben, weil ich ahnte, da wir bald noch mehr Arbeit bekommen wrden. Wir waren noch nicht halb durch den Pa hindurch, als wir zur Linken im Gehlz ein schreckliches Geheul hrten. Gleich darauf sahen wir bei hundert Wlfe gerade auf uns zustrzen, alle in einer Linie, just wie eine Armee, die von erfahrenen Offizieren gefhrt wird. Ich zgerte einen Augenblick, wie wir diese Gste empfangen sollten. Doch schien es mir das beste, uns auch in einer geschlossenen Linie zu halten, was wir auch sogleich taten. Damit aber nicht zu viel Zeit aufs Laden verlorenginge, befahl ich, es sollte allemal nur jeder dritte Mann feuern und die anderen sich zur zweiten Salve fertig halten, falls die Bestien weiter vorrckten; und diejenigen, die zuerst gefeuert hatten, sollten sich nicht damit aufhalten, ihre Gewehre wieder zu laden, sondern sich jeder mit einer Pistole bereit halten; denn wir waren alle mit je einem Gewehr und je einem Paar Pistolen bewaffnet, so da wir auf diese Art sechs Salven feuern konnten, immer die Hlfte von uns zu gleicher Zeit. Aber es kam gar nicht dazu; denn schon als die erste Salve krachte, stand der Feind, von dem Knall und Feuer erschreckt, still. Vier waren in den Kopf getroffen und sanken um; mehrere andere waren verwundet und, wie wir am blutigen Schnee sahen, davongelaufen. Sie standen nun, wie gesagt, alle still, wichen aber nicht zurck. Da fiel mir ein, da ich hatte sagen hren, auch die grimmigste Bestie lasse sich durch die menschliche Stimme einschchtern. Also hie ich unsere ganze Gesellschaft ein Geschrei erheben, so laut wir konnten; und wirklich half es; denn sie machten sofort heulend kehrt und liefen davon. Ich befahl, noch eine Salve hinterdrein zu pfeffern, vor der sie vollends in den Wald hineingaloppierten. Wir hatten nun Mue, unsere Bchsen wieder zu laden, was wir, um keine Zeit zu verlieren, im Weiterreiten taten. Kaum hatten wir jedoch wieder Pulver auf der Pfanne, so hrten wir von neuem aus dem Wald zur Linken ein schauerliches Geheul. Die Nacht brach just herein, und es wurde stockfinster, was um so schlimmer fr uns war. Wir konnten aber an dem anschwellenden Lrm erkennen, da der Hllenhunde nicht weniger waren als zuvor; und pltzlich gewahrten wir zwei oder drei Haufen Wlfe, einen zur Linken, einen hinter und einen vor uns, so da wir von ihnen schlechthin umzingelt schienen. Doch da sie uns nicht angriffen, ritten wir in starkem Trabe weiter, so schnell unsere Pferde auf dem holperigen Wege laufen konnten. So erreichten wir den Eingang zu dem Walde, durch den wir am Ende der Senkung hindurch muten. Wer beschreibt aber unser Entsetzen, als wir hier an der engen ffnung einen gewaltigen Haufen von Wlfen versammelt sahen! In demselben Augenblick hrten wir von einer anderen Stelle des Waldrandes her einen Bchsenschu und sahen ein Pferd mit Sattel und Zaum wie der Wind davonlaufen und sechzehn bis siebzehn Wlfe hinter ihm drein. Das Pferd hatte zwar einen Vorsprung; aber es war kein Zweifel, da sie es einholen wrden, was auch sicherlich wohl geschehen ist. Als wir zu der Stelle, wo das Pferd aus dem Walde gesprungen war, hinritten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick. Wir fanden den Leichnam eines anderen Pferdes und zwei Mnner, die von den Bestien zerrissen waren. Neben dem einen lag noch das abgeschossene Gewehr; er selber war bereits vom Kopf an bis zur Mitte des Leibes aufgefressen. Es lief uns kalt ber den Rcken, und wir wuten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Doch die Wlfe brachten uns bald zu einem Entschlu ; denn sie sammelten sich augenblicklich um uns her, gierig nach der neuen Beute, und ich glaube, es waren ihrer bei dreihundert. Zu unserem groen Glck lagen etwas abseits am Waldrand einige groe Stmme, die vermutlich im Sommer gefllt worden waren. Ich fhrte meinen kleinen Trupp dorthin und stellte ihn in einer Reihe hinter einen langen Stamm; dann befahl ich allen abzusteigen und, mit dem Stamm als Brustwehr, ein Dreieck zu bilden, in dessen Mitte die Pferde standen. So geschah es und zu unserem Glck. Denn die Wlfe wagten einen ihrer grimmigsten Angriffe auf uns und kletterten auf unsere Brustwehr, um von da auf uns zu springen. Wahrscheinlich machte die Witterung der hinter uns stehenden Pferde sie so toll. Ich befahl, wie zuvor, da allemal nur der dritte Mann feuern sollte, und sie zielten so gut, da gleich bei der ersten Salve einige Wlfe fielen. Trotzdem muten wir weiterfeuern; denn sie sprangen an wie die Teufel, die hinteren immer ber die vorderen weg. Nach der zweiten Salve hofften wir, sie wrden genug haben; aber es dauerte nur einen Augenblick, so rckten sie wieder an. Wir gaben daher zweimal Feuer aus unseren Pistolen, und meiner Schtzung nach mssen durch diese vier Salven siebzehn bis achtzehn gettet und mindestens doppelt so viele gelhmt worden sein. Trotzdem setzten sie von neuem an. Ich zgerte, unseren letzten Schu so bald zu verfeuern; deshalb rief ich meinen Diener, nicht meinen Freitag; der hatte Besseres zu tun, denn er hatte mit der allergrten Geschwindigkeit mein Gewehr und sein eigenes wieder geladen, whrend wir feuerten; sondern, wie gesagt, ich rief meinen ndern Mann, gab ihm ein Pulverhorn und befahl ihm, auf dem ganzen Stamm entlang einen breiten Strich Pulver hinzustreuen. Er war kaum damit fertig, so waren die Wlfe wieder da und einige schon hinaufgeklettert. Geschwind hielt ich eine ungeladene, aber gespannte Pistole an das Pulver hin, drckte los und steckte so das Lauffeuer an. Die auf dem Stamme standen, wurden verbrannt; sechs oder sieben purzelten oder sprangen vor Angst oder von der Gewalt des Feuers geschleudert mitten unter uns und wurden sogleich totgeschlagen. Die brigen hatten sich vor der Flamme, die in der finsteren Nacht noch frchterlicher aussah, so entsetzt, da sie ein Stck zurckwichen. Ich lie nun alle Mann zugleich die Pistolen losbrennen und dann ein groes Geschrei erheben. Augenblicklich machten die Wlfe kehrt. Wir strzten uns nun auf die etwa zwanzig lahmgeschossenen, die am Boden zappelten, und gaben ihnen mit dem Degen den Rest. Das half uns vollends; denn ihr jmmerliches Winseln und Heulen fuhr ihren Vettern so in die Glieder, da sie alle Reiaus nahmen. Alles in allem hatten wir ihrer sechzig erlegt, und ich bin berzeugt, wenn es Tag gewesen wre, so htten noch mehr dran glauben mssen. Nachdem nun die Walstatt gesubert und der Sieg errungen war, ritten wir, da wir noch eine deutsche Meile Wegs vor uns hatten, weiter. Unterwegs hrten wir nur noch manchmal die hungrigen Wlfe im Walde heulen, und manchmal glaubten wir auch einige von ihnen zu sehen; aber da uns der Schnee blendete, waren wir der Sache nicht sicher. Nach Verlauf einer Stunde gelangten wir in das Dorf, wo wir bernachten wollten, und fanden alles in Furcht und in Waffen, weil nachts zuvor die Wlfe und einige Bren daselbst eingebrochen waren, und sie muten Tag und Nacht Wache stehen, zumal nachts, um ihr Vieh und auch sich selber zu schtzen. Am nchsten Morgen war unser Fhrer so schwach und sein Arm und Schenkel von den zwei schwrenden Wunden so geschwollen, da er nicht weilerkonnte. Wir muten daher aus diesem Dorf einen ndern bis nach Toulouse nehmen, wo wir in warme Luft und liebliches, fruchtbares Land kamen und nichts mehr von Schnee, Wlfen und dergleichen sahen. Als wir in Toulouse unser Abenteuer erzhlten, sagten die Leute uns, das sei gar nichts Ungewhnliches in dem groen Wald am Fue des Gebirges, besonders wenn Schnee lge; aber sie fragten sehr danach, was denn das fr ein Fhrer gewesen sei, der sich berstanden habe, uns in einem so strengen Winter diesen Weg zu fhren, und sie sagten, es sei allerhand, da wir nicht smtlich von den Wlfen gerissen worden seien. Als wir ihnen erzhlten, wie wir uns postiert hatten, die Pferde in der Mitte, schalten sie uns heftig und sagten, dabei htte man fnfzig zu eins wetten knnen, da wir alle umkommen wrden, denn es sei der Anblick der Pferde gewesen, der die Wlfe so wild gemacht habe, fr gewhnlich liefen sie schon vor einem Gewehr davon, aber ihr rasender Hunger und die Gier, an die Pferde zu kommen, habe sie blind und taub gegen die Gefahr gemacht, und htten wir sie nicht durch das stndige Feuer und zuletzt durch die Kriegslist mit dem ausgestreuten Pulver berwltigt, so wren wir aller Wahrscheinlichkeit nach in Stcke gerissen worden. Wren wir dagegen ruhig im Sattel geblieben und htten von da aus geschossen, so htten sie die Pferde, mit den Menschen auf den Rcken, nicht so sehr als ihnen zukommende Beute betrachtet. Schlielich sagten sie noch, wenn wir uns alle zusammengestellt und unsere Pferde preisgegeben htten, so wrden sie so begierig gewesen sein, sie zu verschlingen, da wir vermutlich heil davongekommen wren, zumal wir Schuwaffen bei uns hatten und so zahlreich waren. Ich meinesteils hatte auch wahrlich noch genug von der Erinnerung an den Anblick der mehr als dreihundert hungrigen Wlfe, die mit aufgesperrten Rachen und frchterlichem Geheul mitten in freiem Felde auf uns eindrangen; und die Lust, jemals wieder ber das Gebirge zu reisen, ist mir grndlich vergangen; lieber will ich tausend Meilen zur See fahren, sollte ich auch jede Woche einmal einen Sturm zu bestehen haben. Von meiner Reise durch Frankreich wei ich nichts Besonderes zu berichten, was nicht andere Reisende schon besser als ich geschildert htten. Ich ritt von Toulouse nach Paris, dann nach kurzem Aufenthalt weiter nach Calais und kam nach einer sehr kalten berfahrt am 14.Januar glcklich in Dover an. Nun hatten meine Reisen ein Ende, und in kurzem hatte ich all meinen neuerworbenen Reichtum in Hnden, da die Wechsel, die ich mitbrachte, mir sehr prompt eingelst wurden. Meine Hauptberaterin und Helferin war meine gute alte Kapitnswitwe, die aus Dankbarkeit fr das Geld, das ich ihr geschickt, keine Mhe scheute, um fr mich zu sorgen und mir beizustehen; und ich vertraute ihr in allen Dingen so vllig, da ich ber die Sicherheit des Meinigen durchaus beruhigt war. Die makellose Rechtschaffenheit dieser guten allen Frau, die sie von allem Anfang an bis jetzt ans Ende bewiesen hatte, war in der Tat ein groes Glck fr mich. Nun dachte ich also daran, mein Kapital bei dieser Frau zu lassen und selber wieder ber Lissabon zurck nach Brasilien zu fahren. Doch nun erhob sich jenes andere Bedenken: die Frage der Religion. Denn ich wute wohl, da es fr mich nicht ratsam sein wrde, mich in Brasilien huslich niederzulassen, falls ich nicht bereit wre, mich bedingungslos zur Rmischen Kirche zu bekennen. Blieb ich bei meinem protestantischen Bekenntnis, so stand mir bevor, ein Mrtyrer meines Glaubens zu werden und durch die Inquisition um Freiheit und Leben zu kommen. Ich beschlo daher, daheim zu bleiben und lieber meine Plantage bei guter Gelegenheit zu verkaufen. Zu diesem Zweck schrieb ich meinem alten Freund in Lissabon und bekam zur Antwort, da er dazu leicht Rat schaffen knnte; er hielt es fr gut, die Plantage in meinem Namen den beiden Shnen meiner verstorbenen Mitverweser anzubieten, die ja in Brasilien lebten und den genauen Wert der Pflanzung kannten und von denen er wute, da sie sehr reich wren; auf diese Weise wrde ich sicherlich vier- bis fnftausend Taler mehr herausschlagen. Ich war damit einverstanden, bat ihn, an sie zu schreiben, und bekam nach etwa acht Monaten bei der Rckkehr der Flotte die Nachricht, sie htten dem Angebot zugestimmt und einem ihrer Agenten in Lissabon 33000 Speziestaler dafr berwiesen. Ich unterschrieb den mir von Lissabon bersandten Kauf vertrag und lie mir das Geld durch meinen Alten in Wechseln nach London anweisen. Und so habe ich nun den ersten Teil eines an Schicksalen und Abenteuern reichen Lebens erzhlt, eines Lebens, so buntfarbig von der Vorsehung gewoben und so wechselvoll, da wohl selten auf Erden seinesgleichen zu finden ist: tricht zu Beginn, aber zum Schlu glcklicher, als ich jemals htte auch nur hoffen drfen. Jedermann wrde meinen, da ich nun, da das Schicksal auf so mannigfache Weise alles so gut gefhrt hatte, nie mehr daran gedacht htte, mich neuen Gefahren auszusetzen. Und so wre es auch wirklich gewesen, wenn nicht gewisse andere Dinge mitgesprochen htten. Aber ich war nun einmal an ein schweifendes Leben gewhnt, hatte keine Familie, nur wenige Verwandte, und Bekanntschaften hatte ich, so reich ich war, nicht viele gemacht; und obwohl ich meine Besitzung in Brasilien verkauft hatte, kam mir doch dieses Land nicht aus dem Sinn, und ich hatte groe Lust, wieder in die weite Welt zu fahren. Vor allem konnte ich das lebhafte Verlangen nicht loswerden, meine Insel wiederzusehen und festzustellen, ob die armen Spanier noch dort wren und wie die Schurken, die ich dort zurckgelassen, sich gegen sie verhalten htten. Meine treue Freundin, die Witwe, riet mir dringend davon ab, und es gelang ihr auch wirklich, mich immerhin fast sieben Jahre lang vom Davonlaufen abzuhalten. Whrend dieser Zeit nahm ich meine zwei Neffen, die Shne eines meiner Brder, in meine Obhut. Den einen erzog ich zum Landwirt und setzte ihm fr den Fall meines Todes als Zugabe zu seinem Gut eine Rente aus; den anderen gab ich einem Kapitn auf ein Schiff, und nach fnf Jahren setzte ich ihn, da er sich als verstndiger, khner, unternehmender junger Bursch erwiesen hatte, auf ein gutes Schiff und schickte ihn auf See. Und dieser junge Bursch berredete hernach mich selber, so alt ich war, zu weiteren Abenteuern. Mittlerweile wurde ich hier einigermaen sehaft. Vor allem heiratete ich, was mir weder Schaden noch Leid brachte, und hatte drei Kinder, zwei Shne und eine Tochter. Als jedoch meine Frau starb und mein Neffe von einer sehr erfolgreichen Reise nach Spanien heimkam, gewannen meine Neigung, wieder in die Welt zu fahren, und sein Zureden die Oberhand und bewogen mich, auf seinem Schiff als Privathndler nach Ostindien zu fahren. Das war im Jahre 1694. Auf dieser Reise besuchte ich meine neue Kolonie auf der Insel, sah meine Nachfolger, die Spanier, und erfuhr von ihnen alles, was mit ihnen und den Schurken, die ich dort gelassen hatte, geschehen war: wie diese Kerle anfangs die armen Spanier bel behandelt hatten, wie sie dann sich geeinigt und wieder veruneinigt, sich zusammengetan und wieder getrennt hatten und wie schlielich die Spanier gentigt worden waren, mit Gewalt gegen sie vorzugehen, und sie unterworfen hatten und wie anstndig die Spanier danach mit ihnen umgegangen waren: eine Geschichte, wenn man nher darauf einginge, so voll bunter und wunderbarer Geschehnisse wie meine eigene. Insbesondere erzhlten sie mir viel von ihren Kmpfen mit den Kariben, die mehrmals auf der Insel landeten, und wie fnf von ihnen selber einen Vorsto auf das Festland gemacht und elf Mnner und fnf Weiber als Gefangene heimgebracht hatten, von denen ich bei meiner Ankunft an zwanzig kleine Kinder vorfand. Hier blieb ich etwa zwanzig Tage und hinterlie ihnen eine Menge notwendiger Dinge, insbesondere Waffen, Pulver und Blei, Kleidungsstcke und Werkzeuge sowie zwei Handwerker, die ich von England mitgebracht hatte, einen Tischler und einen Schmied. Auerdem teilte ich die Insel unter sie auf und gab jedem einen seinen Wnschen entsprechenden Teil, behielt jedoch mir selbst das Eigentum an der ganzen Insel vor. Und nachdem ich alles mit ihnen geregelt und ihnen das Versprechen abgenommen hatte, die Insel nicht zu verlassen, nahm ich Abschied von ihnen. Von da fuhr ich nach Brasilien, von wo ich eine Barke, die ich dort kaufte, mit noch mehr Ansiedlern nach der Insel schickte, darunter sieben Frauen, die ich zur Bedienung oder zur Ehe dort fr geeignet hielt. Was die Englnder betrifft, so versprach ich ihnen, einige Frauen aus England zu schicken, nebst einer guten Fracht notwendiger Dinge, falls sie dort Pflanzer werden wollten. Das tat ich hernach auch. Und die Burschen erwiesen sich als sehr anstndig und fleiig, seitdem sie in Zucht gehalten wurden, und bekamen ihre gesonderten Grundstcke zugewiesen. Ich schickte ihnen aus Brasilien auch fnf Khe, drei davon trchtig, und ein paar Schafe und Schweine, die sich, als ich wiederkam, betrchtlich vermehrt hatten. Aber alles das und die Geschichte, wie dreihundert Kariben die Insel berfielen und ihre Pflanzungen zerstrten und wie sie zweimal mit diesen dreihundert kmpften und anfangs eine Niederlage erlitten, wobei drei von ihnen gettet wurden, wie sie aber dann, nachdem ein Sturm die feindlichen Kanus vernichtet hatte, die Eindringlinge fast alle umbrachten oder aushungerten und ihre Pflanzungen wieder in Besitz nahmen und wiederherstellten und auf der Insel verblieben - alles das, nebst einigen hchst wunderbaren Abenteuern, die ich whrend zehn weiterer Jahre auf meinen neuen Fahrten erlebte, werde ich vielleicht spter einmal erzhlen.